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Wie Rechtsradikale zivilen Ungehorsam anfeuern Von Böllern als Widerstand bis zu #WirMachenAuf

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Gruppen auf der Website zu #wirmachenauf. Die mittlere Gruppe glaubt übrigens nicht an die Existenz der BRD, weshalb alle Polizist*innen ebenfalls als illegal angesehen werden - und gegen die solle man sich wehren. (Quelle: Screenshot)

Das Winter-Leben in einer Pandemie, wir alle merken es, ist nicht leicht zu ertragen. Nicht alle Verbote im Lockdown erschließen sich allen Personen gleich gut. Einige Menschen in Deutschland testen Grenzen aus, suchen Schlupflöcher und versuchen, die Bedrohung zu ignorieren. Das ist nicht schlau, aber menschlich. Anders als Demonstrationen sind Privatfeiern oder Rodelausflüge nicht Protest gegen die Regierungspolitik, sondern Versuche der persönlichen Stabilisierung unter Ignoranz der Gefahr für sich und andere.

Auch die rechtsradikale und verschwörungsideologische Szene hat derzeit aber Gründe, sich stabilisieren zu wollen. Nach den journalistischen Recherchen zum fragwürdigen Umgang mit Spenden von „Querdenken“-Kopf Michael Ballweg (vgl. Belltower.News) hat dieser zumindest einen zeitweiligen Rückzug „bis zum Frühling“ angekündigt. Dem querdenkenden Arzt Bodo Schiffmann droht nach der Kündigung seiner Praxisräume auch ein Entzug der Approbation wegen Maskenfrei-Attesten, die nicht ordnungsgemäß verschrieben worden sein sollen (vgl. t-online).

Vor allem die Coronamaßnahmen-feindlichenen Teile der AfD, aber auch andere Teile der rechtsradiaklen Szene sehen einen Kitt darin, einfach alles zum Akt des Widerstandes zu erklären:

Auf seiner Website erklärt AfD-Hardliner Hans-Thomas Tillschneider: „Also fangen sie [die Regierung] beim Feuerwerk an. Und also ist es wichtig, daß wir schon beim Feuerwerk Widerstand leisten. Wir müssen überhaupt mehr Widerstand leisten. Jeder sollte sich fragen, wo er widerstehen kann. Von Benziner auf Diesel umsteigen, die Impfung verweigern, sich aufraffen, und demonstrieren gehen! (…) Oder einfach nur widersprechen und einen Covidioten, der einen ermahnt, die Maske richtig zu tragen, tüchtig zur Rede stellen.“ Eine kreative Wordumdeutung also, hier.

Aber Tillschneider war letztes Jahr auch Weihnachten Widerstand, der steht also auch auf die Widerstands-Rhetorik:

Damals übrigens sein Ansatz: Kardinal Reinhard Marx appellierte anlässlich des Weihnachtsfestes für die Aufnahme von Geflüchteten im Geiste der Nächstenliebe, Tillschneider sieht aber: „Hinter der angeblichen Nächsten- und Fremdenliebe steckt als wahre Triebfeder die Verachtung der eigenen Leute. Mit Weihnachten hat all das gar nichts zu tun. (…) Gerade in den Ritualen des Weihnachtsfestes zeigt sich der Nationalcharakter. (…) Indem wir unsere deutsche Weihnacht feiern, leisten wir Widerstand gegen die one-world-Ideologie, wie sie die Kirchen propagieren.“ Autsch.

Aber auch die Leser*innen des rechtsradikalen Compact-Magazins konnten lernen, das praktisch alles „Widerstand“ ist:

Und Sie haben gedacht, die Leute wollten nur Wintersport treiben. Nein, es ist ein „Rodelaufstand“! Und auch in unseren Nachbarländern sieht Jürgen Elsässer in Compact den Widerstand in allen Ecken – oder vielmehr die „Rave-o-lution“ (auch autsch).

#WirMachenAuf – was steckt dahinter?

Aktuell ist ein Lieblingsthema der rechtsradikalen Szene die am 02. Januar 2021 auf Telegram gestartete Aktion „#Wirmachenauf – kein Lockdown mehr“ mit gleichnamigen Kanal. Laut Selbstbeschreibung handelte es sich um eine Protestaktion von Gewerbetreibenden, die sich vom finanziellen Ruin bedroht sehen und keinen weiteren Lockdown mit Geschäftsschließungen nach dem 10. Januar 2021 akzeptieren wollen. Initiator ist – auch laut Impressum der zur Aktion gehörigen Website – ein Mann aus Krefeld, der ein Kosmetikstudio betreibt, insofern als einer der Betroffenen Gewerbetreibenden ist. Die rechtsradikale Szene ist begeistert von der Aktion – vor allem Menschen mit nicht betroffenen Berufen, die auch keine Bußgelder bezahlen müssten, wie AfD-Politiker*innen zum Beispiel:

Oder rechtsalternative Publizisten wie Boris Reitschuster:

Oder der YouTuber „Unbloqd“ (Miró Wolsfeld): „Dieser Widerstand könnte ein politisches Erdbeben auslösen und dem Staat die Macht entziehen.

Oder er bringt halt ein paar Tausende Menschen mehr um.

Bekannte „Querdenker“ wie Markus Haintz, Ralf Ludwig und Miriam Hoppe teilen den Aufruf. Wird hier auch eine Aktion gekapert? Der Initiator, im Web als „MedMecit“ unterwegs, schreibt: „Es geht hier weder um Querdenken, noch irgendwelche andere Bewegungen, Seiten, Kanäle… Ich bin ein einfacher Kosmetikstudio Besitzer, der alles umsetzte was erwartet wurde und am Ende seiner Existenz ist und die Nase voll hat.“ (Fehler im Original)

In den Kanälen und den Foren der Website zu #WirMachenAuf sammeln sich betroffene Reiterhöfe, Kampfkunstschulen und Kosmetikstudios, allerdings auch diverse Gruppen, die im Namen „XY … stehen auf“ tragen, was sie als Coronaleuger*innen-Fans ausweist. Andere bekennen sich schon im Namen als QAnon-Gläubige oder sagen „Ungeimpfte Willkommen“.

Aussagekräftig sind auch die weiteren Social-Media-Kanäle des Initiators: „MedMecit“ ist, anders als es dieses Pseudonym und einige Profilbilder (z.B. Twitter, Telegram) suggerieren, kein Arzt, verbreitet aber seit einiger Zeit Falschinformationen über das Coronavirus, unter anderem in dem Telegram-Kanal „Corona Lüge – Fakten aus der Welt by MedMecit“ (später „Coronapedia – Fakten aus der Welt by MedMecit“). Darin sind Empfehlungen für „Naturheilmittel“ gegen Corona zu finden, aber auch verschwörungideologische Inhalte wie „Alles, was sie über Familie Rothschild wissen müssen“ oder Texte zur Verschwörungserzählung „The Great Reset“ (vgl. Belltower.News). #WirMachenAuf ist also nicht die „unpolitische“ Aktion gepeinigter Gewerbetreibender, sondern stammt aus dem Coronaleugner*innen-Milieu. Das sollte wissen, wer sich der Aktion anschließen will.

Die rechte Postille „Tichys Einblick“  hat derweil auch schon festgestellt, dass der Hashtag #WirMachenAuf zunächst auf Twitter stark trendete (wobei darunter auch Gegenrede fiel, die den Hashtag für Pro-Menschenrechts-Posts für Geflüchtete zu kapern suchte), doch dann: Brutale Gegenmaßnahmen!

Was war passiert?

Falls sie jetzt an einen kritischen Twitterhashtag gedacht haben: Jackpot. Die „brutale Gegenmaßnahme“ ist Twitter-Kritik. Was Widerstand alles aushalten muss…

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