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Wann wird aus Kritik an Israel eigentlich Antisemitismus?

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Am Sonntagabend auf einer pro-palästinensischen Demonstration in Berlin-Neukölln. Wer Israels Flagge oder den Davidstern verbrennt, bringe damit symbolisch zum Ausdruck, dass er das israelische Volk oder die Juden verbrennen wolle. (Quelle: Jüdisches Forum)

Am Freitag  und am Sonntag versammelten sich über  1.000 Teilnehmer_innen zu pro-palästinensischen Kundgebung in Berlin, vordergründig um gegen Donald Trumps Entscheidung zu protestieren. Während der Demonstration wurden antisemitische Parolen gerufen und Fahnen mit Davidstern verbrannt – dem Symbol des Volkes Israel und des Judentums. Ähnliche Szenen ereigneten sich in München. In Göteburg attackierten Maskierte eine Synagoge.

Wer Israels Flagge oder den Davidstern verbrennt, bringt damit symbolisch zum Ausdruck, dass er das israelische Volk oder die Juden verbrennen wolle. Derartiger Hass, der den Tod von Glaubensangehörigen und eines ganzen Volkes zum Ziel hat nichts mehr mit legitimer Kritik zu tun. Die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, rechtfertigt in keiner Weise Antisemitismus.

„Darf man denn Israel gar nicht kritisieren?“

„Darf man denn Israel gar nicht kritisieren?“ oder „ich bin ja kein Antisemit, aber…“ hört man derzeit wieder Menschen sagen, die in Diskussionen über den Nahostkonflikt mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert werden.

Natürlich darf man Israel, genau wie jeden anderen Staat der Welt, kritisieren, aber man muss dabei sachlich und fair bleiben und sich benehmen, als handle es sich um einen beliebigen anderen Konflikt auf der Welt: Fakten und Quellen prüfen, Argumenten zuhören, Intentionen hinterfragen, versuchen, beide Seiten zu sehen, bereit sein, seine Meinung auch zu ändern, wenn sie sich als falsch herausstellt.

Während Wissenschaftler_innen bestätigen würden, dass es kein Rezept für antisemitismusfreie Kritik an Israel gibt, versuchen wir es lieber umgekehrt: Die folgenden Aussagen sind auf alle Fälle antisemitisch.

Hier werden die geläufigsten antisemitischen Stereotype demaskiertAntisemitismus versteckt hinter Israelkritik und Kapitalismus-BashingAntisemitismus und  Rassismus als Querschnittsthemen der Jugendarbeit  verankern!Amadeu Antonio Stiftung: Kritik oder Antisemitismus? Eine pädagogische Handreichung zum Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus (pdf zum Download)

Sie äußern sich antisemitisch, wenn Sie …

Israel das Existenzrecht absprechen

Die Nationalsozialisten haben Jüdinnen und Juden das Existenzrecht auf der Welt abgesprochen. Israel nun das Existenzrecht abzusprechen ist die moderne Variante davon. Wer Israels Flagge oder den Davidstern verbrenne, bringe damit symbolisch zum Ausdruck, dass er das israelische Volk oder die Juden verbrennen wolle.

Handlungen Israels mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust gleichsetzen

Der Holocaust war ein industriell organisierter Massenmord an Jüdinnen und Juden mit dem Ziel, sie auszurotten. Der Nahostkonflikt ist eine kriegerische Auseinandersetzung um ein Territorium und hat nicht das Ziel, das palästinensische Volk zu vernichten.

Jüdinnen und Juden oder auch nur alle Israelis für die Handlungen der israelischen Regierung verantwortlich machen

Denn das sind sie nicht. Es gibt logischerweise unter Israelis wie auch unter Jüdinnen und Juden aller Länder so viele unterschiedliche Meinungen zur Politik der Regierung wie hierzulande (und überall) auch. Trotzdem muss man es wohl dazusagen, weil aus diesem Grund immer wieder Jüdinnen und Juden in Europa „stellvertretend“ angegriffen werden, wenn etwas Menschen mit der israelischen Politik nicht einverstanden sind.

Israel als das personifizierte Böse in der Welt darstellen

Eines der klassischen antisemitschen Bilder, dass es schon seit Jahrhunderten gibt, weil man Jüdinnen und Juden schon immer für Dinge verantwortlich machte, die man nicht verstand und die einem Angst machten (aus unerklärlichen Gründen sterbende Kinder, Moderne, Kapitalismus etc.). Was zum nächsten Punkt führt:

In der Israelkritik alte antisemitische Bilder und Ressentiments verwenden

Wenn es antisemitische Bilder sind, bleiben sie antisemitisch, wenn man sie für Israel statt für die Juden verwendet (Christenmorde, Ritualmordlegende etc.) Das gilt auch für:

„Kindermörder Israel“ skandieren

Sind Sie wirklich besorgt über die Lage gerade von Kindern und Jugendlichen in Gaza? Warum verwenden Sie dann ein antisemitisches Klischeebild (nämlich das der Ritualmordlegende), um dem Ausdruck zu verleihen? Und können Sie wirklich beurteilen, worauf die israelische Armee schießt oder ob Bilder verletzter Kinder von der Hamas propagandistisch eingesetzt werden oder die wahre Lage wiederspiegeln? Es ist schwer, sich aus Medien- und Internetberichten ein objektives Bild der Lage in Gaza zu verschaffen. Dann sollte man aber auch nicht mit solch reißerischen Parolen hausieren gehen.

Israel fragen, ob es denn nichts aus der Geschichte gelernt hat, denn dann würde es ja keine Gewalt und kein Leid über andere Menschen bringen.

Israel hat aus der Geschichte gelernt. Nämlich, sich zu wehren, wenn es seine Existenz angegriffen und bedroht sieht. Es verteidigt sich, weil seine Einwohner angegriffen werden – wie andere Länder es auch machen würden ( doppelte Standards).

Kritk äußern

Wer Israel (und alles andere) kritisieren möchte, sollte sich vor Augen halten: Es gibt einen Unterschied zwischen Kritik und Ressentiments.

„Kritik äußern“ heißt: sich eine Meinung auf der Grundlage von Fakten zu bilden, Argumenten zuhören, die eigenen Meinung gegebenenfalls revidieren, wenn es eine neue Faktenlage gibt.

„Ressentiments äußern“ heißt: sich eine Meinung aufgrund einer Weltsicht zu bilden, die gegen Fakten relativ resistent ist, zumal, wenn ich dazu tendiere, die Fakten im Zweifelsfalle als gefälscht oder manipuliert anzunehmen, wenn sie nicht meiner Weltsicht entsprechen.  Nicht ohne Grund ist Antisemitismus die Grundlage fast aller Verschwörungstheorien. Da man gegen Ressentiments mit Argumenten nicht viel ausrichten kann, sind sie besonders haltbar. Viel „Kritik“, die über Israel geäußert wird, fällt in diese Kategorie.

Warum kritisiere ich Israel (vielleicht stärker als andere Länder)?

Seit im Nationalsozialismus aus Deutschland der Massenmord an europäischen Jüdinnen und Juden organisiert und durchgeführt wurde, gibt es eine besondere Verbindung zwischen Deutschland und Israel. Diese ist geprägt durch Schuld, aber auch durch Schuldabwehr, Projektionen ebenso wie nicht aufgearbeitetem Antisemitismus, der nach 1945 nicht einfach verschwunden ist.

Es lohnt sich also, sich auch selbst zu fragen: Würde ich in einem anderen Konflikt eine Konfliktpartei bei gleichem Handeln genauso kritisieren?

Wenn ja: Tun sie es. Sachlich, fair, Fakten und Quellen prüfen, Argumenten zuhören, Intentionen hinterfragen, versuchen, beide Seiten zu sehen, bereit sein, seine Meinung auch zu ändern, wenn sie sich als falsch herausstellen.

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