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Gastkommentar Israel und die Berichterstattung deutscher Medien

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Ob im ZDF, Spiegel oder Focus: die deutsche Berichterstattung zu Israel ist oft nichts anderes als Täter-Opfer-Umkehr.
Ob im ZDF, Spiegel oder Focus: die deutsche Berichterstattung zu Israel ist oft nichts anderes als Täter-Opfer-Umkehr. (Quelle: Screenshots von ZDF, Spiegel & Focus / Collage von Belltower.News)

Sonntagvormittag ermordete ein mit Schusswaffe und Messer bewaffneter Attentäter in Jerusalem den 26-jährigen Eliyahu David Kay und verletzte mehrere Personen, teils schwer. Israelische Sicherheitskräfte griffen ein und erschossen den Angreifer. Bei dem Täter, einem 42-jährigen palästinensischen Religionslehrer aus Shuafat in Ostjerusalem, handelt es sich laut Aussagen des israelischen Ministers für innere Sicherheit Omer Bar-Lev um ein Mitglied der islamistischen Terrororganisation Hamas. Die Hamas bezeichnete die Tat als „heroische Operation“ und bestätigte die Mitgliedschaft des Mannes. Das Attentat verherrlichend zogen am Sonntagabend Hunderte mit Hamas-Fahnen zu seinem Haus. In Gaza wurden Süßigkeiten verteilt, um den Anschlag zu feiern.

Zeitnah wurde in Deutschland über den Vorfall berichtet. Einige Beiträge waren jedoch geradezu haarsträubend und gaben nicht einmal den Hergang der Ereignisse eindeutig wieder. So berichtete beispielweise die ZDF-Sendung „heute XPRESS“ unter der Schlagzeile: „Israel: ein Palästinenser erschossen“ (ZDF heute XPRESS, 21. November 2021). In der Rheinischen Post war zu lesen: „Israelische Polizisten erschießen Palästinenser am Tempelberg“ (RP Online, 21. November 2021, Stand 10:36 Uhr).

Eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr in Reinform: Der Attentäter wird in dieser Darstellung des Vorfalls kurzerhand zum Ziel israelischer Aggression stilisiert, seine islamistische Ideologie und seine Hamas-Zugehörigkeit nicht benannt. Erst im weiteren Verlauf der Beiträge wird der Vorfall genauer beschrieben. So erklärte das ZDF schließlich: „Die Polizei teilte mit, dass der Mann zuvor einen Israeli getötet und mindestens drei weitere verletzt habe.“

Wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt, ist diese Form der Verzerrung im Kontext der Berichterstattung über Israel mitnichten ein Einzelfall. Als es 2015 im Zuge der „Messer-Intifada“ zu zahlreichen Terroranschlägen mit Messern von Palästinenser:innen auf Israelis kam, titelte Spiegel Online: „Palästinenser sterben bei Messerattacken auf Israelis“. Und als der israelische Verteidigungsminister Schaul Mofas 2006 erklärte, dass Israel eine atomare Bewaffnung des Irans vor dem Hintergrund der Vernichtungsdrohungen nicht hinnehme, erklärte Focus Online: „Israel droht mit Selbstverteidigung“.

Israel wird in dieser Argumentation als der eigentliche Aggressor dargestellt. Der Aufhänger einer Nachricht ist in dieser Logik erst dann gegeben, wenn Israel handelt oder reagiert. Die Zuschreibung der Verantwortlichkeiten scheint von vornherein ausgemacht: Israel ist Auslöser und somit das ursächliche Problem. Dass durch ebensolche Berichte nicht nur ein unvollständiges Bild der Ereignisse vermittelt wird, sondern falsche Zusammenhänge suggeriert werden, ist nicht nur skandalös, sondern auch gefährlich und trägt schließlich zur negativen Meinungsbildung gegenüber Israel bei. Aufgrund schnelllebiger Medienrezeption – insbesondere in den sozialen Netzwerken – werden häufig lediglich Überschrift und Vorschau eines Beitrags gelesen. Eine falsche Wahrnehmung der Geschehnisse ist damit quasi vorprogrammiert, wie auch der Fall von Sonntag gezeigt hat.

Berichterstattung sollte sich an journalistischen Standards wie Richtigkeit, Sachlichkeit und Unabhängigkeit halten und damit auch die korrekten zeitlichen und kausalen Zusammenhänge darlegen. Journalist:innen sollten sich der Macht und Bedeutung ihrer Worte und damit ihrer Verantwortung bewusst sein. Journalistische Sorgfalt beginnt bei der Überschrift – nicht erst im späteren Verlauf des Beitrags, der möglicherweise noch hinter einer Bezahlschranke liegt. Die Ermordung von Zivilist:innen darf nicht relativiert werden. Terror muss klar als das benannt werden, was er ist.

Annina Fichtner ist Senior Associate, Policy beim American Jewish Committee (AJC) in Berlin.

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