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Valentinstag Online-Dating ohne Hassrede

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Auch Love-Maschinen haben mal Liebeskummer. (Quelle: Burak Kostak/Pexels)

Liebe und Hass sind eine immer wieder gerne bediente Gegenüberstellung, wenn es um die Bekämpfung von sexistischen, rassistischen und antisemitischen Kommentaren auf Social-Media-Plattformen geht. Hasskommentare und Schmetterlinge im Bauch sind aber defintiv kein Match. Gerade beim Onlinedating findet Diskriminierung abseits der öffentlichen Wahrnehmung statt. Flirten und Partner*innensuche beschränken sich selbstverständlich nicht nur auf Datingplattformen. Auch in den Sozialen Medien wird „in die DMs (Direktnachricht) geslidet“ und abseits der Öffentlichkeit versucht, Kontakte zu knüpfen. In beiden Fällen sind Betroffene erstmal mit dieser Erfahrung auf sich gestellt. Ein Unmatch bedarf nicht mehr als eines Klicks, ein Profil ist schnell blockiert, Hassrede auf Datingplattformen (oder auch in den Direktnachrichten) bleibt jedoch weitestgehend unsichtbar.

Was ist der Unterschied zwischen Dirty Talk und Hate Speech? Einvernehmlichkeit und Respekt!

Dating im 21. Jahrhundert scheint viele zu verunsichern. Manche vermuten gar, dass „der Flirt“ in Gefahr sei, oder man gar nicht wisse, was noch erlaubt sei. Nicht selten kommen solche Aussagen aus dem antifeministischen Lager. Aber es verfängt sich und in der Tat sind viele Menschen nicht mit dem Konsensprinzip vertraut. Ein Nein oder andere Formen von Grenzziehung werden oftmals nicht akzeptiert. Dies äußert sich auch in der Kommunikation auf Datingplattformen.

Die Grenzen von derb bis belästigend scheinen fließend zu sein. Umso wichtiger ist es nachzufragen, was für die andere Person in Ordnung ist oder welche Kommunikation gewünscht wird. „Dem Feminismus“ eine Schuld zu attestieren dafür, dass die eigenen „Komplimente“ verletzend und erniedrigend sind, ist eine misogyne Form der Täter-Opfer-Umkehr. Zeit sich selbst und seine Kommunikation zu hinterfragen. Ein Korb mag nicht angenehm sein, aber da müssen wir alle durch: Das ist kein Grund, das Gegenüber komplett nieder zu machen.

Alltagssexismus und -rassismus, wie auch Antisemitismus, sind auch hier präsent. Das Gegenüber wird schnell objektiviert und nicht mehr als vollwertige Person mit eigenen Vorstellungen, Wünschen und dem Recht auf einen respektvollen Umgang wahrgenommen.
Herabsetzende Äußerungen über Äußerlichkeiten folgen auf eine Zurückweisung. BIPOCs (Black and Indigenous People of Colour) und POCs (People of Colour) werden aufgrund ihrer Hautfarbe, Haare oder anderen Zuschreibungen fetischisiert und exotisiert. Sie erfahren aufgrund rassistischer Vorstellungen nochmal eine zusätzliche Sexualisierung. Juden und Jüd*innen sollen doch mal berichten, wie das war mit der eigenen Familie und dem Holocaust, werden bedrängt, den Schlusstsrich zu ziehen, oder sollen sich noch vor dem ersten Date vom israelischen Staat distanzieren. Für Betroffene ist das auf Dauer nicht nur anstrengend, sondern kann auch darüber hinaus Folgen auf das eigene Selbstbild und das Ausleben des eigenen Begehrens haben. „Ohne Angst verschieden sein“ – ist nicht, wenn man permanent zum „Anderen“ gemacht wird, zur Fremdheitserfahrung, zur Klischeeerfüllung dienen soll („besonders leidenschaftlich, wild“ o.ä). Zeit mit solchen Stereotypen auch im Dating aufzuräumen. Next!

Wie gehen Datingplattformen mit Hate Speech um?

Tinder greift in seinen Richtlinien Hassrede als Meldegrund auf. Hierunter fällt laut Plattform: das Bewerben und Vertreten von rassistischen Inhalten, sowie Hass schürende Inhalte und zu Gewalt aufrufende Kommentare gegen Individuen oder Gruppen aufgrund ihrer Hautfarbe, Ethnie, Herkunft, Religion, Behinderung, Geschlecht(-sidentität), sexueller Orientierung oder Alter). OkCupid erklärt im Helpcenter, wie man ein Profil meldet, wenn es zu sexueller Belästigung oder Belästigung allgemein kommt. Gemeldet werden können ganze Profile, Nachrichten und Bilder. Die Datingplattform gibt an, dass ihre Benutzer*innen selbst wissen, wann etwas grenzüberschreitend sei, es gibt also keine einsehbaren Kriterien von Seiten des Unternehmens. Inwiefern das Moderationsteam Meldungen tatsächlich berücksichtigt, ist demnach nicht nachvollziehbar. Tinder und OkCupid raten außerdem dazu, die Konversation aus Sicherheitsgründen auf der Plattform zu belassen, sie klären über Konsens auf und zählen weitere Möglichkeiten auf Dating, insbesondere für LGBTIQ*, so sicher wie möglich zu gestalten.

Auch der Kontakt zu Beratungsangeboten werden bereitgestellt. Bei Grindr gibt es Hate Speech und Diskriminierung als Meldekategorie. Ob bereits das Nennen von Gruppen aufgrund von Ethnie o.ä, an denen man kein Interesse hat, unter Diskriminierung fällt, eine gängige Praxis auf schwulen Datingplattformen, ist nicht ersichtlich. Allen Plattformen gemein ist, dass es einen Großteil der Hilfsangebote nur in englischer Sprache gibt. Wichtige Informationen sind damit schwerer zugänglich. Grundsätzlich mangelt es an Transparenz und Nachvollziehbarkeit, wie viel Hate Speech gemeldet wird, was von der Moderation geahndet wird und welche Konsequenzen dies hat.

Bumble scheint sich davon abheben zu wollen. Die Plattform basiert auf dem Grundgedanken, dass nur Frauen Kontakt knüpfen können. Die Datingplattform war in der Vergangenheit immer wieder in den Fokus von rechtsextremen Gruppierungen geraten, wegen ihrer Position zur Gleichstellung von Frauen. Seit 2017 kooperieren sie mit der „Anti Defamation League“ im Kampf gegen Hate Speech und Hassymboliken auf der Plattform. In ihren Community Guidelines wird Misogynie neben anderen Formen von Hate Speech speziell hervorgehoben. Sie fordern ihre Community dazu auf, aktiv mitzuhelfen, solchen Inhalten keinen Platz auf ihrer Plattform zu gewähren. Dass Bumble in seinen Community Guidelines eine Art Kleiderordnung aufführt, die sich insbesondere an Frauen richtet, scheint die Kehrseite zu sein: Zu den absurden, äußerst spezifischen Regeln gehören „keine Fotos von Bikinis oder Badebekleidung drinnen“, „keine Fotos in Unterwäsche“, „keine Spiegel-Selfies mit freiem Oberkörper/Unterwäsche“. Offensichtlich hat man nicht nur ein Problem mit Sexismus, sondern auch mit der selbstbestimmten Sexualität von Frauen. Ein Spannungsfeld, das auf vielen amerikanischen Plattformen existiert und ebenfalls einer kritischen Diskussion bedarf.

Jetzt kann man sich streiten, ob man Tinder, Bumble, OkCupid, Grindr und Co. als Soziale Medien auffasst, klar ist, dass viele Menschen auch auf der digitalen Suche nach Liebe, Sex und Zärtlichkeit mit Hate Speech konfrontiert werden. Aufgrund ihrer Größe dürften sie nicht unter das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) fallen. Umso wichtiger ist Sichtbarkeit.

Schluss machen mit Hate Speech

Instagram-Screenshot von @antiflirting2

Frei nach dem Motto „das Private ist politisch“ haben Betroffene angefangen, ihre Erlebnisse mit Hate Speech und sexueller Belästigung auf Datingplattformen oder in Privatnachrichten fotografisch festzuhalten (durch Screenshots) und in den sozialen Medien zu veröffentlichen. Gemeinsam mit einem Kommentar, einer Form der Gegenrede, holen sich Betroffene ihre Deutungshoheit zurück. Profilname und -bilder werden dabei größtenteils unkenntlich gemacht. Es geht nicht darum, eine Person öffentlich anzuprangern, sondern ihre Hasskommentare und ihr übergriffiges Verhalten zu kritisieren. Antiflirting 2, ein Instagram-Account zweier feministischer Aktivistinnen aus Wien, hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein öffentliches Bewusstsein zu schaffen für den alltäglichen Sexismus und belästigende Kontaktversuche, den insbesondere junge Frauen in ihrem digitalen Alltag, beim Onlinedating, aber auch auf Plattformen wie Quizduell erfahren. Es ist ihr zweiter Account: Der erste wurde wegen expliziter Inhalte gesperrt. Jetzt achten sie verstärkt darauf, die Richtlinien einzuhalten. Regelmäßig gibt es auch eine Triggerwarnung auf dem Kanal. Bei ihnen meldeten sich nicht nur Betroffene, sondern auch Menschen, die ihr eigenes Verhalten durch den Account angefangen haben zu reflektieren. Ein Erfolg. Doch darüber hinaus gibt es noch einiges zu tun. Wir müssen den Blick weiten und unterschiedliche Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Ungleichheitsideologien erfassen – auch im Kontext von Liebe und Sexualität. Außerdem brauchen wir mehr Informationen darüber, wie groß das Problem Hate Speech auf Datingplattformen ist, um es zu bekämpfen.

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