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„Kitten happens“ International vernetzt gegen Online-Hassreden

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Mit Kätzchen gegen Cyber Hate (Quelle: ngn/al)

Das US-amerikanische Spielestudio ArenaNet hatte ein Problem: In seinem Online-Game Guild Wars häuften sich in den Postings der Spielerinnen und Spieler Beleidigungen, Flüche und Hate Speech. Um diesen Problem zu begegnen, griffen die Entwickler zu einem ungewöhnlichen Mittel. Sie erstellten einen Index aller unerwünschten Begriffe, die seither automatisch durch den Begriff „kitten“, also „Kätzchen“ ersetzt werden. Die Methode hatte Erfolg: Zum einen reduzierte sich der Gebrauch beleidigender Aussagen tatsächlich dramatisch, zum anderen erhielt ArenaNet durch die Maßnahme jede Menge Publicity und machte so auf das Problem aufmerksam. Das Beispiel lässt Jonathan Vick von der US-amerikanischen „Anti-Defamation League“ hoffen: „Kitten happens“.

Wenn Kätzchen Hassreden bekämpfen: Ein Beispiel aus dem Spielerforum von ArenaNet

Die renitenten Kätzchen sind nur eines der Beispiele für den erfolgreichen Kampf gegen Cyberhate, die bei der jährlichen Tagung des Internationalen Netzwerks gegen Hass im Internet (INACH) vorgestellt wurden. Das Treffen fand dieses Mal im schwedischen Uppsala statt und stellte das Verhältnis von bürgerschaftlichem Engagement und politischer Verantwortung in den Mittelpunkt.

Die stillen guten Menschen

Da passte es, dass die einleitenden Worte von einem Politiker, dem schwedischen Integrationsminister Erik Ullenhag, gesprochen wurden. Ullenhag betonte in seiner Eröffnung noch einmal die globale Bedeutung des Internets als einem der „wichtigsten Kanäle für Demokratie und Menschenrechte“. Gleichzeitig würden online aber auch Hassbotschaften und zerstörerische Ideen verbreitet. Am Anfang habe vielleicht zu viel Naivität geherrscht was diese Seite der Online-Welt betrifft: „Dinge, die man sich sonst geschämt hätte, öffentlich zu sagen, werden im Internet gepostet“, so der Minister. Um diese Entwicklung zu stoppen, brauche es politische Führung – die allerdings derzeit noch fehle. Eine große Gefahr, betonte Ullenhag: „Hass führt zu immer neuen Formen von Hass, vernetzt sich und breitet sich aus.“ Der Kampf für Toleranz sei so ein nie endender Prozess, der auch im Internet geführt werden müsse.

Ullenhags Integrationsministerium versucht, hier einzugreifen, indem es Fakten, Statistiken und gute Argumente gegen die üblichen Hassparolen setzt. So findet sich auf der Homepage des Ministeriums eine Übersicht zur Einwanderung in Schweden. „Wir werden so zwar keinen richtigen Rassisten überzeugen“, weiß auch Ullenhag, „aber die Unentschiedenen erreichen wir und setzen gleichzeitig ein Zeichen für die Betroffenen.“ Zum Zeichen Setzen rief er generell auf: „Die größte Gefahr für die Gesellschaft sind nicht die bösen Menschen, sondern die stillen guten Menschen.“

Mit Google, Facebook und Co. im Gespräch

Auf eine weitere Gefahr unwidersprochener Hassreden im Netz wies der INACH-Vorsitzende Philippe Schmidt hin: „Hassreden erstrecken sich eben nicht nur auf den virtuellen Raum, sondern haben Auswirkungen auf die reale Welt.“ Umso wichtiger sei die Arbeit von INACH: Das seit elf Jahren bestehende Netzwerk diene nicht nur dem internationalen Erfahrungsaustausch, sondern suche auch das Gespräch mit den großen Netzwerk-Betreibern wie Facebook, Google oder Twitter.

Dass diese Gespräche tatsächlich fruchten können, zeigt ein Beispiel aus Frankreich: Hier hatte bei Twitter der Hashtag „Ein guter Jude“ die Runde gemacht. Viele Nutzerinnen und Nutzer posteten damit die Aussage, nur ein toter Jude sei ein guter Jude – die sich wiederum viral tausendfach verbreitete. Die „Union of French Jewish Students“ reagierte umgehend mit einer Pressemitteilung, wie sich deren Vertreter Elie Petit erinnert: „Bei solchen Trends in einem sozialen Netzwerk muss man sofort reagieren.“ Gleichzeitig wurde das Gespräch mit Twitter gesucht – zunächst mit ernüchterndem Ergebnis. So riet eine Netzwerk-Vertreterin Petit, die entsprechenden Nutzerinnen und Nutzer einfach anzuzeigen, selbst eingreifen wolle Twitter nicht. Über mehrere Wochen verbesserte sich der Kontakt allerdings und Twitter versprach, künftig stärker gegen solchen Online-Hass vorzugehen.

Counter Speech und Melden

Mehr guten Willen bei den Google, Facebook und Co. sieht auch Michael Whine, der die Netzwerkbetreiber im Auftrag der EU bei der Entwicklung eines gemeinsamen, verbindlichen Protokolls gegen Hassreden im Netz berät. „Da hat sich schon massiv etwas bewegt“, beobachtet Whine. So würden die Netzwerkbetreiber immer mehr anerkennen, dass die liberaleren US-Gesetze im Umgang mit Hate Speech eben nicht weltweit gelten würden. David Friggieri von der Europäischen Kommission ergänzte, dass es eine EU-weite Rahmenvereinbarung zu Cyber Hate gebe, die alle Mitgliedsstaaten bis 2010 in ihre nationale Gesetzgebung eingebunden haben müssten. Im Dezember diesen Jahres erscheine nun ein Bericht, der den Stand der Implementierung prüfe.

Ungeachtet dieser positiven Darstellungen zeigten bei der INACH-Tagung aber gerade die Erfahrungen vieler Aktivistinnen und Aktivisten, dass es eben doch noch ein weiter Weg ist, bis sich die Anbieter der sozialen Netzwerke ihrer Verantwortung im Kampf gegen Onlinehass stellen. So erklärte etwa Ronald Eissens von INACH, dass es eine große Bandbreite an Reaktionen auf Meldungen in den Netzwerken gebe – je nachdem, bei welchem Netzwerk und in welchem Land man sich befinde. „Es gibt keine einheitlichen Standards“, fasste Eissens zusammen. Zudem das Melden von rassistischen, menschenverachtenden Postings nur ein Weg im Kampf gegen Cyber Hate sei. Zudem müsse viel mehr Counter Speech entwickelt und angewendet werden, wie es etwa eine israelische Studentenorganisation vormacht. So oder so, wichtig bleibt die Aussage von Ellie Petit an diesem Tag: „We don’t have to deal with Cyber Hate, we have to fight Cyber Hate.“

Mehr im Netz:

INACH (Homepage)Rückblick auf die INACH-Tagung 2012: Internationale Charta für mehr soziale Verantwortung im Internet (netz-gegen-nazis.de)

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