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Buchtipp „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“

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OLYMPUS DIGITAL CAMERA (Quelle: Yad Vashem Hall of Names by David Shankbone.jpg, Wikipedia, CC BY-SA 3.0)

Halle der Erinnerung, Tal der Gemeinden, Denkmal für die Kinder: Yad Vashem ist wohl eine der eindrücklichsten Gedenkstätten zur Erinnerung an die Shoah, an die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden. Besonders eindrücklich ist die Halle der Namen, die sich im letzten Raum im Rundgang des Museums zur Geschichte der Shoah befindet. Auf sog. „Gedenkblättern“, die auf Regalen entlang der kreisförmigen Umfassungsmauer für alle Zeiten verwahrt werden, werden die Namen und persönlichen Daten der ermordeten Jüdinnen und Juden gesammelt. Die Halle der Namen setzt ein Denkmal, sie erzählt in Form der ausgefüllten Gedenkblätter die Lebensgeschichten von (derzeit) über 2.700.000 Menschen.

Das Buchcover des Essays „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“ zeigt die gefüllten Regale der Halle der Namen. Die Gedenkblätter dokumentieren die Katastrophe – eine menschengemachte Katastrophe, für die die Mehrheit der Deutschen durch aktive und passive Unterstützung verantwortlich gewesen ist. Der prägnant formulierte Essay von Samuel Salzborn erzählt, wie die deutsche Gesellschaft nach 1945 mit der Schuld umgegangen ist – und wie sie bis heute mit der Schuld umgeht. Seine zentrale These lautet: Die deutsche Gesellschaft sei über die Jahrzehnte hinweg aus der Tätergemeinschaft des Nationalsozialismus zur Erinnerungsabwehrgemeinschaft der Bundesrepublik geworden. Entgegen der Erzählung einer „Erfolgsgeschichte“ habe eine selbstkritische Aufarbeitung der Shoah in der bundesdeutschen Geschichte „nur rudimentär“ stattgefunden. Daher sei die weit verbreitete Erzählung der „Erfolgsgeschichte“ die „größte Lebenslüge“ der bundesdeutschen Geschichte.

Wo fängt Schuld an und wo hört Schuld auf? Salzborn nennt einige Beispiele, die verdeutlichen, dass sich Schuld keineswegs auf Mord und Totschlag einschränken lässt. Zweifelsohne machten sich bereits diejenigen schuldig, die im nationalsozialistischen Alltag weggesehen haben. Im familiären Gedächtnis wird die Schuldfrage verharmlost oder gar geleugnet, eine Aufarbeitung, welche Rolle die Mitglieder der eigenen Familie im Nationalsozialismus spielten, unterbleibt in den meisten Fällen. Zwischen dem Geschichtsunterricht und der Familiengeschichte wird häufig kein Zusammenhang hergestellt. In weiten Teilen ist die deutsche Gesellschaft eine „schuldabwehrende Erinnerungsgemeinschaft“.

Salzborn erklärt im Laufe seines Essays, dass die Verweigerung, sich selbstkritisch mit der Shoah zu beschäftigen, mit Opfernarrativen zusammenhängt. Der deutsche Opfermythos zeigt sich beispielsweise im Film und in der Literatur. Das illustriert er anhand ausgewählter Spielfilme wie „Des Teufels General“ (1955) und „Arzt von Stalingrad“ (1958) und ausgewählter Werke wie „Der Müll, die Stadt und der Tod“ (Rainer Werner Fassbinder, 1975) und „Tod eines Kritikers“ (Martin Walser, 2002). Der stark antisemitisch geprägte Opfermythos setzte bereits unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein. In den ersten Jahren und Jahrzehnten der Nachkriegszeit waren antisemitische Einstellungen fest in der deutschen Gesellschaft verankert. Das belegen erschreckende Ergebnisse empirischer Umfragen, die Salzborn kenntnisreich einordnet. Dass sich viele Deutsche mit NS-Täter*innen, denen der Prozess gemacht wurde, solidarisierten und sich eine Welle antisemitischer Straftaten ereignete, verwundert in Anbetracht dessen nicht.

Wie fest der deutsche Opfermythos in der deutschen Gesellschaft verankert ist und sich die Erinnerungsverweigerung tradierte, zeigte die umstrittene Rede Walsers in der Frankfurter Paulskirche (1998). Nachdem Martin Walser die „Dauerpräsentation unserer Schande“ und den „grausamen Erinnerungsdienst“ anprangerte, erhielt er stehende Ovationen. Der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, blieb sitzen. Laut Salzborn sei mit der Rede die Hemmschwelle, antisemitische Haltungen öffentlich zu kommunizieren, drastisch gesunken. In den vergangenen Jahren knüpft die AfD an die Täter-Opfer-Umkehr an. Das machte die „Dresdner Rede“ des Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke besonders deutlich. Seine Worte („Denkmal der Schande“) erinnern stark an die Worte Walsers.

Die Erinnerungsabwehrversuche haben eine Jahrzehnte lange Tradition in der Bundesrepublik. Hierfür bietet der von Samuel Salzborn verfasste Essay einen präzise und zugleich detailreichen Überblick. Der Essay ist ein kluger Appell, diesen Versuchen entgegenzuwirken – damit die ermordeten Jüdinnen und Juden, deren Lebensgeschichten in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem dokumentiert sind, nicht ihre Identität verlieren.

 

Das Buch „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“ von Samuel Salzborn erschien Anfang März 2020 im Verlag Hentrich & Hentrich und kostet 15€.  

https://www.hentrichhentrich.de/buch-kollektive-unschuld.html

 

 

 

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