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Analyse Was ist aus demokratischer Sicht problematisch an Opus Dei?

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(Quelle: Pixabay, Wikipedia, BTN)

„Opus Dei“, gegründet 1928 von Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás, soll intellektuelle Männer und Frauen als Laien an die Kirche binden, um an der „Verchristlichung der Gesellschaft“ zu arbeiten und ihnen die „Heiligung der Arbeit“ zu vermitteln – sie sollen den Alltag als einen Weg zu Gott begreifen. Opus Deis Hauptanliegen war es, der katholischen Kirche wieder eine zentrale Rolle in der Gesellschaft zu sichern, die der Gründer schwinden sah. Zunächst war die Organisation für ehelos lebende Männer und Frauen gedacht, ab 1950 durften sich auch verheiratete Laien anschließen. Innerhalb der Kirche gelang die Einflussnahme der Organisation: 1941 wurde „Opus Dei“ kirchlich anerkannt, 1950 zum Säkularinstitut der katholischen Kirche erklärt, 1982 zu einer „Personalprälatur“, einem „klerikalen Zweckverband“, dem aber nicht nur Priester, sondern auch Laien angehören durften – mit dem Ziel für die katholische Kirche „ein kraftvolles und wirksames Werkzeug ihres Heilsauftrags für das Leben der Welt“ sein. Allerdings stimmt die Lehre Opus Deis teilweise nicht mit der Lehre der katholischen Kirche überein – je länger es existiert, desto weniger. Heute hat „Opus Dei“ rund 94.000 Mitglieder in 69 Ländern. Die Organisation operiert wie ein Geheimbund, der möglichst wenig Informationen in die Öffentlichkeit gelingen lässt. Das Opus Dei versteht sich als eine „Miliz“, die durch „strenge Disziplin stark“ sei, eine „Generalmobilmachung der Laien“, zugleich „Familie“ und „Kampftruppe“. Gründer Josemaría Escrivá wurde 2002 im Schnellverfahren heilig gesprochen.

In Deutschland hat „Opus Dei“ etwa 600 Mitglieder, darunter der neurechte Journalist Jürgen Liminski, Vater von Armin Laschets Berater und Staatskanzlei-NRW-Chef Nathanael Liminski, und die Kölner Kardinäle Joseph Kardinal Frings, Joseph Kardinal Höffner und Kardinal Joachim Meisner. Kardinal Rainer Maria Woelki ist kein Mitglied bei Opus Dei, hat aber an der Opus Dei-„Universität vom Heiligen Kreuz“ seinen Doktor gemacht zu habe. Das Opus Dei betreibt Einrichtungen für Jugendliche, Studierende, Auszubildende und Institutionen der Erwachsenenbildung an verschiedenen Standorten in Deutschland (Übersicht hier).

Beziehung zum Franco-Faschismus

Josemaría Escrivá veröffentlichte seine erste Schrift 1934, die zweite mit dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs 1939 – sie sind der geistlich-lebenspraktische Leitfaden für Mitglieder. Die Büchlein sind durch die Zeit des spanischen Faschismus geprägt. Weil im republikanischen Teil Spaniens Kirchen zerstört und Priester verfolgt wurden, floh Escrivá 1937 in den von Franco besetzte Teil Spaniens und lebte dort im Einklang mit dem faschistischen Regime – es habe Spanien vor Kommunismus bewahrt und für das Christentum gerettet. Noch in den 1960er Jahren hat Josemaría Escrivá Hitler entschuldigt und den Holocaust verharmlost, berichtet ein Aussteiger – „Opus Dei“ bestreitet das. 1957 wurden drei Opus Dei-Mitglieder zu Ministern in Francos Regierung ernannt, 1962 kam ein weiterer hinzu, in den letzten Regierungsjahren Francos sollen es 10 der 19 Kabinettsmitglieder gewesen sein – wobei nur 4 belegt sind. Auch Chiles Machthaber Augusto Pinochet soll Escrivá und Opus Dei nahe gestanden haben – autoritäre Strukturen passen zur ultrakonservativen Einstellung der Organisation.

Was bis heute an „Opus Dei“ problematisch ist (unter anderem):

Unfreiheit:

Die katholische Organisation ist, so beschreiben es Aussteiger:innen, organisiert wie eine antidemokratische Sekte. Ziel für die Mitglieder ist die totale Unterwerfung unter die Regie des von der Organisation bestimmten geistlichen Führers (dürfen Männer und Frauen führen) oder der geistlichen Führerin (darf nur Frauen führen), die sich als Stellvertreter Gottes darstellen. Schriften des Anführers Escrivá fordern, Erwachsene sollten „wie Kinder“ sein, die „nie in die Pubertät kommen.“ Absoluter Gehorsam ist das Ziel. Escrivá : „Kein Ideal wird ohne Opfer Wirklichkeit. – Verleugne dich selbst. Es macht so glücklich, sich aufzuopfern.“ Eigene Bedürfnisse sollen durch „Abtötung“ überwunden werden. Ständige Arbeit soll Zeit zum Nachdenken nehmen, sehr häufige „Gewissenserforschung“ soll alle Geheimnisse der Anhänger:innen ans Licht bringen und tägliche Abhängigkeiten und (Selbst-)Abwertung schaffen, um die Anhänger:innen noch gefügiger zu machen. Eine Mitgliedschaft ist auf Lebenszeit angelegt, wer „Opus Dei“ vor dem Tod verlässt, wird verstoßen und ihm oder ihr wird das Christ:in-Sein abgesprochen, weil er oder sie Frevel an Gott begangen habe.

Der Beitritt zu Opus Dei und zu allen damit einhergehenden Ritualen ist freiwillig. Allerdings wirbt die Organisation bewusst mit locker erscheinenden Angeboten bereits um Kinder und junge Jugendliche, die oft vor allem Gemeinschaft und Halt suchen und die Tragweite der Entscheidung, einer katholischen Geheimorganisation beizutreten, kaum überblicken können. Hat sich ein:e Jugendliche:r für Opus Dei entschieden, wird er oder sie angehalten, nicht mit Eltern und Freund:innen darüber zu reden, bis er oder sie alt genug sind, offiziell Mitglied werden zu können.

Innerhalb der Gemeinschaft gib es verschiedene Lebensentwürfe, „Lebenspläne“ genannt: Manche Gläubigen gehen ins Zölibat und in ein klosterähnliches Leben in Gemeinschaftshäusern, andere gründen Familien und streben für „Opus Dei“ nach politischem oder kirchlichem Einfluss. Es darf studiert werden – allerdings nur mit der Zustimmung oder auf Anweisung der Führung, mit von der Führung genehmigten Büchern, die nicht auf dem organisationseigenen Index stehen. Was als gut oder böse angesehen wird, bestimmt ebenfalls die „Opus Dei“-Führung. Anhänger:innen erkennen darin weder Kontrolle noch Manipulation oder Eingriff in Persönlichkeitsentwicklung, sondern den einzigen Weg zu Gott.

Unfreiheit gilt aber nicht nur für die Anhänger:innen, sondern auch für die „Christianisierung“: Opus Dei befürwortet „heiligen Zwang, Blindheit, Zensur und heilige Unverschämtheit“ – im Gegensatz zur restlichen Kirche. „Heiliger Zwang“ soll etwa angewandt werden, um das „Seelenheil“ anderer auch gegen deren Willen zu „retten“. „Heilige Unverschämtheit“ bedeutet, sich aus Kritik und Spott anderer nichts zu machen, sich nicht um gesellschaftliche Konventionen zu kümmern, wenn es darum gehe, Gott zu dienen.

Verschwörungsdenken:

Einmal als Opus Dei-Mitglied deklariert, wird der Kontakt zur Herkunftsfamilie so weit wie möglich unterbunden, um die Bindung an die Organisation und ihre Rituale zu stärken (z.B. je nach Grad in der Organisation etwa Gewissenserforschung, Geißelungen, Zölibat). All dies wird als „Wille Gottes“ deklariert, der sich in den Anführer:innen verkörpere – und jede Unzufriedenheit mit der Situation als „Prüfung des Glaubens“ geframt, der nicht zu hinterfragen sei. Die Mitglieder geißeln sich etwa selbst, mit Peitschen und Metallketten mit Dornen, um damit „Gottes Schmerz“ an der Menschenheit zu lindern, als „stellvertretende Buße“ für die, die ungläubig sind und sündigen. Sie versuchen, sich abzuhärten, um alle Befehle Gottes (oder vielmehr ihrer Anführenden) annehmen zu können. Dafür wird den Anhänger:innen vermittelt, auserwählt, berufen und damit etwas Besonderes zu sein, dass sie über die Masse hebt.

Sexismus:

Zwar dürfen auch Frauen Teil von Opus Dei werden, aber sie gelten als weniger wert und dürfen keine Führungspositionen über Frauen und Männer einnehmen. Die Einrichtungen und Tätigkeiten der Frauen werden im Opus Dei Administratio („Verwaltung“) genannt, Anführer Escrivá schrieb: „Die Frauen müssen nicht gelehrt sein. Es reicht, wenn sie diskret sind.“ Die Häuser der Männer heißen „Residenz“. Nur für die Frauen gibt es Auflagen für Kleidung und Frisur (z.B. keine Hosen, keine offenen langen Haare, keine kurzen Ärmel). Wenn Frauen und Männer verheiratet sind, sind sie zum Kinderkriegen da: „Das Leben der Eheleute soll getragen sein von einer aufrichtigen und lauteren Liebe und von der freudigen Haltung, so viele Kinder zu haben, wie Gott ihnen ermöglicht, auch, wenn nötig, unter Verzicht auf persönliche Annehmlichkeiten und im Glauben an die göttliche Vorsehung. Wenn eine kinderreiche Familie Gottes Wille ist, sind darin Glück und Wirksamkeit verbürgt, mögen auch die irregeleiteten Verfechter eines traurigen Hedonismus das Gegenteil behaupten“, schreibt Josemaría Escrivá etwa. Aber wahre Männer leben für ihn keusch: „Es bedarf eines Feldzuges für Männlichkeit und Reinheit, um die verheerende Arbeit derjenigen zu durchkreuzen und auszulöschen, die den Menschen für ein Tier halten. – Dieser Feldzug ist eure Sache.“

Homo- und Transfeindlichkeit:

Homo- und Transsexuelle sind Hauptfeindgruppen der fundamentalkatholischen Organisation. Homo- und Transsexualität soll es einfach nicht geben. Die heterosexuelle Familie ist nicht nur ein Idealbild der gesellschaftlichen Keimzelle für „Opus Dei“, es ist die einzige akzeptierte Form „gottgefälligen“ Lebens. Jede andere Form von (Sexual)Leben wird nicht nur als Abweichung, sondern als Angriff verstanden und entsprechend bekämpft – zumindest bis zur Akzeptanz der Inhaftierung oder Ermordung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung durch faschistische Regimes.

Ungleichheit:

Teile von „Opus Dei“ wenden sich explizit von der katholischen Soziallehre ab, die sich für soziale Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einsetzt, und vertreten eher neoliberale Positionen wie Arbeiter hätten kein Recht auf existenzsichernden Lohn, Menschen in der Not hätten kein Recht auf Umverteilung zu ihren Gunsten oder dass der Großteil der Menschen dem reichsten Prozent der Menschheit verdanke, Arbeit und Einkommen zu haben. Dies widerspricht neben der Katholischen Soziallehre auch der Erklärung der Menschenrechte, die etwa das Recht des Arbeiters auf existenzsichernden Lohn beinhalten und das Recht jedes Menschen auf das Lebensnotwendige. Die Katholische Soziallehre wird von diesen Teilen als „Antikapitalismus“ verachtet, weil sie sich für politische Umverteilungen und global Governance für das Gemeinwohl einsetzt. Klimaschutz lehnt „Opus Dei“ auch ab – obwohl dieser sogar von Papst Franziskus im Sinne der Bewahrung der Schöpfung offiziell in einer Enzyklika als Engagementziel für Katholik:innen benannt worden war.

Fehlende Transparenz:

„Opus Dei“ (etwa 90.000 Mitglieder weltweit, rund 600 in Deutschland) gibt sich als Geheimorganisation, lässt entsprechend wenig über personelle Strukturen, Organisationsformen, gesellschaftliche Strategien und Ziele nach draußen dringen. Informationen über den Aufbau dringen fast ausschließlich durch Aussteiger:innen aus der Sekte nach draußen, oder lassen sich von Handlungen von Führungsfiguren oder Anhänger:innen ableiten. Deshalb gibt es viele Spekulationen über (fehlende) Macht und Einfluss der Organistation, aber auch über die Auslegung von Praktiken und Strukturen und die Ziele der Organisation.

Was will Opus Dei?

Vor allem will „Opus Dei“ den Einfluss der Kirche auf die gesellschaftliche Gestaltung sichern – keine leichte Aufgabe in einer immer säkulareren Gesellschaft: Die „Verchristlichung der Gesellschaft“ ist von Anfang an als Ziel er Arbeit von „Opus Dei“. Die Mitglieder sollen ihr Leben und ihre Arbeit ganz in den Dienst Gottes stellen sowie Gesellschaft und Staat „christianisieren“.

„Opus Dei“ versucht es durch Einflussnahme auf politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungsträger:innen. Oder, in eigenen Worten: „“Wir haben den Ehrgeiz, die Institutionen der Völker, der Wissenschaft, der Kultur, Zivilisation, Politik, Kunst und sozialen Beziehungen zu heiligen und zu christianisieren“. Dabei wird ein nicht nur erzkonservatives, sondern auch menschenrechts- und teilweise demokratiefeindliches Weltbild vertreten wird. So fühlen sich „Opus Dei“-Anhänger:innen in Deutschland wohl bei Abtreibungsgegner:innen und Menschen, die LGBTIQ* das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung absprechen wollen, weil sie deren pure Existenz als Angriff auf die heterosexuelle Familie verstehen wollen – ultrakonservative Positionen, die von CDU bis AfD geteilt werden.

 

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Aussteiger-Interviews:

Portal von Opus Dei-Aussteiger:innen: http://www.opus-info.org/

Interview mit einem Opus Dei-Priester:

 

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