Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Was ist das? Sexismus

Graffiti in Österreich (Quelle: Flickr / Kecko / CC BY 2.0)

Mach einmal folgenden Versuch: Erzähl Kindern eine Geschichte, in der es um eine »wirklich, wirklich schlaue« Person geht. Lass sie anschließend raten, ob die Person ein Mann oder eine Frau ist. Ein Forscherteam hat dieses Experiment mit über 400 Kindern durchgeführt und ist zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen: Im Alter bis fünf Jahre favorisierten die Kinder ihr eigenes Geschlecht. Mädchen glaubten also, dass die schlaue Person in der Geschichte eine Frau ist, und Jungen bevorzugten einen Mann. Ab sechs Jahren jedoch hielten Mädchen Männer oft für schlauer. Sie schätzten andere Mädchen und Frauen seltener als brillant, stark und schlau ein. Jungen hingegen trauten sich und anderen Jungen mehr zu. Warum ist das so?

Klischees über »richtige« Männer/Jungen oder »richtige« Frauen/Mädchen kennen alle, und sie betreffen alle. Populäre männliche YouTuber vloggen zu Games, Wissenschaft, Politik und spielen Streiche. Weibliche YouTuberinnen treten hingegen oft als Beauty-Vloggerinnen auf: harmlos, schön und ohne Skandale. Im Fernsehen werden bei »Germany‘s next Topmodel« lange Beine, schöne Haare, flache Bäuche als einzig mögliche Schönheitsideale für Mädchen verkauft, während Jungen als Krieger ganze Star Wars-Galaxien erobern (müssen). Wir lernen schon früh, welche Fähigkeiten, Interessen oder Eigenschaften sich für Mädchen oder Jungen »gehören«. Aber was ist, wenn die zugewiesene Rolle nicht passt? Warum werden Jungen verspottet, die aus Enttäuschung beim Fußballspiel weinen, und Mädchen zurechtgewiesen, wenn sie laut lachen? Warum ist es ungewohnt, wenn sich ein Mann lieber um seine Kinder als um die Karriere kümmert oder eine Frau Physikerin ist? Sexismus zwängt jeden und jede in ein Korsett, in Rollen und Erwartungen und hat damit große Auswirkungen auf unser Leben.

Wie erkenne ich das?

Sexismus schreibt Männern und Frauen vor, wie sie leben sollen, was sie können müssen, wie sie fühlen sollen und wen sie lieben dürfen. Er ist Teil einer Logik, die einerseits in zwei sich ausschließende Geschlechter einteilt, obwohl es viel mehr Identitäten und Lebensweisen gibt, und andererseits diese zwei Geschlechter unterschiedlich bewertet.

Sexismus ist beispielsweise:

  • wenn wir denken, dass Frauen bestimmte Sachen zu tun und zu lassen haben und Männer ebenso
  • wenn »typisch weibliche« Tätigkeiten als weniger wertvoll angesehen werden oder manche Jungen sich zum Beispiel »zu fein« sind, um sich um den Haushalt zu kümmern
  • wenn Jungen und Männer sich nicht »mädchenhaft« oder »schwul« verhalten sollen
  • wenn wir glauben, dass Frauen nicht Frauen und Männer nicht Männer lieben können (➜ Homo- und Trans*feindlichkeit)
  • wenn Frauen durch ständige Kommentare oder vermeintliche »Komplimente« über ihre Figur ein Körperideal aufgezwungen wird (➜ Lookismus)

Sexistische Zuschreibungen sind vor allem für Frauen oder alles, was als »typisch weiblich« gilt, ein Nachteil: In Deutschland verdienen Frauen im Schnitt ca. 20 Prozent weniger als Männer für die gleiche Arbeit. Frauen leisten zwei Drittel der ehrenamtlichen Arbeit, übernehmen den Großteil an unbezahlter Versorgung von Kindern und die Pflege von älteren oder kranken Menschen.

Oft werden Führungsqualitäten nur Männern zugetraut und hohe Posten entsprechend besetzt. In sozialen Berufen, die meist schlechter bezahlt sind, gibt es wiederum kaum Männer. Schuld daran sind nicht die vermeintlichen oder tatsächlichen Eigenschaften von Frauen und Männern, sondern sexistische Einstellungen und unhinterfragte sexistische Strukturen. Sexismus führt schlimmstenfalls zu körperlicher Gewalt, wenn etwa Männer denken, sie seien »überlegen« und dürften sich deshalb sogar gegen den Willen der Frau durchsetzen. Sexismus ist auch der Versuch, einer Frau, ihrem Kleidungsstil oder Verhalten die Schuld zu geben, wenn sie sexuelle Gewalt erlebt. Sexismus verbindet sich mit ➜ Rassismus, wenn behauptet wird, dass sexuelle Gewalt vor allem von Menschen mit Migrationsbiografie ausginge und von außen in »unsere« Gesellschaft gebracht würde. Wer so argumentiert, schützt keine Frauen, sondern verfälscht das Problem und spricht rassistisch. Wer meint, dass Frauen mit religiöser Kopfbedeckung nicht gleichberechtigt sein könnten, verknüpft die Abwertung von Frauen mit ➜ antimuslimischem Rassismus.

Was kann ich dagegen tun?

Zu jeder Zeit und an jedem Ort der Welt haben Frauen und Verbündete gegen Sexismus gekämpft. Feministische Bewegungen haben auch in Deutschland mehr Gleichstellung erreicht. Sie haben das Wahlrecht für Frauen durchgesetzt und dass Frauen einen Job wählen oder Auto fahren können, ohne ihren Mann um Erlaubnis zu fragen. Sie haben uns auch gezeigt, dass es einen Unterschied zwischen dem biologischen Geschlecht und einem sozialen Geschlecht, dem Gender, gibt. Damit sind eben jene Geschlechterrollen, Erwartungen, Werte und Ordnungen gemeint, die bestimmen, wie wir als Mann oder Frau leben. Geschlecht oder Gender sind demnach nicht »von Natur aus so«, sondern gesellschaftlich oder sozial, also von Menschen gemacht. Und damit veränderbar.

Um sexistische Einstellungen zu verändern, müssen wir im Kopf anfangen. Jede Person kann zuerst bei sich selbst schauen, wie frei sie ist und ob sie anderen erlaubt, frei zu sein. Wann denkst du: »Das kann sie (er) nicht, weil sie eine Frau (weil er ein Mann) ist«? Wir können uns auch unserer Sprache bewusst werden: Das Gender-Sternchen bei »Frau*« oder »Mann*« betont z.B. die verdeckte Vielfalt der Menschen. Es symbolisiert die Fülle von Geschlechtern und Lebensweisen und beschreibt fließende Übergänge statt starrer Zweigeschlechtlichkeit. Bei Lohnunterschieden für gleiche Arbeit oder unterschiedlichen Aufstiegschancen kommt es darauf an zu widersprechen. Du kannst in deinem Umfeld anfangen: Welche Rollen übernehmen Männer und Frauen in meiner Umgebung? Werden Jungen und Mädchen anders bewertet, gefördert oder ermutigt? Gibt es vielleicht jemanden in deinem Bekanntenkreis, der gar nicht Junge oder Mädchen sein möchte? Und haben Mädchen und Jungen die Freiheit, nicht »typisch« zu sein? Lass es nicht zu, wenn dir andere sagen, wie du dich zu verhalten hast, weil du ein Mädchen oder ein Junge bist. Genieße und nutze deine Freiheit und die Freiheit von anderen, um einengende Geschlechterbilder in Frage zu stellen.

 

Weitere Informationen

 

Dieser Flyer ist Teil einer Reihe, die unterschiedliche Formen der Abwertung bestimmter Gruppen in der Gesellschaft erklärt. Wenn wir uns für Gleichwertigkeit, gegen Diskriminierung einsetzen, gilt das für alle ohne Ausnahme. Auch wenn wir nicht wissen, ob direkt Betroffene anwesend sind. Wichtig dabei ist: Wer selbst diskriminiert wird, ist nicht davor geschützt, seinerseits andere abzuwerten.

Die Flyer und weitere Informationen erhältst du auf www.amadeu-antonio-stiftung.de/themenflyer-zu-gruppenbezogener-menschenfeindlichkeit/. Die Amadeu Antonio Stiftung kann dir auch helfen, dich gegen andere Formen von Diskriminierung und Gewalt zu wehren und zu engagieren.

Sexistische Zuschreibungen sind vor allem für Frauen oder alles, was als „typisch weiblich“ gilt, ein Nachteil: In Deutschland verdienen Frauen beispielsweise im Schnitt ca. 20 Prozent weniger als Männer für die gleiche Arbeit. Um sexistische Einstellungen zu verändern, müssen wir im Kopf anfangen.

Der Flyer zum Download: Sexismus

Alle Flyer der Reihe:

Weiterlesen

Was ist das? Rassismus gegen Sinti und Roma

In Deutschland hält sich hartnäckig das Vorurteil, Sinti und Roma passten nicht zur Gesellschaft. Das führt dazu, dass Sinti und…

Von|

Was ist das? Rassismus

Eine Flyerreihe der Amadeu Antonio Stiftung erklärt Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit: Was ist Rassismus? Wie erkenne wir ihn? Was können wir…

Von|

Was ist das? Feindschaft gegen Obdachlose

Wenn wir Feindseligkeit gegenüber Obdachlosen hinnehmen, wenn wir uns an abfälligen Bemerkungen oder „Räumungs-Aktionen“ beteiligen, tragen wir auch dazu bei, dass es gewalttätige Angriffe gegen Obdachlose gibt. Wenn wir Pöbeleien dulden, zeigen wir damit, dass uns die Menschen, die beschimpft werden, weniger wert sind als andere. Damit tolerieren wir die Feindseligkeit und tragen indirekt zur Gewalt bei. Was können wir tun?

Von|
Unsere Partnerportale
Eine Plattform der