Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Weltwirtschaftsforum und Verschwörungsideologen Wer rottet hier eigentlich wen aus?

Von|
Meme, dass WEF-Gründer Klaus Schwab als James Bond-Bösewicht Ernst Stavro Blofeld darstellt.

Was das World Economic Forum ist

Gestern begann das Weltwirtschaftsforum, kurz WEF, im schweizerischen Davos. Seit 1971 treffen sich Politiker*innen, Wirtschaftsbosse und gesellschaftliche Influencer*innen für eine Woche, um zu diskutieren: In welcher Situation sind die Menschen gerade? Und wie können wir „den Zustand der Welt verbessern“? So heißt es in den Statuten des WEF, das vom deutschen Wirtschaftswissenschaftler Klaus Schwab begründet wurde. 2023 treffen sich in Davos rund 3.000 Menschen mit verschiedensten Formen von gesellschaftlicher Macht: darunter 52 Staats- und Regierungschefs und mehr als 600 Vorstandsvorsitzenden aus der Wirtschaft. Außerdem Wissenschaftler*innen, aber auch Sprecherinnen gesellschaftlicher Bewegungen wie Luisa Neubauer von „Fridays for Future“. Motto diesmal: „Zusammenarbeit in einer fragmentierten Welt“. Thematisch, so kündigte es WEF-Geschäftsführer Alois Zwinggi an, gehe es um das „multidimensionale Gefahrenumfeld“, in dem die Welt sich befinde: zentral seine 2023 der Klimawandel und angespannte Wirtschaftssituation durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Organisiert werden die Treffen von der von Klaus Schwab gegründeten Stiftung, die 1971 als European Management Conference begründet wurde und seit 1987 Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum) heißt. Ursprünglich war der Plan, moderne Managementkonzepte für Unternehmen zu diskutieren – inzwischen ist das WEF eine global agierende Kommunikationsplattform für wirtschaftliche und politische Eliten und intellektuelle Vordenker.

Reiche und mächtige Menschen treffen sich hier also, um die Welt zu verbessern.

Dies war von Anfang an ein Grund für eine kritische Begleitung durch die Öffentlichkeit. So treffen sich dort natürlich auch Menschen, die als Politiker*innen oder Wirtschaftskonzern-Manager*innen eher Teil des Problems als Teil der Lösung sind. Vor allem eine Frage treibt Menschen angesichts des Treffens um: In welchem Sinne soll die Welt denn verbessert werden? Für Konzerne, für den Machterhalt von Politiker*innen, oder für alle? Kapitalismuskritiker*innen sehen in Davos ein Treffen einer neoliberalen Gruppe, die sich nicht um die Menschen schere, die von ihren Konzepten betroffen seien. Was von wem auf dem Weltwirtschaftsforum besprochen wird, kann jedenfalls jede*r Interessierten nachvollziehen: Programm und Teilnehmer*innen werden online dokumentiert, Vorträge können in Streams gesehen werden, später gibt es Publikationen. Oft genug hat die Stiftung Kritiker*innen später selbst als Speaker*innen eingeladen, um einen Austausch der Ansichten zu ermöglichen.

Wie Verschwörungsgläubige das World Economic Forum sehen

In der Welt verschwörungsgläubiger Menschen sieht die Wahrnehmung des World Economic Forum und auch von Klaus Schwab ganz anders aus. Das WEF gilt ihnen als Inbegriff des Bösen, als unverschämt offenes Treffen von Eliten, die nur im eigenen Interesse gegen die ganze Menschheit handeln wollten, ja, diese sogar ausrotten wollten. Das macht zwar für Wirtschaftsunternehmer*innen und Politiker*innen keinen Sinn, ihre Mitarbeiter*innen, Kund*innen oder Wähler*innen auszurotten, aber in verschwörungsgläubigen Gruppen in Deutschland ist das Bild von Klaus Schwab auch bereits das eines James Bond würdigen Bösewichtes. Das Programm des Treffens wird dann auch zur „Agenda“.

Unter Menschen, die eine Weltverschwörung von mehr oder weniger geheimen Eliten gegen „das Volk“ oder „die Völker“ für wahrscheinlich halten, ist ein kreativ-abgründiges Interpretieren alles beim WEF Gesagten der Standard. Als Klaus Schwab 2020 angesichts der Coronavirus-Pandemie sein Buch „The Great Reset“ beim WEF vorstellte, wurde daraus der neueste Verschwörungshype. Schwab stellte dar, wie seiner wirtschaftswissenschaftlichen Meinung nach die Welt gerechter, sozialer und ökologisch nachhaltiger zu gestalten sei und die Pandemie als Einschnitt fungieren könnte, um dies anzugehen.

Die Verschwörungsgläubigen machten daraus: Die Pandemie sei geplant worden, um die Weltbevölkerung zu dezimieren. Und jedes Elend auf der Welt sei dementsprechend nicht real, sondern nur eine „Inszenierung“, ein Werkzeug, um von diesem „wahren“ Ziel abzulenken: die Coronavirus-Pandemie, der Krieg Russlands gegen die Ukraine, der Klimawandel. Es sind genau die Themen, die auf dem Programm des WEF stehen. Weil sie die ganze Welt beschäftigen? Nein, sagen Verschwörungsfans, das kann nur Absicht sein. Böse Absicht.

Verschwörungsideologien mit digitalem Resonanzraum

Es ist eine Folge der Pandemiejahre: Es gibt im deutschsprachigen Internet inzwischen einen enormen Resonanzraum für diese Art von Verschwörungserzählungen, auf Telegram und Twitter, Instagram oder YouTube. Falscherzählungen etwa zum WEF werden nicht nur in rechtsextremen oder offen verschwörungsideologischen Gruppen geteilt, sondern auch unter Esoterik-Fans, Sinnsuchenden, an „Freilernen“ interessierten Eltern oder Lokalgruppen.

Interessant ist dabei, dass die Wahnhaftigkeit mancher Weltsicht so weit fortgeschritten ist, dass Widersprüche gar kein Faktor mehr sind, um die Realität zu überprüfen. So wird Klaus Schwab einerseits als jüdischer Spross der Bankiersfamilie Rothschild dargestellt – meist wird die Weltverschwörung als jüdisch imaginiert –, und andererseits soll sein Vater engster Vertrauter Hitlers gewesen sein, wie es sich für einen vermeintlichen Bösewicht gehört (beides stimmt nicht).

Das gilt natürlich auch für Teilnehmer*innen. Eben feiert die Rechtsaußen-Szene Elon Musk noch für die Reetablierung von Rechtsextremen auf Twitter – zack, überführt ihn ein Sharepic als „Agenda Contributer“ des WEF und er ist Feind:

Das „Young Global Leaders“-Forum wurde in der Tat ebenfalls von Klaus Schwab gegründet, und Elon Musk war 2008 einer dieser „Young Global Leaders“. Andererseits ist Musk jetzt nicht nach Davos gefahren, hat eine Teilnahme abgelehnt. So lesen andere Teile der Szene Elon Musks kryptische Tweets, als sei er der neue Q. Q war der anonyme Account, der die Verschwörungsideologie von QAnon begründet hat. Q formulierte ähnlich offen und rätselhaft wie Elon Musk aktuell. So liest die Verschwörungsszene eine Kritik am WEF aus Tweets wie diesem hier:

Elon Musks Outfit an Halloween war Satan. Sinn ergibt das aber nur in der Welt von „We are the News“. Der verschwörungsideologische Kanal „Lion Media“ ist sich auch nicht so sicher und lässt mal die Leser*innen abstimmen.

NWO steht für „Neue Weltordnung“, aka die jüdische Weltverschwörung

Die Themen für Verschwörungskanäle der nächsten Monate

Die verschwörungsideologische mediale Szene ist angesichts des WEF entsprechend aufgeregt – für sie werden hier die Mobilisierungsthemen des nächsten Jahres besprochen. Der verschwörungsideologische Blogger „Aktivist Man“, mit bürgerlichem Namen Matthäus Westphal, etwa ist derzeit in Davos vor Ort, ebenso der österreichische Desinformationssender AUF1 – nur wurde beiden (zu Recht) kein journalistischer Hintergrund zugeschrieben, sodass sie nicht als Presse akkreditiert sind. Deshalb gibt es nur Videos auf der Wiese und schockierende News wie diese:

Er kommentiert: Es gäbe doch gar kein Corona, das WEF versuche, die Inszenierung aufrechtzuerhalten.

AUF1 steht auf einem Gang herum, Schnittbilder sind Autos der „Globalisten“, wie der Verschwörungssender die Teilnehmer*innen nennt – noch eine antisemitische Chiffre, eine Dogwhistle.

Dogwhistles, also raunende Andeutungen, sind beliebt in der verschwörungsideologisch-rechten Bearbeitung des WEF. So kommt die antisemitische Krake, die die Welt in den (Würge-)Griff nimmt (Martin Sellner), „Globalisten“ ist nicht nur bei AUF1 beliebt, die steigern auf „globalen Totalitarismus“.

Den „Great Reset“ und die „Plandemie“ verwenden alle immer noch gern, auch der neueste Trend zur Ausrottung der Menschheit, der Transhumanismus, darf nicht fehlen (Stefan Magnet, Eva Hermann, Bodo Schiffmann).

„Alles Ausser Mainstream“ ist der Telegram-Channel von Bodo Schiffmann. Die „Gehirnchips“ sind die beliebteste Angst beim Narrativ vom „Transhumanismus“, der Menschen mit Technik verschmelzen und damit ausrotten wolle.

Was fürchten die Verschwörungsgläubigen? Was hat das WEF vor?

Aber was droht denn nun konkret? Insgesamt vermuten verschwörungsideologische bis rechtsextreme Alternativmedien, möchte die „globalistische Elite“, die sich in Davos trifft, die „Weltregierung“. Dazu sollen alle Menschen auf der Welt so viel Angst haben, dass sie meinen, nur eine Weltregierung könne die Menschheit retten. Aber die Pläne seien zunächst gescheitert. Die Coronavirus-Pandemie etwa habe dazu geführt, dass „Völker“ sich dem Nationalismus und Patriotismus zuwendeten und sich gegen die Weltregierung wehrten. Untrüglicher Beweis für das Scheitern der finsteren Pläne ist für „Lion Media“, dass Polizist*innen die Veranstaltung des WEF schützen. Nur weil auf der Großveranstaltung 52 Staatsoberhäupter und 600 Wirtschaftsführer*innen zusammenkommen. Müsste man ja nicht schützen, wenn alles gut wäre. Oder?

Aber das WEF und Klaus Schwab geben nicht auf, warnt „Lion Media“. Nun würde auf dem WEF schon länger vor einem Cyber-Angriff mit anschließendem Blackout gewarnt, der schlimmere Folgen weltweit hätte als Corona. Für „Lion Media“ ist damit klar: Das ist in Wirklichkeit keine Warnung. Es ist das, was das WEF plant. Den Blackout herbeizuführen. Aber eine gute Nachricht hat „Lion Media“ auch: Es gibt Rettung vor dem Cyber-Blackout. Elon Musk. Also, genauer sein „Starlink“-Programm, dass noch Internet herstellen könne, wenn es kein Internet mehr gäbe. Elon Musk habe ja auch getwittert, er wäre zum WEF eingeladen worden, würde aber nicht hingehen. Das ist dann ja wohl doch Beweis genug.

Die AfD möchte in diesen Kontexten mitspielen, ohne allzu explizit zu werden. Deshalb begnügen sich AfD-Vertreter*innen derzeit, Klimaskeptizismus zu verbreiten und den Teilnehmer*innen, besonders aber Robert Habeck und Karl Lauterbach, vorzuwerfen, dass sie Opfer für den Klimawandel von der Bevölkerung forderten, selbst aber nach Davos flögen. Und die AfD teilt genüsslich die wenig recherchierte Meldung der Schweizer Boulevardzeitung 20 Min, dass Escort-Buchungen rund um das WEF ansteigen würden. Das soll wohl die sexuelle Unersättlichkeit oder die „spätrömische Dekadenz“ der Versammelten darstellen.

Heute ereilte die Verschwörungswelt noch die Meldung, dass ihre beiden Lieblingspersonifikationen des Bösen, Klaus Schwab und George Soros, beide nicht am WEF teilnehmen. Ein Teil der Verschwörungsideolog*innen sagt nun: Weil sie um ihr Leben fürchten! Der andere: Weil sie ihre Befehle auch anders versenden können. Dann stellte sich auch noch heraus, dass Klaus Schwab höchst gesund und vergnügt das Word Economic Forum eröffnet hat. Das verschwörungsgläubige Leben ist kompliziert.

Es gibt aber Verschwörungsideologen, die sind schlauer als alle anderen. Zum Beispiel der Berliner Immobilienmakler Heiko Schrang, seit Coronapandemie-Zeiten Verschwörungspublizist. Der weiß nämlich, wie es wirklich aussieht, und da muss er nicht mal vor Ort sein: Das WEF ist nämlich eigentlich völlig egal, eine „Nebelbombe“ (sic) und „Jahrhundertlüge“. Denn, der wirkliche Verschwörungsfachmann weiß: Eliten treffen sich im Geheimen. Schon seit Bilderberger-Zeiten! Und das WEF ist ja komplett öffentlich. Also: „Jahrhundertlüge“ mit „Politik-Marionetten“, um „die Energie abzusaugen“.

Vielleicht klappt es mit dem Schlüsse-Ziehen ja beim nächsten Mal.

Weiterlesen

neubürger

Rassistische Dog Whistles Die codierte Sprache der Online-Rassisten und rechtsextremen Trolle

Wer das N-Wort verwendet, wird oft schon durch Filtersoftware am Hetzen in Kommentarspalten gehindert. Aber was ist mit „Ernegl“, Nogger Choc, Jogger? Rassist*innen und rechtsextreme Trolle nutzen im Netz gerne eine codierte Sprache, um ihren Rassismus zu verbreiten. Ihre Begriffe und Bilder sind für Außenstehende oft schwer zu verstehen. Ein Glossar:

Von|
Eine Plattform der