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Lukov-Marsch in Sofia Trotz verbotener Demonstration wichtiges Event der internationalen Vernetzung

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Fahnen der internationalen Organisationen, welche sich an der Kundgebung in Sofia beteiligt haben. (Quelle: Autor)

 

Der Lukov-Marsch in Sofia war 2020 eine stationäre Kundgebung.

Als es allmählich dunkler wird, werden die Fackeln vor dem kleinen Haus am Rande der Innenstadt von Sofia entzündet und die ersten Reden starten. Man gedenkt dem Nazi-General Hristo Lukov. Der Führer der antikommunistischen und ultra­nationalistischen Partei „Bund der Bulgarischen Nationalen Legionen“ (SBNL) stieg während des ersten Weltkrieges zum General auf und kollaborierte im zweiten Weltkrieg mit den Nationalsozialisten aus Deutschland. Die SBNL forderte die Deportation bulgarischer Jüdinnen und Juden. Am 13. Februar 1943 wurde Lukov von Violeta Yakova und Ivan Burudzhiev, zwei kommunistischen Partisan*innen, in seinem Haus erschossen.

Antifaschist*innen erinnern auf der Gegendemonstration zum Lukov-Marsch an Violeta Yakova.

Seit 2003 versuchen sich bulgarische Neonazis an der Mythenbildung rund um den Tod Lukovs. Die paramilitärisch organisierte „Bulgarischen Nationalen Vereinigung – Edelweiß“ (BNU) veranstaltet die jährlichen Aufmärsche in Gedenken an den NS-Kollaborateur, welcher von ihnen als Märtyrer verehrt wird. Die Demo gilt seit dem Beginn im Jahr 2003 als Ort der internationalen Vernetzung der europaweiten Neonaziszene. Höhepunkt der Mobilisierung für den Aufmarsch waren die Jahre 2013 und 2014, als bis zu 2.000 Neonazis in Sofia auf die Straße gingen. Unterstützung bekommen die Organisator*innen durch weitere extrem rechte Gruppierungen und Parteien aus Bulgarien, wie beispielsweise der rechtspopulistischen Partei IMRO-Bulgarische Nationale Bewegung (IMRO-BNB).

Weitere Unterstützung erhalten die Organisator*innen von Seiten der lokalen Fußball-Fanszenen. Sowohl die Ultras und Hooligans von Lewski Sofia, als auch von CSKA Sofia mobilisierten Im Vorfeld in den eigenen Fankurven und riefen dazu auf, den Aufmarsch zu besuchen. Beide Vereine sind für ihre rassistische Anhängerschaft bekannt.

Fan-Shop von CSKA Sofia.

Bereits am Mittag, lange bevor sich die Neonazis sammeln, finden sich im Stadtzentrum  mehrere hundert Antifaschist*innen ein. Seit mehreren Jahren gibt es einen breiten Gegenprotest gegen den Lukov-Marsch, organisiert von antifaschistischen und queeren Gruppen aus Sofia. Gemeinsam mit deutsch- und griechischsprachigen Antifaschist*innen zieht man unter dem Motto „No Nazis on our Streets“ lautstark durch die Innenstadt. Begleitet von einigen Polizist*innen geht es durch die belebten Einkaufsstraßen der Stadt. Am Rand tauchen immer wieder kleine Gruppen von Neonazis auf, welche das Geschehen in aller Ruhe beobachten.

Antifaschist*innen ziehen durch die Innenstadt von Sofia um gegen den Lukov-Marsch zu protestieren.

Währenddessen ist noch immer nicht klar, wie der Abend verlaufen wird und ob es überhaupt einen Marsch der Neonazis durch die Stadt geben wird. In den letzten Wochen vor der Demo überschlugen sich die Ereignisse regelrecht. Im Januar kündigte die bulgarische Staatsanwaltschaft an, der BNU den Status als gemeinnützige Organisation abzuerkennen, da die BNU durch ihr paramilitärisches und rassistisches Auftreten gegen die Grundsätze des Staates verstoßen würden. In Folge dieses Verbotsverfahrens wurde ein Mitglied der BNU von der staatlichen Agentur für Sicherheit vorgeladen. Im Gebäude angekommen erschoss sich der Mann mit einer selbstgebauten Waffe aus bisher unbekannten Gründen. Bei der anschließenden Durchsuchung in seiner Wohnung stellten die Ermittler „eine große Menge Schusswaffen und Munition sowie mehrere Bilder von Adolf Hitler“ sicher, wie die Staatsanwaltschaft gegenüber bulgarischen Medien berichtete. Unter diesen Bedingungen forderte die Bürgermeisterin von Sofia Yordanka Fandakova, erneut ein Verbot des Lukov-Marsches. In den vergangenen Jahren wurde dieser Versuch von den Gerichten stets aufgehoben. Dieses Jahr äußerte sich erstmals die Vizepremierministerin zum Lukov-Marsch: „ich fordere die jungen Leute auf, nicht blind an Ideologien zu glauben, die gegen die Menschlichkeit gerichtet sind, denn das unterscheidet sich nicht viel von dem, was in Hanau passiert ist“, so Ekaterina Sachariewa. Schlussendlich bestätigte das Gericht das polizeiliche Verbot. Der „Lukov Marsch“ bleibt demnach auf eine stationäre Kundgebung vor dem ehemaligen Wohnhaus von Hristo Lukov beschränkt.

Bereits am Freitag kontrollierte die Bundespolizei am Dortmunder Flughafen 22 Personen aus dem Umfeld der Partei „Die Rechte“, welche auf dem Weg nach Sofia waren. Laut Aussage der Bundespolizei auf Twitter sei es möglich, die Ausreise von Personen zu verhindern, wenn „deutsche Staatsangehörige im Ausland Straftaten begehen oder an Veranstaltung mit extremistischen Personenpotenzial teilnehmen“. Gegen 9 Personen wurde daraufhin ein Ausreiseverbot erlassen, sodass vorerst nur ein Teil der deutschen Neonazis nach Sofia reisen konnte. Durch eine Klage vor dem Verwaltungsgericht war es weiteren Personen möglich, am nächsten Tag ihren Kameraden zu folgen.

Bundespolizei NRW auf Twitter zu den Kontrollen.

Als sich die Teilnehmer*innen der rechten Kundgebung vor dem ehemaligen Wohnhaus von Hristo Lukov sammeln wird, schnell klar, dass es deutlich weniger Teilnehmer*innen werden, als in den Vorjahren. Am Ende werden ca. 250 Neonazis in der kleinen Gasse stehen. Unter ihnen sind laut dem Presseservice Wien auch Neonazis des „Nordic Resistance Movement“ aus Skandinavien, dem „Rise Above Movement“ aus den USA oder der „Legio Hungaria“ aus Ungarn. Viele der anwesenden Personen kennen sich, haben sie sich doch sowohl in Budapest beim „Tag der Ehre“ und beim Neonaziaufmarsch in Dresden am 15. Februar gesehen. Auch hier traten Vertreter der BNU als Redner auf und bewarben den Lukov-Marsch. In Sofia spricht Mathias Deyda, der „Auslandsbeauftragte“ von „Die Rechte“ für die deutsche Delegation und beschwört den gemeinsamen, europäischen Kampf um „Europa als Bollwerk und natürlicher Siedlungsraum der weißen Rasse zu erhalten und unseren Kontinent gegen seine Feinde zu beschützen“.

Matthias Deyda während seiner Rede in Sofia.

Der größte, gemeinsame Feind auf der Kundgebung hingegen sind scheinbar die Journalist*innen, welche das geschehen dokumentieren. Mit ein paar Worten zu den bulgarischen Kameraden und einem „Willkommen in Osteuropa“, werden die Journalist*innen von den paramilitärisch organisierten Ordnern der BNU und der anwesenden Polizei von der Kundgebung geworfen.

Ordner auf der neonazistischen Kundgebung in Sofia.

Neben Matthias Deyda sind weitere Neonazis aus dem Umfeld der Partei „Die Rechte“ aus Dortmund und Umgebung nach Sofia gereist. Diese deutsche Delegation war auch schon in ähnlicher Konstellation am 15. Februar in Dresden anwesend, sowie beim sogenannten „Tag der Ehre“ in Budapest.

Teile der deutschen Rechtsextremen in Sofia.

Den deutschen Neonazis wird an diesem Wochenende ein breites Programm zwischen Aktionismus und Vernetzung geboten. Neben der Gedenkkundgebung besucht die Delegation auch einen deutschen Soldatenfriedhof. Bereits am Freitag fand, ebenfalls von der BNU organisiert, ein neonazistischer Liederabend statt. Unter den angekündigten Acts ist auch der deutsche Liedermacher Phillip Neumann, welcher unter dem Namen „Phil von FLAK“ europaweit auftritt und gute Kontakte zum bulgarischen Ableger von „Blood&Honour“ hat.

Die Kundgebung wir schließlich nach nicht einmal 90 Minuten beendet. Mit 250 Teilnehmer*innen bleiben die Zahlen deutlich hinter denen der vergangenen Jahre zurück. Die Ermittlungen im Vorfeld, sowie das Verbot eines Marsches durch die Innenstadt scheint den Marsch unattraktiver gemacht zu haben. Was jedoch bleibt, ist die internationale Vernetzung der Neonaziszene, welche durch solche Events ermöglicht wird.

Fahnen der internationalen Organisationen, welche sich an der Kundgebung in Sofia beteiligt haben.

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