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Monitoring Online-Radikalisierung „Viele können und wollen es gar nicht verstehen“

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Die Wehrmacht hat auf Steam viele Freunde aus Deutschland. (Quelle: Screenshot Steam)

 

BTN: Du hat ein Praktikum bei De:Hate gemacht, unserem Internet-Monitoring rechtsextremer Online-Aktivitäten. Wie viel hattest Du Dich zuvor schon mit Rechtsextremismus online zu tun?

Claire-Friederike Meyer: Im Studium und in meinem freizeitlichen Engagement habe ich mich viel mit Antifeminismus online auseinandergesetzt. Ich kannte also schon antifeministische Seiten und Blogs, und habe als feministischer „Online Warrior“ auch eine Weile mit Freund*innen unter antifeministischen YouTube-Kanälen gegenargumentiert, ich kannte also auch die „Kommentarkultur“ dieser Szene. Antifeministische Kommentare auf YouTube sind sehr ausufernd, sehr offen sexistisch und misogyn. Antifaschistisch habe ich mich aber eher offline engagiert. Insofern habe ich in den drei Monaten im Monitoring doch einen Einblick bekommen, den ich vorher nicht hatte. Ich wusste natürlich, dass es Nazis oder die AfD auch online gibt und dass sie dort aktiv sind, aber ich hatte keine Ahnung, wie groß das Feld der rechtsextreme Akteur*innen online ist, wie viele Kanäle und Plattformen sie mit Hass auf die Demokratie bestücken und wie außerordentlich stark vernetzt die verschiedenen Teile der rechten Sphäre online miteinander sind.

Womit hast Du Dich im in den letzten drei Monaten vor allem beschäftigt?

Ich war vor allem auf der Gaming-Plattform „Steam“ unterwegs, um dort einen Überblick zu gewinnen: Wie sehen dort rechtsextreme Profile aus? Welche Feindgruppen werden in Kommentaren angegriffen, wo geschehen diese Konversationen? Und welche Inhalte werden verbreitet? Ich hatte „Steam“ vorher nicht besucht und es war insofern interessant zu sehen, das „mein“ Thema Antifeminismus und Misogynie dort enorm verbreitet ist. Auf „Steam“ musste ich mich allerdings erst einmal orientieren. Die Gaming-Szene hat ihre eigene Sprache, Codes, Kommunikationsweisen, da musste ich mich erst einmal als Beobachterin eingewöhnen. Ich habe mir nur offen im Netz stehende Inhalte angesehen, für die ich mich nicht einmal auf der Plattform anmelden musste. Trotzdem war es keine schwierige Suchaufgabe, auf rechtsextreme Inhalte zu stoßen. Verehrung des Nationalsozialismus und Neonazismus sind auf Steam so explizit und unverblümt präsentiert, wie ich es bisher selten gesehen habe. Auch strafrechtlich relevante Nazi-Symbolik wird offenkundig ohne Angst vor Sanktionen präsentiert, Hakenkreuze aus Tastaturzeichen in den Profil-Kommentarspalten rechtsextremer Profile sind praktisch Standard. Viele Nutzer*innen nenne sich nach historischen Nazi-Größen – oder rechtsextremen Attentätern. Teilweise hatte ich den Eindruck, dass die Profile auch so gestaltet wurden, weil die Besitzer*innen Spiele spielen, in denen sie Nazis im Zweiten Weltkrieg darstellen, die militärische Optik schätzen. Allerdings gingen die Nazi-Symboliken auf den meisten Profilen, die ich angesehen habe, einher mit einem praktischen Ausleben rechtsextremer Ideologie, also mit Abwertung und Beschimpfung von Gruppen, also Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Homofeindlichkeit, Sexismus.

Ich habe mir auch Gruppen auf „Steam“angesehen: Es gibt etwa eine AfD-E-Sports-Gruppe – mit immerhin 4.000 Mitgliedern. Mehrere Gruppen der „Identitären Bewegung“ spielen und politisieren dort, und unzählige Gruppen rekurrieren positiv auf Wehrmacht, Deutsches Reich oder ähnliches beziehen. Vor allem nehme ich von der „Steam“-Recherche mit, wie offen dort Nazis auftreten, dass nichts verschleiert oder verdeckt wird. Es wäre interessant, zu untersuchen, welchen Einfluss, dass auf die Kommunikationskultur auf „Steam“ hat, ob und wie es Stimmung in Livekommentaren zu spielen ändert, wenn dort Nazi-Accounts aktiv sind. Bei der Recherche wurde mir außerdem klar, wie viele extrem junge Spieler*innen auf „Steam“ unterwegs sind – und dort natürlich genauso leicht auf rechtsextremen Content stoßen können wie ich.

Außerdem habe ich eine Auswertung geschrieben über die 800 YouTube-Kanäle, die im De:Hate-Monitoring beobachtet werden. Hier hat mich dabei fasziniert, wie stark die gesamte rechtsextreme und rechtspopulistische Szene Verschwörungsideologien anhängt. Die kommen wirklich überall vor! Menschen schaffen sich in dieser Online-Welt ganz praktisch alternative Realitäten, in denen sie leben. Das sind Welten, in denen Fakten, Analysen von Expert*innen oder menschliche Grundrechte gar keine Bedeutung mehr besitzen. Es gibt nur Schwarz-Weiß-Denken, Freund-Feind-Schemata und eigene, in Verschwörungserzählungen begründete Kausalitäten. Interessant fand ich auch: Über die Verschwörungserzählungen wird immer Antisemitismus transportiert – manchmal aber ganz subtil. So subtil, dass ich manche Kanäle erst einmal gar nicht mit Antisemitismus für die Auswertung eingeordnet hatte – bis mir später auffiel: Doch, die sind auch antisemitisch. Es war auch ein Lernprozess zu erkennen, wie in der rechtsalternativen Online-Sphäre Hass auf Gruppen ausgedrückt wird, wie Zusammenhänge erklärt werden, was gemeint ist. Wie wird der Content produziert? Welche Keywords und Codes werden verwendet, um die eigene Community zu erreichen und zu erregen? Es braucht eine Weile, diese Welt zu verstehen. Was nötig ist, weil nur dann Gegenstrategien entwickelt werden können, die greifen.

Hat sich Dein Blick auf Rechtsextremismus online verändert?

Ja. Ich bin jetzt beunruhigter als vorher, weil ich weiß, wie ausufernd, vernetzt und korrektur-resistent die rechtsalternative Online-Community ist, wie absurd diese Welt mitunter scheint – und wie gefährlich sie doch ist. In die Zeit meines Praktikums fiel das Attentat von Halle. Mit dem Anime-Forum, in dem der Attentäter seinen Livestream gepostet hatte, tat sich für mich noch einmal eine ganz neue, unbekannte, und ebenfalls hasserfüllte Welt auf. Wenn gewaltaffiner Rechtsextremismus und Rassismus an so vielen Stellen propagiert, beworben und auf Jugendliche losgelassen wird, ist das ein wirklich gefährliches Radikalisierungs-Potenzial. Noch sprechen wir von Aktionen, dass rechte Jugendliche Chris Ares’ „identitären“ HipHop in die I-Tunes-Charts zurücktrollen. Aber die aktuelle Entwicklung, rechtsoffene Jugendliche auch mit Terror-Anleitungen zu versorgen und sie zu ermutigen, Gewalttaten zu planen und zu begehen, ist enorm beunruhigend. Die holen sich in Telegram-Gruppen offen Tipps zum Bombenbau, das habe ich ja selbst gesehen. Da frage ich mich schon: Welche Regelungen, Maßnahmen können wir finden, um das zu überwinden? Vor allem, weil die gesamte Szene so dezentral und unübersichtlich ist.

Was hat die Monitoring-Arbeit mit Dir gemacht als derjenigen, die sie betreibt?

Das war eine neue Erfahrung. Es war nicht leicht, einen Umgang zu finden: Diese überbordende Menge an Informationen. Die Frage, wie man es verarbeitet, einen ganzen Tag lang so viel Hass zu sehen. Da habe ich mich – und Euch – ja schon gefragt, wie ich Psychohygiene betreiben und für mich selbst sorgen kann.

Ich habe gemerkt: Am Anfang reichte es für die Abgrenzung, sich lustig zu machen über das Gesehene. Aber Halle war da eine Zäsur. Weil das zeigte: Es ist nicht nur Online-Geschreibe. Die machen auch ernst. Dieser Attentäter hat sich online geformt, und jetzt sind Menschen gestorben. Da war es gut, Zeit für Intervisionen zu haben, also beratenden Austausch unter den Kolleg*innen der Stiftung, und auch über Sicherheitsmaßnahmen zu sprechen fand ich sinnvoll.

Ansonsten habe ich gemerkt: Ich kann mich am besten distanzieren und einen Umgang mit den Inhalten finden, wenn ich nach verlassen des Büros wieder in meine eigene, erfüllte und sehr lebenswerte Welt zurückkehre, zu lieben Freunden und Familie, und mich diszipliniere, bis zum nächsten Morgen nichts mehr in diesen Teilen des Internets zu machen.
Interessant fand ich, dass aber auch die sozialen Beziehungen beeinflusst werden. Viele meiner Freund*innen haben gar nicht verstehen können, was ich da den Tag über mache und sehe, und waren dann auch nicht bereit, die Gefahr des Rechtsextremismus im Internet ernst zu nehmen. Das fand ich anstrengend, das kollektive Weg-Weisen der Gefahr, weil es in einer Lebenswelt geschieht, die man selbst nicht kennt.

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