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Rechtsterrorismus Neuer Versuch einer „Atomwaffen Division“ unter deutscher Führung

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International vernetzt: „Atomwaffen Division Europe“ (Quelle: Belltower.News)

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„In 3-4 Monaten bekomme ich eine Uzi. Du kannst es posten, wenn ich ein Bild davon mache“, schlägt ein Mitglied der neu gegründeten Gruppe „Atomwaffen Division Europe“ am 13. Januar 2021 vor. Eine kompakte vollautomatische Maschinenpistole, auch „Uzi“ genannt, wäre fatal in den Händen von Rechtsterroristen. Auszüge aus Chatprotokollen, die Belltower.News vorliegen, zeigen den Gründungsversuch einer international vernetzten rechtsextremen Terrorgruppe. Ihr Vorbild: die „Atomwaffen Division“ (AWD), eine extrem gefährliche rechtsterroristische Vereinigung, die sich in den USA gegründet hat und dort für mindestens acht Morde verantwortlich gemacht wird.

Ihr Logo, das Gefahrenzeichen für radioaktive Strahlung, taucht am 12. Januar in einem öffentlichen Telegram-Kanal zusammen mit einer offiziellen Eröffnungserklärung der sogenannten „Atomwaffen Division Europe“ auf. Anfang 2020 wurden vier Mitglieder der originalen „Atomwaffen Division“ vom FBI festgenommen, verbleibende Mitglieder organisierten sich aber in neuen Gruppen wie der „National Socialist Order“ (NSO). Doch in der gut vernetzten Online-Szene blieb die tödliche Ideologie samt der Strategiepapiere und Propaganda erhalten. Zwar erklärt die neue Gruppe weder Kontakte zur alten Mitgliedern der AWD in den USA noch zu einem zwischenzeitlich gegründeten Ableger in Deutschland zu haben, aber das Selbstverständnis lässt keine Zweifel an dem Vorhaben übrig, in die gleichen Fußstapfen treten zu wollen.

Das Ziel: Die Vorherrschaft einer vermeintlich „weißen Rasse“. Man wolle die „Zukunft für den Nationalsozialismus in Europa“ bereiten – auch mit Gewalt. Der Neonazi James Mason gilt der AWD als Ikone, seine Newsletter-Zusammenfassung „Siege“, als eine Art „Bibel“ für diese jungen Männer. Sie wollen den baldigen gesellschaftlichen Zusammenbruch herbeiführen. Und sie sind zum Teil schwer bewaffnet und international vernetzt.

Von einem Freiwilligen-Bataillon zu rechten Rappern

„Bewaffneter Widerstand Ja oder nein? Wäre dafür“, schreibt ein deutsches Mitglied. Ein weiteres stimmt zu. Das Problem: sie verfügen noch nicht über ausreichend Waffen. Das ließe sich allerdings lösen, gibt eines der Mitglieder zu Bedenken und verweist auf gewaltbereite und militärisch ausgebildete Neonazis in Russland und der Ukraine.

Das „Asow“-Regiment, ein rechtsextremes Freiwilligen-Bataillon in der Ukraine, hat bereits Rechtsextreme aus zahlreichen Ländern militärisch ausgebildet. Die Ausbildung ist auch in der deutschen Szene gefragt, auch unter Mitgliedern der „Atomwaffen Division Europe“. „Ich möchte dort meine Ferien verbringen, um ein bisschen Training zu bekommen“, schreibt Patrick G. im Gruppenchat. Er behauptet, bereits mit entsprechenden Kontakten über die Teilnahme an einem Trainingscamp geschrieben zu haben. Er gibt den Gruppenmitgliedern Tipps, an wen sie sich wenden können.

Patrick G. ist bereits lange in der Szene. Urlaubsfotos auf Instagram zeigen ihn neben seinem Sandkastenfreund, dem rechtsextremen Rapper Christoph Zloch alias „Chris Ares“, und den beiden Rappern Kai Alexander Naggert („Prototyp“) und Andre Laaf („Primus“), die das rechtsextreme Musiklabel „Neuer Deutscher Standard“ betreiben. Auch die rechtsextreme Marke „Isegrim Clothing“ bewirbt G. in privaten Chatgruppen. Der Geschäftsführer Markus B. ist in der Neonazi-Szene bestens vernetzt und sei ein „sehr guter Freund und aufrechter Nationalist“, schreibt G. in der Gruppe. Das bestätigt auch ein Foto, auf dem er Arm in Arm unter anderem neben Markus B. und Christoph Zloch zu sehen ist.

Design-Knowhow von der NPD

Über die teils rechtsextremen Szene-Tattoos, die G. voller Stolz in die Gruppe postet, lässt er sich leicht identifizieren. Er fühlt sich sicher – auch als sein oberkörperfreies Profilbild für Propagandabilder der „Atomwaffen Division Europe“ genutzt wird. Verantwortlich für die Bildgestaltung ist Steven T., ein guter Freund von G. und Beisitzer der NPD Schleswig-Holstein. „Ich kann dir mit dem Design helfen, ich mache das auch für die NPD“, bietet er einem Gruppenmitglied an. Der Elmshorner ist bereits bekannt in der Region. Er gründete die „Deutsche Patriotische Gemeinschaft“ (DPG), die vor allem junge Menschen in NPD-nahe Strukturen einbetten sollte. Das dementiert die NPD-Westküste zwar in einem Facebook-Post, bestätigt T. allerdings als Verantwortlichen der DPG. Die DPG tritt wenig später als „Division Sankt Michael“ (DSM) auf.

Recherchen von Belltower.News bestätigen allerdings das Bild des NPDlers, der sukzessive Minderjährige in rechtsextreme Strukturen einbindet. Kurz nachdem T. am 14. Januar 2021 dem privaten Chat der „Atomwaffen Division Europe“ unter dem Pseudonym „Steven Der Sturm“ beitritt, werden nach und nach immer mehr deutsche Mitglieder Teil der Gruppe. Ein Dutzend der etwa 25 Mitglieder kommen jetzt aus Deutschland. Fast alle kennen T. und viele von ihnen sind minderjährig. Einige sind gerade in der Abschlussklasse in Sachsen, andere besuchen die Schule in Norddeutschland. Sie beschweren sich über den digitalen Schulunterricht und teilen wie selbstverständlich glorifizierende Videos von rechtsterroristischen Anschlägen, Aufrufe zum Mord an Jüdinnen und Juden und rechtsextreme Hetze.

Zwischen Dorfjugend und Vernichtungsfantasien

Das Profilbild eines Jugendlichen in der Chatgruppe zeigt ihn im T-Shirt der heimischen Jugendfeuerwehr. Mal zeigt sich der Nachwuchs der Feuerwehr mit einem Hitlergruß und Totenkopfmaske, mal bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen in der Region. Bei Fotos auf Instagram, auf denen der junge Mecklenburger eine verbotene Reichskriegsflagge in den Händen hält, lassen 14-Jährige ihr Like da.

Die Profile weiterer Gruppenmitglieder in den Sozialen Medien zeigen Jugendliche mit Alkoholflaschen in der deutschen Provinz. Ein Blick in ihre Follower- und Freundschaftslisten auf Facebook und Instagram lassen auf eine Vernetzung der Minderjährigen in die gesamtdeutsche Neonazi-Szene schließen. Der Radikalisierungsgrad ist beängstigend. In dem Profil eines 16-Jährigen steht „C18“ in der Beschreibung, eine Anspielung auf die verbotene rechtsterroristische Vereinigung „Combat 18“. Hinweise, die Belltower.News vorliegen, verdichten die Vermutung, dass auch er in der neuen Telegram-Gruppe der „Atomwaffen Division Europe“ Mitglied ist. Auf seinem Instagram-Profil ersetzt er das „C18“ durch „AWDE“, also „Atomwaffen Division Europe“.

Gegründet wurde die private Telegram-Gruppe von einem polnischen Mitglied, das in einschlägigen Gruppen der rechtsterroristischen Online-Subkultur potenzielle Mitstreiter rekrutierte. Im privaten Chat findet sich schließlich eine internationale Mischung zusammen: Polen, Ukrainer, Deutsche, Briten, US-Amerikaner. Die etwa 25 Mitglieder eint der ideologische Hass, die Tötungsfantasien gegenüber sozialen Gruppen und die Vorstellung einer vermeintlich „weißen Rasse“. Aber auch die Affinität zur unbedingten Wehrhaftigkeit.

Waffen aus dem Selbstbaukasten

Viele Gruppenmitglieder verfügen bereits über Waffen. Um für den öffentlichen „AWD Europe“-Kanal auf Telegram Propagandabilder zu erstellen, drapieren sie Schlagstöcke, Schreckschusspistolen, Munition, Äxte und Messer neben NS-Devotionalien, Szene-Codes und Militärausrüstung. Ein 16-Jähriger chattet mit einem Deutschen über die unterschiedlichen Waffen, die er besitzt, Munition, die er sich selbst herstellt, und Schreckschusspistolen, die er zu scharfen umgebaut hat. Ein Mitglied erkundigt sich auch über die Möglichkeit, auf eigene Faust Waffen herzustellen. Die sogenannten „Plastikovs“ sind aus Plastik hergestellte Nachbauten einer AK47, einem weit verbreiteten Sturmgewehr.

„Was hältst du von einer Plastikov als Waffe? Ist die gut?“, fragt der Gruppenadministrator.
„Dafür benötigst du Teile aus dem Bausatz einer AK47”, antwortet ein 16-Jähriger.
„Das ist gut. Schießt sie denn wie eine AK?”
„Vermutlich“
„Was kostet das denn, eine Plastikov zu machen?“
„Da gibt es Anleitungen im Internet. Die Produktion kostet vermutlich bis zu 200 €“, klinkt sich ein deutscher Schüler ein. 

Die Waffen sind jedoch nicht zur Verteidigung gedacht. Im Gegenteil: Darauf lassen die im Chat geteilten Aufrufe zur Massengewalt schließen. Der polnische Gruppen-Administrator schlägt vor, Flugblätter drucken zu lassen. Darauf zu lesen ist der Spruch: „Der Holocaust ist nicht passiert, er hätte passieren sollen“ zusammen mit der Darstellung eines SS-Totenkopfes im Stil eines SS-Offiziers mit AWD-Patches, der auf die Frage „6 Millionen Juden?“ mit „Ist das eine Herausforderung?“ antwortet. Darunter stehen die Kontaktdaten der Gruppe. Auch das Video des rechtsterroristischen Anschlags auf zwei Moscheen in Christchurch wird geteilt, bei dem 51 Menschen ermordet und 40 verletzt wurden. Der Täter ist für sie ein „Heiliger“, für die Opfer bleibt Verhöhnung. Das Lachen der Gruppenmitglieder über das rassistische Töten ist routiniert und eine Voraussetzung, um selbst zur Tat schreiten zu können.

NPD-Strukturen als Rekrutierungsplattform

Die Propaganda und die Rekrutierung stehen anfangs an erster Stelle. Der NPDler Steven T. schreibt in den Gruppenchat: „Ich bin in der Politik und wir können auf jeden Fall die Parteistrukturen nutzen, um Menschen zu rekrutieren.“ Er druckt und designt auch die ersten Flyer. „Bereit für Krieg – Atomwaffen Division Europe“, steht darauf. Die Propagandabilder des öffentlichen Kanals zeigen ihn, wie er mit Hakenkreuzflagge und Waffe posiert.

Kurze Zeit später wird der öffentliche Kanal der Gruppe auf Telegram gesperrt. Auch der Gruppenadministrator verschwindet vorerst von der Bildfläche. In der Zwischenzeit übernehmen der NPD-Funktionär T. und Patrick G. die Koordination der Gruppe. In ihrem Engagement für eine neue „Atomwaffen Division“ gehen sie voll auf. T. will in erster Linie die internationale Vernetzung ausbauen und die Reichweite auf den Sozialen Medien erhöhen. G. gründet indes einen neuen privaten Chat.

Die Kommunikation findet jetzt hauptsächlich auf Deutsch statt. Es gibt ein Instagram-Profil und einen neuen öffentlichen Telegram-Kanal, der kurze Zeit später wieder gelöscht wird. Die Verbindung zu T.s Jugendgruppe, der DSM, rückt immer stärker in den Vordergrund: Die gleichen Propagandabilder tauchen sowohl mit dem Schriftzug „Atomwaffen Division Europe“ als auch mit „Division Sankt Michael“ auf. T. selbst bestickt sich ein eigenes T-Shirt mit dem Patch der „Atomwaffen Division“ und der DSM.

Gleichgesinnte im Ausland

Der NPDler T., der bereits in der Vergangenheit den Schulterschluss mit international vernetzten Rechtsextremen gesucht hat, findet jetzt die Gelegenheit dazu. Dass der Anlass die rechtsterroristische Gruppierung der „Atomwaffen Division“ ist, spielt ihm in die Karten. Die europäischen Gleichgesinnten haben bereits in ihren Regionen Graffiti gesprüht, sind gut vernetzt und haben Gruppenbilder für Propagandazwecke geschossen.

Das polnische Gruppenmitglied aus Warschau wurde bereits 2018 von Sicherheitsbehörden festgenommen, nachdem er an einer Demonstration teilnahm und Symbole der Waffen-SS trug. Bei der anschließenden Hausdurchsuchung wurden zahlreiche NS-Devotionalien gefunden. Im Chat gibt er an, Verbindungen zur „Misantropic Division“ zu haben, einer Neonazi-Gruppe, die Kämpfer für das „Asow“-Regiment in ganz Europa rekrutiert. Der Mitte 30-Jährige postet Bilder von sich mit Hitlergruß vor einer Hakenkreuzfahne. Er offenbart im privaten Chat, dass er sich jüngst eine schusssichere Weste für 1.000 Euro besorgt habe und entwirft das Logo für einen polnischen Ableger der „Atomwaffen Division“.

In der Zwischenzeit ist der NPDler Steven T. doch nicht mehr so anonym. Antifaschistische Recherchekollektive haben den 27-Jährigen bereits als Führungsperson hinter „DSM“ enttarnt und weisen auf die immer radikaler werdenden Aufrufe der Gruppe hin. Antisemitische und rassistische Hetze wechseln sich mit brachialer Ästhetik eines „Day of the Rope“ ab. So bezeichnen Rechtsextreme einen Tag, an dem sogenannte „Volksverräter“ gehängt werden sollen.

Die Aktivitäten der Gruppe zeugen von einer hohen Gefahr, die von der internationalen Vernetzung von Rechtsextremen ausgeht. Innerhalb weniger Wochen hat sich eine Kommunikationsstruktur entwickelt, die gefestigte Neonazi-Szenen europaweit miteinander verbindet, Minderjährige erfolgreich abholt und den Nährboden legt für rechtsterroristisches Handeln. „Wir sind überall“, schreibt T. zuversichtlich. Das stimmt zwar nicht, aber dennoch sind einzelne von ihnen in ganz Europa. Viele von ihnen verfügen zwar noch nicht über scharfe Schusswaffen, aber – das haben unsere Recherchen gezeigt – der Wille zum bewaffneten Kampf ist bei allen vorhanden. Die Szene ist eine tickende Zeitbombe.

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„Siege“ James Masons Anleitung zum „Rassenkrieg“ für die „Atomwaffen Division“

Der Hardcore US-Neonazi James Mason veröffentlichte in den 1980er Jahren Texte unter dem Titel „Siege“, die 1992 als Buch wiederveröffentlicht wurden. Das Buch ist eine Art Anleitung für den „führerlosen Widerstand“, „Lone-Wolf“-Terrorismus und eine weiße Revolution und gilt unter gewaltaffinen Jungnazis derzeit als Pflichtlektüre, etwa  für die militante „Atomwaffen Division“.   

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