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#WitchTok Der Hexentrend auf TikTok ist antimodern und pseudofeministisch

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Im Einklang mit den Mondphasen: Selbsternannte Hexen posten ihre Rituale auf TikTok
Im Einklang mit den Mondphasen: Selbsternannte Hexen posten ihre Rituale auf TikTok (Quelle: Mark Tegethoff/Unsplash)

Sanftes Flötenspielen. Es folgt ein heftiger Windstoß, der die perfekt frisierten Haare und beinahe die angesteckten Elfenohren wegpustet. Dieses übersinnliche Erlebnis teilt eine selbsternannten Hexe auf Social-Media-Plattform TikTok und betitelt den Post mit „wenn du aus Versehen die Windgeister herbeirufst“. Nächster Zauber: Mit der Hand wedeln und eine Farnpflanze im Wald damit „zum Tanzen“ bringen. Das sehr „energetische“ Gewächs sei empfänglich für Hexen und reagiere auf ihre Anwesenheit. Noch nicht überzeugt? Wie wäre es dann, wenn dir mit bloßer Hexenkraft in einem Video bewiesen wird, dass ein brennendes Streichholz durch den sich langsam schließenden Zeigefinger und Daumen daneben zum Erlöschen gebracht werden kann? Zugegeben, das schafft man, indem man es vorher an einer kleinen Stelle mit Spucke befeuchtet. Aber wenn bloß mit starrer Hexenkonzentration ein Räucherstäbchen plötzlich einen schnurgeraden Rauchfaden, statt Kringel zieht, haben wir es doch wirklich mit Zauberei zu tun!

Ob er letztendlich überzeugt oder nicht, der Hexenhype hat auch TikTok erreicht und wächst dort seit knapp zwei Jahren immens in der Hashtag-Bubble #WitchTok und wird milliardenfach geklickt. In einer Mischung aus Lifestyle, Self-Care und Shopping-Fieber wird in den Kurzvideos erklärt, was es braucht, um eine Hexe zu werden bzw. wie man die eigenen Fähigkeiten und Intuitionen hervorbringen und nutzen kann.

Dafür muss man nicht nur diverse Kristalle, Kräuter, Kerzen oder Tarot Karten auf Amazon oder Etsy für viel Geld kaufen. Training und Geduld ist die andere Hälfte der Miete. So stecke grundsätzlich in allen eine „Babywitch“, also eine Anfänger*inhexe, die sich mit einem Literaturstudium und genug Übung alles aneignen kann, um ihre Zauberkräfte zu entfalten. Aber Vorsicht: gerade bei Liebeszaubern kann am Anfang des Studiums noch viel schiefgehen. Am besten versucht man sich erstmal an einem einfachen „Spell Jar“. Mit Rauch reinigen, mit den richtigen Kräutern füllen und anschließend mit Wachs versiegeln: fertig ist der Talisman, der vor allerlei negativen Einflüssen schützen soll.

Klingt erstmal alles relativ harmlos. Doch hinter dem teuren Hobby stehen die selbsternannten Hexen in einer Linie mit Esoteriker*innen. Astrologie, Karma und Schicksal sind die zentralen Themen und bilden die Schnittmenge mit antimodernem und menschenfeindlichem Gedankengut und Verschwörungstheorien. Wagt man einen Blick auf die Ursprünge der Esoterik und des Wicca-Kults, eine der Hauptströmungen innerhalb der #WitchTok-Szene, wird schnell klar, dass Reinkarnationsphantasien Anknüpfungspunkte für Antisemitismus darstellen. So verstand Helena Blavatsky, die Begründerin der Esoterik, Antisemitismus als selbstverschuldet, da Jüd*innen und Juden über Jahrhunderte hinweg schlechtes Karma gesammelt hätten. Sie äußerte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ihre rassistischen Vernichtungsphantasien aller „nicht-arischen“ Menschen als „karmischen Notwendigkeit“. Zu ihrer „Lehre“ gehört auch die Beschreibung vermeintlicher Wurzelrassen, an die später der Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner anknüpfte (vgl. Belltower.News).

Mit Kristallen gegen das Patriarchat

Der Großteil der auf TikTok aktiven „Hexen“ versteht sich selbst als feministisch und selbstbestimmt in dem, was sie praktizieren. Sie sind gegen das Patriarchat und beschäftigen sich mit „altem Wissen“ über Naturkräfte, Kristalle und Kräuter. Sie erfahren durch den Glauben an die eigenen Zauberkräfte ein Gefühl von Macht und Kontrolle. Das ist kein neues Phänomen. Bereits in den 1970er Jahren driftete ein Teil der zweiten Welle der Frauenbewegung in die Esoterik ab. Einige von ihnen bezogen sich auf das Bild der „mächtigen Frau“ – die „große Göttin“ –, welche das Matriarchat symbolisieren soll.

Sogenannte Matriarchatsforscherinnen stellten die These auf, dass das Matriarchat, also von Frauen angeführte, in ihren Augen bessere Gesellschaften, in der Vergangenheit bereits existiert hatten aber vom Patriarchat abgelöst wurde. Diese Ablösung datierten sie genau 3.000 Jahre zurück, wenig zufällig zeitgleich mit dem Entstehen des Judentums und patriarchal-monotheistischen Religionen. Mit dem Patriarchat wären auch Naturzerstörung und Kriege erst entstanden, so die gängige Beschreibung. Jüd*innen und Juden wird somit auch hier in antisemitischer Manier die Schuld am Übel der Welt zugeschrieben.

Auch unabhängig von den antisemitischen Bezügen argumentiert der esoterische Feminismus in Teilen widersprüchlich und ist letztendlich nichts anderes als reaktionär (vgl. Belltower.News). Es wird sich auf die „biologischen Lebensphasen“ der Frau bezogen bzw. die „dreifachen Göttin“ als Jungfrau, Mutter und alte Frau konzipiert. Durch die Fähigkeit, Mutter zu werden und Kinder zu ernähren, wird eine besondere Verbindung der Frau zur Natur konstruiert und Frausein letztendlich auf die Gebärfähigkeit reduziert. Im Großteil der Esoterik-Szene stellt sich dies als zentral dar und ist transfeindlich einzuordnen. Schließlich gehört zu der Erzählung nicht dazu, dass auch Männer Kinder gebären und manche Frauen keinen Uterus haben.

Empowernde Hexen

Das sehen nicht alle so oder wollen es nicht wahrhaben. Die queere Community ist auf #WitchTok stark vertreten. Umso länger man dort Zeit verbringt, umso mehr verfestigt sich der Eindruck, dass die Zuwendung zur Hexerei insbesondere bei queeren Jugendlichen auch häufig eine Form der Abgrenzung zu konservativen Elternhäusern und deren Religionen ist. Selbsternannte keltische Druiden-Priester predigen auf #WitchTok, den Göttern sei es schlicht egal, wen oder wie man liebe, solange alles konsensual abläuft; ein*e Nutzer*in führt in einem Video aus, wieso es falsch sei, Odin als Mann zu lesen.

Ob das die Nutzer*innen, die unter denselben Hashtags völkische Inhalte verpackt in nachdenklichen Sprüchen mit Bildern verbreiten, auch so sehen, bleibt allerdings fraglich. Zwar ist die Abbildung von Runen nicht per se rechtsextrem einzuordnen, aber die Verbreitung von (neu-)heidnischem Brauchtum und den germanischen Schriftzeichen durch perfekt inszenierte Fotos und Videos finden auch bei völkischen Rechtsextremen und Neonazis großen Widerhall. Viele Runen dienen auch heute als Erkennungszeichen in diesen Kontexten (vgl. Belltower.News).

Die Szene rund um #WitchTok ist sehr vielfältig und die verschiedenen Strömungen und Ausrichtungen, die sich darunter einordnen, lassen sich nur schwer zusammenfassen. So widmet sich der Großteil der User*innen hauptsächlich der Pflanzenkunde, kleineren Zaubereien. Die Gemeinschaft und das Gefühl von Stärke beschreiben viele als empowernd. Während der „Black Lives Matter“-Proteste im vergangenen Jahr verabredeten sich unzählige Hexenzirkel auf TikTok, um Schutzzauber für die Demonstrierenden auszusprechen.

Ein Großteil der TikTok-Nutzer*innen ist selbst noch sehr jung. Etwa 41 Prozent sind zwischen 16 und 24 Jahre alt. Gerade für die „Generation Z“ dient TikTok als Ort der Sozialisation und Identitätsbildung. Umso beunruhigender ist es, dass den wenigsten selbsternannten Hexen die problematischen Hintergründe und Bezüge des Hexenmythos klar zu sein scheinen. Dabei ist er geprägt von Antisemitismus, Pseudofeminismus und Verschwörungserzählungen. Am Ende ist der Hexentrend vor allem eins: Eine Vermarktungsstrategie mit höchst problematischen Bezügen und Querverbindungen, die als Türöffner für antimodernes und menschenfeindliches Gedankengut dienen kann.

All diese Aspekte erfahren in der Berichterstattung über das Phänomen #WitchTok bisher kaum bis keine Beachtung. Und auch in der #WitchTok-Bubble selbst werden diese selten thematisiert, sondern wenn überhaupt verharmlosend klein geredet. Innerhalb der Community braucht es dringend mehr Sensibilisierung und Bildung und die gefährlichen Tendenzen müssen weiter beobachtet werden.

Eva Kappl beobachtet für die Amadeu Antonio Stiftung die aktuellen Trends auf TikTok.
Anna Meier arbeitet zu völkischem Rechtsextremismus in ländlichen Räumen in der Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus.

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