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dehate report #02 – Fashwave Fashwave und Männlichkeitsvorstellungen

Männlichkeits und Familienbild in Fashwave-Optik - Blonde Familie vor "Schwarzer Sonne" (Quelle: Screenshot)

Rechtsextreme Online-Propaganda richtet sich vor allem an Weiße* heterosexuelle Männer. Sie verbreitet Männlichkeitsvorstellungen, die immer auf der Abwertung des Nicht-Männlichen, also des Weiblichen und des Queeren beruhen. Anhänger dieser Ideen fassen feministische Kämpfe als konkrete Bedrohung ihrer Identität auf und begegnen ihnen deswegen mit stellenweise gewalttätiger Abwehr. Antifeminismus greift diese Abwehrhaltung auf und reichert sie mit einer rückschrittlichen Ideologie an. Hierbei werden in antisemitischer Tradition oft Juden:Jüdinnen für das Erstarken des Feminismus verantwortlich gemacht. Der Feminismus gehe angeblich immer mit einer „Verweichlichung“ und „Entmannung“ einher, um den Mann seiner Wehrfähigkeit zu berauben und den Verfall der westlichen Gesellschaft voranzutreiben, so die Verschwörungsideologie. In Fashwave findet sich daher das Ideal des soldatischen Mannes als Hauptmotiv.

Wie der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit in seiner Dissertationsschrift „Männerfantasien“ analysiert, sind faschistische Ideologie und soldatische Männlichkeit untrennbar miteinander verbunden: Aus der Angst vor allem, was als weiblich angesehen wird und auch Teil der eigenen Person ist (z.B. Emotionen und Gefühle), ergibt sich der Zwang, diese Anteile und Zuschreibungen abzuspalten. Dies soll etwa gelingen, indem die Zugehörigkeit zum patriarchalen Kollektiv immer wieder bewiesen und veranschaulicht wird.

Das rechtsextreme Bild von Männlichkeit wird immer von einer generell traditionellen Geschlechtervorstellung begleitet. Die Frau wird ausschließlich als Mutter Weißer Kinder gedacht, und der Mann hat die Rolle des Beschützers sowohl seiner Familie als auch seines Vaterlandes zu übernehmen. Für Männer, die sich von Geschlechtergerechtigkeit und -gleichwertigkeit bedroht fühlen, ist die Vorstellung einer patriarchalen Familie mit dem Mann als autoritärem Vorstand und einer ihm untergeordneten Frau erstrebenswert.

In einigen Fashwave-Memes steht jedoch auch die Darstellung von Frauen im Mittelpunkt. Der rechtsextremen Vorstellung entsprechend werden völkische oder weniger bekleidete Frauen in einer unberührten Landschaft präsentiert, wodurch sie als Verkörperung von unentfremdeter Natürlichkeit, Mütterlichkeit und traditioneller sowie umweltbewusster Lebensweise erscheinen sollen. Diese Memes sind nicht nur Sehnsuchtsbilder für die Männer, sondern wenden sich bewusst auch an Frauen. Sie sollen ihnen den scheinbar lohnenswerten Einstieg in die rechtsextreme Geschlechterbilder-Welt als Bewahrerinnen und Hüterinnen der antimodernen Lebensweise und Ideologie vermitteln.

Eine antimoderne Gesinnung findet auch in Fashwave-Bildern ihren Ausdruck, die autofreie Städte um die Jahrhundertwende oder deutsche Landschaften darstellen. Begleitet werden diese Darstellungen in der Regel von aufklärungsfeindlichen und die Vergangenheit verherrlichenden Slogans. Der melancholische Bruch mit Nostalgie durch die Vaporwave-Ästhetik wird in der Fashwave durch eine aggressive Bestätigung des Faschismus ersetzt. „Während Vaporwave die Nostalgie als Lüge entlarvt, ist Fashwave und ihr Bezug auf die 80er Jahre und den Nationalsozialismus eine militante Nostalgie, die eine komplexe Betrachtung der gesellschaftlichen Verhältnisse verdrängen will”, erklärt der Kulturwissenschaftler Simon Strick. Die Ideologie hinter den Bildern und Memes spreche eine eindeutige Sprache traditionalistischer Geschlechterbilder, des Antimodernismus, Rassismus und der Glorifizierung von Gewalt und Terror. Letzteres findet sich in Bildern von Männern mit Sturmhauben, Maschinengewehren und Halstüchern mit Totenkopfgrinsen und Slogans wie „The day of the rope is coming“. Der Slogan ist angelehnt an das Buch „The Turner Diaries”, einem in der rechtsextremen und rechtsterroristischen Szene weit verbreitetem Roman. „The Day of the Rope” wird darin als Tag der Weißen Machtübernahme verstanden, der eine Lynchmordwelle an allen sogenannten „Verrätern” folgt, worunter unter anderem Journalist:innen fallen – aber auch Weiße Frauen, die mit Schwarzen Männern Beziehungen eingehen.

Das deutsche Pendant zum „Day of the Rope” ist der erwartete „Tag X”, der bei rechtsextremen Gruppen wie dem „Nordkreuz”-Netzwerk eine bedeutende Rolle spielt. Aber auch akzelerationistische Gruppen wie die rechtsterroristische „Atomwaffen Division” arbeiten auf so einen Tag der Machtübernahme und tödlichen Rache hin. Auch hierbei spielt soldatische Männlichkeit eine entscheidende Rolle. Antifeministen hängen dem Irrglauben an, sie würden von einer feministischen Gesellschaft aktiv im Ausleben ihrer Männlichkeit gehindert und systematisch „verweichlicht”. Der Faschismus und das dort vermittelte Männlichkeitsbild versprechen Größe und Bedeutung: Der Mann kann ein Krieger für sein imaginiertes Volkskollektiv sein – für verunsicherte und gekränkte Männer bisweilen ein erstrebenswertes Ziel. Fashwave soll genau dieses Versprechen verbreiten und attraktiv machen. Das Appellieren an Männlichkeitsbilder ist also der integrale Bestandteil von visueller faschistischer Propaganda.

 


* Wir schreiben „Weiße“ groß, weil es sich nicht um eine äußerliche Beschreibung handelt, sondern der Begriff hier ein rassistisches Konstrukt kennzeichnet. Weiße Menschen werden privilegiert, während Schwarze Menschen Diskriminierungen und Benachteiligungen erfahren. Ausführlichere Erklärungen bietet der Verein Der braune Mob e.V. (www.derbraunemob.de).

 


Antifeminismus

Antifeminismus ist die Gegenbewegung zu emanzipatorischen gesellschaftlichen Bewegungen, die sich hauptsächlich für eine Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen. Antifeminist:innen wollen zu einer idealisierten Vergangenheit zurück, in der männliche Dominanz vorherrschen soll. Die Politikwissenschaftlerin Susanne Kaiser bezeichnet Antifeminismus auch als „politische Männlichkeit”. Diese Form von Männlichkeit ist auf der systematischen Abwertung des Nicht-Männlichen, also von Frauen und queeren Menschen, aufgebaut. Wenn diese gegen ihre Unterdrückung ankämpfen, betrachten das Männer, die sich darüber definieren, gleichsam als Angriff auf die eigene Identität. Politische Männlichkeit kann in unterschiedlicher Weise auftreten – sowohl unterschwellig als auch in explizitem und tätlichem Frauenhass. Als Bestandteil von Rechtsextremismus wirkt Antifeminismus oft als Türöffner in extrem rechte Welten.


Akzelerationismus

Akzelerationismus im rechtsextremen Kontext bezeichnet die Hoffnung auf einen baldigen gesellschaftlichen Zusammenbruch, der durch Propaganda und Gewalt aktiv beschleunigt werden soll. Um dies zu erreichen, sollen konfliktträchtige Gesellschaftsthemen, wie etwa die US-amerikanische Debatte um ein verschärftes Waffenrecht, forciert und bis zur Gewalt entfacht werden. Der Wunsch der Rechtsextremen ist ein baldiger sogenannter „Rassenkrieg”, der in einer Weißen Weltherrschaft enden soll. Als Handlungsempfehlung gilt die Newsletter-Zusammenfassung „Siege” des US-amerikanischen Neonazis James Mason. Auch der Rechtsterrorist von Christchurch, der 51 Menschen ermordete und 40 weitere verletzte, war Anhänger dieser Ideologie.


Der de:hate report #02 zum Download:

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/fashwave/

Mehr aus dem Report auf Belltower.News:

WEBINAR und LIVESTREAM – 07. Juli, 16 Uhr

Anlässlich des neu erschienenen de:hate-Reports #02: „Fashwave – Rechtsextremer Hass in Retro-Optik“ laden wir zum Publikumsgespräch ein. Am 7. Juli geht es nicht nur um die Frage, was Fashwave ist, an wen es sich richtet und warum es wichtig ist, rechtsextreme Online-Propaganda stärker in der Blick zu fassen. Fashwave bedient sich der Ästhetik einer antikapitalistischen Subkultur: der Synth- und Vaporwave. Deshalb geht es auch um die Frage: Wie können Subkulturen rechtsextreme Vereinnahmungen erkennen und sich dagegen wehren? Warum greifen Rechtsextreme überhaupt Subkulturen auf, die in ihrem Kern teilweise rechtsextremen Weltbildern eindeutig widersprechen?

Über diese Fragen diskutieren Veronika Kracher, Mitautorin des Reports, und Dr. Peter Schulz, Soziologe an der Universität Jena. Moderiert wird die Veranstaltung von Simone Rafael, Chefredakteurin des journalistischen Onlineformates belltower.news.

Das Webinar findet auch auf Zoom statt. Wenn ihr mit uns diskutieren wollt, bitte anmelden unter: https://us02web.zoom.us/meeting/register/tZ0qcOqtqTMqGN3zdCiajcPML_OCdeRVsbbL. Parallel dazu, wird die Veranstaltung via Livestream auf YouTube übertragen.

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