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Schwerpunkt Rechtsterrorismus Ästhetik, Sprache und kulturelle Codes – 2

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"Fashwave"-Memes (Quelle: Screenshot)

 

Teil 1 zu Terrorwave auf Belltower.News

Musik

Musik gilt für viele als Türöffner zur rechtsextremen Szene, und auch die rechtsterroristische Szene nutzt diesen Umstand für sich. Auf großen und kleinen Online-Plattformen werden Videos geteilt, die sich unter dem Namen „Fashwave“ verorten lassen – einer Mischung aus „fascism“ und „New wave“. Die elektronische Musik begleitet Bilder mit rechtsterroristischer Ästhetik oder modern geschnittenen Videos aus dem nationalsozialistischen „Dritten Reich“. Die elektronische Musikuntermalung richtet sich dabei vor allem an ein junges Publikum.

Rechtsterroristische Musik wirkt auf die Subkultur motivierend. Das zeigte sich u.a. bei dem Anschlag in Halle, bei dem der Täter eine englischsprachige Hymne auf den „Incel“-Terroristen von Toronto abspielte. Aber auch Musik deutschsprachiger Interpreten, die Rechtsterroristen verehrt und zu
entsprechenden Handlungen motiviert, wird in Online-Musikbörsen international gehandelt. So heißen Songs eines rechtsextremen Wiener Rappers „Hold out for a Tarrant”, „The mosque is on fire” oder „Das Beste Volk der Welt”, ein Lied, in dem er die Ermordung von Juden*Jüdinnen gutheißt.

Rechtsterroristische Anschläge als Unterhaltungs„kultur“ 2019 filmte sich der Rechtsterrorist von Christchurch während seiner Tat und veröffentlichte den Stream auf Facebook. Kurz zuvor lud er seine
schriftlichen Ausführungen auf dem Imageboard 8chan hoch. Die Tat hatte Vorbildcharakter in der Online-Subkultur, sodass nachfolgende Rechtsterroristen das Attentat zur Orientierung nutzten. In Halle streamte der Attentäter sein Video auf Twitch; die Attentäter von Poway und Bærum versuchten
es ebenfalls mit einer Live-Übertragung auf Facebook, die jedoch misslang. Ihre schriftlichen Ausführungen oder Ankündigungen veröffentlichten sie ebenfalls auf Imageboards. Und es gibt eine weitere Gemeinsamkeit: Sie beziehen sich aufeinander, benutzen die Codes der Online-Subkultur und
inszenieren ihre Taten so, dass sie im Handumdrehen von der Online-Subkultur in kulturelle Elemente übersetzt werden können – wie es bei den selbst hochgeladenen Bildern des Christchurch-Attentäters
der Fall war. Elemente, die auf letzteren Bezug nehmen, finden sich mittlerweile auch als T-Shirt-Motive deutscher Neonazis.

Die ähnlichen Tatdurchführungen sind Bestätigungen der Online-Subkultur und zeigen, dass und wie
sie funktioniert. Sie sind ein Beispiel dafür, wie die Rechtsterroristen der Online-Subkultur die Strategie
des „führerlosen Widerstandes“ umsetzen: Sie suchen sich ihre Vorbilder selbst aus bereits erfolgten rechtsterroristischen Anschlägen aus. Die Tat erfüllt aber auch ein soziales Bedürfnis der meisten Rechtsterroristen: Die Durchführung erlaubt ihnen, den Schatten der sogenannten „Anons“ zu verlassen und aufgenommen zu werden in den Kreis der Namenhaften. Die Rechtsterroristen der Szene werden als sogenannte „Saints“ (deutsch: „Heilige“), bezeichnet und genießen eine besondere Stellung. Es gibt Telegram-Kanäle, die nach Rechtsterroristen benannt wurden oder eindeutige Andeutungen enthalten und teilweise täglich bis wöchentlich glorifizierende Propaganda erstellen, die weiterverbreitet wird und andere Mitglieder zu ähnlichen Anschlägen motivieren soll. Die Mitglieder erstellen sogenannte „Leaderboards“, die Rechtsterroristen in ein Ranking einordnen. Oben steht in der Regel, wer die meisten Menschen ermordet hat. Rechtsterroristen, die vergleichsweise wenig Menschen ermordet haben, werden dadurch schnell zu „Losern“ der Szene.

Im Anschluss an rechtsterroristische Attentate diskutiert die Szene zumeist über die Umsetzung der Tat und darüber, was potenzielle Attentäter beim nächsten Mal ändern sollten, um noch mehr Menschen umbringen zu können. Bei den sogenannten „Saints“ versucht sich die Szene sogar an so etwas wie Solidaritätsbekundungen und motiviert ihre Mitglieder, Briefe an die Inhaftierten zu schicken. Die rechtsterroristischen Anschläge entstammen nicht nur der Online-Subkultur, sondern sind auch auf diese zugeschnitten. Die Mitglieder sind in der Lage, augenblicklich neue „Saints“ in ihre Subkultur aufzunehmen, weil sie ebenfalls darauf angewiesen ist. Die Botschaft ist so simpel wie gefährlich: Seht her, ich war einer von Euch, habe meine Worte in Taten umgesetzt und meinen Namen weltweit bekannt gemacht!

Pamphlete und Veröffentlichungen der Attentäter

Die oft schriftlichen Ausführungen zur Tat oder zusammenkopierte pdf-Sammlungen der Rechtsterroristen werden durch die englische Sprache schnell in der Szene verbreitet. In kürzester Zeit fanden sich über ein Dutzend Übersetzungen des Christchurch-Pamphlets in den rechtsterroristischen Online-Kanälen, mitunter posierten Mitglieder sogar mit einer gebundenen ukrainischen Übersetzung. Auch deutsche Rechtsterroristen wie die Attentäter von Halle und Hanau verfassten ihre Schriftstücke beziehungsweise Videos auf Englisch.

Die schriftlichen Ausführungen sind zudem Beleg dafür, wie sich die Mitglieder an vorherigen Anschlägen orientieren. Damit verbunden ist nicht nur der Wunsch, die gleiche Glorifizierung und Anerkennung zu erfahren, sondern auch eine Wirkung auf die Szene zu haben, also durch die eigene
Tat andere ebenfalls motivieren zu können. Gleichzeitig dienen sie den Tätern zur Selbstinszenierung. Der Attentäter von Halle präsentierte darin stolz seine selbstgebauten Waffen, erläuterte sein antisemitisches Motiv und seinen eigentlichen Plan. Zusätzlich veröffentlichte er eine eigene Achievement-Liste, die sich an den in Egoshooter-Spielen üblichen Verdienstlisten orientierte. Nachträglich sollte ihn die rechtsterroristische Online-Subkultur für die Art und Weise einer Tötung mit „Achievements“ ausstatten, die er selbst dafür veranschlagte: Für das „Achievement Gender Equality“ etwa musste er die Aufgabe erfüllen „Kill a jewess“ („Töte eine Jüdin“). Damit griff er nicht nur einen gängigen Umgang der rechtsterroristischen Online-Subkultur mit Anschlägen auf, sondern erleichterte ihnen dieses Prozedere beziehungsweise konnte es beeinflussen. Auch die sprachlichen Codes griffen die szenetypischen Symbole auf.

Die schriftlichen Bekenntnisse dienen zugleich der medienwirksamen Inszenierung der Tat. Den Tätern ist es wichtig, genannt zu werden, sie genießen die Aufmerksamkeit vor Gericht und das öffentliche Interesse an ihrer Person und der Tatmotivation. Das mediale Echo ist einkalkuliert, das Geschriebene ihre Erklärung, die es in die Öffentlichkeit schaffen soll. Deren Inhalte würden ansonsten in den rechtsterroristischen Foren verbleiben.

Live-Videos

Live-Videos sind ein neues Phänomen bei rechtsterroristischen Anschlägen. Das Video des Christchurch-Attentäters war sechs Stunden lang auf Facebook zugänglich, bevor es entfernt wurde. In den darauffolgenden Tagen wurden über 1,5 Millionen Kopien des Videos allein auf Facebook gelöscht, in den 24 Stunden nach dem Attentat wurde jede Sekunde eine Kopie hochgeladen. Immer noch sind die Videos leicht auffindbar. Dass die Attentate live gestreamt werden, stellt also auch Online-Plattformen vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig bedeutet das für die Opfer, ihre Angehörigen und die von den Anschlägen adressierte Zielgruppe eine neue, allgegenwärtige Form der Traumatisierung. Die Brutalität der Tat und das Leid der Menschen erlangen auf diese Weise einen erschreckenden Unterhaltungswert.

Die Links zu den Videos werden kurz vorher gepostet und in der rechtsterroristischen Online-Subkultur
rasant verbreitet und archiviert. Der Täter filmt seine Tat aus der Egoshooter-Perspektive, die aus Videospielen bekannt ist und bei sogenannten First-Person-Games verwendet wird. So ist es dem Publikum möglich, sich in die Situation des Täters hineinzuversetzen und dem Anschlag live beizuwohnen. Das Attentat wird dadurch in der rechtsterroristischen Online-Subkultur zu einem
Erlebnis, hinter dem auch ein Leistungsgedanke steckt. Waffen und Strategien sollen bei der realen Ermordung erprobt werden und die Tat um ein Unterhaltungsformat erweitern. Dabei geht
es weniger um den Wunsch, mit einem solchen Unterhaltungsformat Gamer*innen anzusprechen. Vielmehr soll der Entertainmentfaktor dafür sorgen, die rechtsterroristischen Online-Mitglieder an dem Anschlag teilhaben zu lassen – und dies funktioniert. Schon kurz nach den Taten von Christchurch fanden sich bearbeitete Video-Zuschnitte der Live-Videos in den rechtsterroristischen Netzwerken und sind bis heute noch verfügbar. Durch diesen Umgang und der Darstellung wird die Entmenschlichung der Opfer vorangetrieben, der Täter zum Helden eines Egoshooter-Spiels gemacht


Dieser Text ist ein Auszug aus der Broschüre „Rechtsterroristische Online-Subkulturen. Analysen und Handlungempfehlungen“ der Amadeu Antonio Stiftung, erschienen im Februar 2021.

Die Broschüre zum Download gibt es hier:

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/rechtsterroristische-online-subkulturen/


 

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