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Straßensozialarbeiter*innen aus Berlin geben einen Einblick Wenn Jugendliche von Racial Profiling betroffen sind

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Straßensozialarbeit mit Jugendlichen ist nicht so einfach in Zeiten der Coronavirus-Pandemie. (Quelle: Screenshot)

Straßensozialarbeit ist aufsuchende Jugendarbeit, das heißt, ihr seid auf der Straße unterwegs und sprecht proaktiv Jugendliche und junge Erwachsene an, mit denen ihr zusammenarbeitet. Nun besteht seit dem 23. März 2020 eine Kontaktsperre. Diese wurde zwar mittlerweile gelockert, aber weiterhin existieren Auflagen für das Bewegen im öffentlichen Raum sowie Empfehlungen, soziale Kontakte lediglich eingeschränkt wahrzunehmen. Was bedeutet das für euren beruflichen Alltag als Straßensozialarbeiter*innen?

Teresa Fischer: Unsere alltägliche Arbeit als Sozialarbeiter*innen besteht aus Rundgängen, die wir in unseren Bezirken machen, um Jugendliche zu treffen und auch Neue anzusprechen. Diese Beziehungsarbeit muss man sich ganz kleinschrittig vorstellen. Sie dauert lange und ist intensiv. Wir bieten im Zuge dessen Beratungsgespräche mit den Jugendlichen an und unterstützen sie bei ihren alltäglichen Herausforderungen. Diese Tätigkeit ist sehr erschwert im Moment. Bei meiner Arbeit in Moabit habe ich den Eindruck, dass gegenwärtig vor allem Jugendliche und junge Erwachsene mit Fluchtgeschichte unsere Angebote in Anspruch nehmen und Unterstützung brauchen, etwa, was die Kommunikation mit der Ausländerbehörde betrifft, wenn Dokumente verlängert werden müssen oder Ähnliches. Teilweise melden sie sich auch wegen der erschwerten Bedingungen in den Unterkünften, da sie Angst haben, sich anzustecken oder in Quarantäne zu kommen aufgrund der beengten Wohnräume. Da nehme ich einen großen Bedarf wahr.

Micky Patock: Die Arbeit ist auf jeden Fall komplizierter geworden und der Kontakt mit den Jugendlichen hat sich massiv verringert. Wir sind angehalten, keine Gruppenaktivitäten mehr durchzuführen, die in verschiedenen Situationen in Neukölln auch immer wieder Bestandteil meiner Arbeit waren. Außerdem dürfen wir Einzelberatung ausschließlich telefonisch oder per Email anbieten. Wenn es Notfälle gibt und einzelne Jugendliche und junge Erwachsene dringend Unterstützung brauchen, können wir uns unter bestimmten Bedingungen zwar treffen, in der Summe bedeutet die ganze Situation für mich aber, dass es schwierig ist, die Beziehung zu den Jugendlichen aufrechtzuerhalten. Ich merke, dass die Kommunikation über Whatsapp oder über das Telefon eine ganz andere ist. Es hat eine ganz andere emotionale Qualität. In meiner Arbeit ist es total wichtig, in der Beziehung zu sein mit den Jugendlichen – und diese Beziehung aufrechtzuerhalten, ist auf jeden Fall schwieriger geworden, da das Ganze nicht mehr face-to-face stattfindet.

Ihr arbeitet beide in Bezirken, in denen vor allem nicht-weiße Jugendliche leben. Welche Rollen spielen rassistische Erfahrungen der Jugendlichen in eurer Arbeit?

MP: Das Bild von „Neuköllner Jugendlichen“ ist sehr von rassistischen Diskursen geprägt. Nicht-weiße Neuköllner Jugendliche werden medial dargestellt, als seien sie „kriminell“, würden sich nicht an Regeln halten und kämen aus Familien, denen ihre Kinder egal sind. Was ich jedoch in meiner Arbeit erlebe, ist, dass die meisten Jugendlichen die Regeln zur Eindämmung des Virus sehr ernst nehmen. Natürlich suchen sie sich auch Rückzugsorte und rauchen mal eine Shisha im Hinterhof. Aber im Großen und Ganzen stelle ich fest, dass die Jugendlichen sich an die Regeln halten. Sobald es jedoch um das Thema Regelverstöße geht oder um die Frage, wer sich vermeintlich nicht an gemeinschaftliche Werte hält, werden direkt die sogenannten Neuköllner Jungs thematisiert und öffentlich diskutiert. Das ist eine rassistische Wahrnehmung der Realität. Wenn zum Beispiel auf dem Tempelhofer Feld eine Gruppe weißer Student*innen zu fünft zusammensitzt und Bier trinkt, dann heißt es „Ja, wir sitzen ja einen Meter auseinander“. Da machen sich dann plötzlich sehr viel eher gesellschaftliche Akzeptanz und eine Form von Verständnis dafür breit, dass es ja auch alles schwierig sei mit den Beschränkungen im Alltag. Aber sobald Murat und Osman gegen die Regeln verstoßen, befinden wir uns mitten in der Integrationsdebatte und sprechen über Männlichkeitsbilder, die im Kern extrem kulturalisierend sind. Da wird für mich jedes Mal aufs Neue deutlich, wie rassistisch dieser Diskurs ist und wie abwertend ganz allgemein gesprochen wird, sobald es um junge Menschen geht. Der Großteil unserer Jugendlichen machen tägliche Rassismuserfahrungen.

TF: Und ja, Racial Profiling durch die Polizei gehört nun mal auch dazu. Vor allem an den sogenannten „kriminalitätsbelasteten Orten“, zu denen beispielsweise das Kottbusser Tor oder der Görlitzer Park in Kreuzberg gehören. Dahingehend versuchen wir in unserer Arbeit, die Jugendlichen durch Aufklärung über ihre Rechte und die Befugnisse der Polizei zu stärken. Im Moment nehmen wir in Moabit verstärkte Polizeipräsenz war. Und wir haben vereinzelt von Jugendlichen gehört, dass einige Male Bußgelder ausgesprochen wurden. Ich habe den Eindruck, dass die Polizei an einigen Orten im Moment viel mehr kontrolliert als noch vor der Corona-Pandemie. Vor allem an Orten, die vorher schon bekannt waren als Rückzugsorte für Jugendliche in den Abendstunden zum Rumhängen, aber auch für Familien mit Kindern oder Student*innen. Vor einigen Wochen befanden wir uns gerade auch auf einem dieser Plätze, als zwei Beamt*innen eintrafen. In dem Moment waren auch einige junge Erwachsene vor Ort, die wir kannten, die dann von den Polizist*innen angesprochen wurden. Für mich war völlig unverständlich, warum jetzt gerade diese Jugendlichen angesprochen wurden und nicht die drei jungen Menschen, die links daneben saßen und eher studentisch aussahen.

MP: Diese Beispiele zeigen einfach auf, wie tief verwurzelt der institutionelle Rassismus ist. Die Polizist*innen sehen vielleicht ihre Praxis nicht als rassistisch an, aber kontrollieren halt zufälligerweise immer wieder an bestimmten Orten bestimmte Jugendliche.

Wie verhandelt ihr diese Themen mit den Jugendlichen? Wie geht ihr in eurer Arbeit damit um?

TF: Also meistens findet das in den Beratungsgesprächen auf der Straße statt, wenn sie ist uns von Polizeikontrollen erzählen, die erst kürzlich stattgefunden haben. Ich spreche das selten von mir aus an. Aber wenn die Jugendlichen davon erzählen, frage ich erstmal nach: „An welchem Ort war das? Haben sie dir gesagt, worum es geht? War das eine verdachtsunabhängige Kontrolle? Haben sie dich untersucht? Haben sie deine Sachen durchsucht? Wenn ja, haben sie dir irgendetwas weggenommen? Haben sie dir ein Schreiben in die Hand gedrückt, auf dem festgehalten wurde, was sie dir weggenommen haben?“ – In diesen Gesprächen und Beratungen erlebe ich ganz oft Antworten wie: „Nee habe ich nicht gemacht, die haben das durchsucht, aber ich habe keinen Zettel bekommen. Ich dachte: Einfach nur weg, lasst mich in Ruhe“ – ganz oft auch dieses Gefühl von „Ich kann eh nichts machen“. Es ist ein Ohnmachtsgefühl, das sich bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbreitet. Gleichzeitig steigt auch die Ungeduld bei manchen Jugendlichen, die immer wieder kontrolliert werden und wo es in der Folge zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt. Es braucht ja auch nicht viel, bis Anzeigen wegen „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ als Reaktion von den Polizist*innen ausgestellt werden, weil sich die Jugendlichen leicht wehren oder etwa ihre Hand zurückziehen.

MP: Das unterstreiche ich total. Ich erlebe auch zwei Ebenen von Ohnmachtsgefühl, genau wie du das erzählt hast, Teresa. Einerseits lassen die Jugendlichen das über sich ergehen. Anderseits gibt es Jugendliche, die sehr offensiv in die Auseinandersetzung mit der Polizei gehen, und das begreife ich auch als Resultat dieser Ohnmacht. Es ist in dem Moment der Versuch, Macht  zurückzuerlangen und zu zeigen: „Ihr könnt nicht alles mit mir machen und ich habe auch Rechte“. Wobei am Ende des Tages die Jugendlichen und jungen Erwachsenen verlieren.

TF: Rassistische Polizeikontrollen sind nämlich auch schwer nachzuweisen im Nachhinein. Dazu kommt, dass das Thema sehr viel Sensibilität in der Arbeit mit den Jugendlichen erfordert. Denn durch das Besprechen solcher Situationen wird emotional natürlich alles wieder hochgeholt und das Erzählen ist ja auch ein erneutes Erleben solcher gewaltvollen Momente und Situationen. Gleichzeitig stelle ich manchmal in meiner Arbeit fest, dass Erfahrungen mit Racial Profiling so alltäglich für die Jugendlichen sind, dass meine Versuche, solche Vorgehensweisen zu problematisieren, auch auf Überraschung stoßen. Ich sehe immer wieder, welch Normalität solche Erfahrungen für die Jugendlichen darstellt.

 

Mehr Infos zu Gangway e.V. Straßensozialarbeit unter: https://gangway.de/ueber-uns/

 

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https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/projekte/juan-praxisstelle/

Berivan Köroğlu ist eine Kollegin der  ju:an-Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit, ein Projekt der Amadeu Antonio Stiftung, das Beratungen und Fortbildungen zu den Themenfeldern Antisemitismus und Rassismus für Jugendarbeiter*innen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit anbietet und Projekte für und mit Jugendlichen entwickelt. Mit einer Reihe von Blogeinträgen bei Belltower.News wollen wir einen Blick auf die Jugendarbeit werfen und von der aktuellen Praxis in der Coronavirus-Pandemie berichten. Im Mittelpunkt stehen Fragen rund um Anti-/Diskriminierung und den Umgang damit.

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