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Groyper  und die Cyber-Nazis Von fetten Fröschen und rechtsextremen “Dissidenten”

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Der Groyper

Derzeit wird viel über die rechte radikalisierte Szene im Internet geredet. Sie zu verstehen ist nicht ganz einfach. Sie ist durchsetzt von Sarkasmus und Ironie und wird zunehmend nihilistischer. Die rechtsextreme Cyber-Szene hat eine eigene Sprache und eine Vielzahl an verschiedenen Codes – und sie entwickelt sich extrem schnell weiter. Stephan Bailliet, der einen antisemitischen Anschlag in Halle auf eine Synagoge plante und schließlich zwei Menschen tötete. Brenton Tarrant, der im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen in zwei Moscheen tötete. Oder Patrick Crusius, der in El Paso 22 Menschen erschoss.  Der neue rechtsextreme Tätertypus ist in dieser digitalen Szene verwurzelt und wurde hier radikalisiert. 

Wir haben es hier mit einem relativ neuen Phänomen von rechtem Terrorismus zu tun, der aus einer extrem toxischen Netzgemeinde stammt. Diese Szene kann man nicht auf bestimmte Länder begrenzen, sie agiert international. Das mag auf den ersten Blick unlogisch erscheinen, handelt es sich doch um weiße nationalistische Männer. In ihrer Logik macht es jedoch Sinn. Ihnen geht es um Chaos. Erst nach dem alles zerstört wurde, durch einen Bürgerkrieg oder Ähnlichem, wird ein faschistischer Staat entstehen können, um so die angebliche Vormachtstellung der „weißen Rasse“ und die angebliche Überlegenheit des Mannes über der Frau zu wahren. Und da diese Szene eben international agiert, genügt es nicht, lediglich deutsche User*innen in den Blick zu nehmen. 

Den größten Einfluss auf diese Szene haben eindeutig Akteure aus den USA, Akteure der Alt-Right und der White Supermacy, also Rassist*innen, die an eine angebliche Überlegenheit der „Weißen Rasse“ glauben. Generell zeichnet sich diese rechtsextreme Szene durch ihren Sarkasmus, ihren Nihilismus, ihre Frauenfeindlichkeit, ihren Rassismus und ihren Antisemitismus aus. Und besonders der letzte Punkt, ihr offen zur Schau gestellter Antisemitismus grenzt sie von rechtsradikalen Strömungen der AfD und sonstigen „Wutbürger-Bewegungen“ ab. Zwar sind auch diese im Vergleich „gemäßigteren“ rechten Strömungen antisemitisch, jedoch eher über Umwege wie klausulierte antisemitische Verschwörungserzählungen. Die rechte Cyber-Kultur, um die es hier geht, ist deutlich radikaler.  

“Conservative Inc.” vs. the „dissident right““ 

Das zeigt auch der aktuelle Diskurs der geführt wird, zwischen „Conservative Inc.“ und den selbsternannten rechtsextremen Dissidenten. An der Spitze der „dissident right“ steht der 21-jährige Nick Fuentes. Aktuell verläuft der Streit zwischen eben jenem Fuentes und „Turning Point USA“ (TPUSA). Die NGO TPUSA wurde mit großzügiger Unterstützung von prominenten republikanischen Großspendern 2012 vom damals 18-jährigen Kirk Foster Friess gegründet. Obwohl TPUSA antifeministisch, muslimfeindlich und in Teilen rassistisch ist, behauptet Kirk, dass seine NGO keine Beziehungen zur Alt-Right habe. Hauptanliegen der NGO ist es, rechte Studenten-Gruppen an Universitäten zu vernetzen. „Am besten kann man ‘Turning Point USA‘ wohl rechts der Republikaner einordnen“, meint Miro Dittrich, der für die Amadeu Antonio Stiftung die rechte Netzgemeinde beobachtet.       

Innerhalb der radikaleren White Supermacy-Szene hat TPUSA kein besonders gutes Ansehen. Ihnen wird angelastet zwar „Zoomers“ (Generation Z, zwischen 1997 und 2012 geborene) ansprechen zu wollen, jedoch nur „Boomers“ (Baby-Boomer, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geborene) zu erreichen. Außerdem wird TPUSA von Neonazis als „Conservative incorporated (inc.)“ bezeichnet, genau wie viele andere klassisch konservative Bewegungen, weil sie Teil des Establishment und nicht radikal genug seien.  

Am Dienstagabend fand eine Veranstaltung der TPUSA, im Rahmen einer „Culture War“-Reihe an der Ohio State Universität statt. Auf der Bühne saßen Kirk Foster Friess und Rob Smith, ein schwarzer konservativer Kriegsveteran. Im Vorfeld hatte Nick Fuentes dazu aufgerufen das Event zu stören. Er schrieb dazu auf Twitter: „Wir müssen unsere Kampagne auf das nächste Level bringen auf diesem Event.“  Er feuerte seine Gefolgsleute an, während des Q&A-Teils spezielle Fragen zu stellen. Außerdem ermahnte Fuentes seine Anhänger „normal und sauber“ auszusehen. 

 

Nick Fuentes: Der antisemitische Troll-Neonazi mit YouTube-Kanal

Aber wer ist Nick Fuentes? Er ist ein rechtsextremer YouTuber der Alt-Right der white supermacist Content produziert. Seine regelmäßige Show trägt den Titel „America First with Nicholas J Fuentes“ (AF). Fuentes ist eine extrem radikale Stimme in den USA. Er verbreitet seinen rechtsextremen und antisemitischen Hass stets mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf eine sarkastische, ironische und trollige Art. 

In einem Stream attackierte Fuentes hispanische Einwander*innen: „Das Problem das wir sehen, sind die Menschen – es ist nicht die Kultur, es ist nicht ihr Bleiberecht, es sind nicht ihre Ausweisdokumente. Es ist das was sie sind. Es fließt durch ihr Blut, es ist ihre DNA. Sie sind anders. Rassen sind real. Diese Leute sind anders.“ Er rief unter anderem dazu auf die Globalisten, die die Medien kontrollieren würden zu töten – „time to kill the globalists“. Mitarbeiter des Nachrichten-Mediums CNN sollten nach Fuentes verhaftet, deportiert oder gehängt werden. Er ist Fan von Faschisten wie Mussolini. Außerdem leugnet er den Holocaust, das allerdings dazu noch in einer äußerst perfiden Art und Weise, in dem er von der Unmöglichkeit spricht, sechs Millionen Kekse in einer bestimmten Zeit zu backen. Möglich seien in jener Zeitspanne eher 200.000 oder 300.000.  

Die Kaperung des TPUSA-Events

 „Den Antisemiten Fuentes stört es, dass TPUSA sich nicht gegen Israel positionieren. Fuentes und seine Anhänger behaupten, TPUSA würden so ihre Treue einem anderen Land schwören“, meint Miro Dittrich. „Da Schwule nicht ausgeschlossen werden, seien TPUSA’ gegen die natürliche Ordnung und Gott’. Da sie sich nur gegen illegale Migration positionieren, wären sie ‘anti-white’ und würden nichts gegen den ‘white-genocide’ unternehmen“, beschreibt Dittrich den szeneinternen Streit. 

Aus diesem Grund rief Fuentes nun dazu auf, seine „Bewegung“ AF mit dem Stören der TPUSA-Veranstaltung auf das nächste Level zu bringen. Einige seiner Anhänger folgten seinem Ruf und besuchten die Veranstaltung. Etliche junge Männer stellten sich zu Beginn der Fragerunde in einer Reihe auf und trollten die Veranstaltung. „Sie stellten codierte antisemitische, rassistische und schwulenfeindliche Fragen und werden dafür von Nazis weltweit gefeiert“, so Dittrich.  Viele von ihnen hielten Rosenkränze in den Händen.  

Ein Fuentes-Anhänger mit einer typischen roten „Make American Great“-Cappy fragte Kirk, der jüngst in Israel war, ob er nach seinem Auftritt noch eine tolle Tanzparty dort hatte, weil er gehört habe, dass Israelis besonders gut tanzen würden. „Wenn ihr mir nicht glaubt, dann googelt einfach mal ‘dancing Israelis‘“, forderte er das Publikum auf. Der Code der „tanzenden Israelis“ bezieht sich auf die antisemitische Verschwörungserzählung, dass der 11. September 2001 ein „Insidejob“ gewesen sei, dass also Jüdinnen und Juden an der Zerstörung des World Trade Centers und der zahlreichen Toten schuld seien, um ihren Profit zu maximieren. Nach dem Einstürzen der beiden Tower sollen fünf Israelis aus Freude vor den Trümmern getanzt haben.  

Auch die rechte Blase auf Instagram feiert die codierten Fragen

Warum ist aber nun dieses Event, auf dem neonazistische Trolle eine Veranstaltung von Ultra-Konservativen stören auch fürDeutschland von Belang? Weil Fuentes rechtsextreme Trollart auch unter deutschen Neonazis extrem gefeiert wird. Erst Mitte Oktober prognostizierte der Kopf der deutschsprachigen rechtsextremen „Identitären Bewegung“ (IB), Martin Sellner, dass Fuentes Reichweite 2020 „richtig explodieren“ wird. Nach der Kaperung des Events in den USA feierte Sellner den „real turning point“ der Neonazis. Und Jonathan Rudolph, Ortsgruppenleiter der IB in Tübingen, fragte nach der Aktion auf Twitter „Wo bleibt der deutsche Nick J. Fuentes?“ 

Jonathan Rudolph, Ortsgruppenleiter der IB in Tübingen, auf Twitter

„Groyper War“: Die Rückkehr der Pepe der Frosch-Alternative

Fuentes behauptet dies sei der Beginn einer Bewegung. Er spricht vom „Groyper War“. Groyper ist ein Meme, das in Anlehnung an Pepe the Frog entstand. Es zeigt einen schwabbeligen grünen Frosch, der sein Kinn auf seine verschränkten Hände stützt. Junge Neonazis, die viel Zeit in sozialen Netzwerken und Foren verbringen, bezeichnen sich selber als Groyper und so nennt auch Fuentes seine Anhänger und seine Bewegung. 

Mittlerweile spricht die rechte Cyber-Szene wieder vermehrt von der sogenannten Whitepill.  Generell bezeichnen sich die rechten Online-Trolle als redpilled, weil sie nun angeblich die Pille der Wahrheit geschluckt hätten. Dazu kommt die Blackpill, die besonders in der frauenhassenden Incel-Szene zu finden ist. Wer sich als blackpilled sieht, sagt damit: Ich habe die Hoffnung auf eine glückliche Beziehung mit einer Frau aufgegeben, aber auch politisch bedeutet die Blackpill schlicht Ausweglosigkeit. Bei Ereignissen, die der rechtsextremen Szene wieder Hoffnung geben, sprechen sie dann von Whitepill (wobei Whitepill kein genuin rechtsextremer Code ist). 

  

Dass diese Szene nicht als nervige rechte Internet-Trolle verharmlost werden darf, hat in Deutschland spätestens der antisemitische und rechtsextreme Anschlag in Halle gezeigt. Diese Szene ist extrem antisemitisch, extrem rassistisch, frauenhassend und das gefährliche ist ihre Faszination für Waffen und Gewalt. 

„My Feelings when I see Women“

 

Die rechte online Szene feiert ihren Hass

 


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