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Interview „Antisemitismusbekämpfung kann und darf nicht leicht sein, sie muss wehtun“

(Quelle: Unsplash)

Sie ist Expertin für die aktuellen Formen des Judenhasses in Deutschland und erklärt, was die Wissenschaft über Antisemitismus weiß und warum seine Bekämpfung schmerzhaft sein muss. Ein Interview, dass für das zivilgesellschaftliche Lagebild Antisemitismus der Aktionswochen gegen Antisemitismus geführt wurde.

Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus: Was sind die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Forschungen, die für den zivilgesellschaftlichen Kampf gegen Antisemitismus von Belang sind?
Monika Schwarz-Friesel: Dass der aktuelle Antisemitismus – in allen Formen und Variationen – doch stets immer nur die Wiederholung der Wiederholung ist, das Echo der Vergangenheit, unbeeinflusst von der Erfahrung Auschwitz, unbeeindruckt von Aufklärung und Bildung. Wenige Jahre halbherzige Bekämpfung hatten keine Chance gegenüber einer tradierten, kollektiv internalisierten Judenfeindschaft. Die klassische Judenfeindschaft, das zeigen alle meine großen Korpusstudien der letzten 15 Jahre, ist nach wie vor die Basis des aktuellen Judenhasses. Aus dem alten Anti-Judaismus speist sich jede moderne Form. Nicht nur im Internet wird die epochenübergreifende Reproduktion mittelalterlicher Stereotype und Verschwörungsphantasien in Tausenden von Texten tagtäglich transparent, wobei auch der muslimische Antisemitismus primär geprägt ist von Stereotypen der klassischen Judenfeindschaft und nicht von politischer Empörung gegenüber der Nahostpolitik. Die Israelisierung der antisemitischen Kommunikation durchdringt mittlerweile alle Bereiche der Gesellschaft und ist im Mainstream geradezu en vogue. Insgesamt hat sich das Sag- und Sichtbarkeitsfeld für Antisemitismen vergrößert, Antisemiten treten selbstbewusster auf. Gleichzeitig sind massive Abwehr- und Relativierungsstrategien integraler Bestandteil des antisemitischen Diskurses. Kontext und Absicht spielen bei der Wirkung, der Persuasion von Verbal-Antisemitismus übrigens keine Rolle: Das Gehirn unterscheidet nicht, ob ein Neonazi oder ein linker Professor Antisemitismen absichtlich oder unabsichtlich äußert. Judenfeindliche Rhetorik aktiviert automatisch neuronale Muster im Cortex und dem limbischen, emotionssteuernden, System. Verbale Gewalt gegenüber Jüdinnen und Juden ist geistige Gewalt, und sie festigt, sie tradiert, sie konsolidiert judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster.

In Ihrer 2019 erschienen Studie „Judenhass im Internet“ zeigt sich Antisemitismus besonders prominent in Bezug auf Israel. In aktuellen Debatten wird immer wieder die Frage nach der Unterscheidung von „Israelkritik“ und Antisemitismus gestellt. Wie unterschieden Sie dies in ihren Untersuchungen?
Israelbezogener Antisemitismus ist nicht eine Form, sondern seit Jahren die vorherrschende Manifestation des modernen Judenhasses und folgt der Adaptationslogik, stets die prägnante Lebensform des Judentums opportun zu attackieren. Durch eine zeitgemäße Substitution wird statt auf Juden/Judentum auf — das antisemitische Phantasma — Israel referiert. Eine Unterscheidung ist – anders als oft behauptet – weder problematisch noch schwierig: Wir haben in der empirischen Antisemitismusforschung seit langem präzise Abgrenzungskriterien für expliziten und impliziten Verbal-Antisemitismus

Mehr dazu in Die Sprache der Judenfeindschaft und beim Kriterien-Modell im IDZ-Artikel zu israelbezogenem Judenhass 2021. 

Wer sachlich die Politik oder Militäraktionen Israels kritisieren will, muss nicht auf judeophobe Topoi und antisemitische Schlagworte, nicht auf NS- oder Apartheid-Vergleiche und pejorative Brachialvokabeln zurückgreifen. Das Repertoire der judenfeindlichen, belasteten Rhetorik benutzt nur, wer nicht kritisieren, sondern stigmatisieren will. Und wer sich dann – ungern ertappt als geistiger Brandstifter – im Kreis der Leugnung- und Umdeutung dreht statt zuzugeben, sich verbal vergriffen zu haben und zeigt, dass keine Bereitschaft zur Selbstkritik existiert. Wie wohltuend aufklärerisch und dem Kampf gegen Antisemitismus zuträglich wäre es zum Beispiel gewesen, hätten Mbembe und seine Adepten – im guten wissenschaftlichen Duktus der Revision von Falschaussagen – seine Äußerungen bedauert und als unangemessen deklariert. Doch die globale antisemitische Lüge des 21. Jahrhunderts mit ihrer De-Realisierung des jüdischen Staates, sie wird obsessiv, faktenresistent und ohne jeden Zweifel gepflegt und gehegt.

Unser Lagebild will die prägnantesten Entwicklungen im Bereich Antisemitismus(-bekämpfung) aus zivilgesellschaftlicher Perspektive in den letzten ein bis zwei Jahren darstellen. Was sind in diesem Berichtszeitraum für Sie die wichtigsten Momente?
Die ernüchternde Erkenntnis: Wenn nur ein Zehntel der Energie, mit der allein in den letzten ein bis zwei Jahren Israel dämonisiert, die Forschung diskreditiert und Antisemitismus geleugnet wurde, in die Antisemitismusbekämpfung geflossen wäre, wären wir jetzt einen großen Schritt weiter. Der Antisemitismusvorwurf wird immer öfter erfolgreich abgewehrt und schadet schon lange niemandem mehr, wenn er erhoben wird. Es ist ein Klima entstanden, in der nicht die Antisemiten unter Druck gesetzt werden, sondern diejenigen, die deren Antisemitismus ansprechen. Viele, die lautstark „Vielfalt, Meinungsfreiheit, Toleranz und Anti-Diskriminierung“ posaunen, verlieren ihre in Szene gesetzte Toleranz immer an einem Punkt: Wenn es um den jüdischen Staat Israel und seine Selbstbestimmung geht. Die neue alte Hybris von Bildungsbürgern, jede Ideosynchrasie von anderen Minderheiten zu akzeptieren, es aber nicht lassen können, Jüdinnen und Juden zu sagen, was richtig für sie sei. Diese Mentalität trat gerade in den letzten ein bis zwei Jahren besonders zu Tage. Und natürlich ist dies genau das, was die Extremisten und Islamisten, die Radikalen hören wollen. Es gibt ihnen die gewünschten Anknüpfungen in der Gesamtgesellschaft.

Nicht zuletzt die Mbembe-Debatte oder die Diskussionen um die Initiative GG 5.3 haben gezeigt, dass es immer noch viel Diskussions- und Streitbedarf um die Frage der Ausgestaltung von Erinnerungspolitik in Deutschland und die Frage, was Antisemitismus ist, gibt. Während aber auf der einen Seite (scheinbare Trennung) die AfD für die Forderung nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ und die „Schlussstrich-Forderung“ steht, diskutiert das Bildungsbürgertum im Feuilleton vor allem das Verhältnis zum Kolonialismus und die Rolle der sog. Israelkritik in der Erinnerungspolitik. Wie beobachten Sie dies in Ihrer Forschung?
Wer nach 70 Jahren internationaler und interdisziplinärer Forschung mit unzähligen Studien und Publikationen heute allen Ernstes behauptet, wir wüssten noch nicht wirklich, was Antisemitismus sei, reagiert entweder aus grotesker Ignoranz oder agiert aus ideologisch verblendetem Kalkül: In beiden Fällen wird die ernsthafte, dringend benötigte Bekämpfung von Judenhass in eine nebulöse Zukunft ver- und damit bequem abgeschoben.

Man sollte die Grundlagen- und Standardwerke der Antisemitismusforschung gelesen haben, bevor man den Mund öffnet und sich durch wirre Unkenntnis blamiert. Poliakov hat bereits 1954 ausführlich erörtert, dass Antisemitismus sich auf einzigartige Weise gegen die Existenz von Juden richtet und dass der Zivilisationsbruch der Shoah (dieser Erlösungsphantasie folgend) ein singuläres Menschheitsverbrechen war. Heute richtet sich der Auslöschungsdrang obsessiv auf das wichtigste Symbol jüdischen Lebens, den Staat Israel. Dessen Existenz als jüdischer Nationalstaat ist der Stachel im Geist aller Antisemiten. Israel wird gehasst, weil es ist, nicht, weil es etwas tut oder nicht tut.

Shoah-Relativierungen und Attacken gegen eine verantwortungsvolle Erinnerungskultur sind nichts Neues, sie kommen seit 1945 in Wellen. Ob man von „Schuldkult“, „Vogelschiss“, „Katechismus“ oder „Hohepriestern “ spricht, ob man die Shoah in den allgemeinen Kontext von ethnischen Säuberungen oder Kolonialpolitik stellt: Es handelt sich stets um relativierende De-Realisierungen im Rahmen einer bestimmten Ideologie. So konnte man schon vor 20 Jahren in den Rechts-Außen-Kolumnen der Jungen Freiheit exakt das lesen, was derzeit von einem australischen Professor als „liberalere Erinnerungskultur“ verbreitet wird. Dass bestimmte Mainstream-Medien solche alternativen Fakten nun aber als ernsthafte Beiträge publizieren, das ist der Skandal.

Kritik an Israel gibt es tagtäglich und unverhältnismäßig oft. Ernsthafte Kritiker benutzen aber keine Strategien der Selbst-Legitimierung, sie versuchen nicht, die antisemitische BDS zu legitimieren oder die bewährte IHRA-Definition zu diskreditieren. Personen aus dem Bildung-und Kultursektor wollen sich natürlich nicht gemein machen mit Neonazis, Rassisten und Islamisten. Da ihre Äußerungen in Bezug auf die Dämonisierung und Delegitimierung Israels in vielen Punkten mit denen von Extremisten aber inhaltlich deckungsgleich sind, erheben sie sich auf das Podest der hohen Moral, sprechen als „Humanisten“ im Auftrag von „Meinungsfreiheit und kritischer Aufklärung“. Auch das ist nichts Neues: Korpusanalysen historischer Texte belegen, wie sich die Hybris, Juden vorzuschreiben, wie sie sich zu benehmen haben, als roter Faden durch die Geschichte zieht. Und meine Analysen zu den Zuschriften an den Zentralrat der Juden und die israelische Botschaft weisen diese Techniken von „besorgten Bürger:innen“, die „keineswegs antisemitisch oder israelfeindlich“ seien, sondern aus „Verantwortungsgefühl heraus sprechen müssen“ seit Jahrzehnten im Post-Holocaust-Zeitalter nach.

Sie fordern einen „radikalen Paradigmenwechsel“ in der Bekämpfung von Antisemitismus. Wie sieht er aus?
Bislang gibt es gesamtgesellschaftlich keine ernsthafte, wirkungsvolle Bekämpfung. Entgegen aller Beteuerungen hat man in diesem Land in Punkto Judenhass nichts aus der Geschichte gelernt. Man subsumiert Antisemitismus – im Widerspruch zur internationalen Forschung – unter den allgemeinen Vorurteilen und nivelliert damit seine kulturelle und konzeptuelle Einzigartigkeit. Man verortet ihn primär an den extremen Rändern der Gesellschaft, obgleich Judenfeindschaft immer aus der gebildeten Mitte kam und von dort die Ränder erreichte. Das ist heute nicht anders. Wie soll eine falsche Diagnose zu einer effektiven Therapie führen? Wir müssten zivilgesellschaftlich weg von der bequemen „Antisemitismusbekämpfung light“, dieser unerträglichen Leichtigkeit im Umgang mit Judenfeindschaft, der Floskelkultur und dem Betroffenheitstheater und ihrer ausgeprägten Doppelmoral. Antisemitismusbekämpfung kann und darf nicht leicht sein, sie muss wehtun. Judenfeindschaft speist sich aus der kulturellen DNA von Jahrhunderten des viel gepriesenen Abendlandes. Diese dunkle Seite blendet man aus. Den nicht-jüdischen Deutschen sollte es ein zwingendes moralisches Bedürfnis sein, die Erinnerung wach zu halten, gerade die nicht-jüdische Welt sollte das „Nie Wieder!“ als kategorischen Imperativ im kollektiven Bewusstsein internalisieren. Doch das Trauma der Vergangenheit, die Sorge und Angst um die Zukunft tragen am Ende nur die jüdischen Opfer(nachkommen). Wer die Verfolgung der europäischen Juden mit der Situation von Schwarzen oder Muslimen von heute gleichsetzt, hat nicht nur nichts aus der Geschichte begriffen, sondern verhöhnt auch nachträglich das unvorstellbare Leid, das Ausmaß der Welt-Zerbrechung jüdischen Lebens in Europa, minimiert den Menschlichkeits-Bruch, steht der Aufklärung im Wege.

Es wird zudem zweierlei Maß an antisemitische Äußerungen und Handlungen angelegt. Wer die Antisemitismen von Rechtspopulisten anprangert, muss dies gleichermaßen ohne Ansehen der Person auch bei allen Anderen tun. Judenfeindliche Rhetorik zu benutzen, ist keine Meinungsfreiheit, sondern geistige Brandstiftung, gleich, ob die Äußerungen von Parteikollegen, Kolonialwissenschaftlern, Professoren, linken Friedensaktivisten oder (weltweit zunehmend) von Anti-Diskriminierungsgruppen kommen. Wer dazu aus diplomatischer Netiquette, realpolitischen Interessen, einem politischen Korrektheitsgefühl oder auch nur Gleichgültigkeit schweigt, trägt zur Tolerierung und Erstarkung von Judenhass mit bei.

Erst, wenn Politik, Medien und Zivilgesellschaft bereit sind, jede Form von Antisemitismus ohne Wenn und Aber zurückzuweisen, erst dann dann wird sich etwas ändern. Davon jedoch sind wir weit entfernt.

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