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Good Gaming – Well played Democracy Politik und Diskriminierung im E-Sport

Symbolbild (Quelle: Unsplash)

Was ist für dich das Besondere am E-Sport? Wo sind Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten zum klassischen analogen Profisport?
Josef Kolisang: E-Sport begeistert mich mehr als traditionelle Sportarten. Ich kann während einer Saison den ganzen Tag hochklassiges „League of Legends“ gucken. Der größte Unterschied zu traditionellen Sportarten ist, dass ich auf einem Live-Event ohne typische Fanfeindschaften und toxische Rivalitäten sein kann, wie man sie beispielsweise aus dem Fußball kennt.
Beim E-Sport könnte ich als Dortmund-Fan direkt neben einem Bayern-Fan sitzen, und wir würden beide freudig aufspringen und uns umarmen, weil das Spiel so extrem spannend ist. Auch als Coach Teil des E-Sports zu sein, hat seinen ganz eigenen Reiz. Vor allem das kompetitive Messen mit ähnlich starken Teams ist gleichzeitig Herausforderung, Spaß und Nervenkitzel.
Weitere Unterschiede zum klassischen Profisport sind die Art der Sponsorenshops/Partnerships und auch die Altersspanne der Zuschauenden.

Rassismus und andere Diskriminierungsformen finden ja leider auch in professionellen Gaming-Kontexten statt. Wie machen sich diese hier bemerkbar? Wo sind sie besonders deutlich, wo eher zwischen den Zeilen zu erkennen?
Kolisang: Manchmal sind es Vereine und Organisationen, die Stereotype und Pauschalisierungen äußern. Bei Spieler:innen sind es meist diskriminierende Worte oder Handlungen während des Spiels im Chat. Vor allem Spiele mit integriertem Voicechat, also mit verbaler Unterhaltungsfunktion, müssen besonders für Menschen mit weiblich klingenden Stimmen die
Hölle sein. Sobald Spieler:innen als vermeintlich weiblich identifiziert werden, folgen regelmäßig die übelsten sexistischen Herabwürdigungen und Belästigungen. Spaß kann da eigentlich nicht aufkommen. Der Sprachchat bietet generell ein Forum, das gefährlich sein kann. Für Unternehmen ist das noch schwieriger zu moderieren und Spieler:innen können sich ungefiltert äußern. Das Spiel „Valorant“ hat beispielsweise so einen Voicechat. Viele Spielerinnen berichten von Anfeindungen hier, und auch ich wurde im Spiel schon mit dem N-Wort beleidigt. Ich hatte einen schwarzen Charakter gewählt, weil ich mich dadurch repräsentiert fühle. Jetzt fass ich das Spiel nicht mehr an. Aber auch abseits davon, beispielsweise auf Discord, kann es passieren, dass sich zwei Profis über eine dritte Person rassistisch und abfällig äußern, wie erst jüngst bei der Rocket League Championship Series. Häufig sind das auch Menschen, die sich ihrer rassistischen, sexistischen, trans- und homofeindlichen Sozialisierung nicht bewusst sind.

Sprechen viele Sportler:innen über ihre Diskriminierungserfahrungen, oder wird das Thema eher tabuisiert?
Kolisang: Das Thema wird eher tabuisiert. Viele Sportler:innen haben Angst, Gaslighting (manipulative Verunsicherung von Betroffenen) zu erfahren oder durch eine Thematisierung vermehrt Hassbotschaften zu bekommen. Sie stellen sich auch oft Fragen wie: „Wie reagiert meine Organisation darauf? Werde ich unterstützt, oder wird man versuchen, mich zu silencen? Löse ich damit Sponsorship-/Partnership-Konflikte aus?“ Vielen Sportler:innen ist daher die Belastung und das Risiko zu hoch. Es gibt außerdem Fälle, in denen Frauen trotz entsprechender Qualifikation von Vereinen abgelehnt werden, weil ein männlicher Spieler gesucht wird. Manager äußern dann zum Beispiel die Sorge, dass sich die männlichen Spieler im Team in
die weibliche Spielerin verlieben könnten, was zu Teamproblemen führen würde. Anstatt an sexistischen Strukturen zu arbeiten und die Spieler zu schulen, nimmt man also den easy way out und sagt der weiblichen Bewerberin ab

Du hast dich ja schon selbst öfter zum Thema Rassismus geäußert und dich ganz klar positioniert. Wie waren die Reaktionen auf deine Haltung? Gab es Ablehnung? Solidarität? Oder wurde wiederum mit Bagatellisierungen oder gar Diskriminierung geantwortet?
Kolisang: Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Von meinem damaligen Team und von meiner Organisation habe ich Unterstützung bekommen. Andererseits gab es auch viele Menschen, die mit Zweifel reagiert haben. Diese wollten mir erklären, dass innerhalb der E-Sports-Branche Rassismus und Diskriminierung nicht existieren. Zum Beispiel habe ich mal einen Spieler trainiert, der nicht fähig war, meine Ratschläge anzunehmen, und mich stattdessen rassistisch beleidigt hat. Ich habe mich dann an die Organisation gewandt, bei der ich Trainer war. Ich wollte den Spieler nicht direkt rausschmeißen, aber über einen Umgang mit diesem Vorfall sprechen. Die Organisation hat mich jedoch abgewiesen mit der Begründung, der Spieler sei zu wertvoll, man könne ihn deshalb nicht sanktionieren. Da war für mich klar: Ich habe dort nichts zu suchen. Ich habe gekündigt. Solche Erfahrungen sind kein Einzelfall. Dadurch, dass die Organisationen nicht gegen Leute vorgehen, die sich rassistisch äußern, begünstigen sie Rassismus. Solidarität habe ich vereinzelt erfahren, jedoch selten öffentlich, sondern vor allem via Privatnachricht.

Wie sieht es bei den E-Sport-Verbänden und -Organisationen aus? Wird das Thema angegangen und/oder Diversität aktiv gefördert?
Kolisang: In vielen E-Sport-Organisationen und -Teams sind diese Themen bislang noch nicht angekommen. Es wird zwar formuliert, dass jegliche Form von Diskriminierung abgelehnt wird, jedoch ist mir keine Organisation in der „League of Legends“-Szene bekannt, die das auch aktiv forciert. Diversität existiert im E-Sport kaum, deswegen muss sie stärker gefördert werden. Die esports player foundation hat jetzt zusammen mit der Telekom ein Förderprogramm gestartet, um weibliche Talente stärker zu fördern. Auch das E-Sport-Team SK Gaming stellt erstmals ein weibliches Profi-Team
auf.

Siehst du im E-Sport eine Chance, auf bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten und politische Reizthemen aufmerksam zu machen?
Kolisang: Ja und Nein. Ja – natürlich gibt es die Chance, die Aufmerksamkeit im E-Sport zu nutzen, um sich für Diversity und Gleichwertigkeit einzusetzen. Das kann dazu führen, dass Menschen in der Branche sensibilisiert werden. Aufgrund der aktuellen Missstände und des fehlenden Bewusstseins in vielen Bereichen des E-Sports riskieren Profis leider aber nach wie vor ihre Karriere, wenn sie auf Problemlagen aufmerksam machen. Es bleibt also noch viel zu tun!

Dieser Text ist ein Auszug aus der Broschüre:

Amadeu Antonio Stiftung / Good Gaming – Well Played Democracy:
„Unverpixelter Hass. Toxische und rechtsextreme Gaming-Communities.“
Berlin 2022
90 Seiten

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