Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

„Hasskrieger“ Eine Blaupause zum Verständnis rechten Terrors

Von|
(Quelle: Pixabay)

In Erinnerung an: Ferhat Unvar – Gökhan Gültekin – Hamza Kurtović – Said Nesar Hashemi – Mercedes Kierpacz – Sedat Gürbüz – Kalojan Welkow – Vili Viorel Păun – Fatih Saraçoğlu. Das sind die Namen derjenigen Menschen, die am 19. Februar 2020 in und vor zwei Shisha-Bars im hessischen Hanau aus rassistischen Motiven erschossen wurden. Das Massaker reiht sich in eine Vielzahl rechtsterroristischer Mordtaten der letzten Jahre ein. Ein interaktiver Zeitstrahl der Amadeu Antonio Stiftung gibt Einblicke in die schrecklichen Ereignisse des Jahrzehnts.

Zwar ist das Buch, wie die Journalistin selbst betont, lediglich eine „Momentaufnahme“ im Strudel des Rechtsterrors, aber sie analysiert die zumeist identischen Muster und Taktiken der Täter*innen anhand konkreter Beispiele. Daher ist das Buch ohne Zweifel eine Blaupause zum Verständnis rechtsterroristischer Taten.

Zunächst bettet Schwarz ihre Analyse in eine Geschichte des Rechtsradikalismus im Internet ein, um die Online-Aktivitäten der radikalen und extremen Rechten einordnen und verstehen zu können. Denn die Online-Vernetzung setzte mit der Nutzung des „Thule-Netz“ bereits in den 1990er Jahren ein. Neonazis betrieben über Skandinavien und die USA die ersten Online-Shops und entdeckten die Kommerzialisierung der Verbreitung rechtsextremer Musik für sich. 1998 existierten ca. 320 rechtsextreme Websites, in den Folgejahren explodierte die Zahl und heute ist sie nicht mehr messbar. Die Historie, die Schwarz detailreich nachzeichnet, verdeutlicht: Die Online-Vernetzung ist keineswegs neu, sie besitzt ihre Ursprünge in den 1990er Jahren.

Die Journalistin beleuchtet die Akteur*innen (Parteien, Vereine, Influencer*innen) und entlarvt deren „Spielanleitungen“, die seit Jahren in rechten Kreisen in Form von Handbüchern und Strategiepapieren kursieren. Die zahlreichen, sehr anschaulichen Beispiele, die sie liefert, legen die Strategie der radikalen und extremen Rechten zur schrittweisen Normalisierung der antisemitischen und rassistischen Positionen offen. Dabei zeigt sie den Widerspruch zwischen Feindkonstruktion und Opferstilisierung auf und erklärt das toxische „Othering, also des „zum Anderen gemacht Werdens“.

Schwarz stellt fest: „Der digitale Raum ist in den vergangenen 30 Jahren zur wichtigsten Arena rechtsradikaler Akteure aus aller Welt geworden.“ Zwar sei das „Thule-Netz“ passé, aber dessen Nutzer*innen sind bis heute aktiv. Sie nutzen die gesamte Bandbreite an Social-Media-Plattformen wie Facebook, Telegram, Twitter, WhatsApp und YouTube. Die internen Chats und Chatgruppen, die die Messung der Verbreitung einzelner Links verunmöglichen („Dark Social“), gewinnen zunehmend an Bedeutung. Ihre Erzählungen gewähren spannende Einblicke in das Innenleben des „Dark Social“. Sie führen die Radikalität vor Augen. Die Radikalität, die in der Verherrlichung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gipfelt.

Das Internet ist Schwarz zufolge ein „Werkzeug des Terrors“, das sich die Täter*innen aneignen, um ihre gewaltvolle Ideologie in die Welt zu tragen. Das fünfte Kapitel „Terror“ ist ein Lehrstück zur Auswertung und Einordnung rechten Terrors. Wie radikalisierten sich die Täter von Christchurch, El Paso und Halle? Wie wurden die einzelnen Taten vorbereitet und durchgeführt, wie wurden sie inszeniert? Welche Plattformen nutzten die Täter? Schwarz stellt die zentralen Fragen und liefert fundierte Antworten. Sie ermittelt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede und analysiert die Reaktionen des rechten Spektrums in vier Stufen. Zunächst distanzieren sie sich, dann folgen Umdeutung, Normalisierung und Glorifizierung.

Abschließend bietet die Journalistin konkrete Lösungsansätze für eine konstruktive Debatte zum Stopp der zunehmenden Hetze und Verrohung in der Gesellschaft an. In der Hoffnung, dass der Rechtsterror, der in der Bundesrepublik grassiert, bald ein Ende findet.

Das Buch „Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus“ von Karolin Schwarz erschien Ende Februar 2020 im Verlag Herder und kostet 22€.

Weiterlesen

Whatsapp & Telegram Dark Social ist auch Trend bei Rechtsextremen

Viele Menschen sind der digitalen Öffentlichkeit auf Facebook, Twitter und Co. überdrüssig. Wenn auch der Arbeitgeber, deine Mutter oder alte Schulfreunde mitlesen, fühlen sich manche gehemmt und suchen neue Kanäle. Der Trend geht zu Dark Social – also halb- oder nichtöffentlicher Kommunikation über Messengerdienste wie Whatsapp und Telegram. Was Rechtsextreme dann dort tun, analysiert Miro Dittrich vom Monitoring-Projekt „De:hate“ der Amadeu Antonio Stiftung.

Von|
Unsere Partnerportale
Eine Plattform der