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Analyse Strategien gegen Netzpopulismus

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Gegen Netzpopulismus hilft Medienkompetenz. Nur wie bekommen wir die hin? (Quelle: Pixabay / GibetMoll)

Die digitale Revolution hat vieles vollbracht: Das Wissen der Welt steht allen zur Verfügung, wir kommunizieren frei und nahezu schrankenlos. Seltsamerweise aber erleben wir kein goldenes Zeitalter der Vernunft und der Toleranz. Vielmehr müssen die Kräfte der Aufklärung zermürbende Gefechte gegen die Propagandamaschinerie global operierender Rechtspopulisten ausfechten, die den Werten der modernen Welt offen den Kampf ansagen und dabei politische Siege feiern, die vor einigen Jahren noch als undenkbar galten.

Einleitung und Überblick

Gefragt sind Konzepte, um Kinder von klein auf gegen Populismus und Propaganda zu sensibilisieren und sie zu befähigen, angenehmen Vereinfachungen zu misstrauen, Lügen zu durchschauen. Die gute Nachricht ist, dass junge Menschen über eine natürliche Abneigung gegen Hass und Diskriminierung verfügen. Wie wir erleben, engagieren sie sich lieber für positive Ziele, wie Frieden und Umweltschutz, setzen sich für Verständigung und Integration ein. Genau hier lässt sich mit pädagogischen Konzepten ansetzen: bei der intrinsischen Motivation, die Gesellschaft zu verstehen und zu verbessern, sich für andere einzusetzen. Über Projekte der aktiven Medienpädagogik können diese Antriebe bewusstgemacht und konstruktiv genutzt werden.

Dieser Artikel zeigt in einem ersten Schritt das erschreckende Anwachsen des Rechtspopulismus in den letzten Jahren auf – und welche Rolle aktuelle digitale Medien dabei spielen. Anschließend werden Strategien vorgestellt, Hasskampagnen zu begegnen. Dabei hat sich als ein wirksames Mittel „Counter Speech“ etabliert: der Propaganda Argumente entgegenzusetzen. Ausgehend von einer differenzierten Strategie, wie Hass „entschärft“ werden kann, wird skizziert, wie wirkungsvolle medienerzieherische Projekte zur Auseinandersetzung mit Netzpropaganda verlaufen können.

Rechtspopulismus – ein systematischer Angriff auf die aufgeklärte Welt

Was ist notwendig, um der Aufklärung zum vollständigen Durchbruch zu verhelfen, ein Zeitalter des Wissens zu begründen? Informationen müssen allgemein zugänglich sein, alle Menschen sollen ihre Meinungen und Ansichten frei und unzensiert vortragen dürfen. Dann wird der menschliche Verstand dafür sorgen, dass sich die richtigen Argumente durchsetzen – das gesellschaftliche Handeln wird den besten Einsichten folgen. Diese Vision entwarf schon im 19. Jahrhundert der Philosoph John Stuart Mill.

Heute ist die Meinungsfreiheit in den Verfassungen der demokratischen Welt lange verankert. Die aktuellen Informationstechnologien sorgen dafür, dass wir uns grenzenlos informieren können. Trotzdem müssen wir beobachten, dass all dies nicht ausreicht, damit sich ein tolerantes, auf Fakten basierendes Weltbild allgemein durchsetzt. Ganz im Gegenteil wird gerade die neuste Technik genutzt, um die wissenschaftliche Methode anzugreifen, alte Vorurteile, und menschenverachtende Ideologien aggressiv zu verbreiten. Die Gegenaufklärung bedient sich in perfider Weise modernster Informationstechnologien, um psychologisch geschickt konstruierte Propaganda zu verbreiten. Lange überkommen geglaubte rechte Kräfte erstarken wieder, die auf Verschwörungstheorien, Angstkampagnen und die Verbreitung kurzschlüssiger, aber eingängiger Welterklärungen setzen.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen sind gravierend. Rechtspopulist*innen regieren in Ungarn und Polen. Marie LePen erreichte 2017 bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich 33,9 Prozent der Stimmen. In Österreich erhielt die FPÖ 2017 bei den Nationalratswahlen 25,97 Prozent und bildete zusammen mit der ÖVP die Regierung. Bei den Europawahlen 2019 wurde die Brexit-Partei in Großbritannien mit 31,6 Prozent die stärkste politische Kraft. Die Konservative Partei unter Theresa May erreichte gerade noch 9,1 Prozent. Auch in Deutschland erstarkten, besonders seit der Migrationsbewegung 2015 rechtspopulistische Kräfte, die gezielt Furcht vor Migrantinnen und Migranten schüren. Bei den Europawahlen 2019 wurde die AfD zur stärksten Kraft in Sachsen und Brandenburg, in aktuellen Umfragen liegt sie im Juni 2019 bundesweit vor der SPD.

Das augenfälligste Symbol für die Grenzen der Aufklärung war 2016 die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten – einem Populisten, der naturwissenschaftlich fundierte Fakten ablehnt, dem in den ersten zwei Jahren über 8.000 Lügen nachgewiesen wurden und der aufgeklärten Journalismus schlichtweg zu „Fake News“ erklärt. Obwohl seine Behauptungen immer wieder falsifiziert werden, prägen sie maßgeblich das Weltbild seiner Anhänger*innen, die sich durch keinen „Fact Check“ beirren lassen (vgl. New York Times). Trump benutzt dabei wirkungsvoll das soziale Netzwerk Twitter, um seine Botschaften, vorbei an kritischer Einordnung durch die Presse, ganz direkt zu verbreiten. Seine Wahlkampagne 2016 ließ er von Stephen Bannon organisieren, der im „Board of Directors“ des rechten Portals „Breitbart News“ tätig war und der zuletzt in Brüssel den Thinktank „Die Bewegung“ gründete – mit dem Ziel, dem organisierten Rechtspopulismus in Europa zu Wahlerfolgen zu verhelfen.

Was genau ist Populismus?

Wie definiert sich überhaupt „Populismus“? Hans Vorländer betont, es gelte einzuräumen, „dass die Wissenschaft von der Politik weder ein analytisches Konzept noch eine zureichende Klärung des Begriffs vorgelegt hat.“ Auch das Verhältnis von Populismus und Demokratie müsse als ungeklärt gelten. Geläufig ist die Bestimmung von Cas Mudde, Populismus sei eine Ideologie, die die Gesellschaft in zwei Gruppen teile: das wahre Volk („the pure people“) und die korrupten, mächtigen Eliten, die nicht den Volkswillen („volonté générale“) verkörperten. Beide stünden sich unversöhnlich gegenüber.

Nach Tim Spier lässt sich Populismus über folgende Merkmale bestimmen:

  1. „Das Volk“ wird beschworen, wobei suggeriert wird, dieses stelle eine homogene Einheit dar.
  2. Gemeinsame Identität wird behauptet. Durch die Konstruktion von Feindbildern grenzt man sich ab.
  3. Charismatische Führungsfiguren werden aufgebaut.
  4. Die Bewegung präsentiert sich als Schlüssel zur Lösung dramatisch zugespitzter Probleme.

Diese abstrakten Konzepte lassen viel Spielraum für Interpretationen. Kontrovers wird diskutiert, wo Populismus beginnt und mit welchen politischen Strömungen er verbunden ist. Der Begriff wird im politischen Kampf instrumentalisiert – populistisch sind immer die anderen. So warnt z. B. Jörg Meuthen von der AfD vor einem „grünen Öko-Populismus“. Werden allerdings die oben skizzierten Kriterien angelegt, so zeigt sich, dass dieser Vorwurf in Bezug auf aktuelle Umweltbewegungen nicht haltbar ist, denn diese fordern meist konstruktive Lösungen und bauen keine Feindbilder auf. Auf Polarisierung, Angst und die Beschwörung des „wahren“ Volkes setzt in Europa vor allem, gesellschaftlich höchst wirksam, der Rechtspopulismus: die „spezifische Verbindung der populistischen Logik mit rechter bis rechtsextremistischer Ideologie“.

Nach Thies Marsen definiert sich der aktuelle Rechtspopulismus vor allem über Feindbilder: den Islam, die „Lügenpresse“, diffus bestimmte „Eliten“ und die EU, die die nationale Identität in Frage stelle. Die populistischen Bewegungen setzen auf Polarisierung und Spaltung: Statt das Gemeinsame zu betonen, wird ein existentieller Kampf von „uns“ gegen die „anderen“ heraufbeschworen. Ziele sind die Rückkehr in die Nationalstaatlichkeit und die Durchsetzung einer autoritären Ordnung, wobei Grundrechte zur Disposition gestellt werden.

Diese inhaltliche Ausrichtung ist alles andere als zufällig. Global erproben rechtspopulistische Bewegungen, welche Themen sie besetzen können, in welchen Bereichen sie ihre Propaganda am einfachsten entfalten können. Da wird Angst vor Migrantinnen und Migranten geschürt, der Klimawandel geleugnet, der Islam als schädliche Religion gebrandmarkt, Feminismus verächtlich gemacht, Abtreibungen werden verteufelt. Impfungen dämonisiert, Verschwörungstheorien gestreut, demokratische Prinzipien (wie die Religions- und Meinungsfreiheit) in Frage gestellt. Rechtspopulismus funktioniert so als globales „Franchise“, das als komplettes Vermarktungsmodell übernommen und an lokale Gegebenheiten angepasst wird.

Die Studie „Verlorene Mitte – feindselige Zustände“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES 2019) sieht den Rechtspopulismus ungebremst auf dem Vormarsch.Während dieser international gut vernetzt sei, agierten die etablierten politischen Akteure unkoordiniert und hilflos – alle Strategien, rechte Bewegungen und rechtes Gedankengut einzudämmen, seien gescheitert. Rechte Denkmuster griffen in Deutschland ungebremst um sich – oft ohne als solche erkannt zu werden. In 2018/19 „äußern knapp 59 Prozent der Befragten klar ihr Misstrauen in die Demokratie, gut 62 Prozent neigen deutlich zu einem Law-and-Order-Autoritarismus und rund ein Viertel vertritt abwertende Einstellungen gegenüber ‚Fremden‘ […]“. Ein ähnlich düsteres Bild zeichnet auch das „Populismusbarometer 2018“: Mehr als 30 Prozent der Deutschen neigten populistischen Ansichten zu. In den letzten Jahren sei dabei ein rasantes Ansteigen zu verzeichnen.

Netzpopulismus

Warum verbreiten sich populistische Ideologien ausgerechnet im „freien“ Internet so ungebremst? Die Soziologin Zeynep Tufekci befürchtet, dass im „Goldenen Zeitalter der freien Meinungsäußerung“ die Demokratie nicht gefördert, sondern im Gegenteil vergiftet wird. Das grundlegende Modell der großen Medienkonzerne bestehe darin, massenhaft Nutzerdaten zu sammeln und diese zu Werbezwecken zu nutzen. Dies sei „viel zu kompatibel“ mit Autoritarismus, Propaganda, Desinformation, Polarisierung und Propaganda. Und wir als Menschen seien viel zu empfänglich für die direkte Ansprache durch diese Medien, da wir noch gar keine Abwehrstrategien gegen diese entwickeln und verinnerlichen konnten. Tufekci vergleicht das mit der Wirkung der nationalsozialistischen Propaganda auf die Menschen in den Dreißigerjahren. Es ist schwer, sich der subtilen Macht neuer Medien zu entziehen, die uns mit ihren multimedialen Formaten ganz unmittelbar ansprechen. Der wichtigste Anspruch der modernen Welt gerät so ins Hintertreffen: vorgefertigten Meinungen grundsätzlich zu misstrauen, selbst zu denken, alles hinterfragen zu können und sich auf sicherer Basis eigene Urteile zu bilden.

In Zeiten, in denen praktisch alle surfen, sich die Auflage der Tageszeitungen in den letzten dreißig Jahren halbiert hat, spielen soziale Netzwerke eine immer wichtigere Rolle in Bezug auf die politische Meinungsbildung. Die Macht der digitalen interaktiven Medien, gezielt auf die Empfänglichkeiten spezifischer Zielgruppen abgestimmte manipulative Botschaften in Umlauf zu bringen, trägt entscheidend dazu bei, die Reichweite rechtspopulistischer Propaganda zu optimieren. Einprägsame Bildchen können in kürzester Zeit hunderttausendfach ausgetauscht werden. „Informationsblasen“ entstehen, in denen Verschwörungstheorien und verdrehte Weltbilder kreisen und in denen alles, was der eigenen Weltsicht widerspricht, ausgeblendet bleibt.

In den letzten Jahren stellte sich immer klarer heraus, dass die spezifischen Strukturen sozialer Netzwerke gezielt dazu genutzt werden, Hass zu säen und Propaganda zu verbreiten. Mit psychologischen Tricks werden Lügen und Propaganda effizient und individuell angepasst verbreitet. Die von Stephen Bannon mitgegründete Firma Cambridge Analytica verschaffte sich 2015 illegal die Daten von über 50 Millionen Facebook-Nutzerinnen und –Nutzern und verwendete sie, „um eine mächtige Software zu programmieren, die Entscheidungen in der Wahlkabine vorhersagen und beeinflussen kann.“ Das Programm wurde genutzt, um Persönlichkeitsstrukturen zu berechnen und maßgeschneiderte Wahlwerbung zu verbreiten. Eingesetzt wurde die Software im US-amerikanischen Wahlkampf 2016 für die Trump-Kampagne sowie für die Brexit-Bewegung in Großbritannien.

Wie in sozialen Netzwerken über Migration kommuniziert wird

Die Reichweite rechtspopulistischer Posts in sozialen Netzwerken ist auch in Deutschland gewaltig. Nach einer Studie der George Washington University wurden allein im März 2019 1,8 Millionen Beiträge der AfD geteilt. Die traditionellen Parteien kommen auf fünfzigmal weniger Shares.

Eine großangelegte Studie von Bakamo Public im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung untersuchte von 2017 bis 2018 Twitter-Tweets in unterschiedlichen EU-Ländern. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Narrative zum Thema Migration in den sozialen Netzwerken verbreitet werden. Ausgewertet wurden über 45 Millionen Tweets, in den jeweiligen Landessprachen wurden jeweils über 10.000 Beiträge berücksichtigt).

Migration ist überall in den Staaten der Europäischen Union ein beherrschendes Thema. Dabei wird die Debatte von rechtspopulistischen Positionen bestimmt, aufklärende Beiträge finden kaum Verbreitung. Auslöser der Debatten sind oft lokale Themen, die den Menschen unter den Nägeln brennen, die aber in den Zusammenhang der Migration gestellt werden. Vor allem drei grundsätzliche Ängste werden emotional angesprochen: der Mangel an wirtschaftlicher Stabilität, die Furcht um die eigene Sicherheit und das Fehlen kultureller kommunaler Identität.

Der Ländervergleich zeigt, dass die Kampagnen europaweit strategisch koordiniert werden. „Bewährte“ Inhalte, die dabei helfen, die Anhängerschaft zusammenzuschweißen und ein geschlossenes Weltbild zu kreieren, werden an lokale Gegebenheiten angepasst. Die nationalen Debatten zeigen starke Parallelen, sie arbeiten mit „verschwörerischer Desinformation“ und negativen Nachrichten. Dabei geraten traditionelle humanitäre Werte ins Hintertreffen, stattdessen wird Hass gegen vermeintliche „Eliten“ geschürt. Die Migrationsbewegung wird zu einem kriegsähnlichen Zustand aufgebauscht, was aus Sicht der Anti-Migrationsgruppen einen generellen Angriff gegen die demokratischen Institutionen rechtfertigt. Dabei entsteht ein anschlussfähiges „Franchise“, das hoch effizient ist und sich leicht für unterschiedliche Zielgruppen anpassen lässt. Dieser aggressiven Strategie muss aus Sicht der Verfasser eine ebenso gut koordinierte Aufklärungskampagne entgegengesetzt werden. Vor allem darf dabei die Effizienz und die destruktive Kraft der Anti-Migrationsbewegung nicht unterschätzt werden.

In Deutschland ist es vor allem die AfD, die mit ihren Kampagnen den Diskurs prägt und dabei alle gängigen Themen der pan-europäischen Antimigrationsbewegung aufgreift. Sicherheit ist der bedeutendste Themenkomplex, der 50,4 Prozent aller Beiträge in den sozialen Netzwerken ausmacht. Die Studie kommt zum Ergebnis, dass die große Mehrheit der Diskussionsteilnehmer*innen gegen Migration eingestellt ist. Sie beschuldigen die Regierung, dass ihr die Integration der Migrantinnen und Migranten wichtiger sei als die Sicherheit der deutschen Bürger*innen. Verbrechen, die von Geflüchteten begangen werden, werden herausgestellt, insbesondere Terrorattacken und Vergewaltigungen, schärfere Grenzkontrollen werden eingefordert. Nur sehr wenige Diskussionsbeiträge stellen diese Sicht in Frage und betonen die Bedrohungen für die Geflüchteten. Am intensivsten sind die Diskussionen, wenn entsprechende Themen die Nachrichten bestimmen, insbesondere der BAMF-Skandal führte zu einer starken Ausweitung.

Gegenstrategien: Counter Speech, „Defusing Hate“

Aktuelle Studien zeigen, dass der in den sozialen Netzwerken grassierende Rechtspopulismus alles andere als ein zufälliges Phänomen ist. Dahinter stehen gut organisierte Netzwerke, die gezielt die Empfänglichkeiten von schlecht informierten Menschen für Verschwörungstheorien und einfache Weltbilder ausnutzen. Lange schon wird diskutiert, wie mit populistischen „Nachrichten“ und hasserfüllten Kommentaren im Netz umgegangen werden sollte. Dabei wurde die Strategie des „Counter Speech“ entwickelt: Hasskommentare nicht hinzunehmen, sondern zu widerlegen, ihre Urheber in Diskussionen zu verwickeln, um ihnen und ihrer Zielgruppe die Widersinnigkeit der Beiträge vor Augen zu führen.

Eine Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung fasst die wichtigsten Strategien zusammen. Am einfachsten wäre es, hasserfüllte Kommentare zu ignorieren, um den Verfassern möglichst wenig Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Aufgrund der massiven Verbreitung populistischer Beiträge ist dies aber kaum eine sinnvolle Option – so würde die Debatte „lauten aggressiven Gruppen“ überlassen, für andere Teilnehmende wäre dies abschreckend. Durch Ironisieren können zwar Positionen bezogen und Diskussionen in eine andere Richtung gelenkt werden, Menschen wirkungsvoll angesprochen werden, die sich auch von den Hasskommentaren abgestoßen fühlen. Allerdings wird dies nicht die Urheber*innen der Kommentare erreichen, die Diskussion polarisiert sich weiter. Wirksam ist das Moderieren von Debatten, was allerdings sehr aufwändig ist und Diskussionen verzerren kann. Am besten ist es wohl, mit guten Argumenten in die Diskussion einzugreifen und die Phrasen der Populist*innen mit Fakten zu widerlegen. Dies ist allerdings zeitraubend und wird auch nicht bei Menschen verfangen, die schon über ein geschlossenes Weltbild verfügen und sich gegen rationale Gegenargumente abschotten.

Wer wirkungsvoll populistische Diskurse entschärfen möchte, sieht sich mit komplexen psychologischen Hintergründen konfrontiert. Wer produziert Propaganda, wer ist dafür empfänglich? Was bewirkt sie? Und am wichtigsten: Was kann hasserfüllten Kampagnen entgegengesetzt werden? Lassen sich deren Verfechter*innen überhaupt mit rationalen Argumenten erreichen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Handbuch „Defusing Hate“ von Rachel Hilary Brown, das 2016 vom United States Holocaust Memorial Museum herausgegeben wurde. Darin werden differenzierte Strategien behandelt, Propaganda zu begegnen.

Die Autorin macht deutlich, dass hasserfüllte Rede kein harmloses intellektuelles Problem ist. Ganz im Gegenteil: Propaganda bereitet realer Gewalt den Boden, senkt Hemmschwellen, entmenschlicht potentielle Opfer und legitimiert Terror. Pogrome gegen Minderheiten werden schon lange vorher von gezielten Kampagnen vorbereitet. Als Beispiel wird der Völkermord an den Hutu in Ruanda angeführt. In solchen Fällen ist das „Entschärfen“ der Debatten eine Frage von Leben und Tod. Gefragt sind „peace actors“, die in der Lage sind, „Kommunikation strategisch zu nutzen, um gefährlicher Rede (dangerous speech) zuvorzukommen oder dieser zu begegnen“.

Die hohe Zahl realer Gewalttaten gegen Geflüchtete in Deutschland zeigt, wie schnell auch in der „aufgeklärten Welt“ Propaganda in Verbrechen umschlagen kann. Seit 2014 wurden in Deutschland laut BKA allein 2.698 „Straftaten gegen Asylunterkünfte“ begangen, davon 433 Gewaltdelikte. Die von Brown dargestellten differenzierten Strategien erscheinen als geeignet, rechtspopulistische Diskurse in sozialen Netzwerken in der notwendigen Tiefe zu analysieren und wirksame, auf spezifische Zielgruppen zugeschnittene Gegenstrategien zu entwickeln.

Die Auseinandersetzung mit den Inhalten erfolgt in drei Phasen. In einem ersten Schritt müssen der Kontext und der zugrundeliegende Konflikt erfasst werden. In einer zweiten Phase müssen die beteiligten Zielgruppen der Debatte bestimmt werden. Welche Rolle spielen sie, wie setzen sie sich demographisch zusammen? Für die einzelnen Untergruppen müssen Ziele gesetzt werden, was durch die Teilnahme an der Debatte erreicht werden soll. In der dritten Phase werden geeignete Medien, Sprecher und Botschaften identifiziert, die helfen können, diese Ziele zu erreichen.

Brown weist darauf hin, dass es nicht darum geht, was man selbst meint und denkt. Nur wenn aus der Perspektive der jeweiligen Zielgruppe argumentiert wird, kann die Botschaft wahrgenommen werden. „Erinnern wir uns, dass sich die Leute oft nicht rational verhalten, darum müssen wir ihre Logik und ihre Gefühle verstehen, auf denen ihre Handlungen beruhen“. Vertrauen muss langsam aufgebaut werden, ein Angriff auf bestehende Überzeugungen kann das Gegenteil bewirken. Der „natürliche Instinkt“ der Menschen, ihre Handlungen zu rechtfertigen, muss bei den Interventionen berücksichtigt werden. Es bringt wenig, ihr Verhalten moralisch anzugreifen, empfänglich für Argumente sind sie nur, solange sie sich akzeptiert fühlen. Um Verständnis für andere zu wecken, kann am empathischen Denken angesetzt werden. Dazu können Medien eingesetzt werden, die dabei helfen, sich in die Situation anderer hineinzuversetzen. Auch sollte das Verständnis geweckt werden, dass es sich bei allen Beteiligten um denkende und fühlende Menschen handelt.

Diese differenzierte Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen und Chancen von „Counter Speech“ zeigt deutlich, dass naive und spontane Ansätze nicht ausreichen, um den perfiden, sorgfältig geplanten Kampagnen professioneller Populisten etwas entgegenzusetzen. Um überhaupt etwas bewirken zu können, müssen wir uns in diejenigen hineinversetzen, die sich von populistischen Argumenten beeindrucken lassen. Wir müssen uns die Frage stellen, aus welcher persönlichen Situation heraus und mit welchem Weltbild im Hinterkopf die simplen, aber effizienten Strategien der Populist*innen verfangen. Wenn z. B. immer wieder behauptet wird, muslimische Extremist*innen stünden bereit, die Macht zu übernehmen – welche tiefgreifenden Ängste und Verunsicherungen stecken wirklich hinter solchen Untergangsvisionen? Es wird nicht helfen, die Vertreter*innen solcher Positionen als Nazis zu brandmarken. Wirkungsvoller ist es, sie mit ihren eigenen Problemen und Sorgen ernst zu nehmen, wirkliche Lösungen aufzuzeigen. Gleichzeitig muss Empathie für diejenigen geweckt werden, die in der Propaganda monströs verzerrt werden.

Impulse für die Medienerziehung

Was können die Bildungsinstitutionen tun, um Kinder und Jugendliche gegen Netzpropaganda, Informationsblasen und mediale Manipulation zu sensibilisieren und – im besten Fall – zu immunisieren?

Im Bereich der Medienerziehung können wir einiges von der differenzierten Darstellung lernen, die „Defusing Hate“ vornimmt. Die Probleme sind vielschichtiger, als sie auf den ersten Blick erscheinen und lassen sich nicht schnell und mit einfachen Mitteln lösen. Es muss mehr getan werden, als kurzlebige plakative Kampagnen „gegen Rechts“ ins Leben zu rufen. Die Auseinandersetzung mit populistischen Weltbildern macht es erforderlich, das ganze Instrumentarium der Aufklärung aufzufahren: Recherche, Differenzierung, Interpretation, Empathie und Ethik. Projekte müssen entsprechend breit und vielschichtig dimensioniert sein – mit einem Aktionstag vor den Ferien ist es nicht getan.

Der Aufwand aber lohnt: Projekte, die an einer solchen differenzierten Konzeption ansetzen, bieten vielfältige Chancen und Perspektiven. Junge Menschen lernen in einem ersten Schritt, zu recherchieren und Behauptungen zu überprüfen, verlässliche Informationen zu finden. Darüber hinaus erfahren sie, dass unterschiedliche Menschen über unterschiedliche Weltbilder verfügen, die viel mit ihrer Situation, ihrem Umfeld, ihrem Reflexionsvermögen und ihrer Emotionalität zu tun haben. Dabei können psychologische Erklärungen für das Aufkommen von Hass und Stereotypen herangezogen werden. Damit diese Erkenntnisse auch auf einer emotionalen Ebene erfahrbar werden und verinnerlicht werden, müssen sie mit praktischer Projektarbeit verbunden und ergänzt werden.

Das Präventionsprogramm CONTRA entwickelt medienpädagogische Strategien zum Umgang mit Netzpropaganda. Es geht dabei nicht darum, Kinder vor der Konfrontation mit problematischen Inhalten zu bewahren, sondern diese zu befähigen, „ihren ideologischen Gehalt erfassen zu können“. Dazu ist es notwendig die Medienkritikfähigkeit, als zentrale Dimension der Medienkompetenz, systematisch zu fördern. Bewusstsein („awareness“) trägt dazu bei, dass radikale Botschaften im Netz überhaupt als solche erkannt werden können. Reflexion („reflection“) der Inhalte befähigt, sich mit Inhalten kritisch auseinanderzusetzen. Handlungsfähigkeit („empowerment“) bedeutet, eigene Positionen zu bilden und diese wirkungsvoll den Behauptungen im Netz entgegenzusetzen. Auf dieser theoretischen Grundlage werden medienpädagogische Konzepte vorgeschlagen und erprobt. So diskutieren Jugendliche über Propagandavideos, reflektieren ihren alltäglichen Medienkonsum und lernen die Wirkungsweise von Verschwörungstheorien kennen – indem sie selbst eine solche konstruieren und medial darstellen (vgl. Digitale Medien und politisch-weltanschaulicher Extremismus im Jugendalter. Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis. Deutsches Jugendinstitut e. V., Halle 2017)

Als vielversprechend erscheint es in diesem Kontext, auf die Konzepte der aktiven Medienarbeit zurückzugreifen. Junge Menschen verstehen und durchschauen die Medienmechanismen am besten, wenn sie selbst Inhalte produzieren. Dies bietet sich auch bei der Beschäftigung mit Populismus und Vorurteilen an. Es geht darum, sich in die Situation von Verfolgten hineinzuversetzen – oder sogar direkt mit diesen Kontakt aufzunehmen und sie in die Projekte einzubeziehen. Die Lebenssituation von Menschen, die unter Diskriminierung leiden, kann so medial verarbeitet werden. Aus anonymen Problemen werden Schicksale, in die man sich hineinversetzen kann.

Im Rahmen von Medienprojekten können so populistische Behauptungen über Geflüchtete mit deren realen Lebensbedingungen kontrastiert werden. Als Ergebnisse entstehen mediale Statements, die mit anderen ausgetauscht und diskutiert werden können. Dabei werden wichtige Ziele erreicht: Vorurteile werden abgebaut, positive Kontakte aufgebaut. Verständlich wird, wie aktuelle Medien funktionieren: dass sie von Menschen geschaffene Produkte sind, die gleichzeitig die Welt abbilden und Positionen vertreten. Junge Menschen lernen, dass sie selbst über die Macht verfügen, plumpen Vorurteilen emanzipative Inhalte entgegenzusetzen, sich zu engagieren und gesellschaftlich aktiv zu werden.

Zum Autor: Dr. Marc Urlen sucht nach medienpädagogischen Konzepten für das digitale Zeitalter. Seine Dissertation zu den „Bildern der Massenmedien“ behandelt die Zusammenhänge zwischen Denkstrukturen und aktuellen Medienangeboten. Beim Deutschen Jugendinstitut e. V. ist er zuständig für das Projekt „Apps für Kinder“. Kontakt: Deutsches Jugendinstitut e. V., Nockherstr. 2, 81541 München, E-Mail: urlen@dji.de

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