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„Brenton Tarrant Memetic Warfare“ Der globale Rechtsterrorismus von /pol/ auf den chan-Foren

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Am vergangenen Samstag, den 10. August, hat es wieder einen rechtsextremen Terroranschlag gegeben, diesmal im Osloer Vorort Bærum in Norwegen.

Am vergangenen Samstag, den 10. August, hat es wieder einen rechtsextremen Terroranschlag gegeben, diesmal im Osloer Vorort Bærum in Norwegen. Ein 21-Jähriger ist mit mehreren Schusswaffen in eine Moschee eingedrungen. Dort hielten sich zum Tatzeitpunkt drei Gläubige auf, sie trafen Vorbereitungen für den Feiertag Eid Mubarak am nächsten Tag. Ein Besucher der Al-Nur-Moschee konnte den Angreifer überwältigen. Die norwegische Polizei stuft die Tat mittlerweile als versuchten Terroranschlag ein. In seiner Wohnung fanden Ermittler*innen die Leiche seiner 17-jährigen Stiefschwester, ein chinesisches Adoptivkind der Stiefmutter.  

Bei dem Täter handelt es sich um den Norweger Philip Manshaus. Er kündigte seine Tat im Internet an. Kurz vor der Tat postete er in einem anonymen Forum auf Endchan einen Link zu seiner Facebook-Seite. Offenbar scheiterte er bei dem Versuch, ein Facebook-Livestream seiner Attacke zu posten.

Ähnlich wie 4chan oder 8chan ist auch Endchan ein sogenanntes Imageboard, ein Online-Forum mit Fokus auf dem Teilen von Bildern und Texten. Im Vergleich zu anderen Foren sind auf den chan-Foren keine Anmeldungen nötig, User*innen posten hier also komplett anonym. Es gibt zwar Regeln, was erlaubt ist und was nicht, doch da hier kaum Moderation stattfindet, werden diese Regeln selten eingehalten. Rechtsextreme, Rassist*innen, Antisemit*innen und Männerrechtler*innen nutzen die Freiheiten dieser Seiten, die über die Google-Suche zwar nicht gefunden werden können, aber prinzipiell über jeden Browser zugänglich sind, um ihre Ideologie zu feiern, zu verbreiten und um sich zu vernetzen.

Der Oslo-Attentäter sei „vom heiligen Tarrant ausgewählt“

Minuten vor seiner geplanten Tat, kündigte Manshausen seine Attacke auf Endchan an. Er schreibt, dass jeder der diesen Post lese, von ihm ausgewählt worden sei, es ihm gleich zu tun. In einem Meme, einem Bild, das er postete bezieht er sich positiv auf die antisemitischen und rassistischen Attentäter von Christchurch, Poway und El Paso. Dazu schreibt er, er sei „vom heiligen Tarrant ausgewählt“ den „Rassenkrieg“ weiterzuführen. Das misslungene Attentat in Oslo vom Wochenende ist damit der dritte Anschlag von diesem Jahr, der sich auf den Christchurch-Attentäter, Brenton Tarrant bezog.

Philip Manshaus kündigte seine Tat auf Endchan an

Christchurch-Attentäter: Brenton Tarrant

Brenton Tarrant tötete am 15. März 2019 in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen. Via Imageboard 8chan hinterließ er ein „Manifest“ mit dem Titel „The Great Replacement“ („Der große Austausch“). Eine direkte Referenz auf ein Essay des französischen Vordenkers der sogenannten „neuen“ Rechten, Renaud Camus, mit dem gleichen Titel. „Der große Austausch“ ist eine Verschwörungserzählung, die behauptet, dass europäische (oder „weiße“) „Völker“ von „Eliten“ durch Geflüchtete, hauptsächlich Muslime, ausgetauscht würden. 

Als wäre es nicht schon menschenverachtend genug, 51 Gläubige Menschen in ihrem Gotteshaus zu töten, streamte Tarrant seine Tat live im Internet. Mit einer Go-Pro-Kamera ausgestattet, erweckt Tarrant den Eindruck, als würde er sich in der Rolle eines Soldaten in einem Egoshooter-Spiel befinden, mit der Mission, möglichst viele Muslim*innen zu töten. Zuschauer*innen dieses schrecklichen Livestreams werden so in seine Rolle hineinversetzt – sie sehen und hören live auch das, was Tarrant sah und hörte. „Inspiriert“ wurde Tarrant in seiner Mordlust dabei von dem Massenmörder Anders Behring Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Jugendliche und Erwachsene aus rassistischen Gründen tötete. Die drei folgenden Anschläge dieser Art wiederum bezogen sich allesamt auf Tarrant .   

Antisemitischer Anschlag in Poway (Kalifornien)

Auch den Attentäter von Poway in Kalifornien (USA), John Earnest, der am 27. April 2019 in einer Synagoge um sich schoss, eine Frau tötete und drei Menschen verletzte, kündigte seine Tat bei 8chan an. Die erste Reaktion im Forum: „get the high score“ – „knack‘ den Highscore“. Earnest soll mehr Menschen töten, als bei bisherigen Terroranschlägen. Auch Earnest veröffentlichte einen antisemitischen und rassistischen Brief, in dem von einem angeblichen „Genozid an der weißen Rasse“ die Rede ist. In dem Text betont er mehrmals die Inspiration, die ihm der der Australier Brenton Tarrant geliefert habe. Der Poway-Attentäter bekennt sich zudem zu einem Brandanschlag auf eine Moschee im kalifornischen Esconido, laut seines „Manifests“ hatte er den Anschlag per Graffiti auf dem Parkplatz Tarrant und dem Forum /pol/ auf 8chan gewidmet.

22 Tote in El Paso (Texas)

Am 3. August 2019 erschoss Patrick Crusius (21), in einem Supermarkt im amerikanischen El Paso, an der Grenze  zu Mexiko, 22 Menschen. Er wollte gezielt Mexikaner*innen töten. Die hispanische Community wurde für den Schützen zum Ziel, nachdem er „Der Große Austausch“ von Tarrant gelesen habe. Auch Crusius kündigte sein Attentat in einem vierseitigen Pamphlet („The Inconvenient Truth“, „Die unbequeme Wahrheit“) an. Darin beschreibt er unter anderem seinen Hass auf „Rassenmischung“ als Grund für seine mörderische Tat und schlägt vor, die USA in verschiedenen Gebiete für verschiedene „Rassen“ aufzuteilen. Dieses Pamphlet gelang ebenfalls via 8chan in die Welt, mit der Aufforderung, es zu verbreiten. 

Keimzellen des Hasses: /pol/ auf 4chan, 8chan und Endchan

Ein IT-Dienstleister, der weltweit Millionen Websites unter anderem vor Überlastungsattacken schützt, kündigte infolge des El Paso-Shootings seine Zusammenarbeit mit 8chan auf. Seither ist 8chan offline und so nicht mehr zu erreichen. 

Wohl deswegen zog der vereitelte Schütze aus Oslo auf die ähnlich funktionierende Website Endchan um. 4chan, 8chan und Endchan und deren Unterforen /pol/ (Politically Incorrect) gelten als Orte, an denen User*innen ihrem Hass freien Lauf lassen können. Hier wird Terror verherrlicht, getrollt und mit dem Bösen kokettiert. Hier wird in der Sprache einer extrem rechten, nihilistischen und antifeministischen Netzgemeinde gesprochen. Der Jargon der User*innen ist codiert und für Nicht-Mitgliedern nur schwer verständlich. Auf diesen Unterforen werden mitunter Terroristen wie der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik und Brenton Tarrant verehrt wie Helden.

„Brenton Tarrant Memetic Warfare“

Durch „Manifeste“ und Liveübertragungen der Bluttaten wird die Gewalt, die durch digitale Hasskulturen verbreitet wurde, auf die Straße gebracht. Täter erhoffen sich Sympathie, und Aufmerksamkeit in ihrer rechten Netzgemeinde. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Täter die Leserschaft auf solchen Foren zu Nachahmung aufrufen. Brenton Tarrant rief in seinem beinahe 90-Seiten langen Pamphlet dazu auf, Memes zu kreieren und zu verbreiten. „Memes haben mehr für die Ethno-Nationalisten bewirkt, als irgendein Manifest“, so der Christchurch-Attentäter. Und wenn wir betrachten, dass sich seither mehr oder minder alle rechtsextremen Chan-Attentäter auf Tarrant bezogen, scheinen ihm seine Fans im Netz zu folgen. Für den Journalisten Roland Sieber ist das misslungene Attentat in Oslo damit „der vierte bekannte rechtsterroristische Anschlag in diesem Jahr, der auf einem Imageboard angekündigt wurde und der dritte in Folge des ‘Brenton Tarrant Memetic Warfare‘ (Brenton Tarrants memetische Kriegsführung)“. 

Memes haben sich zu einer zentralen Kommunikationsform in digitalen Foren entwickelt. Es sind Bilder, Videos und auch Texte, die zur Vervielfältigung produziert werden; humoristisch aufgeladen und teils mit derben, mehrdeutigen Botschaften versehen. Die meisten Verbreiter*innen rassistischer, antisemitischer, antifeministischer oder sonstiger menschenfeindlicher Memes, wollen wohl hauptsächlich rebellieren, indem sie sich nicht „politisch korrekt“ verhalten. Für andere hingegen ist das Verbreiten solcher Memes Ausdruck ihrer Weltanschauung, die durch die Verbreitung von rechtsextremen Inhalten anschlussfähig wird. Eine ambivalente Welt, die besonders junge Männer anspricht und zur kreativen Teilnahme aufruft.

Radikalisierung junger Männer

Vieles an dem Vorgehen der Attentäter wirkt wie ein mörderisches Spiel, in dem die Täter versuchen, mehr Menschen zu töten als die Vorgänger. Auf einer angeblich satirischen Wiki-Seite gibt es einen Highscore der „erfolgreichsten“ rassistischen und antisemitischen Mörder. Breivik rangiert hier auf dem ersten Platz, Tarrant auf dem vierten. Unter „Absolute Fucking Failures“ (Absolute Versager) findet man Philip Manshaus, den glücklicherweise gescheiterten Oslo-Schützen. 

Junge Männer, die sich in Internetforen radikalisieren und sich bei ihren Morden gegenseitig aufeinander beziehen, können wir nicht als Einzeltätern klassifizieren, auch wenn sie in unterschiedlichen Teilen der Welt morden. Sie alle teilen ein rechtsextremes und nationalistisches Weltbild und sie sind alle Teil der gleichen Netz-Community. Sie glauben, die „weiße Rasse“ (ob in den USA oder Europa) vor Migrant*innen und Jüd*innen beschützen zu müssen und dabei nehmen sie auch ihren eigenen Tod in Kauf. Ihrem rassistischen und antisemitischen Wahn liegt die Annahme zugrunde, „weiße Menschen“ seien mehr wert als andere. Mitglieder dieser „anderen“ Gruppen werden in diesen Communites kategorisch entmenschlicht. Hier geht es letztendlich um eine angebliche Überlegenheit einer angeblich „weißen Rasse“. 

Was wir in diesen Communities sehen, ist eine neue Form des rechten Terrorismus, der nicht mehr viel mit klassischen Neonazi-Zellen gemein hat. Die Forderungen der Täter sind nicht auf regionale Besonderheiten ausgelegt, vielmehr geht es ihnen darum, Angst und Chaos auszulösen. Durch ihre Taten fordern sie geschlossene Grenzen und Menschen, die nicht in ihr nationalistisches Weltbild passen, aus Gesellschaften auszuschließen. Die Forderungen dieser weißen Nationalisten sind global. 

Diese Form des Terrorismus muss als letzte Konsequenz einer digitalen Hasskultur verstanden werden, die weniger auf lokale Gegebenheiten reagiert, sondern sich – sowohl online wie offline – als transnationale Community versteht. Hier wird Massenmord zu einem Spiel, zu einem Witz zu einer Banalität. 

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