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Monitoring rechts-alternativer Medienstrategien Wie konstruierte „Wirklichkeiten“ die Demokratie gefährden

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Ausschnitt des Titelbildes der Broschüre: "Alternative Wirklichkeiten" der Amadeu Antonio Stiftung (Quelle: Amadeu Antonio Stiftung)

Weltweit mehren sich die Warnzeichen dafür, dass ein Zusammenhang zwischen gewalttätigen Übergriffen und vorangegangener Online-Radikalisierung besteht. Da ist zum Beispiel der Attentäter von Pittsburgh, der im Oktober 2018 elf Menschen in einer Synagoge erschoss, sechs weitere verletzte und sich offenbar in dem zum Großteil von Rechtsextremen genutzten Sozialen Netzwerk „Gab“ radikalisierte.

Im Laufe des Jahres 2018 kam es in Indien zu einer Reihe von Lynchmorden als Folge von Gerüchten, die über den Instant Messenger-Dienst WhatsApp verbreitet wurden. In Myanmar prangerten die Vereinten Nationen im Sommer 2018 „ethnische Säuberungen“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ an, nachdem die Hetze gegen die ethnische Minderheit der Rohingya und gegen Muslime auf Facebook massiv zugenommen hatte. In Frankreich wiederum versuchte ein rechtsextremer ehemaliger Politiker im November 2019 eine Moschee in Brand zu setzen und erschoss zwei Muslime, die ihn dabei konfrontierten. Der Polizei gegenüber benannte er als sein Motiv Rache für das Feuer von Notre Dame: Einer beliebten (widerlegten) Verschwörungserzählung zufolge sind Muslime dafür verantwortlich. Auch dem Mord am hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke durch einen mutmaßlich rechtsextremen Täter im Juni 2019 ging eine Online-Delegitimierungskampagne voraus, die viele sogenannte „alternative Medien“ befeuerten. Das Video, das Lübcke zur Hass-Figur in der rechtsradikalen Szene machte, stellten der spätere Täter und ein ideologischer Mittäter selbst auf YouTube ein. Und auch der Attentäter von Halle, der zwei Menschen ermordete, hatte sich im Internet radikalisiert: In seinem Livestream und seinem „Manifest“ nahm er Bezug auf Witze und Memes, die in Nischen der rechtsextremen Internetkultur sehr beliebt sind.

Die Wirkung toxischer Narrative

Um der Debatte um sogenannte „Fake News“, Filterblasen und Echokammern ein besseres Verständnis der zugrundeliegenden Strategien und Weltsichten zu verschaffen, veröffentlichte die Amadeu Antonio Stiftung 2017 den Monitoringbericht „Toxische Narrative“. Im Fokus standen hierbei die Inhalte und Bilder, die von rechtspopulistischen und rechtsextremen Akteur*innen online verbreitet werden, sowie die Denkmuster, auf die sie rekurrieren bzw. die sie füttern und verstärken. In den untersuchten Profilen erwies sich die Erzählung des Untergangs der Deutschen als insgesamt „erfolgreichstes“ Meta-Narrativ. Daneben lag bei der AfD und NPD das Narrativ des „Volksverräters“ auf Platz Eins. Neben einer emotionalen Verankerung, Bestätigung und Verstärkung bestimmter Weltbilder liefern solche Narrative auch „Argumentationshilfen“, die bis in die Kommentarspalten der bundesdeutschen Medienlandschaft hineingetragen werden. Als Gegenstrategien empfahlen wir verstärkte digitale Präventionsarbeit für Jugendliche und Erwachsene sowie offensives Fact Checking gegen „toxische Narrative“ und hoben die Bedeutung einer kontroversen Debattenkultur als „Seele der Demokratie“ hervor.

Was hat sich seitdem getan?

Viele zivilgesellschaftliche Initiativen bemühen sich um eine demokratische Debattenkultur – mit großen Engagement und viel Solidarität organisieren dies etwa die Projekte debate//, Civic.net oder die Facebook-Gruppe #ichbinhier. Die Bedeutung von Moderation in Kommentarspalten wurde zwar allgemein erkannt, aber bisher kaum besser umgesetzt. Die Betreiber*innen Sozialer Netzwerke arbeiten zunehmend mit technischen Lösungen – beispielsweise wurde in Folge der Lynchmorde in Indien das Weiterleiten von Nachrichten auf WhatsApp zunächst dort, dann weltweit auf fünf Empfänger*innen beschränkt.

Erfolgsgeschichten unterschiedlicher Initia tiven und die verstärkte Beteiligung machten Mut, dass das positive Gestaltungspotenzial des Internets wieder zunehmend verwirklicht werden würde. Unabhängig von diesen positiven Entwicklungen spiegelte sich die reale Gefahr von Online-Radikalisierung und -Mobilisierung in neuen Schlagzeilen wider wie „Gewalt in Nigeria: ‚Wegen Fake News sterben Menschen‘“ Ende 2018 oder „Fake News führten zu Gewalt gegen Roma“ nach Angriffen in Paris 2019 und „Terror in Christchurch: Im Netz radikalisiert, auf Facebook gestreamt“ im Frühjahr 2019.

Für Aufsehen sorgte im Kontext der Bundestagswahl 2017 ein geleaktes internes Strategiepapier der AfD. Ebenfalls im Sommer 2017 im Internet veröffentlicht wurden das Medienhandbuch der rechten Onlineaktivist*innen „D-Generation“ sowie ein Strategiepapier der „Identitären Bewegung (IB)“. Sie belegen, dass rechts-alternative Akteur*innen gezielt mit auf die öffentliche Meinung, einzelne Debatten und die Grenzen des Sagbaren einwirken wollen – mit Mitteln, die die Grundprinzipien des demokratischen Diskurses außer Kraft setzen. Sie bedienen sich dabei eines klassischen Dreigespanns aus Partei, Jugendbewegung und Troll-Armee11, um alle Zielgruppen abzuholen. Im Zuge der Europawahl 2019 erstellte Analysen von Twitter-Accounts veranschaulichen solch taktisches Vorgehen: Sie zeigen, dass die AfD Methoden nutzt, die die Partei in den Sozialen Medien künstlich größer erscheinen lassen.

Neuentwicklungen der rechtsextremen Online-Kommunikation

Die nachfolgende Analyse stützt sich auf qualitative Einsichten aus dem Online-Monitoring des Projekts de:hate der Amadeu Antonio Stiftung. Für die Analysen wurden Beiträge der größten oder meinungsführenden Akteur*innen der rechts-alternative Online-Sphäre auf Sozialen Medien sowie ihre Publikationen in Magazinen, Zeitungen und Blogs ausgewertet. Zu den beobachteten Social Media-Plattformen gehören die großen Anbieter wie Facebook, Instagram, YouTube und Twitter. Durch die konsequentere Umsetzung der Gemeinschaftsstandards dieser Plattformen mussten viele rechts-alternative Akteur*innen jedoch auf andere Plattformen wie 4chan, 8chan, BitChute, Gab, Minds oder VK sowie kleinere rechtsextreme Foren ausweichen. Eine immer wichtigere Rolle hat auch das „Dark Social“, also nicht- oder teil-öffentliche Kommunikation, eingenommen, wozu etwa WhatsApp, Telegram oder Discord gehören.

Daneben wurde Diskussionen zu Kernthemen der rechts-alternativen Online-Sphäre auch in ausgewählten nicht-rechten Kommentarspalten ausgewertet. Angehörige der rechts-alternativen Gruppe haben verschiedene Orientierungen und Schwerpunkte – sie können essenzielle Rollen einnehmen oder sich auf Randthemen spezialisieren. Ihr Netzwerk gewinnt auch dadurch an Robustheit, dass die verschiedenen Akteur*innen aufeinander Bezug nehmen und auf diese Weise eine Breite an rechtspopulistischen bis rechtsextremen Themen bedienen können.

Zum Monitoring gehört originär zu überblicken: Wo erreichen diese toxischen Erzählungen welche Öffentlichkeit? Gibt es eine Plattform, die die gefährlichste ist, wenn es um die Verbreitung von demokratiefeindlichen Desinformationen geht? Wo werden Angriffe auf die demokratische Gesellschaft wie Trolling und Doxing organisiert, wo werden sie durchgeführt? Dies zeigt die Übersicht der Plattformen im ersten Teil dieses Berichts. Sie fußt auf den Zahlen und Auswertungen des täglichen qualitativen Monitorings rechts-alternativer Online-Welten des Projektes de:hate. Außerdem blicken wir auf die Neuentwicklungen der rechtsextremen Online-Kommunikation: Welche Rolle spielt das Dark Social, also Messenger-Dienste? Welche Relevanz haben die Online-Diskurse bei der Gefährdung der Demokratie in Deutschland?

Alternative Wirklichkeiten

Im Monitoring ließ sich erkennen, dass der rechtsradikale Online-Diskurs zunehmend faktenresistent zu werden schien. Immer wieder tauchten Fälle auf, bei denen mit einer schwer nachvollziehbaren Vehemenz an Auslegungen festgehalten wurde, die jeder Vernunft zu trotzen schienen und mitunter absurde Züge und Ausformungen angenommen hatten. Was steckt dahinter? Erzählungen wie der „War on Christmas“ zum Beispiel entbehren zwar – im Lichte der Realität betrachtet – nicht einer gewissen Komik, die dahinterliegenden toxischen Narrative bergen aber ein großes Gefahrenmoment. Faktenbasierte Gegenrede, Informationskampagnen oder die niedrigschwellige Überprüfbarkeit von Sachverhalten scheinen bei den hartnäckigen Anhänger*innen dieser Erzählung nicht anzukommen. Wie ist es zu erklären, dass sich Narrative, verschwörungsideologische Muster und Desinformationen hartnäckig halten? Wie kann es sein, dass sich gewissermaßen alternative Wirklichkeiten in der Wahrnehmung von Menschenherausbilden, die auch großem Realitätsdruck widerstehen?

Der vorliegende Monitoring-Bericht versucht, auf diese Fragen Antworten zu finden. Er analysiert die Rolle der Medienstrategien von rechts-alternativen Akteur*innen im Netz und wie sie den demokratischen Diskurs gefährden. Die Erkenntnisse über recht-alternative bis rechtsterroristische Online-Aktivitäten sind kein Selbstzweck – sie dienen der Methodenschärfung. Den aktuellen Stand der Gegenstrategien zu Online-Hate und Rechtsextremismus haben wir im Kapitel „Handlungsempfehlungen“ zusammengefasst. Ergänzt wird die Sammlung mit Do- und Don’t-Erfahrungen aus der langjährigen Arbeit der Amadeu Antonio Stiftung in der digitalen Öffentlich-keit, mit denen wir die Resilienz der demokratischen Kräfte auch im Internet stärken wollen. Wir kennen die Erfahrung, dass nicht alle Methoden so funktionieren, wie sie anfangs geplant werden. Dann muss Raum für Neuausrichtungen sein. Die Verteidigung der demokratischen Debattenkultur in Sozialen Netzwerken ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – und eine große Herausforderung für alle Bereiche des politischen – von der Legislative über die Judikative bis zur Exekutive – und zivilgesellschaftlichen Handelns. Der vorliegende Bericht soll angesichts sich verfestigender alternativer Wirklichkeiten im Netz zur Suche nach neuen Präventions- und Deradikalisierungs-Ansätzen beitragen, die über Aufklärung und Fact Checking hinaus wirksame Handlungsmodelle bieten.

Der Begriff „rechts-alternativ“ lehnt sich an das Englische „Alt-Right“ an, das laut Oxford English Dictionary als Abkürzung für die US-amerikanische „alternative Rechte“ steht, eine ideologische Gruppierung, der extrem konservative und reaktionäre Ansichten zugeordnet werden, die die Mainstream-Politik ablehnt und Online-Medien zur Verbreitung von bewusst kontroversen Inhalten nutzt. Die Bezeichnung „rechts-alternativ“ wendet diese Zuordnung auf den deutschen Raum an. Konkret gehören hierzu rechtspopulistische und rechtsextreme Teile der Medienlandschaft abseits des Mainstreams (z.B. Blogs), Wortführer*innen in den Sozialen Medien (besonders auf Facebook und Twitter) und politische Bewegungen wie auch rechtsradikale Politiker*innen der AfD.

Dieser Text ist die zusammenfassende Einleitung der Broschüre

Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.):
Alternative Wirklichkeiten. Monitoring rechts-alternativer Medienstrategien
Erscheinungsjahr: 2020

Titelbild der Broschüre: „Alternative Wirklichkeiten“ der Amadeu Antonio Stiftung

PDF zum Download: Monitoring_2020_web

Print-Exemplar bestellen: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/alternative-wirklichkeiten/

Alle Artikel aus der Broschüre auf Belltower.News:

https://www.belltower.news/lexikon/alternative-wirklichkeiten/

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