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Landtagswahl Thüringen Fast ein Viertel der Bürger*innen wählt rechtsradikal

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Björn Höckes Auftritt auf der Wahlparty der AfD. (Quelle: picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa)

259.359 Menschen haben am Sonntag in Thüringen AfD gewählt. Damit erreichte die rechtsradikale Partei unter Führung ihres Rechtsaußen-Landeschefs Björn Höcke 23,4 Prozentpunkte und wird mit 22 Abgeordneten im Thüringer Landtag sitzen. In einigen ländlichen Wahlkreisen war das Ergebnis noch düsterer als im gesamten Freistaat. In Ballhausen erreichte die AfD 47,3 Prozent, in Paska mit 86 Wahlberechtigten sogar 64,4 Prozent. Die Zahlen belegen, dass je kleiner der Ort ist, desto mehr Menschen rechtsradikal wählen. In Großstädten erreicht die Partei 21 Prozent, in Landgemeinden sind es 25.

In kleinen Dörfern und im ländlichen Raum kann die AfD offensichtlich am besten Punkten, aber auch in Gera erzielen die Rechtsradikalen gute Ergebnisse. 34 Prozent der Erststimmen erreicht die Partei und wird damit zur stärksten Kraft, bei den Zweitstimmen liegt die Linke mit weniger als zwei Prozent vorne. 

Die Bevölkerung in Thüringen sinkt seit Jahren dramatisch. Ende 2018 lebten rund 2,14 Millionen Menschen im Freistaat, in 20 Jahren werden es vermutlich nur noch 1,86 Millionen sein, nur Erfurt und Jena werden bis 2040 leicht wachsen. Auch diese Entwicklung spiegelt sich in den AfD-Ergebnissen. Den höchsten Stimmenanteil (26 Prozent) hat die Partei in Wahlkreisen, die stark schrumpfen, in leicht schrumpfenden Wahlkreisen sind es schließlich „nur“ 18 Prozent der Bevölkerung, die rechtsradikal wählen. In Jena haben nur 11,2 Prozent die Partei gewählt. 

Wie auch schon bei den Landtagswahlen in Sachsen und in Brandenburg konnte die AfD Nichtwähler*innen mobilisieren. 81.000 Menschen aus dieser Gruppe wählten am Sonntag rechtsradikal. 

Sorgen, Sorgen, Sorgen

Umfragen zu wahlentscheidenden Themen machen auch heute wieder bewusst, wie sehr die permanente Weltuntergangsstimmung, die von der AfD geschürt wird, die Wähler*innen der Rechtsradikalen beeinflusst. 

Löhne und Renten waren für die meisten Wähler*innen neben sozialer Sicherheit, Bildung, Wirtschaft und Arbeit die bestimmenden Themen für ihre Wahlentscheidung. Zuwanderung ist neben Kriminalität und innerer Sicherheit nur für neun Prozent der Befragten ein entscheidendes Thema. Allerdings nicht rechtsaußen. 

83 Prozent der AfD-Wähler*innen machen sich „große Sorgen, dass sich unser Leben in Deutschland zu stark verändert.“ Das zweithöchste Ergebnis dieser Umfrage liefern Wähler*innen der CDU, allerdings nur mit 37 Prozent. Noch dramatischer fällt die Reaktion beim Thema Kriminalität aus. Ganze 94 Prozent der AfD-Wähler*innen sorgen sich, „dass Kriminalität stark zunimmt“. Auch hier CDU-Wähler*innen mit 59 Prozent auf Platz zwei. Sorgen sorgen offenbar für Wählerstimmen, denn auch 95 Prozent sorgen sich, dass der „Islam-Einfluss zu stark wird“. Für die Wahlentscheidung war laut Umfragen dann auch vor allem ein Thema für AfD-Wähler*innen zentral: Zuwanderung. Für 34 Prozent der Wähler*innen war dieses Thema offenbar das wichtigste. Laut Statistischem Bundesamt ist Thüringen im Übrigen mit 5,1 Prozent der Bevölkerung das Bundesland mit dem geringsten Ausländeranteil der gesamten Republik. 

88 Prozent der Rechstradikalen-Wähler*innen machen sich „große Sorgen, dass wir einen Verlust der deutschen Sprache und Kultur erleben“. Auch diesmal großer Abstand zur nächsten Gruppe, Wählern und Wählerinnen der CDU, bei diesen sind es nur 46 Prozent.

Der Spitzenkandidat

Ausgerechnet der Spitzenkandidat ihrer Partei spaltet aber offenbar sogar die Wähler und Wählerinnen der AfD. Gerade mal 51 Prozent der befragten AfD-Wähler*innen finden, dass die Partei „in Thüringen den richtigen Spitzenkandidaten“ hat. Das heißt eben auch, dass die Hälfte nicht überzeugt ist. Ganze 44 Prozent der AfD-Wähler*innen finden darüber hinaus, dass Höcke „zu nahe an rechtsextremen Positionen“ ist. Von der Wahl abgehalten hat das allerdings scheinbar nicht. 

Omas gegen Rechts

Vor allem Männer haben der AfD Stimmen beschert. Hauptsächlich 35-44-Jährige sind dabei die stärkste Gruppe (35 Prozent), aber auch bei den 18-24-jährigen wählen 30 Prozent AfD. In dieser Altersgruppe erzielt die AfD tatsächlich das beste Ergebnis bei einer Landtagswahl 2019. In Sachsen erreichte die Partei 22 Prozent, genauso wie in Brandenburg, hier landete die Partei in diesem Alterssegment allerdings nur auf Platz zwei hinter den Grünen. Bei den Frauen wählen ebenfalls die 35-44-Jährigen am stärksten AfD, allerdings sind es hier „nur“ 24 Prozent.

Erst bei Menschen, die 70 und älter sind, werden die Zahlen kleiner. Nur 16 Prozent der Männer über 70 wählen die Partei und nur 11 Prozent der Frauen in der gleichen Altersgruppe. Seniorinnen bilden also in Thüringen den Bevölkerungsanteil, der am wenigsten rechtsradikal wählt.

Wählerwanderung: Von Rechtsaußen nach Rechtsaußen

Erst kürzlich hatte eine Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) aus Jena einen Zusammenhang zwischen NPD und AfD-Ergebnissen aufgezeigt. In Wahlkreisen in denen die NPD historisch gute Ergebnisse erzielen konnte, erreicht heute die AfD ähnliche Prozentanteile: „Dort, wo über längere Zeit die rechtsextremen Inhalte der NPD Eingang in den gesellschaftlichen Diskurs fanden, kann davon ausgegangen werden, dass hier in höherem Umfang Prozesse der Normalisierung und Relativierung mit sinkenden Widerstand gegen rechtsextreme Positionen im tagesaktuellen politischen Diskurs einhergehen.“ Unter anderem hatte der NPD-Kader Thorsten Heise zur Wahl der AfD in Thüringen aufgerufen. 

„Sonstige”

In Thüringen hat es für die NPD bei den Landtagswahlen dementsprechend auch nur noch für 0,5 Prozent der Stimmen insgesamt gereicht. Wieviele der NPD-Stimmen genau zur AfD gewandert sind, lässt sich nicht belegen. Immerhin sind aber 13.000 Wähler*innen der „sonstigen Parteien“ – zu denen auch die NPD gehört – zu den Rechtsradikalen gewandert

Noch schlechter als bei der NPD sieht es in Thüringen bei der zweiten rechtspopulistischen Partei aus. Frauke Petrys “Die Blauen” kamen auf insgesamt 0,1 Prozent der Stimmen. 857 Menschen haben die Partei gewählt. Andere einschlägige Parteien standen in Thüringen diesmal nicht zur Wahl.
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