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Veranstaltungsbericht Aktionstag gegen Verschwörungsmythen und Antisemitismus

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Diskutierten zu "Antisemitismus, Verschwörung und Rechtsterrorismus: der Anschlag in Halle und seine Konsequenzen": Matthias Quent, Veronika Kracher, Nikolas Lelle und Ruben Gerczikow. (Quelle: Amadeu Antonio Stiftung)

Bereits Donnerstag beginnend und über das Wochenende laufend wurde eine Reihe an Vorträgen, Diskussionen und Webinars angeboten, unter anderem auch bei der „Bildungsstätte Anne Frank“, dem „Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk“ (ELES) und „KOMMA Kultur Esslingen“. Auch in der folgenden Woche gibt es Veranstaltungen, beispielsweise von „ju:an – Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit Berlin“, um Tipps im Umgang mit Verschwörungsmythen zu geben und demokratiestärkende Narrative und Gegenerzählungen im Netz zu stärken. Der Aktionstag ist zugleich Auftakt der bundesweiten Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus.

Der Start der Kampagne begann am Freitag bei der Amadeu-Antonio-Stiftung mit einer Diskussion zum Thema „Wie bedrohen Coronavirus-Verschwörungsmythen die Demokratie – und was können wir tun?“.

Moderatorin Simone Rafael, Chefredakteurin von „Belltower.News“, eröffnete die Diskussion mit einer Vorstellung der Teilnehmer*innen und fragte nach den aktuellen Themen ihrer Beschäftigung.

Bei Patrick Gensing vom „ARD-Faktenfinder“ sind dies vor allem die momentan stattfindenden Demonstrationen gegen die Eindämmung von Covid-19, bei denen man selbstverständlich differenzieren müsse, aber eben auch beschreiben, was man sehe: krude Parolen und Verschwörungsmythen.

Anetta Kahane, Vorsitzende der „Amadeu-Antonio-Stiftung“, beunruhigt hier insbesondere die Wahnhaftigkeit der verbreiteten Verschwörungsideologien, bei denen sich immer Antisemitismus Bahn breche: Beispielsweise die Relativierungen der Shoah kämen nicht von ungefähr und seien sehr aggressiv. Sorge machen ihr hier auch die problematische Neugier von Medien, die den Erzählungen ungefiltert eine Plattform bereiten, sowie Stimmen aus der Politik, die die Sorgen der Demonstrant*innen betonen. Hier sieht sie Parallelen zur Pegida-Bewegung, weshalb ihr wichtig ist zu benennen, dass diese eine Minderheit seien.

Als Public Policy Manager von Facebook sieht Johannes Baldauf zwei Hauptherausforderungen für Tech-Firmen: Den Nutzer*innen relevante Gesundheitsinformationen bereitzustellen aber auch Desinformation zu verhindern. Insbesondere ginge es darum die Verbreitung letzterer zu stoppen, wenn sie offline Leib und Leben von Menschen gefährde. Hier sei schwierig mit der Aktualität Schritt zu halten und zudem nicht immer klar zu sagen, ob der verbreitete Inhalt so gefährlich sei, dass Löschen notwendig würde.

Melanie Hermann vom Projekt „No World Order – Handeln gegen Verschwörungsideologien und Antisemitismus“ der Amadeu Antonio Stiftung berichtet von einer starken Zunahme an Beratungsanfragen. Es melden sich insbesondere Menschen, die im nahen Umfeld mit Verschwörungsideologien konfrontiert werden – offensichtlich oft auch von Personen, die vorher nicht derart auffielen.

Was passiert hier gerade und was hilft dagegen?

Gensing erklärt die Zunahme von Verschwörungserzählungen und Demonstrationen, auf denen diese verbreitet werden durch den Ausnahmezustand, der gerade erlebt würde und daraus entstehende Suche nach Orientierung. Für Medien sei die Hauptaufgabe darzustellen, sowie zu erklären und einzuordnen, nicht sich lustig zu machen oder zu ‚helfen‘. Hermann ergänzt, dass hierzu eben auch gehöre die sich teilweise bahnbrechende Menschenfeindschaft ernst zu nehmen. Im Fahrwasser der Demonstrationen fänden sich massive Ressentiments, es sei sehr wichtig sich von diesen klar abzugrenzen. Differenzieren bedeute nicht sich auf Irrationalität einzulassen, betont Kahane. Für Antisemitismus, der als Betriebssystem von Verschwörungsideologien fungiere, dürfe es niemals Verständnis geben. Auch wenn Jüd*innen nicht explizit genannten würden, sei die Schaffung einer Gruppe an Bösen, sowie die einhergehende Externalisierung von Bösem klar strukturell antisemitisch.

Hierzu erklärt Melanie Hermann, dass das Hauptproblem meist nicht die Unwahrheit der Erzählungen sei, sondern die zugrundeliegenden Feindbilder. Kombiniert mit der meist apokalyptischen Rhetorik und dem appellativen Charakter ergebe sich immer ein gefährlicher Handlungsdruck. Anschaulich gemacht: Relevant sei nicht so sehr, wenn Menschen an Reptiloide glaubten, sondern wenn diese Menschen sich Waffen zulegten, um gegen bestimmte vermeintlich als Reptiloide ausgemachte Personen kämpfen. Daraus schlussfolgernd sei das kleinteilige Debunking und Fakten checken gar nicht die wichtigste Strategie gegen Verschwörungsideologien. Vielmehr gehe es darum – auch persönlich – das Strukturelle zu verstehen und Handwerkszeug für ein allgemeines Gegennarrativ zu erlernen.

Sind Gegendemonstrationen sinnvoll?

Bezüglich Gegendemonstrationen betont Hermann wie wichtig Widerspruch bei Verschwörungsideologien sei, gerade da deren Anhänger*innen sehr sendungsbewusst seien und Schweigen immer als Zustimmung werteten. Ebenso relevant seien aber progressiv ausgerichtete Gegennarrative. So sei eine emanzipatorische Kritik an aktuellen Problemen, wie der Situation an den europäischen Außengrenzen oder durch die Corona-Krise noch verschlimmerten prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen, durchaus angebracht. Auch die Einschränkung von Grundrechten könne kritisch betrachtet werden. Grundlegend sollten aber solidarische Motive sein, insbesondere in Abgrenzung zu den Demonstrationen der „Corona-Rebellen“, die letztendlich massiv egoistisch seien.

Wie verbreitet sind Verschwörungsideologien in anderen Ländern?

Auf die Publikumsfrage nach Verschwörungsideologien in anderen Ländern antwortet Patrick Gensing, dass einerseits viele der Verschwörungserzählungen in Deutschland einfach aus dem rechtslibertärem Alternative-Facts-Spektrum der USA übernommen würden, andererseits aber in Europa Deutschland weit vorne in der Verbreitung von Verschwörungsmythen sei. Momentan liege dies wohl an der Kombination verschiedener Milieus, die in anderen Ländern teilweise weniger stark ausgeprägt seien: Das starke rechtsradikale Milieu sei bereits durch die flüchtlingsfeindlichen Aktionen 2015 mobilisiert, nun käme das öko-esoterisches Milieu zusätzlich dazu ihren Themen wie Impfen und Pharmaindustrie. Außerdem werde das Thema Überwachen in Deutschland traditionell stark diskutiert.

Was tun in Konfrontation mit Verschwörungserzählungen?

Gerade im Angesicht naher Personen, die Verschwörungserzählungen verbreiten, sind viele Menschen sich ihres Handeln unsicher. Eine einfache Handlungsanleitung gebe es auch nicht, da die Situationen individuell sehr unterschiedlich seien, sagt Melanie Hermann. Vor allem wichtig sei aber immer, dass man sich selbst gut aufstelle. Die Entwicklung differenzierter eigener Haltung und Standpunkte sei bestes Empowerment. Die aufgebaute Fähigkeit zur eigenen Auseinandersetzung mit der Umwelt und Konfliktlösungspotenzial mache hochgradig selbständig und nicht abhängig wie dies Verschwörungsideologien letztendlich machten, da sie immer eine regressive Krisenlösung blieben.

Kahane ergänzt aus jüdischer Perspektive sei vor allem Selbstschutz aber auch Solidarität mit anderen betroffenen Gruppen – momentan beispielsweise Asiat*innen – Hauptpunkt. Leider werde oft vergessen, dass es in erster Linie den betroffenen Personen zu helfen gelte, nicht den Verschwörungsanhänger*innen.

Die live bei Facebook gestreamte Veranstaltung ist auch nachträglich noch hier anzusehen:

 

In Anknüpfung ging es in der zweiten Veranstaltung der Amadeu-Antonio-Stiftung um das Thema „Antisemitismus, Verschwörung und Rechtsterrorismus – Der Anschlag in Halle und seine Konsequenzen“.

Wie es Nikolas Lelle, Projektleiter der „Aktionswochen gegen Antisemitismus“ und Moderator der Diskussion formuliert, wird mit diesem Thema „von der anderen Seite an Verschwörungsideologien herangetreten, mit einem Beispiel wie ein Rechtsterrorist ernst gemacht hat mit den immer einhergehenden Vernichtungsphantasien“.

Verschwörungsideologien, Antisemitismus und Rechtsterrorismus

Matthias Quent, Direktor des „Instituts für Zivilgesellschaft“ in Jena und Autor von „Deutschland Rechtsaußen“ beginnt mit einer allgemeinen Einschätzung: So sei Rechtsterrorismus insgesamt ein drängendes Problem, allerding von staatlichen Behörden lange nicht als dieses erkannt. Terror wurde traditionell als grundsätzlich gegen den Staat definiert, weshalb Anschläge auf Minderheiten nie darunter verbucht wurden. Das Jahr 2019 sei bezüglich Rechtsterrorismus besonders hervorstechend gewesen, hier dürfe aber nicht vergessen werden, dass es nichtsdestotrotz in einer Tradition stehe: Die Amadeu-Antonio-Stiftung zähle 208 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990. Bei dem Attentat in Halle nun sei der aggressive Antisemitismus in Verschwörungsideologien deutlich hervorgetreten. So suchte der Täter dezidiert Jüd*innen als Opfer aus und begründete dies ebenso offen aus dem Wahn heraus, dass diese „hinter allem“ stünden. Nicht nur bezog er beispielsweise die Idee des „Zionist Occupied Government“ (vermeintlich von Jüd*innen gelenkte Regierungen) aus der US-amerikanischen rechtsextremen Verschwörungsszene, sondern streamte die Tat auch live und auf Englisch um diese internationale Subkultur zu erreichen. Der auch vom Hallenser Terroristen rezipierte Verschwörungsmythos eines „großen Austauschs“, beziehungsweise der „Umvolkung“ fände ebenso Anklänge bei Identitärer Bewegung, AfD und der sogenannten „Neuen Rechten“. Die antisemitischen Aspekte würden hier leider selten erkannt, da Jüd*innen nicht klar erwähnt würden. Stattdessen finde eine Codierung vermeintlicher „jüdischer Interessen“ statt. Hier sei vor allem die Idee eines „Kulturmarxismus“ zentral, die Topoi von Zersetzung, Verrat und Fremdsteuerung durch „innere Feinde“ blieben aber die gleichen. Die zugrundeliegende antisemitische Denkweise sei ein integrales Element und richte sich auch gegen vermeintlich von Jüd*innen gelenkte Personen.

Radikaler Antifeminismus

Die Journalistin und Autorin des Buches „Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“ Veronika Kracher gibt einen Einblick in den radikalen Antifeminismus des Attentäters von Halle. Sie differenziert vorerst zwischen der sogenannten „Red-Pill-“ und „Black-Pill-Bewegung“, letztere die selbstbezeichneten „Incels“ („Involuntary Celibates“: Unfreiwillig im Zölibat Lebende). Beide sähen Feminismus, beziehungsweise schon die Selbstbestimmung der Frau, als größte Bedrohung der bürgerlichen Kleinfamilie sowie Grund der angenommenen „Verweichlichung des weißen Mannes“. Sehen erstere als Lösung eine „soldatenhafte Vermännlichung“ (durch beispielsweise Fitnessprogramme) sowie sogenannte „Pickup-Workshops“ (bei denen aggressive Anmachtechniken gelernt werden), hätten letztere jegliche Hoffnung aufgegeben. Nihilistisch sähen sie sich als niemals fähig zum „Alpha-Mann“ aufzusteigen, was bleibe sei ein misogyner Kleinkrieg gegen Frauen im Internet, sowie der „märtyrerisch angehauchte Terrorakt“. Der Antifeminismus beider Gruppen würde immer auch antisemitisch geäußert, stets würde ein größerer Plan hinter Feminismus etc. imaginiert. Sei der Attentäter von Halle zwar kein bekennender Incel gewesen, so ließen sich hier doch verschiedene Parallelen und Überschneidungen erkennen. Der Terrorakt könne hier als vermeintliche Wiedergutmachung narzisstischer Kränkung verstanden werden, als eine Art „Soldatwerdung“ gegen das eigene von nahezu allem ausgelöste Bedrohungsgefühl. Zudem sei der Attentäter von diesen rechtsradikalen Kreisen gefeiert worden, und habe aus diesem Grund auch seine Tat live gestreamt.

Keine neuen Themen

Ruben Gerczikow, stellvertretender Vorsitzender der „Jüdischen Studierenden Union Deutschland“ und Vizepräsident der „European Union of Jewish Students“ macht deutlich, dass Halle insbesondere für die jüdische Community zwar „ein Schock, aber keine Überraschung“ gewesen sei. Obwohl ähnliche Narrative wie „Umvolkung“ schon viel älter seien, würde der antisemitische Kern viel zu selten benannt. Auch, dass durch die AfD die Rede vom „Großen Austausch“ in den Deutschen Bundestag Einzug gehalten hätte, würde viel zu selten als antisemitisch problematisiert. Mit Blick auf Anschläge würde dann von Einzelfällen gesprochen, dabei sei das Problem viel größer und es gäbe auch schon eine lange Tradition von Rechtsterrorismus in Deutschland (angefangen mit der Wehrsportgruppe Hoffmann). Nicht von ungefähr gäbe es in jüdischen Einrichtungen Polizeischutz und Terrorübungen. Diese Gefahrenlage müsse viel ernster thematisiert sowie dementsprechend gehandelt werden. Auch bezüglich des Umgangs nach Attentaten müsse mehr auf die Bedürfnisse der Betroffenen geachtet werden: Gerade ihnen müsse zugehört werden, auch die staatlichen Behörden hätten sie ernst zu nehmen.

Die Mär der „Einzeltäter“ und ihre Vernetzung

Nikolas Lelle ruft in Erinnerung, dass es bei dem Attentat im Münchner Olympia Einkaufszentrum nun über drei Jahre gebraucht habe, bis anerkannt wurde, dass dieser kein Einzeltäter und der Anschlag kein ‚unpolitischer‘ Amoklauf war. Quent ergänzt, dass dieser Begriff seiner Ansicht nach immer ein politischer Kampfbegriff ohne analytische Qualität sei. Er spreche von „alleinhandelnden Attentätern“, um der notwendigen Differenzierung gerecht zu werde. Beim Beispiel München sei hier die rassistische Opferauswahl ausschlaggebend, weshalb die Tat nicht als Amoklauf, sondern Terrorismus anerkannt werden müsse. Kracher fügt hinzu, dass auch der Täter von Halle zwar nicht in lokalen Neonazi-Gruppen oder ähnliches vernetzt gewesen sei, dagegen aber über Imageboards wie 4Chan. Hier sei jegliche Menschenfeindlichkeit Standard, weshalb diese auch als Propaganda- und Rekrutierungsmittel betrachtet werden sollten.

Viel Altbekanntes in den neuen Phänomenen

Gerczikow weist auf die Empfänglichkeit der Gesamtgesellschaft für strukturell-antisemitische Gedankengänge hin. Quent ergänzt hierzu, dass eine „Stunde Null“ 1945 reine Illusion sei. Die Gesellschaft baue auf Sexismus, Rassismus und Antisemitismus auf, daher fänden sich diese selbstverständlich auch in der Gamer-Szene. Ebenso so sei auch verschwörungsideologisches Denken schon lange virulent in ganz Deutschland. Fände sich nun alles im Internet zusammen, sei inhaltlich aber sehr viel Altes in den als neu wahrgenommenen Phänomenen. Wie schon immer seien sie letztendlich Bewältigungsstrategien gegen die Komplexität der Welt.

Lelle und Kracher schlagen daraufhin den Bogen in die Geschehnisse der letzten Wochen: Sei beispielsweise das Thema Männlichkeit (in bisher rein symbolischer Version) auch bei Attila Hildmann angesichts der momentanen Corona-Krise zu beobachten, sei im vermeintlich ermächtigenden Agieren auch die Verbindung zwischen den Verschwörungsanhänger*innen auf den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen und Rechtsterroristen wie der von Halle zu sehen: Durch die Selbstwahrnehmung als die Verschwörung aufdeckend und gegen sie ankämpfend, könne man in der Krise vermeintlich zum Held der eigenen Geschichte werden.

Das Webinar lief im Livestream via YouTube, ebenfalls nachträglich noch hier anschaubar:

 

Alle weiteren Veranstaltungen des Aktionstag gegen Verschwörungsmythen und Antisemitismus sind einsehbar hier.

Die neu erschienene Broschüre des Projekts No World Order zu Verschwörungserzählungen um die Covid-19 Krise findet sich hier.

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