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Kultur Die Alt-Right versucht sich wie linksliberale Massenbewegungen zu organisieren

(Quelle: Unsplash)

FORUM: Du forschst viel in den sozialen Medien und hast Dich dort auch in geschlossene, rechtsextreme Gruppen eingeschleust. Wurde dort die Rolle von Kunst und Kultur konkret thematisiert?
Julia Ebner: Ja, je nach Gruppe in unterschiedlichem Ausmaß. Die Rechte ist unglaublich zerstückelt. In den Kanälen der amerikanischen Alt-Right gab es sehr viele strategische Gespräche darüber, welche Kulturelemente zu adaptieren seien. Einerseits ging es darum, gezielt spezielle Internetkulturen wie zu Beispiel die Gaming Community anzusprechen. Andererseits geht es ihnen um Strategien traditionelle Kulturelemente mit einzubetten. Diese Akteure versuchen sich dabei so zu organisieren, wie es ihrer Ansicht nach, eher linksliberale Massenbewegungen in den 60er, 70er und 80er Jahren getan haben. Dieses Vorgehen entspricht der Breitbart Doktrin. Andrew Breitbart beschreibt, dass seine Idee von politischer Gegenrevolution erst durch den Wandel der Populärkultur ermöglicht wird. Diesem Motto folgen sowohl die Alt-Right in den USA, als auch die europäische Neue Rechte. Deshalb müssen sie die Kultur beeinflussen, um einen für sie nachhaltigen politischen Wandel herbeizuführen. Sie verwenden beispielsweise visuelle Elemente und Insider-Witze aus Hollywood-Filmen und populären Videospielen, die sie an ihre Ideologien anpassen und für ihre politische Gegenrevolution zurechtschneiden.

Fällt Dir ein Beispiel ein, das die Strategie (politischer Wandel durch kulturellen Wandel) gut illustriert?
Bei den antifeministischen und frauenfeindlichen Gruppen, die sehr starke Überlappungen mit anderen rechtsradikalen Bewegungen haben, wird beispielsweise viel mit Bildern aus den 1950er Jahren gearbeitet. Innerhalb dieser frauenfeindlichen Manosphere gibt es sogar eine Frauenbewegung. Diese Frauen werben für traditionellere Geschlechterrollen und für weiße Familien. Sie eignen sich die Mode und die damit verbundenen Frauenbilder dieser Zeit an und transportieren so auch eine bestimmte visuelle Kultur.

Ein anderes Beispiel ist die Adaption von Musik. In der deutschen Neonaziszene ist das besonders auffällig. Wir kennen das schon vom Rechtsrock. Und in der Mode gibt es inzwischen sogenannte Nipster-Marken, die sehr stark an die Visualität von populären, urbanen Trends anschließen, oder mit Stilen eigentlich links geprägter, provokativen Gegenkulturen spielen. Provokation ist ein großer Teil der Kultur der rechten Szene – z.B. bei den „Alt Tech“-Plattformen – also in den online-Hochburgen des Extremismus wie 8Chan, 4Chan oder Reddit. Hier wurde die Trollingkultur von den Rechten gekapert.

Kannst Du genauer beschrieben, wie die Trollingkultur von rechts übernommen wurde?
Auch wenn es schwierig ist das als eine Kultur festzumachen, kann man sagen, dass viele rechte Netzwerke ganz bewusst seit den 2000er Jahren das Vokabular von Trollen im Netz benutzen. Aus vielen unpolitischen Trollen, die nur aus Spaß an Grenzüberschreitungen und Tabubrüchen im Netz aktiv waren und bei Trollkampagnen mitmachten, wurden dadurch nach und nach Überzeugungstäter, die zunehmend auf politischen Motiven basierend agierten. Neonazis wie Andrew Anglin aus den USA nutzen dieses Vokabular der Netzkulturen auch heute noch und sie mischen es mit ihrer Ideologie.

Und auch mit einer besonderen Bildsprache?
Es gibt eindeutig ein Bedürfnis nach sehr klaren, geradezu schwarz-weißen Weltbildern. Gerade die Komplexität, die sich auch in der abstrakten Kunst findet, wird sich viel weniger angeeignet als andere Bildsprachen. Ich habe mich öfter gefragt, warum bestimmte Elemente aufgegriffen werden und andere nicht. Es macht natürlich in deren Weltbild Sinn, sich beispielsweise gegen abstrakte Kunst zu richten. Es gibt hier wieder einmal Parallelen zur islamistischen Szene. Auch dort gibt es einen ausgeprägten Antimodernismus, der sich in den kulturellen und künstlerischen Bereichen sehr stark in Traditionalismus und Nostalgie abbildet. Die Nostalgie bezieht sich nicht nur auf politische und soziale Aspekte. In erster Linie formt ein bestimmtes Kulturverständnis die Vorstellung von der Epoche, zu der man zurückkommen will.

Was sind darüber hinaus Berührungspunkte zwischen der islamistischen und rechtsextremen Szene?
Beide bedienen sich für ihre Ideologien an allen möglichen gängigen Verschwörungstheorien. Auf beiden Seiten tragen diese immer „den Juden“ als Feindbild in sich. Der Antisemitismus zeigt sich ganz deutlich in ähnlichen Symbolen und Bildern. Sowohl die Islamisten, als auch die radikalen Rechten fantasieren sich in eine Zeit zurück, wo der Islam und das Christentum um die hegemoniale Vorherrschaft von ihrer Kultur, Religion und Tradition kämpften. Daher taucht bei Rechtsextremen oft das Bild vom Kreuzzug, der Reconquista und vom Abendland auf. Bei den Islamisten finden wir die entsprechenden historischen Bilder, vor allem in der Repräsentation des Westens als zeitlosen Feindes des Islams.

Beide Gruppen geben den sogenannten jüdischen globalen Eliten, den Kosmopoliten und Modernisten die Schuld daran, dass diese Vergangenheit verloren gegangen ist. Beide wähnen sich im Kampf gegen die Übernahme der eigenen Kultur durch eine multikulturelle und dadurch vermeintlich unreine Welt. Diese fantasierten Bedrohungsszenarien rufen den Antisemitismus auf beiden Seiten hervor.

Gibt es denn schon Zweckbündnisse zwischen rechtextremen und islamistischen Gruppen?
Die rechtsextreme Terrororganisation National Action aus Großbritannien hat sich visuell sehr stark an der IS-Propaganda orientiert und auch das Vokabular von Islamisten verwendet – zum Beispiel riefen sie zu einem „weißen Jihad“ auf. Auch hier waren sich beide Gruppen besonders in ihrem Antisemitismus einig. Das hat sich in der propagandistischen Verwendung klassischer antisemitischer Bilder deutlich gezeigt – Bilder, die man schon aus der NS-Propaganda kennt.

Es gab tatsächlich auch Neonazis in Europa und Nordamerika, die sich dem IS angeschlossen haben. Darüber hinaus gab es Zusammenarbeit zwischen Rechtsextremen und Islamisten bei antisemitischen Anschlägen, wie etwa bei der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt in Paris, die einige Tage vor dem Angriff auf Charlie Hebdo stattfand. Die islamistischen Geiselnehmer bekamen hier ihre Kalaschnikovs von einem französischen Identitären.

Es gab in Berlin Neukölln den maoistischen Jugendwiderstand, dem sich auch Rechtsradikale angeschlossen haben. Auch hier war die Schnittmenge der Antisemitismus und Antizionismus. Siehst Du andere, breitere Bewegungen, die über ihren Antisemitismus diese Art der Anschlussfähigkeit ermöglichen?
Bei den französischen Gelbwesten kann man auch beobachten, wie „die Eliten“ und „das Establishment“ als Feindbilder eine große konstituierende Rolle spielen. Das wäre ein Beispiel für eine Bewegung, die eine Querfront in alle Richtungen öffnet.

In Großbritannien gibt es auch auf linker Seite deutlich mehr Antisemitismus, der maßgeblich von den Entwicklungen in der Labour Partei befördert wird. Das ist in Deutschland noch anders. Sicher auch durch den historischen Kontext. In der deutschen Rechten hat es deswegen in den letzten Monaten deutliche Konflikte zwischen Aktivist*innen gegeben. Zum Beispiel gab es einen offenen Disput zwischen dem explizit antisemitischen Trollarmee-Anführer Nikolai Alexander und Martin Sellner, dem Chef der Identitären Bewegung Österreich. Sellner behauptet von sich nicht antisemitisch zu sein. Die antisemitische Komponente wird bei den einen explizit betont und bei den anderen bewusst in den Hintergrund gestellt.

Gibt es vergleichbaren Streit zwischen islamistischen Gruppen?
Bei den unterschiedlichen islamistischen Bewegungen gibt es eine viel größere Kohärenz in Hinblick auf Ideologie und Feindbilder. Die Grenzen der Ideologie sind viel klarer festgelegt und die antisemitische Komponente ist im Islamismus überall vorhanden. Es gibt allerdings einen Clinch bei der strategischen Priorisierung. Es scheint immer wieder zu großen Zerwürfnissen innerhalb dieser Bewegungen zu kommen, wenn es darum geht, ob man erstmal den Feind in den umliegenden Ländern bekämpfen soll, oder gleich die großen Feindbilder Israel oder die USA.

Ja, denn für welchen Kampf man eigentlich lieber stirbt, ist eine nicht ganz unwichtige Frage.
Es gibt diese Figur des Märtyrers eigentlich in allen gewaltbereiten Gruppierungen. Im anthropologischen Department der Universität Oxford gab es eine Studie, die untersucht hat was passiert, wenn die Identität von einem Individuum mit der der Gruppe verschmilzt. Hier wird die Bereitschaft sich für die gesamte Gruppe zu opfern über das heldenhafte Märtyrerbild enorm gestärkt. Gerade in Gruppen, wo es auf der Basis kollektiver Negativerfahrungen zu einer Identitäsfusion kommt, lässt sich das beobachten. Sowohl der Attentäter auf die Christchurch Moschee Brenton Tarrant als auch John T. Earnest, der die Poway Synagoge angegriffen hat, haben sich als Märtyrer gesehen. Beide haben in ihren sogenannten Manifesten als Hauptmotiv betont, sich für die gesamte weiße Rasse einzusetzen.

Gibt es Überschneidungen zwischen der Ikonografie von Märtyrern der von Dir untersuchten Gruppen?
Bilder der Märtyrer werden von ihren jeweiligen Anhängern als Protagonisten in Computerspiel- oder Hollywoodfilm-Szenarien gephotoshopt und dann in Onlineforen als Propaganda gepostet. Das sehen wir sehr oft, obwohl sich diese Milieus ganz stark gegen diese sogenannte Hollywoodkultur richten. Gerade in den rechtsextremen Kreisen wird Hollywood als die zentrale jüdische Kulturproduktionsstätte typisiert. Gleichzeitig nutzen sie ihre Vorstellung einer populären Hollywoodästhetik, um ihre eigenen Helden und Märtyrer darzustellen, zu verehren und zu propagieren.

Julia Ebner ist Forscherin am Londoner Institute for Strategic Dialogue (ISD) und Autorin des SPIEGEL-Bestsellers „Wut: Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“. Ihre Forschung konzentriert sich auf Radikalisierung, Desinformation und Hass im Netz. Sie arbeitete zwei Jahre für die weltweit erste Organisation zur Extremismus- und Terrorismusprävention Quilliam, die von ehemaligen Islamisten gegründet wurde. Dort leitete sie unter anderem Studien für die Europäische Kommission und die Kofi Annan Foundation. Auf Basis ihrer Forschung bei ISD hält Julia Ebner Vorträge an Universitäten und berät zahlreiche europäische Regierungen und Sicherheitsbehörden, sowie die Vereinten Nationen, die Europäische Zentralbank und Tech-Firmen wie Google und Facebook. Julia Ebner schreibt regelmäßig für The GuardianThe Independent, und zuletzt auch für Focus Online und die Süddeutsche Zeitung.

 

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