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Die Überverschwörung Q ist endgültig in Deutschland angekommen

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Hohle Erde, flache Erde, Reptiloiden, Chemtrails, 9/11-Verschwörung, Impfskepsis: Verschwörungserzählungen sind sehr oft sehr absurd. Zum Teil so sehr, dass man gut darüber lachen kann. Leider bleibt einem dieses Lachen dann auch ganz schnell wieder im Halse stecken, wenn klar wird, wieviel Hass auf Juden und Jüdinnen fast immer dahinter steckt. Mittlerweile gibt es allerdings eine „Theorie“ oder eher einen – fiktiven – Protagonisten, der diese Geschichten nicht nur bündelt, sondern ihnen auch noch eine Aluminiumkrone aufsetzt: Q.

Im Oktober 2017 tauchte Q zum ersten auf dem Imageboard 4chan auf, mittlerweile finden sich die Posts auf 8chan. Der Name Q deutet laut seinen Gläubigen auf die „Q-Clearance“ hin, die höchste Sicherheitsstufe des US-Energieministeriums. Personen die so eingestuft werden, haben Zugang zu geheimen Materialien über Atomwaffen und nuklearem Material. Wer tatsächlich hinter den kryptischen Verlautbarungen steckt ist unklar: Q-Jünger*innen glauben, dass man es mit einem oder mehreren Geheimdienstmitarbeiter*innen zu tun hat, einige denken sogar Donald Trump höchstpersönlich würde sich zu Wort melden. Vielleicht ist es aber auch ein internationales Rätselkollektiv oder eine Gruppe italienischer Anarchisten.

Informationsterrorismus

Das amerikanische Tech-Magazin Wired sieht Q als Teil eines „Informationsterrorismus“. Ein loses Bündnis unterschiedlicher Alt-Right-Akteure hat sich Wired zufolge zusammengefunden, um Einfluss auf das Medienverhalten der Bevölkerung auszuüben: Dazu gehören extrem konservative politische Kommentator*innen, Alt-Right-Szenegrößen wie Roger Stone oder Chuck Johnson, Breitbart und sein Unterstützer*innen-Netzwerk, aber auch Verschwörungsguru Alex Jones und sein Umfeld. In unterschiedlichen Aufstellungen sind diese Protagonist*innen immer wieder präsent, wenn es gegen Gleichstellung geht oder darum moderate oder liberale politische Akteur*innen anzugreifen. Schon in der Gamergate-Affäre 2014 – die Beobachter*innen als Geburtsstunde der Alt-Right-Bewegung gilt – bei der Frauen und nicht heterosexuelle Menschen in der Gaming-Industrie aufs Übelste angegriffen wurden, spielten viele der Beteiligten ihre Rolle. Aber auch „Pizzagate“, eine Verschwörungserzählung, laut der Hilary Clinton einen Pädophilenring aus dem Keller einer Washingtoner Pizzeria betreibe, wurde aus diesen Kreisen enthusiastisch verbreitet. Mit Q werden nun all diese Erzählungen unter einen Hut gebracht.

In unregelmäßigen Abständen postet Q mehr oder weniger kryptische Nachrichten auf 8chan. Aktuell sind es gerade Bilder der Hilton-Geschwister und Britney Spears, es gibt aber auch Links zu Regierungsseiten, Buchstaben und Zahlenkombinationen, kurze Bemerkungen zu aktuellen politischen Entwicklungen rund um die Regierung von Donald Trump. Teile der Nachrichten sind fett gedruckt, manches steht in Klammern. Schaut man sich diese Texte an, wundert es nicht, dass manche Beobachter*innen glauben, hinter Q stände ein Rätselkollektiv. Wie ein Rätsel lesen die Anhänger*innen auch die meist kurzen, apokalyptischen Botschaften, wichtig ist dabei auch die Uhrzeit der Verlautbarungen, die decken sich nämlich angeblich mit Tweets des US-Präsidenten. Genauso sind Rechtschreib- oder Tippfehler ein großes Thema, laut Q und seinen Jünger*innen steckt sowohl hinter den eigenen Fehlern, als auch hinter denen des US-Präsidenten Methode. Alles ist ein Zeichen oder ein Hinweis.

Verschwörungsorakel im Internet

Um Q hat sich vor allem in den USA virtuell eine große Gemeinde versammelt. Auf den Wahlkampfveranstaltungen von Trump sind immer wieder, meist eher ältere, Menschen zu sehen, die den Buchstaben Q irgendwo auf ihrer Kleidung tragen. Die unmittelbaren Verlautbarungen von Q „persönlich“ sind mittlerweile die Grundlage eines ganzen Ökosystems aus YouTube-Videos, Websites, Twitteraccounts und mehr. Zahllose Q-Interpreten verbreiten ihre Sicht der Dinge.

Inhaltlich passen die Erzählungen rund um Q dabei sehr gut zu Trump. Der war unter anderem mit dem Slogan „Drain the Swamp“ – in etwa „den Politsumpf trockenlegen“ –angetreten und er spricht auch weiterhin immer wieder vom sogenannten „Deep State“. Damit ist eine Art staatliche Struktur gemeint, die nicht demokratisch legitimiert ist, sondern eher eine Verwaltung, die großen Einfluss auf Behörden, Politiker*innen und die Allgemeinheit ausübt. Dieser „tiefe Staat“ ist nicht zu kontrollieren und wird wiederum von „dunklen Mächten“ gelenkt. Das alles mit großem Mut zur Apokalypse. Es ist immer die ganze Welt, die Freiheit und das Leben überhaupt, die in Frage stehen. Wie so oft bei Verschwörungsideologien geht es auch hier darum, komplexe Zusammenhänge einfach zu klären und wie nebenbei Schuldige zu benennen. Es ist eine vereinfachte Einteilung der Welt in Gut – Q, Trump und Anhänger*innen – und Böse – die Demokraten, Hilary Clinton, Feminismus und mehr. Dabei geht es hier wirklich um alles, es ist ein „Kampf um die Erde zwischen den guten und den bösen Kräften.“

Natürlich sind auch die Bösen eigentlich nur Opfer, denn auch sie werden kontrolliert. Hinter all den Kindesmissbrauchsringen, der „Klimalüge“ und den „Feminazis“ stecken – natürlich – Juden und Jüdinnen. Q macht dabei meisten die Rotschild-Familie verantwortlich, aber auch andere Personen jüdischen Glaubens sind laut Q Täter und Täterinnen. Hinter all dem steht die sogenannte „Kabale“. Quais jüdische Superschurk*innen. Was vollkommen absurd klingt, ist todernst gemeint. Kein Wunder also, dass offener Antisemitismus unter den Anhänger*innen weit verbreitet ist. Mittlerweile ist die Erzählung von Q allerdings fast nicht mehr zu überblicken. Q äußert sich manchmal mehrmals täglich und zu allem. Wenn er sich nicht äußert, stellt sich im Nachhinein allerdings oft heraus, dass er es eigentlich doch getan hat, er aber nur falsch oder nicht verstanden wurde. In etwa funktioniert dieses Verschwörungsorakel wie die Prophezeiungen von Nostradamus: Im Nachhinein hat der Prophet alles gewusst oder gar vorausgesagt, das kann man aber offenbar erst später erkennen.

Tatsächlich könnte man dahinter Methode zum „Informationsterrorismus“ vermuten, wie er in Wired beschrieben ist. Erstmal ist in der Welt von Q wirklich alles eine Verschwörung, in der es unzählige Mitverschwörer*innen gibt, die in allen Bereichen der Gesellschaft verankert ist. Wahrheit oder Verlässlichkeit existiert also nicht mehr. Weil diese Verschwörung gerade in den Medien stattfindet, können wahre Gläubige besonders denen nicht mehr vertrauen. Q hat es damit geschafft eine Art Überverschwörungserzählung zu erschaffen, in der es überhaupt keine Wahrheit oder irgendeine Art Vertrauen in staatliche oder gesellschaftliche Institutionen mehr gibt.

Deutsche Gelbwesten in Namen von Q

In Deutschland ist Q vor allem der Patron der Gelbwesten. Die Bewegung, die aus Frankreich mehr, allerdings in den meisten Fällen weniger erfolgreich auch nach Deutschland geschwappt ist, kommuniziert unter anderem über Gruppen des Messengerdienstes Telegram. Über diese Kanäle, aber auch Facebookgruppen und eigene Blogs werden die Verlautbarungen von Q geteilt, natürlich ins Deutsche übersetzt. Gleichzeitig existieren unzählige Videos auf Youtube, die ausschließlich daraus bestehen, dass ein*e deutsche Q-Gläubige*r, Texte aus Blogs vorliest, die Übersetzungen von amerikanischen „Q-Interpretationen“ sind. Das funktioniert nicht immer. Hebt aber die Absurdität dieser Erzählung auf eine noch höhere Stufe.

Oft passieren den Übersetzer*innen mehr oder weniger offensichtliche Fehler. Das macht aber wenig, wenn es in das eigene Konzept passt. So geht es beispielsweise in einem Video über die unterschiedlichen „Illuminaten-Familien“ um die „Expertise“ des verurteilten Bankräubers und „Illuminaten-Experten“ Fritz Springmeier. Im amerikanischen Original wird ein Gefängnisaufenthalt erwähnt. Offenbar haben die Macher des deutschen Videos diesen Teil akustisch nicht ganz verstanden, denn in der übersetzten Version des Videos, sitzt Springmeier auch 2019 noch im Bundesgefängnis, obwohl er eigentlich bereits 2011 entlassen wurde. In die Erzählung passt das aber trotzdem. Klar sitzt der Verschwörungsexperte im Knast, will doch der Depp State das ganze Insiderwissen für sich behalten. Dass selbst die einfachsten Fakten in dieser Welt nichts zählen, zeigt schon die eingangs erwähnte Merkel-Hitler-Rothschild-Geschichte. Salomon Rothschild starb 1855. Hitler wurde 1889 geboren.

Der von Wired beschriebene „Informationsterrorismus“ funktioniert offenbar auch in der – allerdings sehr kleinen – deutschen Gelbwestenszene: Verlässliche Informationen existieren in dieser Welt angeblich nicht, Medien lügen sowieso und die eigenen „Fakten“ werden so hingebogen, wie es gerade passt. Dabei geht es immer um das große Ganze. Mindestens Deutschland, das „Volk“ oder gar die ganze Welt stehen auf dem Spiel.  Dadurch wird Vertrauen in staatliche oder gesellschaftliche Institutionen komplett zerstört. Q wird dadurch zu einer gefährlichen Erzählung, die in Deutschland nur deshalb nicht sehr gut funktioniert, weil sie bisher nur von einer offenbar schon in den Kinderschuhen gescheiterten Bewegung propagiert wird.
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