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Rechtsterroristische Anschläge mit 10 Opfern Zur Ideologie des rechtsextremen Attentäters von Hanau

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Screenshot vom YouTube-Kanal des Attentäters. (Quelle: Screenshot)

Gegen 22 Uhr am 19.02.2020 stürmt Tobias R. in die Shishabar „Midnight“ im hessischen Hanau, wo er  vier Menschen erschießt , danach fährt er in einem Auto nach Kesselstadt, einen Stadtteil von Hanau. Dort betrat er die Bar „Arena Bar & Café“ und ermordeter fünf weitere Menschen. Außerdem wurden nach Polizeiangaben vier Menschen verletzt. Nach einer Großfahndung findet die Polizei die Leiche des Täters in seiner Wohnung – dazu die Leiche seiner 72-jährigen Mutter, die er offenbar vor der Tat erschossen hatte. Der Täter hat mehrere Videos hochgeladen und ein „Bekennerschreiben“ hinterlassen. Der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) hat mittlerweile einen rechtsextremen Hintergrund der Tat bestätigt: „Nach unseren jetzigen Erkenntnissen ist ein fremdenfeindliches Motiv durchaus gegeben.“ Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe hat die Ermittlungen übernommen. Innenminister Beuth erklärte außerdem, die Bundesanwaltschaft habe den „Verdacht einer terroristischen Gewalttat“.

Was wissen wir über die Opfer?

Nach Angaben des Generalbundesanwaltes hat R. neun Menschen erschossen und mehrere Personen verletzt, darunter eine lebensgefährlich. Das Alter der Todesopfer lag zwischen 21 und 44 Jahren. Unter ihnen waren Menschen mit und ohne deutsche Staatsangehörigkeit.

Was wissen wir über den Täter?

Der Täter war im Vorfeld weder dem Landesamt für Verfassungsschutz noch der Polizei bekannt.

Der mutmaßliche Todesschütze von Hanau hat nach Auskunft der zuständigen Kreisbehörde im Jahr 2013 eine waffenrechtliche Besitzerlaubnis bekommen. Ein Jahr später sei die erste Waffe darauf eingetragen worden, sagte ein Sprecher des Main-Kinzig-Kreises am Donnerstag in Gelnhausen laut stern. In der Waffenbesitzkarte des Sportschützen seien zuletzt zwei Waffen eingetragen gewesen. Im Jahr 2019 sei die Erlaubnis überprüft worden.

Bisher ist kein Kontakt zur lokalen rechtsextremen Szene bekannt.

Nach eigenen Angaben in seinem „Manifest“ ist er 42 Jahre alt, hat eine Banklehre gemacht und BWL studiert.

Der Täter im Internet

Tobias R. hat nach aktuellem Kenntnisstand vor allem eine Website gestaltet und einen YouTube-Channel besessen. Dort hat er verschiedene schriftliche Dokumente und Videos hinterlassen, die auf seine Motivation schließen lassen. Allerdings befand sich zum Tatzeitpunkt auf seinem YouTube-Channel nur ein Video. Um 9 Uhr morgens am 20.02. hatte der Kanal nur 9 Abonnenten, inzwischen ist er gesperrt. Auf seiner Website, die mit Adler- und Wolf-Grafiken bebildert ist, hatte R. vier eigene Videos eingebunden – darunter auch das Video, dass er auf YouTube gepostet hatte. Auf der Website hatte er zudem Links zu weiteren YouTube-Videos und Websites als Empfehlungen eingebunden: Vor allem sind das verschwörungsideologische Inhalte, etwa zu “Remote Viewing” (angebliches Training zur Steigerung der “Fernwahrnehmung”, einer Art parapsychologischen Hellsehens), Alien-Invasionen und Erzählungen von vorgeblich von Geheimdiensten gekidnappten Menschen, aber auch Videos von Menschen, die von satanistisch-rituell motiviertem Kindesmissbrauch berichten, den sie erlitten hätten. Dies zeigt zumindest, dass er solche Inhalte im Internet konsumiert und damit sein Weltbild offenbar in verschwörungsideologischen Online-Communities geformt hat, auch wenn es nach bisherigem Erkenntnisstand keine Rückschlüsse darauf zulässt, ob er sich nur im Internet radikalisierte.

Anders als die Anschläge von Online-Rechtsterroristen von 2019 bezog sich R. allerdings nicht explizit auf vorangegangene Anschläge oder nannte sie als Inspiration.

Zur Ideologie und Motivation des Attentäters

Liest man R.s Schriften und sieht seine Videos, fallen zwei Aspekte ins Auge: Er hat ein geschlossenes rechtsextremes, rassistisches und verschwörungsideologisches Weltbild – und offenkundig auch psychische Probleme. Das eine schließt das andere nicht aus (vgl. BTN), sondern in diesem Fall scheinen sich die Komponenten eher gegenseitig zu verstärken, weil die paranoide, apokalyptische Rhetorik der rechtsextremen Szene wahnhafte Weltbilder, wie sie R. in seiner Schrift und den Videos vertritt, bedient und befeuert.

Sein hauptsächlicher Text, auf den jetzt als “Manifest” Bezug genommen wird und den R. offensichtlich mit Blick auf seine Tat und seinen Tod als Nachlass formuliert und vor rund einer Woche ins Internet gestellt hat, ist ein “Skript” mit Illustrationen, das offenbar wie ein Vorlage einer Verfilmung gedacht ist – im Text nimmt R. auch mehrfach auf Hollywoodfilme Bezug.

Eliminatorischer Rassismus

Die rassistische Motivation seiner Tat hätte R. in seinem “Skript” kaum expliziter beschreiben können. Denn er träumt von einem eliminatorischen Rassismus größten Ausmaßes:

“Daher sagte ich, dass folgende Völker komplett vernichtet werden müssen: Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Israel, Syrien, Jordanien, Libanon, die komplette saudische Halbinsel, die Türkei, Irak, Iran, Kasachstan, Turkmekistan, Usbekistan, Indien, Pakistan, Afghanistan, Bangladesh, Vietnam, Laos, Kambodscha bis hin zu den Philippinen. Und dies wäre erst die Grob-Säuberung.”

Auch zu Deutschland schreibt er: “eine Halbierung der Bevölkerungszahl kann ich mir vorstellen” – denn nicht alle Menschen mit deutschem Pass seien “reinrassig”.

Begründet wird der rassistische Hass mit banalsten persönlichen Erlebnissen, die ihn vom “schlechten Verhalten bestimmter Volksgruppen” überzeugt hätten. Muslime als Feindbilder werden explizit benannt. Der Islam leiste keinen Beitrag zur Weiterentwicklung der “Völker” und sei nur “destruktiv”.

Auch sprechen sozialdarwinistische Gedanken aus dem Manifest, sowie die vor allem in den USA beliebte Spielart des Rassismus, der “Race Realism”: Es gebe “Rassen” und diese hätten unterschiedliche Gene, Eigenschaften und Wertigkeiten (vgl. BTN).

Schließlich sagt R., dies sei ein Problem, dass er lösen müsse. Da die “komplette Ausweisung” von “Volksgruppen” ja nicht möglich sei, müssten diese “eliminiert” werden – das müsse getan werden.

Da der ganze Text von Allmachtsfantasien durchzogen ist und R. größere Teile des politischen Weltgeschehens auf sich bezogen erlebt, fühlte R. sich offenkundig berufen, seine Ideen in die Tat umzusetzen. In allem schwingt eine bei Verschwörungsideolog*innen verbreiteter Wunsch nach elitärer Einzigartigkeit mit. R. möchte gerne als “Genie” erinnert werden.

Völkischer Rechtsextremismus

Der Gedanke eines homogenen Volkes beziehungsweise homogener Völker durchzieht das ganze “Skript”. So abwertend R.  über alles für ihn Nicht-Deutsche urteilt, so sehr schwärmt er vom “deutschen Volk”: “Umgekehrt lernte ich mein eigenes Volk kennen, als ein Land, aus dem das Beste und Schönste entsteht und herauswächst, was diese Welt zu bieten hat.” Auch wenn er mit dem aktuellen “Volk” in Deutschland nicht zufrieden ist – weil es Migrant*innen in Deutschland zulasse, “zu ignorant” oder “zu schwach” sei, dies zu ändern. (Mehr zu völkischem Rechtsextremismus).

Bezüge zum Nationalsozialismus

In R.s Videos gibt es auch Anspielungen auf den Nationalsozialismus: Eines endet mit den Worten “Wahrheit macht frei” (Anspielung auf “Arbeit macht frei”, die zynische Inschrift am Tor des Konzentrationslagers Auschwitz),  in einem anderen Video nutzt er das Zitat: “Ich glaub nicht, dass die Leute, die damals gelacht haben, heute noch lachen“ – eine leichte Abwandlung eines Zitates von Adolf Hitler, der in einer Rede im Juli 1933 sagte:  „Am 30. Januar sind in Deutschland die Würfel gefallen. Und ich glaube nicht, dass die Gegner, die damals noch gelacht haben, heute auch noch lachen.“

Verschwörungsideologien und Antisemitismus

R.s gesamtes Skript und Videos sind durchzogen von verschwörungsideologischen Elementen. Er wähnt sich von Geheimorganisationen seit dem Tag seiner Geburt manipuliert, die seine Gedanken lesen und das Weltgeschehen danach steuern können und belegt dies mit kruden Beispielen, wie in verschwörungsideologischen Szenen beliebt (“dass kann kein Zufall sein.”)

Zahlreiche Verschwörungsideologien sind antisemitisch konnotiert, und diese Facetten und Narrative kommen auch im Skript immer wieder zum Tragen. So beschreibt der die “Geheimorganisation”, die seine Gedanken steuern soll, in antisemitischen Chiffren als Teil einer “Schattenregierung”, die mächtiger sei als der amerikanische Präsident: “Diese Menschen stehen über dem amerikanischen Präsidenten, der nach dem allgemeinen Sprachgebrauch, als  der Mächtigste Mann auf diesem Planeten gilt.” Die Menschheit werde “von einer ganz kleinen sogenannte ‘Elite’ für dumm verkauft, welche über ein Geheimwissen verfügt, dass sie der breiten Masse vorsätzlich vorenthält.”

Auch spricht R. von der Dichotomie von “äußeren Feinden” und “inneren Feinden” des “eigenen Volkes”, ein Topos, den schon die Nationalsozialisten verwendeten.

Desweiteren gibt es auch Elemente von esoterischen Verschwörungmythen und Science Fiction-Elementen wie “Zeitschleifen”.

Er ist überzeugt, rund um die Uhr in seinem Handeln, aber auch in seinen Gedanken von der “Geheimorganisation” überwacht zu werden, die nach seinen Gedanken auch das Weltgeschehen forme – wie er an Beispielen wie der amerikanischen Politik, dem DFB und Hollywood zu belegen trachtet. Auch den 11. September 2001 will er gedanklich vorbereitet haben.

Fehlende Frauen, aber kein Hass auf Frauen

Explizit beschreibt R. im Skript außerdem, dass er nie eine Freundin gehabt hätte, und dies habe “freude- und leistungshemmend” in seinem Leben gewirkt. Er habe aber auch hohe Ansprüche an Frauen: “Ich wollte das Beste oder gar nichts.” Seine Beschreibung von Frauen fällt dabei verobjektivierend und sexistisch aus, er will sie sich etwa “nehmen”.

Während diese Motive an “Incel”-Communitys (BTN) erinnern, fehlt allerdings der ausformulierte Frauenhass. Stattdessen macht R. die Überwachung durch die “Geheimorganisation” dafür verantwortlich, dass er nie eine Freundin hatte.

Interessant ist allerdings die Thematisierung der Eltern: Die Mutter wird eher als Teil der problematischen Welt dargestellt, die R. verletzt, der Vater wird als von Frauen manipuliert dargestellt, aber auch im Versagen entschuldigt.

Suchte der Täter Hilfe?

Dreimal erwähnt Tobias R. im Skript, dass er versucht habe, seine gefühlte Totalüberwachung durch die “Geheimorganisation” bei verschiedenen Polizeistellen anzuzeigen und zwei Staatsanwaltschaften dazu zu kontaktieren. Ihm sei aber nie geholfen worden – nicht einmal in einem parapsychologischen “Remote Viewing”- Institut in Österreich. Es zeigt die Schwierigkeit, aus einem Verfolgungswahn zu erkennen, wie radikalisiert und politisch aktiviert eine Person zugleich ist.

Das Skript des Täters endet mit der Zusammenführung der verschiedenen Aspekte: Eine Gewalttat sei zwingend, “um die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen.“ Er wolle mit der Tat auf die „Geheimorganisation“ aufmerksam machen – und zum Schlag gegen “die Degeneration unseres Volkes“ ausholen.

Eine rechtsextrem motivierte Tat

Am Ende bleibt der Blick auf die Tat selbst. Tobias R. sucht sich Opfer aus, die zum Vernichtungsrassismus seines Skripts passen. So überwiegt hier die politische Motivation, wie viele andere Problematiken im Fall des Täter auch noch zusammen kommen mögen. Rechtsextreme, islamfeindliche und verschwörungsideologische Narrative bestärken den Täter in der Wahl des Ziels seines Hasses. Dies wäre ohne die Verbreitung entsprechender rassistischer Erzählungen im Internet und in der Gesellschaft nicht denkbar.

Reaktion in der rechts-alternativen Online-Szene

Wie bei vorangegangenen Attentaten changiert die rechts-alternative Online-Community zwischen Bewunderung und Abwehr. Während Postings den Täter als “deutsche Version des Attentäters von Christchurch” huldigen, überwiegt bei anderen die Abwehr, es sei nur ein psychisch labiler “Amok-Läufer” und kein Rechtsextremer. Andere bekommen auch beides zusammen und feiern ihn als “Heiligen” trotz seiner “schizophrenen” Weltsicht.

Die AfD hatte sich zunächst auf ein “Bandenkriminalitäts”-Motiv eingestellt und verbreitete bis zum Morgen das rassistische “Merkel ist schuld, weil Einwanderung”-Narrativ. Inzwischen bezeichnen führende Köpfe der Partei die Tat als “abscheuliches Verbrechen” und “grauenvolle Gewalttat”.

 

Unter Mitarbeit von Miro Dittrich, Melanie Hermann, Lukas Jäger, Stefan Lauer, Jan Rathje,  Felix Brandorff, Rachel Spicker. 

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