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Meme-Propaganda Warum Rechtsextreme jetzt die Taliban feiern

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Die Taliban scheinen Neonazis als ihre Brüder im Geiste erkannt zu haben. (Quelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Rahmat Gul; Screenshots, BTN)

Trigger-Warnung: enthält frauenfeindliche, antisemitische und LGBTQI*-feindliche Bilder und Propaganda-Material der Taliban.

Beim Betrachten der Social-Media-Profile deutscher Neonazis und sogenannte „neurechter“ Aktivist:innen fällt auf, dass immer mehr User:innen die Taliban glorifizieren. Auf den ersten Blick mag das verwundern: Gelten Muslim:innen in ihrer neofaschistischen Ideologie doch als Hauptfeindgruppe. Das sehen wir nicht zuletzt an den beinahe täglich stattfinden rassistischen Übergriffen auf muslimisch gelesene Menschen. Woher kommt nun die Faszination für die afghanische Terrorgruppe?

Am 15. August 2021 nahmen die Taliban praktisch kampflos die afghanische Hauptstadt Kabul ein. Nach ihrer Rückkehr an die Macht droht eine neue islamistische Schreckensherrschaft in Afghanistan, insbesondere Frauen, Homosexuelle und Kritiker:innen müssen um ihr Leben fürchten. Zum einen warnen extrem rechte Aktivist:innen in Deutschland nun vor einem angeblichen Ansturm afghanischer Flüchtlinge und wähnen sich bereits jetzt als Opfer einer „neuen Migrationswelle“. Andererseits gibt es Teile des extrem rechten Netzwerkes, die den Sieg der Taliban feiern, als „Revolte gegen die moderne Welt“. „Revolt against the modern world“, das ist der Titel eines 1934 erschienenen Buchs des italienischen Antisemiten, Rassisten und Faschismus­-Sympathisanten Julius Evola. Große Teile der US-amerikanischen Alt-Right, der „neuen“ Rechten und mit ihr die sogenannte „Identitären Bewegung“ beziehen sich heute auf Evola. In den Taliban sehen sie eine Gruppe mutiger Männer die die moderne Welt besiegt haben.

Dieses Meme wurde unter anderem von ex AfD-Mann Dubravko Mandic verbreitet.

Für einige mögen diese Sympathiebekundungen nicht nachvollziehbar klingen. Bei einem genauen Blick in das ideologische Fundament der Alt-Right und der „neuen“ Rechten ist sie allerdings durchaus nachvollziehbar: Ganz im Sinne eines ethnopluralistischen Denkens, nach dem „Volk“ kulturell begründet ist und vor „fremden“ Einflüssen geschützt werden müsse, geht von der extremen Rechten doch eine große Bewunderung für autoritär geführte islamische Staaten aus.

Offene Sympathiebekundung für radikale islamistische Terrorgruppen wie dem sogenannten „Islamischen Staat“ fanden bisher hauptsächlich in der digitalen Sphäre der Cybernazis statt. Incels (frauenhassende Männer, die sich in den düstersten Ecken des Internets austauschen), Akzelerationisten (rechtsextremen Aktivist:innen, die hoffen, einen „Rassenkrieg“ zu provozieren, der zu einem weißen Ethno-Staat führen würde), und nihilistische Trolle bewundern seit Jahren Islamisten und all das wofür sie stehen. Nick Fuentes, ein antisemitischer und rechtsextremer YouTuber aus den USA mit großem Einfluss auf Cybernazis, drückte bereits vor der Rückeroberung der Taliban seine Bewunderung für die Gruppe aus.

Seit Anfang Juli 2021 ist Fuentes Twitter-Profil bei Twitter gesperrt.

Sogennante „neurechte“ Ideolog:innen fürchten nicht „den Islam“, sondern einen „Volksaustausch“, nicht den Koran, sondern die „globale Moderne“ (antisemitische Chiffre). Wobei diese Ansicht immer in einem Spannungsfeld zwischen Islamfeindlichkeit und dem „dekadenten Westen“ in der heterogenen Szene behandelt wird. In dem Telegram-Kanal aus dem Umfeld der rechtsextremen paramilitärischen US-Gruppe der „Proud Boys“ hieß es: „Diese Bauern und kaum ausgebildeten Männer kämpften darum, ihre Nation von Globohomo zurückzuerobern. Sie nahmen sich ihre Regierung zurück, setzten ihre nationale Religion als Gesetz ein und richteten Andersdenkende hin. Hätten weiße Männer im Westen den gleichen Mut wie die Taliban, würden wir heute nicht von Juden regiert.“

Mit diesem Blick, ist es gar nicht mehr so abwegig, wenn nun Teile der rechtsextremen Szene die Rückkehr der Taliban nach 20 Jahren als Sieg über die in ihren Augen verkommenen Moderne, mit all ihren Errungenschaften feiern. Interessant sind allerdings die Bilder mit denen sie die Taliban glorifizieren. Es sind Propagandabilder der Taliban – Memes.

Taliban nutzen rechtsextreme Memes für ihre Propaganda

Wo genau der Ursprung der jeweiligen Bilder liegt, ist bisher schwer zu sagen. Wir wissen allerdings, dass zahlreiche sich als Taliban-Kämpfer ausgebende Accounts jene Bilder auf ihren Social Media Accounts verbreiten. Dabei bedienen sie sich der Meme-Sprache der Alt-Right.

So gibt es beispielsweise ein Meme, auf dem „Pepe der Frosch“ bewaffnet als Talib zu sehen ist. Im Hintergrund stehen Regenbogenflaggen an der US-Botschaft, auf der ein McDonald’s-Zeichen prangt, in Flammen. Menschen versuchen, in einem Militärflugzeug zu fliehen, andere Menschen stürzen von einem Flugzeug hinab. Die an sich unpolitische Cartoon-Figur „Pepe“ wurde im Zuge des US-Wahlkampfes 2016 immer mehr zu einer Ikone der rechtsextremen, Trump unterstützenden Alt-Right-Bewegung – und wird von rechtsextremen Internetuser:innen selbst als Verkörperung des hasserfüllten, nationalistischen Symbol verwendet.

Dieses Meme wurde unter anderem von Dubravko Mandic verbreitet

„Dass Pepe auch als islamistischer Kämpfer dargestellt wird, ist jedoch kein neues Phänomen”, so Veronika Kracher von der Projektstelle de:hate, die sich mit dem Monitoring von Online-Radikalisierung befasst. „Pepe wird – explizit gegen den Willen seines Schöpfers – seit mehreren Jahren von der 4chan-Community als Kämpfer gegen die Moderne dargestellt; ob nun in der Klu Klux-Klan-Robe, SS-Uniform oder eben als Talib”, so Kracher. „Mir kam ein derartiges Bild das erste Mal 2016 oder 2017 unter. In der politischen und moralischen Transgression verwurzelt, ist dieses Bild eine höhnische Affirmation faschistischer Gewalt, ein Bekenntnis zu dem Wissen, dass Neonazis und Islamisten ideologisch gar nicht so verschieden sind”.

„StoneToss“-Memes

Ein weiteres verbreitetes Meme bedient sich der „StoneToss“-Comics. Das Webcomic veröffentlicht Bilder, die linke Politik und Ideale ins Lächerliche ziehen und propagiert gleichzeitig nationalistische und antimoderne Ziele und Ansichten.

Sie ziehen am selben Strang: Taliban und Neonazis

Am Tag der Rückeroberung Afghanistans durch die Taliban, dem 15. August, honorierte der „StoneToss“-Twitter-Account mit seinen knapp 180.000 Follower:innen, anerkennend:

„Die Lehre der Taliban in Afghanistan ist, dass dein Feind stärker sein kann als du, reicher, technologisch fortschrittlicher, unterstützt von jeder modernen Institution auf der Erde und dennoch kannst du deinen Feind überdauern, indem du einfach nicht aufgibst.“

Lobende Worte für die Taliban

Am 3. August postete dann ein sich als Taliban-Kämpfer ausgebender Account ein „StoneToss“-Meme. Zusehen ist darauf, dass Taliban-Kämpfer und weiße Nationalisten, bzw. Neonazis auf derselben Seite gegen „die Elite“ (antisemitische Chiffre) und LGBTQI*-Aktivist:innen kämpfen. Sinnbildlich ziehen sie am selben Strang. Unter diesen Post finden sich lobende Worte des „StoneToss“-Accounts, dass die Taliban Meme-Sprache besser beherrschen würden als „lefties“ (Linke).

„Taliban-Chad“ – die Ästhetik der Incel-Community

Seit der Rückkehr der Taliban versuchen Aktivisten auf Social Media gezielt das Image der radikalen Islamisten aufzupolieren und sich als teils humorvolle und internetaffine starke männliche Truppe zu inszenieren. Einige solcher Taliban-Accounts, mit zum Teil mehreren zehntausend Follower:innen, fungieren als eine Art Durchlauferhitzer, in dem sie ihre Propaganda in Memes verpacken und damit insbesondere ein junges Publikum ansprechen. Viele dieser Memes bedienen sich dabei der Incel-Ästhetik, einem frauenhassendes Sub-Genre aus den düstersten Ecken des Internets.

Taliban Propaganda auf Social-Media

Ein Beispiel dafür ist das „Taliban-Chad-Meme“ oder „Chadliban“: Chads sind im Szenejargon der Internet-Community „Alpha-Männer“, sie sind das Paradebeispiele für Hypermaskulinität. Nun findet auch der „Taliban-Chad“ in unterschiedlichsten Darstellungen eine immer größere Verbreitung. Es geht in den Bildern mal um den Sieg der radikalen Islamisten über den Westen, gegen die in ihren Augen verweichlichten Menschen in Demokratien, gegen Frauenrechte, für Frauen in Hijab, andere beschwören, dass Taliban und Neonazis Brüder im Geiste sind. Andere Memes der Taliban triefen nur so vor Rassismus gegen schwarze Menschen und vor blankem Antisemitismus. Sie feiern ihren Sieg über die „Zionisten“, über Jüdinnen und Juden. Genau wie in der verschwörungsmythologisch aufgeladenen Ideologie der „neuen“ Rechten und der Alt-Right, glauben die Taliban, die amerikanische Regierung, gar eine Welt-Regierung würde von einer jüdischen Elite geleitet, deren Ziel es sei, Männer zu verweichlichen, um sich „das Volk“ zum untertan zu machen.

„Taliban-Pill“

So ist es eindeutig, weshalb so viele weiße Nationalist:innen und Neo-Faschist:innen im Moment den Sieg der Taliban feiern. Die afghanischen Islamisten haben zu diesem Zeitpunkt die Moderne mit all ihren aufklärerischen Errungenschaften besiegt. Jenes Ziel, nach dem sich die Akzelerationist:innen so sehnen, jene rechtsextremen Aktivistinnen, die die Errungenschaften der Moderne durch einen „Bürgerkrieg“ zu überwinden versuchen. In Nordamerika und Europa loben extrem rechte Akteur:innen die Taliban für ihren Antisemitismus, ihre Homofeindlichkeit und die strengen Einschränkungen der Freiheit von Frauen. Auf Social Media und in Foren ist bereits von der „Taliban-Pill“ zu lesen, in Anlehnung an die rechtsextremen Codes „red pill“ und „black pill“, als Augenblick der Erkenntnis. In ihrem antimodernen Denken sind Taliban und Rechtsextreme tatsächlich Brüder im Geist.

 

Mit Recherchen von Veronika Kracher.

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