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Zum Frauenkampftag Vier inspirierende Antifaschistinnen

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Von links nach rechts: Chaika Grossmann, Mira Fuchrer, Josephine Baker, Anna Pröll. (Quelle: Collage)

 

Chaika Grossmann: ein antifaschistisches Idol 

Eine Ikone des jüdischen Widerstandes: Chaika Grossmann wird 1919 in Białystok, Polen geboren. Als Teenager ist sie in der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation „Hashomer Hatzair“ aktiv, übernimmt eine führende Rolle. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zieht Grossmann nach Vilnius in Litauen. Die „Hashomer Hatzair“ agiert aufgrund der politischen Lage nun im Untergrund. 1941 kehrt Grossmann nach Białystok zurück und organisiert den Widerstand im dortigen Ghetto, wo rund 50.000 Jüdinnen und Juden unter erbärmlichen Zuständen zusammengepfercht werden.

Mit falschen Papieren kann Grossmann sich frei bewegen, kauft Waffen und schmuggelt sie in polnische Ghettos. Sie hilft auch beim Aufbau von Partisanengruppen in Litauen und Polen. Später wird sie Journalist*innen erzählen, wie sie vor dem Ghettozaun in Białystok Gewehre verteilte. „Wir wollten den Zaun stürmen und einreißen, damit die Menschen oder ein Teil der Menschen fliehen könnten.“

Im August 1943 ist es soweit: Es kommt zu einem Aufstand im Ghetto Białystok – nach dem Warschauer Aufstand einige Monate zuvor der zweitgrößte im NS-besetzten Polen. Das Ghetto soll liquidiert, die Bewohner*innen nach Treblinka, Majdanek und Auschwitz deportiert werden. Bis zu 500 jüdische Antifaschist*innen, bewaffnet mit 25 Gewehren und 100 Pistolen sowie Molotowcocktails, greifen Mitglieder der Waffen-SS und Gestapo an. Ein mutiger Aufstand, der allerdings von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Die Deutschen antworten mit Brandanschlägen und einem Panzer-Einsatz. Viele Jüdinnen und Juden sterben. Führende Mitglieder des Aufstands begehen Selbstmord, nachdem ihre Munition aufgebraucht wird. Einigen gelingt es, aus dem Ghetto auszubrechen – sie schließen sich den Partisan*innen im Wald an.

Nur einige Hundert Jüdinnen und Juden aus Białystok überlebten die Shoah – Grossmann war eine von ihnen. 1948 wandert sie nach Israel aus, wohnt in einem Kibbutz in Galiläa. 1969 bis 1988 sitzt sie als Abgeordnete in der Knesset, wo sie sich für das Recht auf Abtreibung und Kinderschutzgesetze einsetzt. Sie stirbt 1996. In den wenigen Darstellungen des jüdischen Widerstands gegen das NS-Regime werden Frauen selten erwähnt. Zu Chaika Grossmann gibt es nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag. Doch es gab die Frauen, und nicht nur als Helferinnen im Hintergrund. Es gibt eine Tendenz, ihre Leistung als „passiven Widerstand“ im Vergleich zum aktiven, bewaffneten Widerstand der „Männerhelden“ abzutun. Chaika Grossmann zeigt, dass dieses Bild nicht stimmt.

Mira Fuchrer: Die klandestine Kurierin

Viele überleben die Aufstände in den jüdischen Ghettos unter NS-Herrschaft nicht: Mira Fuchrer wurde nur 23 Jahre alt. Die polnisch-jüdische Widerstandskämpferin wird 1920 in Warschau geboren. Ähnlich wie Chaika Grossmann ist auch Fuchrer Mitglied in der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation „Hashomer Hatzair“. Sie ist zudem auch in der Żydowska Organizacja Bojowa (ŻOB), der Jüdische Kampforganisation, die im NS-besetzten Polen gegen die Liquidierung von Ghettos kämpft.

1939 zieht Fuchrer mit ihrem Freund Mordechaj Anielewicz, ebenfalls in der „Hashomer Hatzair“ und Widerstandskämpfer, nach Vilnius, das Paar kehrt aber ein Jahr später wieder zurück und landet im Warschauer Ghetto – zusammen mit rund 400.000 Jüdinnen und Juden. Fuchrer arbeitet in einer kleinen Schneiderei mit ihren Freundinnen Towa Frenkel und Rachela Zylberberg. Nebenbei agiert sie als klandestine Kurierin für die ŻOB, transportiert Nachrichten von Ghetto zu Ghetto.

Beim Aufstand im Warschauer Ghetto 1943, der von der ŻOB organisiert wird, ist auch Fuchrer dabei: Die rund 1.500 überwiegend jungen, unausgebildeten und unzureichend bewaffneten Kämpfer*innen versuchen ab Januar, die Deportationen zu verhindern. Sie haben teilweise Erfolg, verlieren allerdings viele Kämpfer*innen. Am 19. April marschieren 850 SS-Männer in das Ghetto ein, sie werden sofort beschossen und müssen sich zurückziehen. Der Aufstand beginnt. Am 8. Mai wird der Bunker, in dem sich Fuchrer zusammen mit Anielewicz und 120 weiteren Widerstandskämpfer*innen aufhält, von den Nazis entdeckt und angegriffen. Es gibt keinen Ausweg, kapitulieren wollen sie nicht: Viele nehmen sich das Leben – vermutlich auch Fuchrer. Doch der Aufstand kann die Auflösung des Ghettos um vier Monate verzögern. Am 16. Mai erklärte der NS-Befehlshaber Jürgen Stroop den Aufstand für niederschlagen und ließ die dortige Große Synagoge sprengen.

Einschätzungen zufolge starben insgesamt knapp 400.000 Bewohner*innen des Warschauer Ghettos. Heute erinnert ein Gedenktafel mit den Namen von Fuchrer und 50 anderen Widerstandskämpfer*innen am Standort des Bunkers, in dem sie starb.

Josephine Baker: Die schwarze Venus

Die Nichte zweier Sklaven in Missouri, USA, Josephine Baker kommt 1906 als Freda Josephine McDonald zur Welt. Sie wächst in St. Louis auf, als Teenager zieht sie nach New York und performt am Broadway als Tänzerin. Schnell wird sie eine der höchstbezahlten Revuegirls der Stadt. Mit 19 wandert sie nach Paris aus, wo sie schnell zum Star wird. Baker ist für ihre erotischen Tänze bekannt, doch das kommt nicht ohne Skandal. In den 1920er Jahren wird sie zum Symbol der Jazz-Ära. Zeitgenoss*innen nennen sie „Black Venus“ oder „Black Pearl“. 1927 wird sie die erste schwarze Frau in einem Spielfilm, „La Sirène des tropiques“.

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird Baker vom französischen Geheimdienst „Deuxième Bureau“ rekrutiert: Auf Partys und Soireen mischt sie sich unter deutsche Offiziere und kommt so an Informationen zu Truppenstandorten. Ihre Geheimwaffe ist ihr Charme.

Nach der deutschen Besatzung Frankreichs bietet sie Widerstandskämpfer*innen Unterschlupf und besorgt ihnen Visen. Als tourende Musikerin schmuggelt sie geheime Informationen über die deutschen Kriegsanstrengungen unter anderem nach Großbritannien. Auf ihre Partituren sind Notizen in einer unsichtbaren Tinte geschrieben. In Nordafrika unterstützt Baker ab 1914 die Résistance gegen den Nationalsozialismus. Geheime Informationen steckt sie beim Grenzübergang in ihrer Unterhose.

Nach dem Krieg wird ihr vom französischen Staat der Croix de guerre und die Rosette de la Résistance verliehen. Von Frankreich aus, ihrem neuen Zuhause, unterstützt sie das Civil Rights Movement in den USA ab den 1950er Jahren. Sie verweigert, vor einem „rassengetrennten“ Publikum aufzutreten und arbeitet mit der „National Association for the Advancement of Colored People“ (NAACP) eng zusammen. Sie stirbt 1975 im Alter von 68 Jahren

Anna Pröll: Die junge Saboteurin

Von klein auf ist Anna Pröll überzeugte Kommunistin: Das 1916 in Augsburg als Anna Nolan geborenes Mädchen schließt sich mit 15 dem Kommunistischen Jugendverband an. Ein Einfluss spielen dabei ihre Eltern: Vater Karl ist KPD-Mitglied, nach seiner Rede auf einer Versammlung über die Arbeitsbedingungen von Frauen will die kleine Nolan auch politisch aktiv werden. 1932 muss ihr Vater wegen „Zersetzung der Reichswehr“ ins Zuchthaus. Ihre Mutter ist in der Roten Hilfe aktiv und wird 1933 verhaftet.

Pröll wird schnell eine wichtige Figur im Augsburger Widerstand gegen das NS-Regime – einer gut vernetzten Gruppe Jugendlicher mit Kontakten nach München. Sie verteilt Zeitungen und Flugblätter, auf einem Flyer steht: „Proleten! Kampfgenossen! Unaufhaltsam wütet der Mordfaschismus weiter.“ Die Gruppe beschmiert Litfaßsäulen und Häuserwände mit Widerstandsparolen gegen das NS-Regime. Wenige Monaten später fliegt die Widerstandsgruppe auf. Nach einer Großrazzia im Juni 1934 wird Pröll verhaftet und steht vor Gericht: Die 17-Jährige wird wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer Haftstrafe von 21 Monaten verurteilt. Wegen Kontakt mit einer Mitgefangenen wird sie mit Dunkelhaft bestraft. Nach ihrer Entlassung kommt sie ins KZ Moringen, später ins KZ Ravensbrück.

Pröll wird wieder freigelassen, doch sie wird von der Gestapo überwacht. Sie heiratet Josef Pröll, der ebenfalls im KZ inhaftiert war. Ende 1938 muss ihr Mann wieder ins KZ. Er verbringt insgesamt acht Jahre in unterschiedlichen Lagern. Doch andere erleiden ein noch schlimmeres Schicksal: Sein Bruder Fritz wird im KZ Mittelbau-Dora ermordet. Der dritte Bruder Alois wird im KZ Dachau gefoltert und stirbt kurz nach seiner Entlassung an einer Lungenkrankheit, die er sich im Lager zugezogen hatte. Anna Prölls Vater wird ebenfalls in Dachau ermordet. Im gleichen Jahr, 1939, kommt ihr Sohn zur Welt. Der Krieg bricht aus und Pröll muss in einer Möbelfabrik Munitionskisten herstellen. Ihr Chef wirft ihr Sabotage vor. Anfang 1945 soll sie als Flakhelferin dienen, taucht allerdings stattdessen unter.

Nach dem Krieg setzt sich Pröll weiterhin für antifaschistische Werte ein, unter anderem als langjähriges Mitglied der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ (VVN-BdA). 2002 wird Pröll mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Doch sie nimmt die Auszeichnung nur als Ehrung derjenigen an, die die Konzentrationslager nicht überlebten, sagt sie. 2003 wird sie als Ehrenbürgerin der Stadt Augsburg ausgezeichnet – die erste Frau seit 215 Jahren.

2006 stirbt Pröll im Alter von 89 Jahren. Eine Gedenktafel an ihrem Geburtshaus erinnert an sie mit dem Zitat: „Ich möchte, dass die Kinder ohne Angst vor der Zukunft aufwachsen können. Nie mehr sollen Menschen Krieg oder Faschismus erleiden müssen.“

Das Bild von Chaika Grossmann wird unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0. Die restlichen Bilder sind gemeinfrei


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