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Sounds zum Frauenhassen Incels und ihre Lieblingsmusiker

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(Quelle: Flickr / jacobfg / CC BY-NC-ND 2.0)

Es gibt zahlreiche Mittel und Wege, sich als Mitglied einer Subkultur von der verachteten Masse des Mainstreams abzugrenzen. Musik ist eines davon: Sie dient der Identifikation mit der eigenen Szene, dem Ausdruck der mit der Szene assoziierten Weltanschauung, und im besten Falle lassen sich damit noch die Eltern verschrecken, die sich über diesen „Krach“ echauffieren. Nicht zuletzt lässt sich die eigene Szene-Credibility beweisen, in dem man vor weniger versierten Subkultur-Neulingen über die musikalische Überlegenheit „der früheren Sachen, die nur richtige Fans wirklich zu schätzen wissen, die sind nicht so poliert, weißt du“ fachsimpelt.

So ist es nicht verwunderlich, dass auch innerhalb der Incel-Szene über Musik gesprochen wird, zumindest wenn man sich nicht über die Verkommenheit von Frauen und die degenerierte westliche Gesellschaft auslässt.

Musikalisch ist die Szene recht breit aufgestellt: in einem Thread auf dem Forum „Blackpill Club“ teilen die User Tracks, die von Anime-Intros über die „Beatles“ über Wehrmachtslieder bis hin zur Hardcore-Band „Black Flag“ reichen, vermutlich im Unwissen dass der „Black Flag“-Frontmann Henry Rollins sich inzwischen vehement für Frauenemanzipation und LGBTQ-Rechte ausspricht. Man betrachtet den eigenen Musikgeschmack als „alternativ“ und prahlt mit dem Wissen über klandestine Underground-Bands  wie „Korn“, „Hatebreed“ oder die NSBM-Kapelle „Burzum“. Incels, die über ihren Musikgeschmack sprechen, muten ein wenig an wie die 15 Jährigen Metal-Jungs auf dem Pausenhof, die sich den „Normies“ gegenüber überlegen fühlen, da sie gerade das erste Mal eine „Cannibal Corpse“-Platte in ihren Teenager-Fingern halten durften.

Musikalisch etwas versiertere Incels erfreuen sich an der Musik des Vergewaltigers GG Allen, der als „based“ — also bewundernswert für die Szene — gelabelt wird. Die misogyne Power Electronics-Band „Sutcliffe Jügend“ wird genauso gefeiert, wie Musik des inhärent frauenfeindlichen Genres Porngrind, eine  Metal-Variante mit pornografisch überzeichneten Texten. Sich das anzuhören, wird gar als therapeutischer Mechanismus beschrieben.

Vielleicht wären ein stabiler Freundeskreis oder ein Therapeut bessere Coping-Mechanismen? Quelle: Screenshot incels.is

Wer sich besonders intellektuell fühlen will, hört Beethoven, denn: „Wahre Incels können keinen Bezug zu Normie-Musik entwickeln. Viele hören klassische Komponisten.“ Gerade hier zeigt sich die Tendenz von Incels als Subkultur narzisstisch gekränkter und verunsicherter Jungs, die jede noch so banale Präferenz zur Überlegenheit stilisieren, um sich selbst zu überhöhen und andere so abwerten zu können. Der Incel hört Beethoven, während die Mehrheitsgesellschaft sich mit degenerierter Popmusik zufrieden gibt.

Popmusik ist doof!

Popmusik ist ohnehin das denkbar schlimmste, denn die komplette Szene ist für Incels von Frauen wie Cardi B beherrscht, die offen ihre selbstbestimmte Sexualität zur Schau stellen und sich erdreisten, über ihre Wet Ass Pussy zu rappen. Generell würden Frauen primär Musik hören, die „super sexualisiert und nuttig“ sei und somit „Ausdruck ihres Wesens“. Männer hingegen würden „emotionale/ausdrucksstarke und aufrichtige Musik“ präferieren. Musik von Männern und für Männer wäre Ausdruck von Ehrlichkeit, die von und für Frauen hingegen eines Willens zur sexuellen Unterwerfung. Und „härtere“ Musik fänden Frauen ohnehin doof.

Diese Behauptung offenbart ein gnadenloses Unwissen über die Musikindustrie und Musik generell. Es gibt hunderttausende von Liedern, in denen aus einer androzentrischen Perspektive übergriffiges Verhalten gegenüber Frauen normalisiert wird oder in denen Frauen zu Sexobjekten degradiert werden. Musik ist Teil einer Kulturindustrie, die in einer Gesellschaft, in der Männer im Besitz der Produktionsmittel sind, inhärent patriarchal ist; und so ist sie oftmals Ausdruck von Männerfantasien, in denen Frauen lediglich als Projektionsflächen existieren. Aber Incels sind bekannt dafür, ihre von Neurosen und Kränkungen bestimmte Ideologie auf ihre Umwelt und die Gesellschaft zu projizieren, anstatt sich mit der gesellschaftlichen Realität auseinanderzusetzen. Ähnlich verhält es sich mit diesem Incel, der ein Musikfestival besucht hat und es als tief traumatisierendes Erlebnis beschreibt:

Lieber Incel: niemand hat auf Dixie-Klos Sex, wenn man auch das Zelt aufsuchen kann. Quelle: Screenshot incels.is

Obwohl es, wie das Incel-Wikipedia in mehreren Beiträgen benennt, auch durchaus Künstler hätte geben können, die die Incel-Thematiken musikalisch verarbeitet hätten, wäre nur nicht die aktuelle Musiklandschaft von Grund auf von Juden ruiniert. Nicht einmal die alternative Szene sei inzwischen sicher von „Stacys und Stacy-Anbetungen“. Wie können es schließlich Weiber wagen, Musik mit Gitarren zu machen und dafür auch noch – neben all der sexistischen Abwertung und dem Doppelstandard, dem Musikerinnen ausgesetzt sind – von der Kritik gelobt zu werden?

Schrecklich gemein: überall Frauen in der Musikwelt! Quelle: Screenshot incels.is

Incel-Musik

Doch glücklicherweise gibt es eine Alternative zu Rapperinnen, die den Spieß umdrehen und Männer objektifizieren, Riot Grrrl-Bands die über lesbische Liebe singen oder queere Bands aus Italien, die mit ihrem androgynen Auftritt auch noch den Eurovision Song Contest gewinnen. Incels machen nämlich inzwischen selbst Musik, der sogenannte „Incelcore“. Wie zu erwarten: musikalisch eher enttäuschend.

Die ersten spezifischen Incel-Lieder wurden 2017 auf dem YouTube-Kanal „Incel Music“ veröffentlicht. Die Tracks sind in schlechtem Autotune gehalten und tragen eingängige Titel wie „Toastie Roasties“. Der Sänger empört sich in dem Track über sexuell aktive Frauen, die im Incel-Jargon als „Roasties“ bezeichnet werden, da die Form und Farbe der Vulva dieser Frauen an Roastbeef-Sandwiches erinnern würde (der frauenfeindliche Mythos, dass sich die Anzahl der Sexpartner*innen auf das Aussehen der Vulva auswirken würde, ist eine leider auch außerhalb der Incel-Community weit verbreitete Falschannahme). Ein anderes Lied heißt „Darkwing Cuck“; der Musiker beschreibt in der Melodie des Intro-Songs der Cartoonserie „Darkwing Duck“ das Leben eines Incel-Kritikers, der in seiner Vorstellung nur als unterwürfiger „Beta Cuck“ existieren kann. Der Kanal veröffentlichte lediglich vier Tracks und ist seit mehreren Jahren inaktiv; eine gute Nachricht für alle Menschen, denen gute Musik am Herzen liegt.

Aktiver und populärer sind die Incel-Künstler „Mainländer“, „Negative XP/School Shooter“ und „Egg White“.

Mainländer

„Mainländer“ ist ein sehr aktiver User auf mehreren Incel-Foren, alleine auf dem Forum incels.is hat er seit 2018 über 34.000 Beiträge veröffentlicht. Der laut dem Incel-Wikipedia aus Deutschland stammende und in Brasilien ansässige User ist innerhalb der eigenen Community bekannt für seine Vorliebe für „Jailbait“ – minderjährige Mädchen. Für seine knapp 700 Abonnenten auf YouTube und seine Incel-Gefolgschaft schreibt er Lieder, in denen er über seinen Hass auf den degenerierten Westen („Let the west burn to the ground“), die Grausamkeit von Frauen („Women don’t care about your intelligence“), die Ungerechtigkeit der Welt Incels gegenüber („Everyone mogs me“, „Mogging“ beschreibt das Zurückgeworfensein auf das eigene vermeintlich hässliche Äußere durch die Konfrontation mit einem attraktiven Mann) und das sexuelle Begehren gegenüber Minderjährigen („Oppai Loli Song“, „Loli“ ist die Abkürzung von „Lolita” und geht auf japanische Jugendkultur zurück). Eines seiner Lieder heißt „I feel s***** attracted to (But I never chose it)”, das Video zeigt das Bild eines jungen und verträumt blickenden Anime-Mädchen. Angesichts des Wissens über Mainländers pädosexuelles Begehren erkennt man den Track als offensichtliche Dogwhistle und kann die Sternchen selbst ersetzen: „I feel sexually attracted to girls“. Anstatt sich jedoch Hilfe zu suchen, glorifiziert Mainländer in Postings und Liedern die Vergewaltigung von Teenagern. Ein Lied mit dem Titel „Chad still fucks your wife“ ist eine Referenz auf den momentan wegen unter anderem der Entführung einer Zwölfjährigen zu lebenslanger Haft verurteilten Pädosexuellen und selbsternannten „Rapecel“ Nathan Larson. Nun sind mitnichten alle Incels derart explizit Pädosexuelle wie Larson oder Mainländer. Es ist jedoch mehr als bedenklich, dass ein Mann, der darüber schreibt, dass Mündigkeitsgesetze abgeschafft werden sollten, einen derartigen Einfluss innerhalb der Community hat. Musikalisch ist sein Schaffenswerk übrigens in der Richtung „peinlicher Emo-Pop der klingt wie das weinerliche Gejammer eines Teenagers nach zwei Wochen Gitarrenunterricht“ zu verorten; nur dass Mainländer ein mindestens 30 Jahre alter Mann ist.

Ein Ausschnitt aus Mainländers YouTube-Uploads. Quelle: Screenshot YouTube

Negative XP/School Shooter

Wohl populärster Incel-Musiker ist „Negative XP“, der auch unter dem Namen „School Shooter“ veröffentlicht. Der Name „Negative XP“ ist eine Anspielung auf einen Mangel an Lebenserfahrung, den Incels von sich behaupten zu haben: „XP“ steht für „Experience Points“, also „Erfahrungspunkte“, die man in Videospielen sammelt um Level aufzusteigen. Sein bekanntestes Lied trägt den Titel „Scott Pilgrim vs. The World ruined a whole generation of women”, eine Hasserklärung an „alternative“ Mädchen. Negative XP, dessen Musik an Punk, Emocore oder Indiepop angelehnt ist, hat inzwischen mehrere Alben veröffentlicht, die weder auf eine musikalische, noch inhaltliche Entwicklung des Künstlers hinweisen. Stattdessen: nie enden wollendes Gejammer über Zurückweisung („I’ve learned to look down on love/I’ve learned that I can’t hold on/To the way I used to be used to you/Or the way that you made me blue”, Die alone), gemeine hypergame Frauen („[Stacy’s] been with 30 men/but 3 were only friends/She was gonna be an actress, have her own TV show/You can see her shake her ass in a rap music video/Her yellow STD’s is now the enemy, looks at her average life/A nothing, has-been, alright”, 1965) und psychische Probleme („I’m a broken piece of what I used to be/I lost my mind when I was lost in dreams”, MK Ultra Victim). Offensichtlich machen Incels lieber mittelmäßige Musik gegen Frauen, statt in Therapie zu gehen. Immerhin: er ist besser als „Mainländer“. In anderen Liedern, wie “„Cops Beating Down On Hippie Scum At The 1968 Democratic National Convention“ artikuliert „Negative XP“ dann doch explizitere Gewaltfantasien: „Then one day/All these degenerate hippie freaks/Start marching and spreading their pink propaganda/On the streets/So beat, beat, beat, kill, kill, kill/Stop them all ‚till they lose their will/Shoot first, and ask questions later/A gun is the greatest negotiator”. Sehr edgy, wie die jungen Leute so sagen.

Das möchtegernrebellisch benannte Nebenprojekt „School Shooter“ macht noch deutlicher, dass es sich bei Incels eben nicht um zurückgewiesene traurige Männer handelt, sondern um potentielle Gewalttäter. In dem Track „Death by a cop“ besingt das lyrische Ich einen Amoklauf: er hätte keinen Lebenswillen mehr und möchte sterben, vor seinem Tod allerdings noch andere mit in den Untergang reißen, somit „aufsteigen“ und schließlich von einem Polizisten erschossen werden. Das Künstlerlogo ist an das Wappen der Waffen-SS angelehnt, auch die Tracks sind entsprechend ausgeschrieben, um sich explizit zum Rechtsextremismus zu bekennen:

Es bleibt zu hoffen, dass der Verfasser dieser Stücke aus dieser Phase seines Lebens hinauswächst und irgendwann peinlich berührt darauf zurückblickt. Quelle: Screenshot Telegram

Des weiteren ist „Negative XP“ dafür bekannt, ein Schmählied auf den profeministischen Musikkritiker Antony Fantano verfasst zu haben in dem er darüber singt, dass Fantano ihm wirklich vollkommen egal sei, als auch sein Rechtsstreit mit der Musikplattform „Soundcloud“. Die Plattform hatte das Lied „Scott Pilgrim…“ aufgrund seines misogynen Inhaltes gelöscht und dem Incel-Musiker so potentielle Einnahmen entzogen.

Egg White

Toby Reynolds‘ Karriere innerhalb der Imageboard-Szene begann nicht als Musiker, sondern viel mehr als Witzfigur oder Meme. Er produzierte bereits ab 2015 unter dem Namen „Eggman“ YouTube-Videos, in denen er über die Blackpill-Ideologie spricht. Er wurde außerdem Opfer einer Trollaktion, in deren Rahmen 4chan-User das Gerücht verbreiteten, dass es sich bei Reynolds um den Attentäter des Incel-Shootings am Community College in Umpqua, Oregon, handeln würde, obwohl er nichts mit dem Anschlag zu tun hatte. Dem misogyn und rassistisch motivierten Shooting fielen neun Menschen zum Opfer, zehn weitere wurden verletzt.

Inzwischen veröffentlicht „Eggman“ unter dem Künstlernamen „Egg White“ Incel-Rap: in „Over 4 u hoes“ beschwert er sich darüber, dass Frauen nicht mit „netten“ Männern wie ihm schlafen würden, obwohl er für ihr Abendessen bezahlt und somit eigentlich Sex verdient hätte, der Track „Fedpost Redacted“ beschreibt auf sehr explizite Weise einen Femizid. Größere Bekanntheit erlangte Egg White mit seiner Hymne an den Attentäter von Toronto. Dieser raste 2018 mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge und tötete zehn Personen, der Großteil davon Frauen. Davor hatte er auf Facebook verkündet: „The Incel Rebellion has begun. We will overthrow all the Chads and Stacies.“ Die Lyrics beinhalten Zeilen wie: „Steal an armored truck/See a crowd, I’m speeding up/I don’t feel no love, but I feel the drugs/Crash the whip into the precinct and get filled with slugs/I just wanna kill so many fuckin‘ people”.

Der Attentäter von Halle spielte diesen Track in seinem Livestream-Video, was auf eine zumindest ideelle Affinität zur Incel-Community schließen lässt.

Negative XP und Egg White haben übrigens gemeinsam eine Coverversion des Achtziger Jahre-Hits „Take on me“ veröffentlicht, und ja: es ist so furchtbar, wie man es sich vorstellt.

Foto: Flickr / jacobfg / CC BY-NC-ND 2.0

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Schon mehrmals haben Incels – Männer, die glauben durch Feminismus würde ihnen Sex vorenthalten – tödliche Anschläge verübt. Doch mit der Radikalisierung ist es noch lange nicht vorbei. In immer extremeren Foren werden Pädophilie und Attentäter verherrlicht.

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Im Gespräch: Die Autorin Veronika Kracher

Interview mit Veronika Kracher „Incels sind die Spitze des patriarchalen Eisbergs“

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