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Antifeminismus TikTok-User*innen reagieren auf abwertenden Hashtag-Trend

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#April24 auf TikTok: Von Betroffenen-Berichten zu Gewaltphantasien (Quelle: Pixabay)

Trigger-Warnung: Dieser Artikel befasst sich mit dem Thema sexualisierter Gewalt und kann unter Umständen re-traumatisierend wirken. 

Sucht man auf der Social Media Plattform TikTok nach #April24 erscheinen, außergewöhnlich viele Videos. In den meisten dieser Kurzvideos geht es um Aufklärung zu sexualisierter Gewalt, die meisten sind auf Englisch und kommen von Unser*innen aus den USA. Doch auch im deutschsprachigen Raum posten User*innen mittlerweile unter diesem Hashtag. 

#April24 auf TikTok: Von Betroffenen-Berichten zu Gewaltphantasien 

„Seit einigen Tagen trendet das Hashtag. Videos mit dem Hashtag #april24 haben auf TikTok mittlerweile etwa 50,6 Millionen Aufrufe. In einigen Videos berichten Betroffene von ihren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. In anderen geben User*innen Selbstverteidigungs-Tipps. In wieder anderen beschreiben die User*innen, welche Formen von Gewalt sie am liebsten Vergewaltigern antun würden.“ beschreibt Eva Kappl von der Amadeu Antonio Stiftung, die die aktuellen Trends auf TikTok verfolgt. „All diese Videos haben gemein, dass sie sich auf einen „National Rape Day“ beziehen – und vor ihm warnen.“

Wie kommt es dazu?

Am 24. April, so das Gerücht, würden Männer binnen 24 Stunden versuchen, Frauen zu vergewaltigen. Es sei eine Art ekelhafter „Feiertag“ für Vergewaltiger, der „National Rape Day“.

Wo nahm das Gerücht um den #NationalRapeDay oder #April24 seinen Anfang? Das ist nicht ganz eindeutig. Englischsprachige Medien berichten davon, dass diese ekelhafte Kampagne mit einem Video anfing, in dem sechs Männer einen „National Rape Day“ ausriefen. Angeblich sogar mit Tipps dazu, wie die Vergewaltiger keine rechtlichen Konsequenzen fürchten müssten. Allerdings gibt es bislang keine Belege für ein solches Video. Nicht einmal auf Imagebords und in Incel-Foren haben wir bisher ein solches Video finden können. Wo genau der Ursprung des Hashtags liegt, lässt sich also nicht verifizieren. Genauso wenig können wir etwas darüber sagen, ob es sich hierbei um eine ernst gemeinte „Challenge“ handelt. Und auch TikTok-Sprecher dementierten gegenüber US-amerikanischen Nachrichtenseiten, dass ein solches Video je auf ihrer Plattform veröffentlicht wurde. 

Es gibt keine Belege für einen „National Rape Day“

Der früheste Eintrag zu „National Rape Day“ im „Urban Dictionary” findet sich aus dem Jahr 2018. Und offenbar gibt es seither keinen übermäßigen Anstieg an Vergewaltigungen an jenem Tag. Witze und Beiträge über einen „nationalen Vergewaltigungstag“ stammen frühestens aus dem Jahr 2010 auf Twitter. Damals hatten die User*Innen den 24. April noch nicht ausdrücklich erwähnt. Laut der Seite „Kow your Meme” finden sich Witze über den „National Rape Day“ ab 2015 auch auf 4chan

Was die Trolle wollen: einschüchtern, Angst verbreiten und Menschen verletzen.

„Bereits seit 2010 wird das Gerücht von Trollen immer wieder aufbereitet“, so Thilo Manemann, Monitoring-Experte des Projektes de:hate der Amadeu Antonio Stiftung.  „TikTok ist eine Plattform, die vor allem jungen User*innen verwenden, die mit den Ursprüngen dieser frauenhassenden Erzählung des ‘National Rape Day’ aus der Twitter und Imageboard-Gemeinde nicht vertraut sind. Deshalb reagiert die Community alarmiert und genau das ist es, was die Trolle wollen: Einschüchtern, Angst verbreiten und Menschen verletzen.“

Auch wenn diese ganze Kampagne ein übler „Witz“ von misogynen Internet-Trollen ist, steckt in ihr dennoch eine Gefahr. Zum einen, weil sich vielleicht doch vereinzelt User dadurch angespornt fühlen, und zum anderen, da es für Betroffene re-traumatisierend wirken kann. Zudem versetzt der Hashtag-Trend viele User*innen in Angst. Sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen sind einfach keine Themen, über die man Witze machen sollte. Viel zu ernst sind die Konsequenzen für die leidtragenden Frauen, Trans-Personen und Kinder. 

Durchschnittlich kommt es bis zu neun schweren sexuellen Übergriffen am Tag in Deutschland

Auch ohne einen solchen  Tag werden täglich Frauen, Trans-Personen und Kinder Opfer von sexualisierter Gewalt.

Hier ein paar Zahlen zu sexualisierter Gewalt: 

Bei Vergewaltigung, sexuellen Übergriffen und sexueller Nötigung in Partnerschaften sind die Opfer zu 98,4 Prozent weiblich. Bei Bedrohung, Stalking, Nötigung in der Partnerschaft sind es 88,5 Prozent, so Zahlen einer Kriminalstatistik von 2018 aus Deutschland. Bei vorsätzlicher, einfacher Körperverletzung sind 79,9 Prozent der Opfer weiblich, bei Mord und Totschlag in Paarbeziehungen sind 77 Prozent der Opfer Frauen.

Eine repräsentative Studie des Bundesfamilienministeriums von 2004 kam damals schon zu erschreckenden Ergebnissen: In Deutschland ist jede siebte Frau in ihrem Erwachsenenleben mindestens einmal Opfer von sexueller Gewalt geworden. 6 Prozent gaben an, vergewaltigt worden zu sein. Davon sind 56 Prozent mehrmals Opfer sexueller Gewalt geworden.

Frauen sind besonders häufig von digitalem Hass betroffen

Lässt man diese Zahlen einmal auf sich wirken, ist es einfach unbegreiflich, wie man einen „National Rape Day“ ausrufen kann, und sei es auch nur als angeblicher „Witz“. Wundern würde es allerdings nicht, sollte es sich hier um eine Kampagne von misogynen Internet-Trollen handeln. Lieblingsziel dieser rechten Aktivist*innen sind meist Frauen und Feminist*innen. Das Frauenbild der extremen Rechten duldet keine kämpferischen Frauen, sondern will sie in rückständige Rollen drängen.

Ein prominentes Beispiel ist hier wohl die Kabarettistin Jasmina Kuhnke. Die Aktivistin und vierfache Mutter setzt sich unter dem Social Media Pseudonym “Quattromilf” seit Jahren unentwegt und entschlossen gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit ein. Als ihre Adresse mit den Worten „Massakriert Jasmina Kuhnke“ veröffentlicht wurde, musste die Familie eilig aus der Wohnung fliehen und untertauchen. 

Wenn Sie Opfern solcher Attacken helfen wollen, unterstützen Sie bitte den Sheroes-Fund. 

Sexualisierte Gewalt verletzt und traumatisiert  Betroffene und potentiell Betroffene. Umso positiver ist es, dass sich kaum Videos auf TikTok und anderen Social Media Plattformen finden lassen, die sich positiv auf diesen gefährlichen „Trend“ beziehen. Wohl auch, weil die Plattform restriktiv gegen solche Inhalte vorgeht. Bisher ist also die Hauptfolge des Hashtags, das es auf Social Media viele neue Videos mit Tipps und Hilfen zu sexualisierter Gewalt gibt. Die überwiegende Mehrheit der Inhalte, die den Hashtag #24april  beinhalten, sind empowernde und aufklärende Reaktions-Videos. Wenn es den Ursprungsaufruf gegeben hat, der Frauen in Angst versetzen sollte – das ist die Gegenreaktion, die so ein Aufruf verdient hat. 

Wenn Ihnen auf Social Media Inhalte begegnen, die die zu sexualisierter Gewalt oder gar Vergewaltigung aufrufen, sollten Sie diese der Plattform melden.

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