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Online-Lebenswelten als Orte der Radikalisierung Türkischer Nationalismus

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Türkisch-nationalistische Seite auf Facebook. (Quelle: Screenshot)

Für diesen Teil der Untersuchung wurden auf drei Facebook-Präsenzen im Zeitraum 01.-31.01.2018 insgesamt 100 Posts (Texte, Videos, Fotos, Links) analysiert. Diese Präsenzen waren die „Türk Federasyon“, der Dachverband der den rechtsextremen „Grauen Wölfen“ nahestehenden Moscheegemeinden in Deutschland, „Turan e.V.“, ein ebenfalls den „Grauen Wölfen“ nahestehender Rockerclub, und „Stolz der Türkei – R. T. Erdoğan“, wo Erdoğan und dessen Politik und Weltanschauung verherrlicht werden. Ausgehend vom Inhalt, den die Akteure eingestellt hatten, sollte festgestellt werden, wie ihre nationalistischen Angebote beschaffen sind. Dieses Wissen soll zu einem erweiterten Verständnis der Ideologie der entsprechenden nationalistischen Jugendszene, zu der bereits aus anderen Quellen Erkenntnisse vorliegen, beitragen. Aus den an das Material herangetragenen Kategorien von Narrativen des türkischen Nationalismus wurden die folgenden häufiger verbreitet.

Häufigkeit der verbreiteten Narrative

1. Aufwertung des Eigenen „Unsere Anführer sind die Besten“

2. Abwertung des Anderen „Der Westen ist gegen uns“

3. Handlungsaufforderungen „Wir müssen wieder stark und kämpferisch werden“ „Wir müssen die inneren Feinde bekämpfen“ „Wir müssen die äußere Bedrohung abwehren“ „Wir müssen unseren Bluts- und Glaubens- brüdern helfen“

Darüber hinaus gibt es weitere Kategorien, die relevant werden können und berücksichtigt werden müssen, aber in dieser Untersuchung nicht oder kaum bedient wurden.
Deutlich wird, dass im türkischen Nationalismus – wie für jeden Nationalismus charakteristisch – sehr stark mit Bezügen auf die Gruppe gearbeitet wird. Mit Aufwertung des Eigenen und Abwertung der anderen sind die grundlegenden Prozesse des Distinktionsgewinns präsent. Das Lob auf die guten Führer fällt über die autoritäre Identifikation mit diesen Führern auf die Gefolgsleute, die dieses Lob aussprechen, zurück und dient der Vergewisserung, der besten Gemeinschaft anzugehören (Selbstaufwertung). Zugleich erlaubt diese Identifikation ein Abgeben von Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Lebens. Auf dem Weg über das indirekte Eigenlob – aber v.a. über die Teilhabe an dieser ideologischen Gemeinschaft und die Bestätigung durch dieselbe – erlangen die Einzelnen Anerkennung und können ihr Selbstwertgefühl stärken. Die Bedrohung von außen oder ein gemeinsamer Gegner (der Westen) fördern den Zusammenhalt in der Gruppe bzw. die Gruppenbindung.

Die Handlungsaufforderungen, die für den Erhalt und die Stärkung der Wir-Gruppe ausgesprochen werden, ermutigen dazu, aktiv, wehrhaft, gestaltend und solidarisch aufzutreten, und bieten eine Erfolgsperspektive. Auch für dieses Engagement wird Anerkennung versprochen. Dazu kommt die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Eine Opferrolle ist in diesem Selbstbild ausgeschlossen.
All diese Versprechen dieser Gruppenzugehörigkeit sind für türkischstämmige Jugendliche gerade angesichts des gesellschaftlichen Ausschlusses, den sie in Deutschland erfahren, attraktiv. Ihnen wird die Möglichkeit geboten, auf der Ebene der Selbstzuschreibung aus der negativen Rolle auszubrechen und die türkische Identität, über die sie von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen werden, in eine positiv aufgeladene, „heroische“ Identität umzuwenden – die allerdings mit besagtem ideologischen Ballast aufgeladen ist.

Handlungsempfehlungen

Bei der Debatte mit Jugendlichen um die türkisch-nationalistische Identität könnte die Frage aufgeworfen werden, welche konkreten Details sich durch diese Identität in ihrem Leben verbessern, wo und wie sie ihnen weiterhilft. Soweit reale Sachverhalte vorgetragen werden, könnten gemeinsam Vorschläge erarbeitet werden, mit welchen nichtideologischen Mitteln sich die genannten Effekte noch wirksamer herstellen ließen. Kann keine reale Verbesserung durch diese Identität vorgetragen werden, ist der Schein dieser Ideologie umso offensichtlicher. Daraufhin könnten ebenfalls reale Verbesserungsmöglichkeiten erörtert werden. Jugendliche könnten außerdem dazu bewegt werden zu erkennen, wie sie für ein politisches Ziel instrumentalisiert werden.

Türkische Identitäten sind vielfältig und werden je nach Sozialisation auf unterschiedlichste Art und Weise hergestellt. Diese Identitäten sollten in ihrer Diversität sichtbar gemacht und ihre jeweiligen Stärken und Vorzüge (für eine selbstbewusste Identitätskonstruktion sowie in Bezug auf Lebensführung und gesellschaftliche Mitgestaltung) gegenüber einem nationalistischen Weltbild hervorgehoben werden. Bei diesem Ansatz ginge es also darum, andere Vorbilder und Wertvorstellungen zu finden bzw. an diese heranzuführen. Allein das Vorhandensein (und die Attraktivität) anderer Angebote mag zu einer anderen Wahl führen.

Hier könnten Jugendliche jedoch zu Recht einwenden, dass auch diejenigen türkischstämmigen Deutschen, die nicht türkisch-nationalistisch eingestellt sind, sondern sich – scheinbar erfolgreich integriert – auf die deutsche Gesellschaft beziehen, Ausgrenzung erfahren. Dazu wäre aufzuzeigen, dass es schwer sein mag, (kontinuierlich) für die eigenen Rechte einzutreten, dass aber eine Abwendung aus Enttäuschung und Zuwendung zum türkischen Nationalismus ganz sicher in eine Sackgasse – nämlich an den Rand der Gesellschaft – führen. Dorthin, wo diejenigen, die ausgrenzen, sie sehen wollen. Auch Werte beeinflussen die Wahl eines Identitätsangebots. Hier ließe sich erarbeiten, aufgrund welcher Werte eher ein nationalistisches Angebot gewählt wird und welche Werte mobilisiert oder gestärkt werden könnten, die einer anderen Identitätskonstruktion den Vorzug geben.

Türkischer Ultranationalismus in Deutschland

Akteur*innen

Die Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), seit Juli 2018 Koalitionspartner der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung, Erdoğan), arbeitet in Deutschland am Aufbau sogenannter „Idealistenvereine“ und zielt auf die Gewinnung von „Europatürken“. Damit sind Türk*innen oder türkischstämmige Deutsche gemeint, die ihren Lebensmittelpunkt in Europa haben. Mit dem Slogan “Werde Deutscher, bleibe Türke“ soll ihre Interessenvertretung auch in Deutschland gewahrt werden; insbesondere die 3. bzw. 4. Generation junger Menschen mit türkischen Bezügen soll damit für die ultranationalistische ideologische Ziele gewonnen werden. Die Ülkücü- Bewegung (auch bekannt als „Graue Wölfe“) bildet die größte rechtsextreme Organisation in Deutschland: Zusammen mit lokalen Vereinsstrukturen und  den Dachverbänden Türk Ferderasyon, ATIB und ATB haben sie ca. 18.000 Mitglieder – viermal so viele wie die NDP. Ziel der Ülkücü-Bewegung ist die Verbreitung einer rechtsextremen Ideologie, die auf der völkischen Gemeinschaft („Birlik“) aller Türk*innen und Turkvölker basiert, sich aus der Idee eines gemeinsamen, homogenen Großreiches („Turan“) speist und sich so sogar mit der ungarischen Jobbik- Partei verbünden kann.

Themenspektrum

Themen der Grauen Wölfe und ihrer zahlreichen Anschlussbewegungen sind die Allmächtigkeit des türkischen Volkes, die Überhöhung der türkischen Nation und die Betonung islamischer Werte. Dies geht einher mit Narrativen, die den Westen, die USA, Israel oder auch den Kommunismus als Feind darstellen. Offene rassistische Positionen werden geleugnet, Ungleichwertigkeitsideologien werden gegen Armenier, Kurden und Juden formuliert. Dazu kommen Sexismus, Homophobie, Autoritarismus, Führerkult und Gewaltakzeptanz. In diesem Zusammenhang wird auf den Islam insbesondere als Gegenstück zu säkularen, liberalen und pluralistischen Ansichten Bezug genommen. Diese Verbindung wird als türkisch-nationale Synthese bezeichnet, indem das Türkisch-Nationalistische untrennbar mit islamischen Anteilen gedacht wird. Den Rassismus deutscher Rechtsextremer auch gegen Türken zu verurteilen, fiel den Grauen Wölfen schwer – zu nah sind sie ideologisch an der NPD, geeint im Kampf gegen z.B. linke Kurden. So gab es in den letzten 20 Jahren auch Sympathiebekundungen zwischen beiden Parteien – und sie sind sich einig im ideologischen Kampf z.B. gegen einen Beitritt der Türkei zur EU.

Kommunikationsplattformen

Insbesondere die lokalen Mitgliedervereine der Türk Federasyon (der Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine) haben eine sehr erfolgreiche Infrastruktur von Selbsthilfestrukturen und Moscheevereinen über Jahrzehnte aufgebaut, so dass sie Einfluss auf zahlreiche Eltern-, Unternehmens- sowie Jugend- und Sportverbände haben. Bereits 2004 wurde vom Verfassungsschutz NRW auf die Aktivitäten der Grauen Wölfe hingewiesen, die als ein Hindernis für die Integration der türkischstämmigen Community gesehen wurde. Pro-Erdogan- Demonstrationen und Auftritte weiterer türkischer Politiker aus dem AKP-Umfeld 2016 und 2017 haben zur Mobilisierung und stärkeren Sichtbarkeit der Bewegung in der Mehrheitsgesellschaft geführt. Besonders kennzeichnend ist der „Wolfsgruß“, ein Handzeichen, das die Zugehörigkeit zu Bewegung signalisiert. Weitere Orte der Verbreitung sind ultranationalistische Rockerclubs, die sich z.B. (wie „Turan e.V.“) mit einer Solidaritätsdemo an der „Anti-Terror-Aktion“ Erdogans nach dem Militärputsch in der Türkei 2016 beteiligten. Der Rockerclub „Osmanen Germania“ hatte aktive Beziehung zur AKP und wurde nach jahrelanger Beobachtung durch den Verfassungsschutz im Juli 2018 verboten. Weitere Rockerclubs wie „Turkos MC“, die dem Umfeld der Grauen Wölfe zugerechnet werden können und Verbindungen zu den „Hells Angels“ haben, oder „Gremium MC Nomads BosporusTürkiye“ sind ebenfalls Orte der ultranationalistischen Mobilisierung.

Quellen

Kemal Bozay und Alia Sembol: Türkischer Ultranationalismus in Deutschland. In: Themenheft „neuer deutscher extremismus*“, Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage [Hrsg.] (2019), S. 53 -61.

Die Broschüre „Online-Lebenswelten als Orte der Radikalisierung“ auf Belltower.News

(wird fortlaufend veröffentlicht)

  • Vorwort: Online-Lebenswelten als Orte der Radikalisierung
  • Antidemokratische Narrative und Hate Speech in Jugendszenen der Einwanderungsgesellschaft
  • Islamismus
  • Türkischer Nationalismus
  • Russischsprachige Diaspora
  • Was daraus folgt + Literatur und weiterführende Materialien
Titelbild der Broschüre „Online-Lebenswelten als Orte der Radikalisierung“.

Die Broschüre zum Download (pdf):

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/wp-content/uploads/2019/11/Online_Lebenswelten_web.pdf

 

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