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Kein Bier, keine Stimmung, kein “abhitlern” Neonazi-Festival in Themar wird zur Lachnummer 

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Neonazis in Themar (Quelle: KA)

 

Eigentlich sollte am vergangenen Wochenende das größte Rechtsrock-Konzert des Jahres stattfinden– das wurde die NPD-Veranstaltung „Tage der nationalen Bewegung 2“ (TdnB) aber nicht. Die Teilnehmerzahl blieb hinter den Erwartungen zurück, genauso wie die Stimmung bei den Neonazis. 

Bereits im Vorfeld des Konzerts machte eine Aktion der Thüringer Polizei Schlagzeilen: Offiziell aus strategischen Gründen hatte die Polizei eine Tankstelle, direkt neben der Festival-Wiese angemietet. „Die Tankstelle ist das Hauptquartier der Polizei und zur Getränkeversorgung von Neonazis nicht zugänglich“, sagte Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD). Auf vorherigen Neonazi-Konzerten auf dieser Wiese diente die Tankstelle als Nachschublager für Alkohol. An diesem Wochenende saßen die Neonazis größtenteils auf dem Trockenen. 

Strenge Auflagen wurden konsequent umgesetzt

Generell fand das Event unter sehr strengen Auflagen statt. Am Freitag gab es nur Leichtbier und Radler, am Samstag gar keinen Alkohol. Darüber hinaus war die Parksituation für die Neonazi-Teilnehmer äußerst ungünstig. In Themar standen ihnen keine Parkplätze zur Verfügung und auch im zwei Kilometer entfernten Kloster Veßra, wo das Gasthaus „Goldener Löwe“ des Mitorganisators Tommy Frenck steht, gab es kaum Parkplätze. Eine Parkfläche die schließlich organisiert wurde, lag ganze 14 Kilometer vom Veranstaltungsgelände entfernt. Auch wenn die Nazis sich in Frencks Wirtshaus „druckbetankten”, waren sie nach dem langen Spaziergang wieder nüchtern. Dementsprechend gedrückt war schließlich auch die Stimmung während der Konzerte. 

Für Neonazis war es an diesem Wochenende in Themar ungemütlich  

Zur  niedergeschlagenen Stimmung trug sicherlich auch bei, dass es den Journalist*innen gestattet war, jeder Zeit das Gelände zu begehen und die Konzerte und Teilnehmer*innen zu dokumentieren. Aus einem „Abgehitler“ unter Gleichgesinnten wie noch 2017 in Themar wurde an diesem Wochenende nichts. Damals überrumpelten 6.000 Neonazis den kleinen thüringischen Ort. Es war das Großevent der letzten Jahre in Deutschland. Auch damals war das Konzert als politische Veranstaltung angemeldet. Und da die Polizei bei einer politischen Versammlung keine Teilnehmer*innen ausschließen kann, bekam Tommy Frenck, damals der Hauptorganisator, die Genehmigung, das Gelände zu erweitern.

Um das in diesem Jahr zu verhindert, meldete das zivilgesellschaftliche „Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra“ im Vorfeld auf beiden Flächen neben der Konzert-Wiese am Samstag Veranstaltungen an. So waren die Neonazis quasi eingekesselt vom Gegenprotest.

Neonazis mussten über einen „Walk of Shame“ 

Wenn die rechten Teilnehmer*innen die strengen Einlasskontrollen der Polizei überstanden, mussten sie noch etwa 100 Meter bis zum Konzert-Einlass zurücklegen. Ihr Weg war dabei gesäumt von hämischer Lache aus den Lautsprechern des Gegenprotests oder von antifaschistischer Musik. Auch der Paul-Kuhn-Schlagerklassiker „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ wurde in regelmäßigen Abständen abgespielt. 

Konsequentes Handeln der Polizei mit Hilfe von szenekundigen Beamt*innen

Doch nicht nur der überlegte und kreative zivilgesellschaftliche Gegenprotest muss hier in Themar in besonderer Weise herausgestellt werden. Auch das konsequente Handeln der Polizei war außergewöhnlich. So waren permanent Polizeikräfte auf dem Veranstaltungsgelände zugegen um Verstöße zu ahnden, die Konzerte und das Publikum wurde abgefilmt. Auf Rechtsrock-Veranstaltungen ist es leider eher üblich, dass die Polizei – falls sie etwas sanktioniert –, dies erst nach Hinweisen von szene-kundigen Journalist*innen tut. In Themar lief in diesem Jahr alles etwas anders – besser. Der politische Wille, es den Neonazis zu vermiesen, war spürbar.

Die Polizei hatte beispielsweise auch Experten für rechtsextreme Musik des Staatsschutzes im Einsatz. So kam es dann auch, dass am Freitag gleich zwei Konzerte abgebrochen wurden: Die Band „Sturmwehr“ spiele einen Song mit Liedgut, das in der Hitlerjugend verwendet wurde und damit strafbar ist. Die zwei Musiker der Band kassierten ein Auftritt-Verbot für das ganze Wochenende.  Im zweiten Fall hat die Band „Unbeliebte Jungs“ Lieder gespielt, die nicht auf der vorher eingereichten Liste standen. 

Der Headliner am Freitag war die „Combat 18“-Band „Oidoxie“. Kurz vor dem Auftritt erzählte der Sänger Marko Gottschalk mit glasigen Augen einem Journalisten, er wolle nicht auftreten, wegen der ganzen Repressionen. Letztendlich spielten „Oidoxie“ dann doch fünf Songs und traten am Samstag noch einmal auf. Das Ende des Konzerts am Freitag war gesäumt von lauten „Rudolf Heß“-Rufen von Teilen der rund 400 Neonazis. 

Auch keine Stimmung am Samstag: Kippen, Cola und Gekrächze

Am Samstag sollte der Einlass eigentlich um 10 Uhr beginnen. Weil die Polizei jedoch das strikte Alkoholverbot am Samstag umsetzte und das noch vorhandene Leichtbier und Radler konfiszierte, verzögerte sich der Einlass bis um knapp 14 Uhr. Insgesamt wurden am Samstag 920 Teilnehmer*innen gezählt. Bei den sichtlich angefressenen Neonazis kam auch am zweiten Festivaltag keine Stimmung auf. Die Band „Feindnah“ spielte hinter einem Vorhang und der „Oidoxie“-Sänger hatte sich am Vortag offenbar verausgabt und schmetterte seine rassistischen Texte mit krächzender Stimme ins Mikro.   

Der Neonazi, der sich mit offenem Haftbefehl in Themar blicken ließ und geschnappt wurde

Laut Angaben der Polizei wurden 45 Strafanzeigen ausgestellt, überwiegend wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, aber auch wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte beziehungsweise Beleidigung. Weiterhin wurden 13 Ordnungswidrigkeiten angezeigt. Von 167 Versammlungsteilnehmern wurde die Identität festgestellt, gegen 19 Personen wurde ein Platzverweis ausgesprochen, wie die Polizei in einer Pressemitteilung berichtet. Auch ein mit Haftbefehl gesuchter Neonazi ließ sich in Themar blicken und schnappen. Das konsequente Vorgehen der Polizei gegen Verstöße funktionierte nicht zuletzt wegen des Alkoholverbots auf dem Konzert-Gelände. 

Ist der Trend zu rechtsextremen Großveranstaltungen nun gebrochen?

In Hinblick auf das Neonazi-Festival von 2017 mit seinen 6.000 Besucher*innen waren die letzten „Großveranstaltungen“ doch eher mau besucht. Dass am Wochenende „nur“ knapp 1.000 Neonazis nach Themar kamen, ist dabei jedoch nicht mit den 6.000 von 2017 vergleichbar. Solche Riesenveranstaltungen der Szene sind Ausschläge, die immer mal wieder passieren können. 

Besonders nach dem rechtsextremen Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke wird die Neonazi-Szene scharf beobachtet, das verleitet sicherlich viele organisierte Neonazis dazu, sich eher unauffällig zu geben und eben nicht an zig Kameras vorbei zu müssen, um dann auf ein mäßiges Konzert zu gehen. Und so bestand das Publikum in Themar größtenteils aus Suff-Nazis. Szene-Größen, wie beispielsweise der Veranstalter des SS-Festivals Thorsten Heise glänzte durch Abwesenheit. Auch der Mitorganisator Tommy Frenck ließ sich nicht ein Mal auf dem Veranstaltungsgelände blicken. Auch wenn Frenck und der diesjährige Veranstaltungsleiter Sebastian Schmidtke bereits am Sonntag ein weiteres Konzert in Themar im September angekündigt haben, ist es gut möglich, dass der Trend zu immer größeren solcher Wohlfühl-Events gebrochen ist. Das bedeutet jedoch keine Entwarnung, schließlich finden in ganz Deutschland nach wie vor wöchentlich klandestine Konzerte statt.     

Themar war ein konsequentes Zeichen an die Neonazis, dass wir sie nicht dulden

Der Erfolg in Themar ist der Zusammenarbeit aus Zivilgesellschaft, Politik und Polizei geschuldet. Wenn Behörden, Kommunen, Zivilgesellschaft und Politik zusammenarbeiten, kann es gelingen, den Neonazis das Leben schwer zu machen. Wenn jede juristische Möglichkeit genutzt wird, um die Rechtsextremen zu nerven und ihnen das Geschäft zu vermiesen, ist das ein Erfolg. Zwar wird dieses Festival-Desaster wohl keinen der Teilnehmenden zu einem Ausstieg aus der Szene bewegen, aber mit diesem Konzept der kleinen Nadelstiche zeigen wir den Neonazis, dass wir sie mit ihrer menschenverachtenden und tödlichen Ideologie nicht in unserer Gesellschaft dulden.  

 

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