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Unblogd Hippe Hetze und Prepper-Produkte

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Miró Wolsfeld und "Krautzone"-Chefredakteur Florian Müller (rechts) stellen die neue Ausgabe des Magazins vor - im Talk auf der Videoplattform Odysee. (Quelle: Screenshot BTN)

Früher war Miró Wolsfeld Erzieher. Ein Schluffi, wie er sagt. Heute bezeichnet sich Wolsfeld als Videoblogger und „schwurbelnder Netzaktivist”, selbstironisch soll das wohl sein, ist aber schlicht wahr. Auf Twitter und Instagram hat er als Jobbezeichnung Journalist angegeben. Auf seinem eigenen Nachrichtenportal Unblogd.News, das sich jedoch schon seit einigen Monaten im Wartungsmodus befindet, war zu lesen: „Ich wollte immer meine eigene Meinung mit einbringen und war sowieso zu unprofessionell und zu faul, alles korrekt aufzuarbeiten.“ Wachgerüttelt hätten ihn die „alternativen Informationen zu 9/11“.

2014 begann er, sich politisch zu engagieren, und besuchte laut Selbstauskunft fast jede Woche die Montagsdemos der sogenannten Friedensbewegung dieses Jahres, die in weiten Teilen eher eine Verschwörungsbewegung war. Bei einer Friedensmahnwache in Bonn hielt Wolsfeld seine erste Rede. Ein Jahr später wechselte er ins Internet und eröffnete einen YouTube-Kanal, auf dem er zuletzt über 50.000 Abonnent*innen hatte. 2019 wurde sein Channel laut der Plattform „aufgrund wiederholter oder schwerwiegender Verstöße gegen die YouTube-Richtlinie zum Verbot von Hassrede“ gelöscht. Seitdem ist er auf andere Plattformen ausgewichen, darunter Twitter, Instagram und Spotify, aber auch die szenetypischen Netzwerke Gettr, Odysee und Telegram. Die mit Abstand meisten Follower*innen hat er aktuell auf Telegram (50.000) und dem YouTube-Pendant Odysee (knapp 20.000). 

„Immer tiefer in den Hasenbau hinein

Seinen Aktivismus beschreibt er später so: „Auf der einen Seite hat man das Gefühl, einen Thriller zu durchleben nichts ist, wie es scheint, und die Suche nach der Wahrheit erscheint endlos. Wie ein investigativer Journalist klettert man immer tiefer in den Hasenbau hinein.“ Doch irgendwann komme die Erkenntnis: „Wir wurden und werden die ganze Zeit verarscht.“ Wolsfeld war Kolumnist beim extrem rechten Krautzone-Magazin und bewirbt bis heute regelmäßig die neue Ausgabe auf seinen Kanälen. Zu jedem neuen Heft erscheint ein Unblogd-Video auf Odysee, gemeinsam mit „Krautzone“-Chefredakteur Florian Müller.

Krautzone-Merch (Screenshot BTN)

Seit Wolsfeld seine Tätigkeit als Erzieher 2018 aufgegeben hat, um Vollzeitaktivist zu sein, verdient er seinen Lebensunterhalt anderweitig. Seine Follower*innen können ihn auf Patreon unterstützen oder ihm Geld für einen Kaffee zukommen lassen. Das tun sie auch: Sie schätzen seine „rotzige“, „unverblümte direkte Art“ und finden es cool, wenn er „so richtig abkotzt“. 

Kiefernadeln-Tinktur gegen Krebs und Depressionen

Das sind jedoch nicht Wolsfelds einzige Einnahmequellen. 2019 hat er etwa einen Werbefilm für die Auswanderungsagentur „Change Your Country” produziert, die Deutsche gegen Bezahlung bei der Ausreise nach Paraguay oder Namibia unterstützt. Er macht Werbung für Edelmetalle, Investitionen in medizinisches Cannabis und vor allem die Kleidungsmarke „Peripetie“. Die auf den ersten Blick unpolitische Marke gilt als Teil der metapolitischen Strategie der „Neuen“ Rechten, vorpolitische Räume zu besetzen. „Es geht darum, der Anhängerschaft einen eigenen Kosmos an Inhalten anzubieten, der rechtsextreme Ideologie normalisiert“, ordnet Belltower-Redakteurin Kira Ayyadi das Label ein.

Auch sein Telegram-Kanal ist voller Werbung, häufig für den Kopp-Verlag oder den Onlineshop „Waldkraft”, der „natürliche Pflegeprodukte und Nahrungsergänzungen“ für Mensch und Tier vertreibt. Eine Kiefernadeln-Tinktur, die nicht für die innere Einnahme geeignet ist, bewirbt er als „gutes Mittel gegen Krebs, Entzündungen, Stress, Depressionen, Schmerzen & Infektionen der Atemwege und Parasiten“. Auch Kolloidales Gold helfe gegen Krebs. Wissenschaftliche Belege gibt es dafür nicht. Ozonisiertes Kokosöl preist er als Schutz vor Sonnenbrand an. Der Lichtschutzfaktor von Kokosöl liegt je nach Quelle zwischen zwei und sieben

Fangt endlich an zu preppen!”

Neben alternativen Heilmethoden ruft er regelmäßig zur Krisenvorsorge auf. So bewirbt er zum Beispiel ein tragbares Notstromaggregat, eine mobile Kochmöglichkeit für Krisenzeiten, Notnahrung, Wasseraufbereitung und eine Pfefferpistole, alles erhältlich beim Kopp-Verlag. Der Verlag habe „klare Bezugspunkte ins rechte und rechtsradikale Milieu“ und beteilige sich „mit seinem Verlagsprogramm an der Delegitimierung der Demokratie“, sagt der Rechtsextremismus-Experte Matthias Quent dazu. In einem seiner Reklametexte schreibt Wolsfeld: „Ob aus Dummheit oder Boshaftigkeit – die deutsche Wirtschaft, Energieversorgung und gesellschaftliche Stabilität wird gerade im Eiltempo gegen die Wand gefahren.“ Die Konsequenz daraus? „Fangt endlich an zu preppen!“, sagt er in einem seiner regulären Videos, das nicht als Werbung gekennzeichnet ist. 

Die Narrative: Corona, Russland, Menschenfeindlichkeit

Seine Beiträge sind dabei immer kurz und polemisch. Thematisch arbeitete er sich lange an den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie ab. Vor Desinformation und Verschwörungserzählungen schreckte er dabei nicht zurück. So verbreitete er zum Beispiel die Mutmaßung, „das Establishment aus Medien, Politik und Pharmalobby“ habe Tansanias Präsident John Magufuli ermordet, weil dieser „sein Volk vor der überzogenen, unwissenschaftlichen und gefährlichen Coronapolitik schützen“ habe wollen. Das Coronavirus nennt er Covid-1984, in Anlehnung an George Orwells Dystopie 1984.

Mit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine stürzt Wolsfeld sich auf das neue Thema. Das Massaker, das russische Streitkräfte in Butscha begangen hatten, stellt er infrage. Seither beteiligt er sich rege an der Mobilisation für den sogenannten Heißen Herbst”. Die Regierung hat mit Ökowahn, Sanktionen und Lockdowns diese Scheiße erzeugt”, schreibt er auf Twitter.

„Hundertprozentiger“ Libertarismus – hier vor allem Hass

Bei all dem wird er nie müde, seinen „hundertprozentigen“ Libertarismus zu betonen. Vorgeblich geht es ihm „um die Normalisierung davon, andere für die eigene Faulheit verantwortlich zu machen“. Tatsächlich hetzt er schlicht gegen von Diskriminierung betroffene Personengruppen, zum Beispiel dicke Menschen.

Seine Menschenfeindlichkeit richtet sich dabei besonders gegen trans Personen. In einem Video sagt er, seine Pronomen seien „He und Tler”. Eine trans Frau bezeichnet er in der Krautzone als „Mann, verkleidet als Frau“. Selbst „outete” er sich als „Transgeimpfter“, als ungeimpfte Person, die sich als geimpft identifiziere.

Hinter der „Clownwelt“, wie er die Realität nennt, vermutet er den Kulturmarxismus. In seinen Podcast lädt er unter anderen den Rapper UKVALI ein, der mit seinen Texten offensiv Verschwörungserzählungen verbreitet. Laut Podcast-Beschreibung rappe UKVALI gegen die NWO und thematisiere „Satanismus, Geheimgesellschaften und die Verblödung der Gesellschaft“. In einer anderen Podcast-Folge diskutiert er mit dem rechtspopulistischen Publizisten Oliver Flesch über Geschlechterverhältnisse. Sie heißt: „Zurück in die Küche oder ab ins Bett“.

Die Strategie: Tabubruch in Hochglanzverpackung

Im Grunde sind all das Kernthemen der „Neuen“ Rechten. „Der Typ mit dem Bart“, wie er sich selbst bezeichnet, will diese Inhalte neu verpacken. Er will sie hip machen.

Bei einem Vernetzungstreffen auf Mallorca im Mai 2022, an dem bis zu 30 deutsche Rechtsextreme teilgenommen haben sollen, hält er darüber einen Vortrag. Den Inhalt fasst er auf Instagram so zusammen: „Mit in der Zeit stehengebliebenen Flyern und Beiträgen, die nur von Emojis und roten Ausrufezeichen triefen, erreichen wir sicher niemanden außerhalb der Filterblase. Wir konkurrieren u.a. mit #funk.“ Der Inhalt des öffentlich-rechtlichen Online-Content-Netzwerks sei „natürlich größtenteils Bullshit“, aber die Aufmachung „extrem gut“. 

Damit sticht Wolsfeld tatsächlich aus der Masse rechtsalternativer Creator*innen heraus: Seine Videos und Sharepics sind visuell ansprechend, die Aufmachung modern und professionell. Das Design des Krautzone-Magazins, mit dem er eng verbunden ist, erinnert an das Katapult-Magazin, wohingegen er selbst sich tatsächlich an den funk-Formaten zu orientieren scheint.

Das Design der Krautzone erinnert auffällig stark an das Katapult-Magazin. (Screenshot BTN)

Während er die Machart professionalisiert und seinem Contet ein Corporate Design verpasst, entgrenzt er gleichzeitig die Inhalte. Das wiederum ist eine bewährte Vorgehensweise: Rechtspopulist*innen generieren seit Langem durch kalkulierte Tabubrüche und Provokationen Aufmerksamkeit auf Social Media. Diese Aufmerksamkeit versuchen sie dann in politischen Einfluss umzusetzen. Auf seinem Nachrichtenportal schreibt Wolsfeld, wenn man „zu leise, zu sachlich“ sei, werde man nicht wahrgenommen.

Mit Begriffen wie „Maulkorb“, „Presstituierte“, „Verbotsspastis“ und „Quotenmigrantin“ arbeitet er deshalb an der gezielten Entgleisung der Diskurse und ihrer Verschiebung nach rechts. Feiern lässt es sich für infantile Pöbeleien von denjenigen, die sich von vermeintlicher Cancel Culture gegängelt fühlen. Die Ironisierung, die charakteristisch für seinen Content ist, erfüllt dabei laut dem Publizisten Daniel-Pascal Zorn auch die Funktion, „die Rechtfertigungspflicht für die eigenen Aussagen willkürlich festzulegen“. Das Gefährliche an Wolsfelds Content: Sollte seine Strategie aufgehen, könnten seine menschenfeindlichen Inhalte in ihrem neuen, schicken, selbstironischen Gewand tatsächlich auch Menschen außerhalb der rechtsalternativen Filterblase ansprechen. Sein Content fungiert so als Einfallstor in den Hasenbau.

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