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Klimabewegung trifft Nahostkonflikt Fridays for Hamas?

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Greta Thunberg, Luisa Neubauer und andere Schüler:innen auf einer Klimademonstration von „Fridays for Future“ in Berlin 2019
Greta Thunberg, Luisa Neubauer und andere Schüler:innen auf einer Klimademonstration von „Fridays for Future“ in Berlin 2019 (Quelle: picture alliance/dpa/Michael Kappeler)

Warum eine Klimagerechtigkeitsgruppe über Palästina postet: Mit diesen Worten beginnt eine neunteilige Reihe von Sharepics über den Nahostkonflikt, die der internationale Account der „Fridays for Future“-Bewegung am 19. Mai veröffentlichte. Es sei ihre Verantwortung, sich zu Menschenrechtsverletzungen zu äußern, wo auch immer sie geschehen, und ein Zeichen gegen Imperialismus und Kolonialismus zu setzen, wo auch immer sie existieren. In den folgenden Bildern geht es allerdings nicht um globale Kämpfe für Gerechtigkeit – sondern ausgerechnet um Israel. Und das nicht ohne Dämonisierungen, Doppelstandards und Delegitimierung in Bezug auf den jüdischen Staat. Der Nahostkonflikt ist in die junge Klimabewegung herübergeschwappt – doch eine Sensibilisierung für Antisemitismus fehlt.

Die Sharepics wurden von der Gruppe „Climate Strike Canada“ entworfen, die sie über den offiziellen internationalen Account von „Fridays for Future“ auf Instagram und Twitter teilte – mit viel Resonanz. Auf Instagram wurde der Post bislang über 22.000 mal geliked. In den überwiegend positiven Kommentaren bedanken sich User:innen für den Beitrag, schreiben von „Mut“ und „Courage“. Dabei plappert die Gruppe lediglich nach, was zurzeit häufig als en vogue in der vor allem englischsprachigen Linken gilt: Palästina gut, Israel böse – ein einfaches Opfer-Täter-Narrativ ohne Raum für Differenzierung angesichts einer komplexen geopolitischen Realität.

„Climate Strike Canada“ arbeite daran, so heißt es im dritten Sharepic als Rechtfertigung für ihre Positionierung, koloniale Gewalt sowohl „im sogenannten Kanada“ als auch weltweit zu bekämpfen – als würde die Gruppe auch die Existenz Kanadas leugnen. Die Gewalt in Palästina werde von nordamerikanischem Militarismus und kolonialen Agenden finanziert und die Systeme, die die Klimakrise geschaffen hätten, seien auf ebendiesem Kolonialismus und Imperialismus gebaut, so die Argumentation. Ein postkolonialer Ansatz, der allerdings die Geschichte des Konflikts und die Entstehung des jüdischen Staates verkennt. Unklar bleibt also, was die jüngste Eskalation im nahen Osten mit der Klimakrise tatsächlich zu tun hat.

Der Kartentrick: Israel breite sich aus, Palästina verschwinde. Doch die Realität ist viel komplexer. (Quelle: Instagram-Screenshot)

Was folgt, ist eine problematische und vereinfachte Schilderung des Nahostkonflikts: Israel wird als imperialistisches Projekt verstanden, die israelische Regierung sei eine Form des Militarismus und Kolonialismus, die „Fridays for Future“ niederreißen wolle – ohne zu erwähnen, dass Jüd:innen und Juden seit Jahrtausenden in der Region leben. Mit dem sogenannten „Kartentrick“, eine mehrfach widerlegte Darstellung des Territoriums auf vier Landkarten, will „Fridays for Future“ ebenfalls Stimmung machen: Israel bereite sich aus auf Kosten Palästinas – ganz zu schweigen davon, dass die Karten zum Beispiel weder das britische Mandatsgebiet noch die ägyptische und jordanische Besatzungen zeigen, dass der UN-Plan 1947 von allen arabischen Staaten abgelehnt wurde oder dass die Karten sich kaum mit privatem Landsitz beschäftigen. Kurzum: it’s complicated.

Besonders brisant wird es, wo von der Verbindung „zwischen Volk und Land“ gesprochen wird, die „über politische Motive“ hinausgehe. Land fördere einen „spirituellen und kulturellen Wohlstand, mit der Verantwortung, es zu pflegen und es von Generation zu Generation weiterzureichen und sie dabei zu verbinden.“ Und fast ist man an der Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus, die die Einheit eines Volkes mit einem Siedlungsgebiet propagiert.

Auch problematisch ist die Relativierung des Raketenterrors der islamistischen Hamas auf die Zivilbevölkerung Israels. „Fridays for Future“ zitiert die indische Autorin und Aktivistin Arundhati Roy mit den Worten „People have the right to resist annhilation“ – als stünden die Palästinenser:innen kurz vor der Vernichtung und als wären die laut israelischer Zählung über 3150 Raketen, die seit Beginn der jüngsten Eskalation ziellos auf den jüdischen Staat geschossen worden sind, irgendwie gerechtfertigt. Vom CO2-Ausstoß der Raketen kein Wort. Auch Ghassan Kanafani, ein führender Kopf der palästinensischen Terrororganisation PFLP, wird von „Fridays for Future“ zitiert. Die Gruppe schreibt weiter in ihren eigenen Worten: Palästinenser:innen hätten nicht immer das Privileg, „Gewaltlosigkeit als zumutbare Option“ zu haben.

Die kompromisslose propalästinensische Linie der internationalen oder zumindest kanadischen „Fridays for Future“-Gruppe will allerdings der deutsche Ableger nicht mittragen. Auf zwei der Bilder steht im Kleindruck: „FFF Germany doesn’t endorse this post“. Aus „Fridays for Future“-Kreisen heißt es, dass die internationale Gruppe die Distanzierung nicht auf allen Bildern veröffentlichen wolle. Über den Kanal „Fridays for Future Germany“ zeigte der deutsche Ableger prompt klare Kante: „Auf int. FFF-Kanälen wurde heute ein Beitrag zum Nahost-Konflikt gepostet, der antisemitische Inhalte verbreitet. Antisemitismus ist in keinster Weise mit unserem Selbstverständnis vereinbar. Wir distanzieren uns wie im Post angegeben in aller Deutlichkeit von allen Inhalten.“ Auf eine Anfrage von Belltower.News wollte sich „Fridays for Future Germany“ nicht weiter zum Vorfall äußern: In der Gruppe laufen noch interne Diskussionen dazu, heißt es.

Auch die „Fridays for Future“-Aktivistin und Grünenmitglied Luisa Neubauer meldete sich auf Twitter schnell zu Wort: „Wichtige Distanzierung. Wir stellen uns klar und deutlich gegen jeden Antisemitismus, überall.“ Eine Haltung, die keineswegs nur ein Lippenbekenntnis ist: Denn Mitte Mai 2021 nutzte Neubauer ihren Auftritt in der Politsendung Anne Will, um auf die Verbreitung von antisemitischen Inhalten des CDU-Kandidaten und Ex-Verfassungsschutzchefs Hans-Georg Maaßen hinzuweisen – was eine bundesweite Diskussion über antisemitische Codes und Chiffren auslöste.

Doch für die internationale Klimabewegung ist die Bilderreihe zum Nahostkonflikt kein Ausrutscher: Bereits am 11. Mai teilte der internationale „Fridays for Future“-Account Aufrufe der antisemitischen BDS-Bewegung in einer Instagram-Story, die zu der Seite „Paliroots“ verlinkte. Die Kampagne „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“, kurz BDS, setzt sich für den Boykott Israels ein und zielt darauf ab, den jüdischen Staat zu delegitimieren und dämonisieren (vgl. Belltower.News). Der Post sei Luisa Neubauer zufolge kurzfristig ohne Absprache veröffentlicht und noch am selben Tag gelöscht worden. Auch davon distanzierte sich „Fridays for Future Germany“ schnell.

Am Tag davor hatte Greta Thunberg die prominente BDS-Aktivistin Naomi Klein retweetet, die von „Kriegsverbrechen“ gegen die Palästinenser:innen in Ostjerusalem spricht. Dazu schreibt Thunberg: „Devastating to follow the developments in Jerusalem and Gaza… #SaveSheikhJarrah“. Viele verstanden den Tweet als eine klare Positionierung der Klimaaktivistin auf die Seite der Palästinenser:innen – und überschütteten sie wahlweise mit Lob oder Wut. Am nächsten Tag stellte Thunberg klar, dass sie weder „gegen“ Israel noch Palästina sei, verheerend seien die Entwicklungen in beiden Lagern. Klar wird, dass die junge Klimaaktivistin mit ihren knapp fünf Millionen Twitter-Follower:innen eine enorme Reichweite und großen Einfluss hat.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass sich die deutsche Klimabewegung von ihren internationalen Partner:innen wegen Antisemitismus distanzieren musste. 2019 relativierte Roger Hallam, der 55-jährige britischer Mitbegründer von „Extinction Rebellion“, die Shoah in einem Interview mit der ZEIT. Eine bewusste Provokation, die fehlschlug: Er betrachtet Genozide als „ein fast normales Ereignis“, hält die deutsche Haltung zum Holocaust für schädlich und beschrieb die industrielle Massenvernichtung von Jüd:innen und Juden als „nur ein weiterer Scheiß in der Menschheitsgeschichte“ (vgl. Belltower.News). Auch damals war ein ähnlicher Tenor aus der deutschen Klimabewegung zu hören: „Er verstößt damit gegen die Prinzipien von XR, die Antisemitismus nicht dulden, und ist bei XR Germany nicht mehr will­kommen“, schrieb „Extinction Rebellion Deutschland“ auf Twitter. Sein deutscher Verlag, Ullstein, zog sein Buch zurück.

Diese Vorfälle zeigen: Die neu entstehende globale Klimabewegung, die dank Bewegungen wie „Fridays for Future“ viele Jugendliche weltweit mobilisieren kann, will sich konsequent für Gerechtigkeit einsetzen. Doch viele junge Aktivist:innen begegnen, abgesehen vom Schulunterricht, dem Nahostkonflikt in diesen Tagen zum ersten Mal. Meinungen werden schnell auf Social Media gebildet – auch über einflussreichen Akteur:innen der Bewegung wie Greta Thunberg. Und Diskussionen über den Konflikt, die in anderen Bewegungen über Monate, wenn nicht Jahre, ausgetragen werden, die teilweise leider auch zu großen Spaltungen geführt haben, finden innerhalb kürzester Zeit online statt. An Potenzial für eine verkürzte Kritik der Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten, die in Antisemitismus münden kann, mangelt es nicht. Die Frage bleibt natürlich, ob eine Klimagerechtigkeitsgruppe sich zum Nahostkonflikt überhaupt äußern muss.


Schwerpunkt Mai 2021: Antizionismus

Im Mai 2021 beschäfigt sich Belltower.News vertieft mit dem Thema Antizionismus in Bezug auf die jüngste Eskalation im Nahostkonflikt. Im Schwerpunkt sind erschienen:

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