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Antiamerikanismus Hassobjekt USA

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Symbolbild (Quelle: unsplash)

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Derzeit hat Antiamerikanismus wieder Konjunktur. Seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine häufen sich antiamerikanische Ressentiments in Deutschland. Gemeinsam ist den Amerikahasser*innen eine extrem ablehnende Haltung gegenüber Politik, Kultur und Lebensstil der USA, denen sie pauschal negative Attribute zuschreiben. Wahlweise gelten die Vereinigten Staaten dabei als imperialistisch, aggressiv, kriegslüstern, materialistisch, kapitalistisch oder kulturlos und dekadent. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs äußern immer mehr Menschen in Deutschland vehemente und verächtliche Kritik an den Vereinigten Staaten, schreiben ihnen eine Mitschuld an dem von Russland initiierten völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zu und behaupten, das Land würde vom Krieg profitieren. Russlandfreundlichkeit und Antiamerikanismus werden zu zwei Seiten einer Medaille. Häufig dient der Antiamerikanismus dem Antisemitismus als Deckmantel und hängt mit Verschwörungsdenken zusammen.

Eine weit verbreitete antiamerikanische Erzählung lautet, Europa müsse sich gegen die USA positionieren, um von ihnen wirtschaftlich, militärisch und politisch unabhängig zu werden. Von „europäischer Souveränität“ ist die Rede: Den USA wird vorgeworfen, Europa als Einflussgebiet ihres angeblichen Imperiums zu betrachten oder es wird gleich behauptet, Deutschland sei nach wie vor von den USA militärisch besetzt. Antiamerikanismus und Antiimperialismus funktionieren als Scharnier zwischen vermeintlich progressiven und linken Akteur*innen, Verschwörungsideolog*innen und Rechtsextremen.

Deutsche „Promis“ gegen Amerika

„Ich behaupte, dass der Amerikaner im Hintergrund alles steuert, damit er alleine Weltmacht bleibt“, raunte kürzlich der bekannte Textilunternehmer und Trigema-Chef Wolfgang Grupp in einem Interview mit dem News-Portal BW24. Der 80-Jährige sieht die USA als Treiber der Gewalteskalation. „Die einzigen Gewinner an diesem Krieg sind die Amerikaner!“, meint er, ohne jegliche empirische Grundlage, zu wissen.

Auch Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer vermutet die USA hinter dem Konflikt in der Ukraine. „Der Krieg ist nicht nur ein Abwehrkrieg der Ukraine gegen Russland, sondern natürlich auch ein Stellvertreterkrieg zwischen Amerika und Russland auf ukrainischer Erde“, sagte Schwarzer in der Talk-Show Maischberger Ende November. Damit suggeriert sie, dass die USA ein eigenständiges Interesse an dem Krieg hätten. Dass die Ukraine, ein souveräner und demokratischer Staat, seit acht Jahren von Russland attackiert wird, ließ die 80-Jährige in der TV-Sendung unter den Tisch fallen und bekräftigte stattdessen ihre Haltung, Deutschland solle keine Waffen an die Ukraine liefern.

„Antiamerikanismus ist ja jetzt verpönt seit dem Ukraine-Krieg. Man gilt sofort als Putin-Versteher, wenn man amerikakritisch ist“, behauptete Kabarettist Serdar Somuncu im Sommer 2022 in seinem Podcast „Boygroup der Hardcore-Katholiken“. Interviewer Bent-Erik Scholz meint, US-Präsident Joe Biden könne mit dem Krieg das „Volk zusammenrotten“, da es für ihn innenpolitisch schlecht laufe. An anderer Stelle beschwert sich Somuncu über einen angeblichen „Linksfaschismus“.

Wissenschaftlich getarnter Amerikahass

Auch Wissenschaftler*innen verbreiten antiamerikanische Thesen. Zuletzt besonders hervorgetan hat sich diesbezüglich der emeritierte Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, Wolfgang Streeck. 2018 warf er der damaligen Bundesregierung in einem FAZ-Beitrag vor, Geflüchtete ins Land geholt zu haben, um den Krieg in Syrien, den er als Stellvertreterkrieg der USA deutete, zu verlängern. „Trotzdem machen CDU und SPD die geopolitischen Narreteien der orientierungslos gewordenen absteigenden Supermacht nibelungentreu weiter mit: in Syrien durch migrationspolitische Absicherung des Hinausziehens eines Krieges, den man nicht gewinnen kann und deshalb nicht enden lassen will“, schrieb Streeck

Schon 2017 machte der Sozialwissenschaftler von sich reden, als er in der FAZ über die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel schimpfte, woraufhin er im berüchtigten islamfeindlichen und rechtsextremen Blog PI-News als „der klügste Linke“ gefeiert wurde. In einem Spiegel-Interview im Jahr 2021 behauptete er, die EU sei „zum Scheitern verurteilt“, zeigte Verständnis für Viktor Orbán, wünschte sich eine Renaissance des Nationalstaats und lobte den Brexit.

In seinem im selben Jahr im Suhrkamp-Verlag erschienenen Buch „Zwischen Globalismus und Demokratie“ plädiert Streeck für eine „Konföderation souveräner Demokratien“. Die EU sieht er als Projekt von „globalen Eliten“. Der Soziologe befürwortete, gegen die in seinen Augen von Expansionsinteressen getriebene Geopolitik der USA, intensivere Beziehungen zu Russland aufzubauen. Streeck war einst als Berater des Bundeskanzlers Gerhard Schröder ein Wegbereiter der „Agenda 2010“. Später wurde er mit seinem Buch „Gekaufte Zeit“ aus dem Jahr 2013 zu einem prominenten Kritiker des Neoliberalismus. Seit 2018 engagiert er sich in der unter anderem von der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht gegründeten Sammlungsbewegung „aufstehen“.

Im März dieses Jahres kritisierte Streeck in der New Left Review das sogenannte Sondervermögen für die Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro. Faktisch würde diese Aufrüstung nur betrieben, um den Interessen der NATO, hinter der eigentlich die USA stünden, zu dienen. Der Professor ist davon überzeugt, dass das „gesamte deutsche Militär der NATO, also dem Pentagon, unterstellt ist“. Die USA hätten die Sicherheitsinteressen Russlands nicht ernst genommen, um „die bedingungslose Treue der europäischen Länder zur NATO zu festigen“.

Die USA würden die europäischen Staaten benutzen, um Unterstützung bei der „Einkreisung Russlands an seiner westlichen Flanke“ zu haben. Damit suggeriert er, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine gerechtfertigt sei und Russland lediglich auf eine vermeintliche US-Aggression reagiert habe, womit er den von Russland begonnenen völkerrechtswidrigen Krieg relativiert. Die westliche Einigkeit gegen Russland sei ein Produkt des amerikanischen Imperialismus, der Europa zu seinen Zwecken instrumentalisiere: „Wenn man den USA erlaubt, einen zu beschützen, schlägt die Geopolitik alle andere Politik, und diese Geopolitik wird von Washington allein bestimmt. So funktioniert ein Imperium.“

Im November dieses Jahres erschien ein weiterer Essay von Streeck auf dem Blog der New Left Review. Streeck behauptet, die USA hätten schon vor dem Krieg ein Interesse daran gehabt, Druck auf Deutschland aufzubauen, um „nach der Erfindung des Frackings russisches Erdgas durch amerikanisches Flüssiggas zu ersetzen“. Dies habe sich nun durch den Krieg in der Ukraine erfüllt und Deutschland sei gezwungen, einen „schwindelerregenden Preis für amerikanisches Flüssiggas“ zu bezahlen. Hinter den USA vermutet er damit vor allem eins: raffgierige kapitalistische Profitinteressen.

Die Bundesregierung mache sich zu einer „transatlantischen Kolonie der großen amerikanischen Kriegsmaschinerie“, so Streeck weiter. Doch damit nicht genug: Er stellt in dem Text offen die Option in den Raum, dass die USA in der Ukraine eine Atombombe zünden könnten. Das ist absurd und zeigt seine Fixierung auf die von ihm verteufelten USA. Auch an den Grünen arbeitet sich der Sozialwissenschaftler ab. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock stünde repräsentativ für eine Generation, die unter dem Einfluss „amerikanischer soft power“, von Popmusik über Filme und Mode, aufgewachsen und für die der „Kosmopolitismus“ an die Stelle des „Nationalismus“ getreten sei. Das von ihm konstruierte Feindbild der Kosmopoliten fungiert oftmals als antisemitische Chiffre.

Diese bediente zum Beispiel auch der AfD-Politiker Alexander Gauland, als er sich 2018 in einem Gastbeitrag für die FAZ auf die simplizistische Klassentheorie des britischen Autors David Goodhart bezog und zwischen den mobilen „Anywheres“ und den sicherheitsorientierten „Somewheres“ unterschied. Gauland sprach von „urbanen Eliten“, die „zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur“ zögen, weswegen die Bindung „an ihr jeweiliges Heimatland“ schwach sei. Auf der anderen Seite stünden die „Sesshaften“, denen „Heimat etwas bedeutet“. Das Motiv einer angeblich „wurzellosen Elite“ ist ein zentrales antisemitisches Vorurteil gegenüber Juden. Historiker erkannten kurz nach der Veröffentlichung von Gaulands Text Parallelen zu einer Rede, die Adolf Hitler 1933 vor Arbeitern gehalten hatte.

Uniprofessorin auf Abwegen

Auch Ulrike Guérot, Professorin für Europapolitik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, schürt antiamerikanische Ressentiments. Mit ihren Thesen während der Corona-Pandemie ist sie zu einer Ikone der Querdenken-Bewegung geworden. Die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung bezeichnete sie im September 2020 gegenüber Deutschlandfunk Kultur als „semi-autoritär“. Im Mai 2021 lehnte sie in einer ORF-Sendung die Nutzung von FFP2-Masken und die Impfungen gegen das Virus zur Pandemiebekämpfung ab. In ihrem Buch „Wer schweigt, stimmt zu“ schrieb sie: „Zuerst räumen wir auf, jeder in seinem Land. Wir überantworten die Verantwortlichen dem Internationalen Strafgerichtshof, sollte sich herausstellen, dass es nicht die Fledermaus war, sondern doch ein Labor, das uns das Virus beschert hat […]. Wir bitten die USA, sie um Anthony Fauci und Bill Gates zu kümmern. Wirt schließen die Weltgesundheitsorganisation WHO und durchforsten ihre finanziellen Verstrickungen mit der Pharmaindustrie. Wir lassen die dunklen Gestalten von Pfizer und Co nicht entkommen“.

Für die Universität Bonn wird sie damit immer mehr zur Reizfigur, im November 2022 hat sich die Hochschule öffentlich von ihr distanziert. Mit dem an der Freien Universität Berlin promovierten Geschichtsphilosophen Hauke Ritz veröffentlichte sie das Buch „Endspiel Europa“. Darin heißt es, die Ukraine sei ein Kriegstreiber und führe einen Stellvertreterkrieg für die USA. Es habe „amerikanische, britische und kanadische Kriegsvorbereitungen gegen Russland“ gegeben, schreiben die Autor*innen, von einem russischen Angriffskrieg zu sprechen, lehnen sie ab. Guérot und Ritz unterstellen der Ukraine, sich an einem angeblich geheimen US-Biowaffenprogramm zu beteiligen, das auf „den Genotyp des Feindes zugeschnitten“ sei. Damit reproduzieren sie nicht nur russische Desinformation, wonach es Chemiewaffenlabore in der Ukraine gebe – ein Narrativ, dass auch QAnon-Gläubige gerne verwenden –, sondern argumentieren zudem rassentheoretisch: „Wollte man eine biologische Waffe entwickeln, die besonders Russen, also den slawischen Genotyp angreift, so wäre die Ukraine ein perfektes Testgebiet, da besonders im Süden und Osten der Ukraine ethnische Russen leben.“

In einem Youtube-Interview vertrat Co-Autor Ritz zahlreiche Behauptungen, die der russischen Staatspropaganda entsprechen, so etwa, dass die Ukraine zum russischen Kulturraum gehöre. In einem Atemzug fallen Sätze von Ritz wie: „Wir leben in der amerikanischen Interpretation europäischer Kultur“. Das Online-Magazin Rubikon, das von linken Journalist*innen gegründet wurde und das mittlerweile bekannte Verschwörungserzählungen zum 11. September oder der Corona-Pandemie verbreitet, veröffentlichte einen Auszug des im Oktober 2022 erschienenen Buches. Darin fabulieren Guérot und Ritz von einer „sublimierten amerikanischen Unterwerfung eines politisch geeinten Europas und einer kooperativen Friedensordnung mit Russland“. Damit behaupten sie, dass Europa verdeckt unter amerikanischer Herrschaft stehe und die USA aktiv an dem Ziel arbeiteten, Frieden zwischen der EU und Russland dauerhaft unmöglich zu machen.

Linker Antiamerikanismus

Schaut man auf den linken Antiamerikanismus, so gerät unweigerlich das Paar Wagenknecht/Lafontaine ins Blickfeld. „Make America Great Again – Wie US-Handelskriege und Sanktionen uns ruinieren“ heißt beispielsweise ein von Sahra Wagenknecht auf ihrem eigenen Youtube-Kanal verbreitetes Video im November. Die USA würden das Ziel verfolgen, wieder zur alleinigen Weltmacht zu werden und machten Europa abhängig von „US-Konzernen“. Schon „seit den siebziger Jahren“ versuchten die USA „deutsch-russische Pipelineprojekte“ zu „torpedieren“.

Den Hauptfeind der deutschen Wirtschaft sieht Wagenknecht in den USA: Deshalb agitiert sie gegen die von westlichen und anderen Staaten gegen Russland verhängten Sanktionen und plädiert stattdessen für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland. In ihrer vielbeachteten Bundestagsrede im September 2022 beschwor die Linken-Politikerin die Interessen der „deutschen Industrie mit ihrem starken Mittelstand“, die in Rivalität zu US-amerikanischen Unternehmen stünden. Sie wetterte gegen „amerikanische Frackinggasanbieter, die aktuell 200 Million Euro Gewinn mit jedem einzelnen Tanker machen“ und deutsche Unternehmen damit in den Ruin treiben würden. Damit streut sie die antiamerikanische Erzählung, dass die USA mit ihrem Profitstreben die deutsche Wirtschaft zerstörten.

Teilweise noch schärfer sind Oskar Lafontaines Töne, wenn er verbal gegen die Vereinigten Staaten schießt. Die Bundesregierung mache sich in seinen Augen zu einem „getreuen Vasallen der USA“, wie der 79-Jährige der Zeitung junge Welt sagte, die USA wollten keinen Frieden. „Die USA lachen wahrscheinlich über uns, weil sie von den Sanktionen kaum betroffen sind, ihr Flüssiggas jetzt in höherem Umfang in Europa absetzen können und ihre Waffenindustrie riesige Geschäfte macht“, mutmaßt der ehemalige Linken-Politiker. Die Grünen seien der „verlängerte Arm der USA“ im Bundestag, so der ehemalige Bundesfinanzminister. In ähnlicher Weise bezeichnete Wagenknecht die Grünen im Oktober in einem ihrer Videos als „die gefährlichste Partei“ im deutschen Parlament und verharmloste damit die Bedrohung durch die AfD.

Das Narrativ der kriegstreibenden und profitgierigen Vereinigten Staaten spinnt der frühere Vorsitzende von SPD und Linkspartei auch in seinem jüngst erschienenen Buch weiter: „Ami, it’s time to go: Plädoyer für die Selbstbehauptung Europas“. In der gerade einmal 64 Seiten langen Schrift behauptet Lafontaine, das Sondervermögen würde der Bundeswehr zur Verfügung gestellt, „weil die Amis das so wollen“. Die NATO sei „nichts anderes als ein geopolitisches Instrument der USA“. In einem Gastbeitrag für die Berliner Zeitung im August fabulierte er in waschechtem Reichsbürgerjargon: „Deutschland ist kein souveränes Land“. Damit nimmt er die Verschwörungserzählung auf, Deutschland sei von den USA gesteuert.

Über die Frage, welche Rolle die USA im Ukraine-Krieg spielten, dozierte Oskar Lafontaine auch bei einer Veranstaltung der NachDenkSeiten, einer Website, die durch die Verbreitung zahlreicher Verschwörungsideologien, antisemitischer Narrative sowie Antiamerikanismus auffällt. Der Westend-Verlag, in dem die Bücher von Lafontaine, aber auch von Guérot und Ritz sowie des NachDenkSeiten-Gründers Albrecht Müller erschienen sind, kooperiert mit dem Blog. Der frühere SPD-Politiker Müller, der sich gerne von Verschwörungsguru Ken Jebsen interviewen lässt, lobte Lafontaines Buch auf der Website als „anregend“. Die Schrift sei so wichtig, weil die USA „die öffentliche Meinung in Deutschland maßgeblich bestimmen“ würden, so Müller.

Gute Kontakte zu Ken Jebsen pflegt auch der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Linkspartei und Wagenknecht-Vertraute Diether Dehm, wie einem Foto zu entnehmen ist, das Dehm Anfang Dezember auf Twitter postete und die beiden gemeinsam am Tisch in einem Restaurant zeigt. Dehm soll laut einem Antrag von Vorstandsmitgliedern der Linken aus der Partei ausgeschlossen werden. Der 72-Jährige schrieb kürzlich ein Lied mit dem Titel „Ami go home“. Darin heißt es „Wir sind kein Amiland sondern Deutschland“ und „Dein Fracking-Gas – die CIA komm’n zu teuer uns und tun uns weh“.

Rechtsextremer Antiamerikanismus

Die Phrase „Ami go home“, die unter anderem die außerparlamentarische Opposition sowie die Friedensbewegung verwendeten, bedient auch der Herausgeber des rechtsextremen Compact-Magazins Jürgen Elsässer. Er rief unter ebenjenem Motto zu einer Großdemonstration Ende November in Leipzig auf, um gegen eine angebliche „US-Besatzung“ zu demonstrieren. Elsässers Anhänger, darunter zahlreiche Rechtsextreme, versammelten sich, getrieben von der Verschwörungserzählung, Deutschland sei besetzt, unweit des US-Generalkonsulats und forderten die USA auf, ihre Truppen und Atomwaffen aus Deutschland abzuziehen. Der Versuch, mittels Antiamerikanismus in dem von Rechtsextremen herbeigesehnten „heißen Herbst“ gegen die steigenden Preise, die deutsche Russland-Politik und die Sanktionen zu mobilisieren, um Anschlussfähigkeit herzustellen, scheiterte jedoch. Angekündigt waren 15.000 Menschen, letztlich kamen etwa 1000 und der antifaschistische Gegenprotest war bei weitem in der Überzahl.

Auch die AfD ist schon seit langem für ihre Russlandfreundlichkeit und ihren Antiamerikanismus bekannt. Am Tag der Deutschen Einheit dieses Jahres bezeichnete der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke in Gera die USA als „raumfremde Macht“. Aus der Sicht Höckes verteidige sich Russland in der Ukraine gegen das Machtstreben der USA, Putin habe „konsequent auf die Offensive einer fremden Macht reagiert“. Er beschuldigt die USA, „ein deutsch-russisches Zusammengehen zu verhindern“. Und auch er wetterte gegen das LNG-Gas aus den USA.

Das Recherchezentrum Correctiv veröffentlichte im November 2022 Arbeitspapiere des Arbeitskreises Außen der AfD-Bundestagsfraktion. Diese übernehmen im weitesten Sinne Höckes antiamerikanische Agitation: Die USA seien ein „globaler Hegemon“, der das „Entstehen einer dominanten eurasischen Macht verhindern möchte“. Eurasien ist eine Wortneuschöpfung, die zwischen Europa und Asien einen neuen Kontinent konstruiert, der unter russischer Führung stehen soll. Diese Idee ist fester Bestandteil der russischen Staatsideologie unter Wladimir Putin. In einem der internen AfD-Arbeitspapiere heißt es, dass Deutschland „durch die Reeducation nach 1945 in hohem Maße amerikanisiert worden“ sei. Das macht die AfD-Fraktion neben der „US-amerikanischen Konsumkultur“ an NGOs wie dem German Marshall Fund, dem Aspen Institute oder der Atlantik-Brücke fest, die in ihren Augen kein Geld mehr vom Staat beziehen sollten.

Was ist so gefährlich am Antiamerikanismus?

Antiamerikanische Einstellungen haben in Europa eine lange Geschichte. Seit der amerikanischen Revolution von 1776 stehen die USA für Aufklärung, Demokratie und Liberalismus. Deshalb stießen sie seither bei Gegner*innen dieser Ideale auf Ablehnung. Im Antiamerikanismus werden die USA als Antipode zu Europa konstruiert, der alle negativen Erscheinungen des Kapitalismus zugeschrieben werden. Amerika steht in dieser Vorstellung für eine vermeintlich von Geld beherrschte neue Welt, die gegen das alte Europa gestellt wird. Antiamerikanismus ist daher auch ein Ressentiment gegen eine vermeintlich seelenlose und von technischem Fortschritt getriebene Moderne.

Im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts wurde der Antiamerikanismus populär und war auch ein wichtiger Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Antiamerikanismus sowohl in der DDR-Staatsideologie als auch in den neuen sozialen Bewegungen der BRD zentral präsent. Nach dem Attentat vom 11. September 2001 erlebten antiamerikanische Ressentiments im Zuge der Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan eine Renaissance. Auch nach Donald Trumps Sieg bei den US-Wahlen 2016 flammte der Antiamerikanismus in Deutschland erneut auf. Eine Studie des Soziologen Felix Knappertsbusch aus demselben Jahr zeigte, dass damals fast zehn Prozent der deutschen Bevölkerung eine abfällige Haltung gegenüber den USA hatten.

In der rechtsextremen Ideologie gelten die USA als Hort des Bösen. Häufig hängt der rechtsextreme Antiamerikanismus mit Globalisierungsfeindlichkeit und Antisemitismus zusammen. In ihrer Vorstellung würden Juden die USA kontrollieren, um mittels der Globalisierung, die Weltherrschaft zu erlangen. Die antisemitischen Chiffren der „amerikanischen Ostküste“ und der „Wall Street“ stehen im Rechtsextremismus für New York als Zentrum des angeblich von Juden beherrschten Finanzkapitals. Auch aus rassistischen Gründen verteufeln Rechtsextreme die USA: Als Migrationsgesellschaft entstanden, sehen sie in den Vereinigten Staaten ein „Völkergemisch“ ohne nationale Identität. Reichsbürger fantasieren davon, dass Deutschland auch heute noch von den USA besetzt und kein souveräner Staat sei. Aufgrund der Kombination mit russischer Propaganda und antisemitischen Verschwörungsideologien stellt der Antiamerikanismus derzeit eine große Gefahr dar, da er sich in Deutschland stets mit den reaktionärsten Bewegungen aus unterschiedlichen Richtungen verbindet.

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