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Vegane Nazis Wie Rechstextreme mit ihre Ernährung ideologisieren

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Veganismus geht auf eine pflanzenbasierte Ernährungsweise zurück. (Quelle: pixabay)

Ab den 2010er Jahren tauchten in Deutschland sogenannte Nipster („Nazi-Hipster“) als modernes Phänomen der sogenannten „neuen” Rechten auf. Verpackt im Jutebeutel wurde versucht, rechtsextreme Ideologien in junge Generationen zu tragen und Anhänger*innen zu rekrutieren. Dabei orientierten sich die Rechtsextremen am modischen Geschick einer kosmopolitischen Jugendbewegung und an deren alternativen Lebensweisen wie dem Veganismus. Auf dem YouTube-Kanal „Balaclava Küche“ wurde so ziemlich genau das gezeigt. Nach dem „identitären Gruß“ ging es ans Eingemachte: Vegane Rezepte, zubereitet von hipsterigen Köchen mit Sturmhaube – stets gepaart mit rechts-komödiantischen Kommentaren. Das Format ist eingeschlafen, aber längst nicht das Interesse am Veganismus in rechtsextremen Kreisen.

Im Video-Format und den sozialen Netzwerken bleibt „Der Vegane Germane“ am Ball. Weniger modern, dafür umso plakativer. Wie der Name schon vermuten lässt, wird thematisch zweigleisig gefahren: Strikter Veganismus und „alternative Geschichtserzählung“. Argumentativ geht es aber nur in eine Richtung, in die verschwörungstheoretische. Der Vegane Germane beschreibt sich als Gesellschaftsaussteiger und bezichtigt Deutschland der Lüge über Geschichte, Ernährung und das Finanzsystem. Verpackt in laienhafte Videoformate mit epischer Musik und kruder Bebilderung, werden die Versuche einer „alternativen Welterklärung“ in sämtliche sozialen Kanäle gespült. Insbesondere der Chat und die Kommentar-Funktion der eigenen Website sind ein Sammelbecken weiterer Verschwörungstheoretiker*innen, die mehr Interesse am Content des Germanen, als am Veganismus zu scheinen haben.
Neben vereinzelten Hobby-Foodblogger*innen-Versuchen aus dem IB-Umfeld (#veganreconquista), wurde Veganismus aber auch von anderen rechtsradikalen Gruppen und Bewegungen für eigene Zwecke entdeckt. Dabei geht es aber um mehr als die Aneignung einer alternativkulturellen Ernährungsweise. Es geht um Reinheit und Willensstärke, überlegene Ernährungsformen – in einer nationalsozialistischen Bewegung und Kampfsport-Gruppen.

Das geht doch auf keine Kuhhaut

Wie genau passen Veganismus und Rechtsextremismus zusammen? In Kürze: Als Veganismus wird eine Lebens- und Ernährungsweise bezeichnet, die eine Verwendung tierischer Produkte ablehnt. Motivationsgründe gehen überwiegend auf Tier- und Umweltschutz zurück. Die pflanzliche Lebensweise ist aber auch Teil der Straight-Edge-Szene, die auf Drogen aller Art, Alkohol, Tabak und häufig wechselnde Geschlechtspartner*innen verzichtet. Insbesondere in der jüngsten Vergangenheit ist der vegane Lebensstil zu einem Trend herangewachsen. Besonders großen Anklang gab es in Großstädten, im universitären und linksalternativen Umfeld. Vegan sein gilt dort als hip und modern. Es ist aber nicht nur ein Trend, vielmehr eine ethische Philosophie und Bewegung. Der Ursprung des Begriffs geht auf Donald Watson zurück. 1944 gründete der Engländer die Vegan Society und erfand in diesem Zuge den Begriff „vegan“. Watson war ein Pazifist und Kriegsdienstverweiger im Zweiten Weltkrieg. Also wie genau passen rassistisches und rechtsextremes Gedankengut mit einer Bewegung zusammen, die Ausbeutung und Unrecht ablehnen?

Eth(n)ische Beweggründe

Da gibt es zum Beispiel die „Homefront Publications“, ein US-Hausfrauen-Magazin für den rassenbewussten Haushalt (übers.: „A Publication for the Racially Conscious Home.“).  Auf einer Website im amateurhaften Blog-Design der frühen Nullerjahre, werden Rezeptideen („German Potato Salad“), Haushaltstipps („Household Hints from 1948“) und Erziehungsratgeber („Raising a Superior Child“) geteilt. Die Ausrichtung ganz klar: White Supremacy. Das Magazin, direkt von der Heimfront, wird unterstützt von den „Women for Aryan Unity“ (dt. „Frauen für die arische Einheit“). Eine Organisation aus Kanada, mit Sitz in Australien. Das gedruckte Magazin wurde zwar zuletzt 2015 in unprofessioneller Paint-Optik mit „arischer“ Bebilderung veröffentlicht, dennoch sind die Artikel im Netz noch zugänglich. Eine der Rubriken bezieht sich auf Vegetarismus und Veganismus. Es geht um die Vorteile veganer Ernährung bei Schwangerschaften, aber auch generell um gesundheitliche Vorzüge. Interessanterweise wird dort mit dem regulären Umwelt- und Tierschutz-Verständnis argumentiert: Tierquälerei und Ressourcenverschwendung. Ein ideologisch aufgeladener Artikel stellt Veganismus als überlegene Ernährungsweise dar. Darauf wird zwar nicht näher eingegangen, blickt man aber auf andere Bewegungen und ihre Ideologien, wird schnell deutlich, worauf die Überlegenheit anspielt.

Aryanism / Arierismus

Gemeint ist die US-amerikanische Bewegung des „Aryanism“ (dt. „Arierismus“). Der Slogan der nationalsozialistischen Bewegung lautet „Unity through Nobility“ (dt. „Einheit durch Adel“). Hakenkreuz, Hitler- und Hess-Zitate untermalen die nationalsozialistischen Ideologien. Die „Aryanism“-Bewegung versteht sich dabei als Weiterdenken des Nationalsozialismus, unter Einbezug von Kontext und Aktualität. Darum findet sich auf der Internetpräsenz auch ein großer Themenblock zur weiterentwickelten Rassenlehre und „arischen“ Lebensweisen ein. Ein umfassender Teil davon: Ernährung. Ein Unterkapitel ist Veganismus. Beides zählt zur „Kultur“ der Bewegung. Die ohnehin schon widerliche Argumentation der Rassenlehre wird auch im Veganismus weiter gestrickt. Veganismus sei schon immer ein Merkmal eines „authentischen Nationalsozialisten“ gewesen. Es sei eine Folge des „arischen Instinktes“ und der Genetik. Eine notwendige Bedingung des „Arierismus“. Als Anhaltspunkt wird auch immer wieder Hitler, „der Vegetarier“, herangezogen. Bedient wird sich dabei kräftig aus der Propaganda-Schublade. Ein Foto, wie der nationalsozialistische Diktator Rehe füttert und Zitate über seinen Schäferhund Blondie sollen die Tierliebe Hitlers zeigen. Die nahezu vegetarische Diät Hitlers, die mehr aus gesundheitlichen Beschwerden als aus ideologischem Interessen gelebt wurde, wird umfassend instrumentalisiert und als Grundstein der veganen Kultur gelegt.

Die lange, verflochtene „Aryanism“-Ideologie meint damit zu erklären, wie Veganismus und Nationalsozialismus zusammenpassen. Dabei geht es um eine Überlegenheit und Abgrenzung, in erster Linie vom Feindbild des Judentums. Grundlegend unterscheidet der „Arierismus“ zwischen nichtjüdisch und jüdisch. Darum wird auch zwischen „arischer Ernährung“ und der Kaschrut (jüdische Speisegesetze) unterschieden. Es wird eine Lebensart generiert und gewählt, die am weitesten von einer jüdischen entfernt ist. Koscheres Schlachten wird als Grausamkeit angeführt. Die Unterscheidung zwischen fleischigen und milchigen Speisen nach der Kaschrut dient als Indikator für eine „ausbeuterische“ Küche. Groteskerweise sieht sich ausgerechnete die nationalsozialistische Bewegung in einer Pflicht, Ausbeutung zu verhindern. Veganismus sei die Unterlassung der Ausbeutung.  Darum setzt die „arische“ Küche auf pflanzliche Ernährung, vor allem getreidebasiert. Das Sinnbild eines „arischen“ Gerichts? Haferschleim. Kalt oder warm, süß oder deftig – über die Vorteile des Gerichts wird im „Arierismus“ ausschweifend philosophiert. Haferschleim zeichne sich durch zahlreiche Eigenschaften aus, auch in alten Kulturen, wie das Hakenkreuz – so die absurde Erklärung. Ein nationalsozialistischer Staat solle Haferschleim übrigens auch als Nationalgericht anerkennen.

 

Straight Edge – Straight Far-Right

Eine weitere rechtsextreme Besetzung erfuhr die Straight Edge-Bewegung, also die drogenfreie Jugendbewegung aus der Hardcore Punk-Szene, die im erweiterten Sinne auch Veganismus praktiziert. Deren Hintergründe sind nur schwer mit einem Imagewandel rechtsextremer Akteur*innen zu erklären, wie beim „Nipstertum“. Vielmehr geht es um Überlegenheit, durch Disziplin und Fitness – wie in der Kampfsport-Szene. Auch beim „Kampf der Nibelungen“ (KdN), dem größten rechtsextremen Kampfsport-Event in Westeuropa, wird darum vegane Verpflegung angeboten. Zurückzuführen ist der Trend auf russische, rechtsextreme Kampfsportgruppen, die seit geraumer Zeit professionalisiert agieren. Dazu gehört das von Neonazis entwickelte Trainingsprogramm „PPDM – Father Frost Mode“, mit professionell produzierten Motivations-Videos für den Kraft-und Kampfsport-Bereich. Der „PPDM”- Lifestyle findet sich auch in T-Shirt-Kollektionen und professionellen Videos. Die Akteure treten aggressiv und breitschultrig auf. Weniger offensiv ist die Mode-Linie, die mit germanischen Symbolen wie dem Thor-Hammer auch in der Rechtsaußen-Szene fischt. Mit dem KdN findet eine länderübergreifende Vernetzung der rechtsextremen Szene statt. Der Gedanke eines wehrhaften und gesunden Volks, den PPDM verbreitet, wird darum auch von anderen Gruppen adaptiert.

In Deutschland eint die Trainingsgruppe „Wardon 21“ seit 2017 Straight Edge und Kampfsport. Die „Wardon-Feldküche“ ist auch für die vegane Bewirtung beim KdN zuständig. Die rechtsextreme Gruppe beruft sich auf eine volksgesundheitliche Lebensweise. Ein Slogan: „Nüchtern, stolz und erfolgreich“. Das Symbol der rechtsextremen Gruppe sind gekreuzte, weiße Arme, eine Hand zur Faust geballt, die ein schwarz-rotes Wappenschild halten. Das „X“ ist an das Symbol der Straight Edge-Bewegung angelehnt, die Farben ganz klar an die Farben des nationalsozialistischen Deutschlands.

Die Professionalisierung des rechtsextremen Kampfsports geht auf einen völkischen Verteidigungsgedanken zurückgeht, aber auch auf ein faschistisches Reinheitsideal von Körpern. Im weitesten Sinne wird einem soldatischen Männlichkeitsbild gefolgt. Drogen und Alkohol werden abgelehnt, indem sie zu einem körperlichen Verfall führen. Drogen werden darüber hinaus mit einer feindlichen Moderne assoziiert. Hier kann ein grundlegender Straight Edge-Gedanke angesiedelt werden. Die Reinheitsidee findet in der Ernährung durch Veganismus eine Begründung.

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