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Neonazi-Netzwerk „Hammerskins“ – Die Terror-Bruderschaft im Untergrund

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Das Logo der Hammerskins stellen zwei sich kreuzende Zimmermannshämmer auf einem Zahnrad dar, als Anlehnung an „Pink Floyds“ „The Wall“. Allerdings wird das Logo nur im internen Kreis zur Schau gestellt.

Die „Hammerskins” sind eine der ältesten und beständigsten Neonazi-Organisationen in Deutschland. Das seit über 30 Jahren bestehende Netzwerk versteht sich als eine „Bruderschaft“ und „Elite“ der Neonazi-Szene. Ihre straffe Organisation ist Teil einer international eingeschworenen Gemeinschaft, die sich „Hammerskin Nation“ (HSN) nennt und hauptsächlich in Europa, in den USA und Neuseeland aktiv ist. „Hammerskin Nation“ heißt auch das Ziel der Gruppierung und meint eine „rassisch reine“ weltweite Gemeinschaft aus „weißen, nationalen“ Kräften. Ein Blick in die Strukturen der Bruderschaft zeigt enge Verbindungen zum rechtsextremen Netzwerk des NSU , aber auch immer wieder V-Leuten. Die selbsternannte Skinhead-Elite der „Hammerskins” agiert bevorzugt im Verborgenen. Nur selten dringt etwas der Gruppe nach draußen. „Hammerskins“ haben sich dem Stillschweigen verpflichtet. Eine umfassenden Recherche von exif liefert nun weitreichende Einblicke in diese verschworenen Gemeinschaft.

Gegründet haben sich die „Hammerskins“ 1988 als „Confederate Hammerskins“ in den USA. Sie gingen aus der Skinhead-Szene hervor. 1992 entstand das erste Chapter in Deutschland „Hammerskins Berlin“. Ähnlich wie Motorradclubs, sind auch die Hammerskins untergliedert in sogenannte Chapter, regionale Untergruppen. Alleine in Deutschland gibt es bis heute 13 davon: Berlin, Bremen, Mecklenburg, Pommern, Arregau, Sachsen, Bayern, Franken, Westwall, Württemberg, Brandenburg, Westfalen und Rheinland. Insgesamt wird die Anzahl der Mitglieder auf rund 150 Neonazis geschätzt.

„Hammerskins“ nehmen sich als Bruderschaft wahr. Vieles an ihrem Verhalten erinnert an den Habitus von Motorradclubs. Wohl ganz bewusst kopieren sie das Bild einer männerbündischen eng verschworenen, familiären und martialischen Gruppe. Genau wie Motorradclubs begreifen auch sie sich als „Outlaws“, als Gesetzlose, die nur den eigenen hierarchischen Regeln der Bruderschaft verpflichtet sind. Anfang der 1990er Jahre war es Frauen noch gestattet, Mitglieder zu werden. Mit der Etablierung des Dachverbands der Hammerskins 1997 in Europa – der „Hammerskin Nation“ – verschärften sich die Bedingungen. Seither können Frauen nicht mehr vollwertige Mitglieder werden. Personen die der Bruderschaft als Familienangehörige nahestehen, genießen allerdings Vorteile innerhalb der Szene. Frauen der „Hammerskins“ haben innerhalb der Szene den Rang einer „old Lady“, eine Bezeichnung aus dem Biker-Milieu, wonach der Partnerin Respekt gezollt werden muss.

In einer umfassenden Recherche zu den „Hammerskins“ ist auf exif zu lesen: „Die Selbstdarstellungen der Hammerskins sind bis heute aufgeladen mit Begriffen wie Ehrbarkeit, Loyalität, Mut, Integrität und vor allem Elite. Keine andere Organisation gibt so viel auf diese Attribute, ihren Ruf und die wählerische Rekrutierung neuer Mitstreiter. Der daraus resultierende Habitus ist gleichermaßen unnahbar und anziehend. Auch andere Organisationen der extremen Rechten lassen Interessierte heute eine Probezeit absolvieren, doch die Hammerskins dürften mit ihren Ansprüchen an sich selbst einzigartig sein.“

Die Blutspur der „Hammerskins“

Obwohl die „Hammerskins“ weitestgehend unbeobachtet von der breiten Öffentlichkeit agieren, umgibt sie doch eine Aura der Gewalt. 1999 wurde in der Nähe der Stadt Temecula in  Kalifornien ein junger Schwarzer Amerikaner von sechs Hammerskins angegriffen und schwer verletzt, im Jahr 2012 erschoss ein Hammerskin in Wisconsin sechs Menschen in einem Sikh-Tempel. Sechs Menschen starben sofort: Paramjit Kaur (41), Satwant Singh Kaleka, (65) Prakash Singh (39), Sita Singh, (41), Ranjit Singh, (49) and Suveg Singh (84). Vier Menschen wurden schwer verletzt. Insbesondere Malte Redeker und Hendrik Stiewe als führende deutsche „Hammerskins“ standen in direktem und persönlichem Kontakt zum Täter. Malte Redeker ist heute mutmaßlich Europa-Chef der „Hammerskins“ und damit eine zentrale Figur in dem Netzwerk. Er ist Ansprechpartner für alle europäischen Chapter und kümmert sich um die Aufrechterhaltung der Kommunikation.

Europa-Chef Malte Redeker (r) und Thomas Gerlach (Mitte) um 2007

Das Regelwerk der „Hammerskins“

Zur Struktur der Bruderschaft zählt dabei jedoch auch eine gewalttätige Drohkulisse nach innen, in die eigenen Reihen. Geheime Videoaufnahmen eines HSN-Vernetzungstreffen in Frankreich, die exif zugespielt wurden, zeugen von einem äußerst brutalen Vorgehen gegen die eigenen Mitglieder wenn diese nicht so spuren wie es die Organisation wünscht. In einem Regelwerk europäischer „Hammerskins“ um die Jahrtausendwende heißt es: „Wir dulden kein asoziales Verhalten in unseren Reihen denn die Hammerskins sind eine elitäre Einrichtung und haben sich von der Allgemeinheit zu unterscheiden.“ Damit die Mitglieder dieser selbsternannten Neonazi-Elite auch wissen, wie sie sich zu verhalten haben, gibt es in der „Hammerskin Constitution“ – der Verfassung – von 1998 ein ausführliches Regelwerk, welches jedes Chapter ergänzen kann, um es an die Begebenheiten des jeweiligen Landes anzupassen.

In den Regeln der deutschen „Hammerskins“ heißt es beispielsweise, dass jedes (zukünftige) Mitglied mindestens einmal bei den „Brüdern“ in den USA vorstellig werden müsse. Derartige Besuche finden in der Regel im Rahmen des sogenannten „Hammerfest“ statt, welches die HSN jährlich in unterschiedlichen Bundesstaaten ausrichtet. Die meisten der deutschen Mitglieder lassen sich einen Besuch in den USA auf dem „Hammerfest“ oder dem „St. Paddy‘s Day“-Konzert nicht nehmen. Auf diesen Zusammenkünften sind nur Eingeweihte willkommen.

 „Crew38“: Die Supporter

Innerhalb der Gruppe gibt es Full Member (Vollwertige Mitglieder), Prospectes (Bewerber) und Supporter (Unterstützer). Die größte und relevanteste Unterstützergruppe ist wohl die „Crew38“. Die 38 steht für den dritten und achten Buchstaben im Alphabet und codiert den Begriff „Crossed Hammers“. Die Unterstützer:innen kümmern sich um die niederen Belange der HSN, verteidigen ihren Ruf und organisieren im Namen der „Crossed Hammers“ eigenständige Konzerte. „Crew38“-Mitglieder helfen unentgeltlich auf Konzerten, an der Bar oder im Sicherheitsdienst aus. Sie dürfen die Verkaufsstände der Chapter betreuen oder stehen bei HSN-nahen Versänden am CD-Tisch, so beschreibt es exif.

Für ihr Bemühen werden ihnen im Gegenzug Einblicke in die HSN gewährt, sie werden beispielsweise zu Feiern eingeladen und bekommen so das Gefühl vermittelt, Teil von etwas Großem und Bedeutendem zu sein. Alles jedoch unter Vorbehalt und immer in Anwesenheit eines Leumunds. Durch Regeln wie diese halten die „Hammerskins“ ihre Aura einer geheimen Elite im Untergrund aufrecht. Es ist schwer Einblicke zu bekommen und noch schwerer Teil von ihnen zu werden. Im Gegensatz zu den „Hammerskins“-Mitgliedern können in der „Crew 38“ auch Frauen aktiv sein, für sie ist es der höchste Rang den sie innerhalb der HSN erreichen können.

Symbole und Codes der „Hammerskins“

Im Umfeld der „Hammerskins“ sieht man häufig die Buchstabenabfolge „HFFH“, das steht für „Hammerskins forever forever Hammerskins“, sowie den passenden Zahlencode 8668. Diese Symbole dürfen ausschließlich Vollmitglieder verwenden. Zudem ist es laut Regelwerk gewünscht, dass sich jedes Vollmitglied ein Tattoo stechen lassen soll. Allerdings würde man „auf politischen Veranstaltungen niemals einen Hammerskin in HS Klamotten antreffen“, teilte der führende „Hammerskin“ Malte Redeker vor einer Weile einem Interessenten laut exif mit, auch aus Sicherheitsgründen für die Bruderschaft, um nicht erkannt zu werden. Anders sieht das hingegen auf diversen Social-Media-Plattformen aus. Hier gibt es einige deutsche „Hammerskins“ die relativ freizügig ihre HSN- und „Hammerskins“-Tattoos zur Schau stellen.

Vollmitglieder tragen das Wappen der „Hammerskins“ auf der Bomberjacke im linken Brustbereich. Es besteht aus den gekreuzten Zimmermannshämmern, umrandet von einem Zahnrad. Es soll als Symbol für Arbeit, Technik und Fortschritt verstanden werden und den Stolz auf die Herkunft aus der Arbeiterklasse versinnbildlichen. Das Zahnrad war zudem das Symbol der „Deutschen Arbeitsfront“, der größten Massenorganisation im Nationalsozialismus. Das Wappen der „Hammerskins“ ist dabei in den Reichskriegsfarben schwarz-weiß-rot untermalt.

„Tag X“ und Kampfsport

Das Credo der „Hammerskins“ sind die „14 Words“ des amerikanischen Neonazis David Lane: „We must secure the existence of our people and a future for White children.“ („Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für die weißen Kinder sichern“). Die Bruderschaft will ihre politischen Ziele mit all ihren Konsequenzen verfolgen, auch vor rechten Terroranschlägen schrecken sie nicht zurück. Mit Schießtrainings im In-und Ausland bereiten sie sich auf den „Tag X“ vor, dem Tag der angestrebten Machtübernahme und blutigen Rache.  

Wie sehr die „Hammerskins“ auf den „Tag X“ hin arbeiten, machte Malte Redeker, Europa-Chef der „Hammerskins“ im November 2019 auf dem faschistischen Kampfsport-Event „Kampf der Nibelungen“ (KdN) in Ostritz deutlich. Den rund 400 Anwesenden erläuterte er dort von der Bühne aus, wofür man eigentlich den Kampfsport in der Szene bräuchte: „Es ist für die Psychologie wichtig, für den Mehrwert auf der Straße, fürs Selbstvertrauen, für die körperliche Verfassung und für die viel beschworene Stunde, Tag X, ist es von Nöten sich verteidigen zu können.“ In einer kleinen Anfragen der Linken räumte die Bundesregierung 2018 ein, dass die  KdN-Veranstaltung von 2013 „als eine HS-Veranstaltung bewertet werden“ könne. Vor allem Malte Redeker soll laut exif die unterschiedlichen Kampfsport-Strukturen der rechtsextremen Szene zusammen gebracht und die Veranstaltung zu dem geformt haben, was sie heute ist: eine der wichtigsten Schnittstellen der militanten Neonazi-Szene.

„Hammerskins“ und Musik

Eines der wichtigsten Aktionsräume der „Hammerskins“ ist der Rechtsrock. Hier fließt Geld, auf Konzerten durch Ticketverkäufe und Merchandise. „Hammerskins“ produzieren ihre eigene Musik und haben eigene Labels. Es gibt zahlreiche Bands auch in Deutschland die der Bruderschaft zugerechnet werden oder ihr nah stehen. Im Milieu, in dem die „Hammerskins“ entstanden, war Musik immer schon ein wichtiges Mittel um sich auszudrücken. Die Skinhead-Kultur war von Beginn an neben dem Nationalismus das zentrale Element. Sie ist der Bezugsrahmen und der Resonanzraum der Bruderschaft, auch wenn viele von ihnen nicht mehr erkennbar als Skinheads auftreten.

Das Konglomerat der Label „Front Records“, „GKS/Frontmusik“ und „Wewelsburg Records“ gehören zum Netzwerk der „Hammerskins“. Sie zählen neben „PC-Records“ aus Chemnitz und „OPOS Records“ aus Südbrandenburg, zu den wichtigsten Produzenten und Händlern neonazistischer Musik.

Einige Bands aus dem Netzwerk der „Hammerskins“ haben in der Szene eine große Bedeutung. So zum Beispiel „D.S.T.“, „Flak“, „Division Germania“ oder der Liedermacher „Barny“. Der Kopf der Band „Division Germania“, Andreas Koroschetz, spielt seit einigen Jahren bei den Bands „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ und „Stahlgewitter“, was bedeutet, dass ein „Hammerskin“-Mitglied bei zwei Top-Bands des Rechtsrock im deutschsprachigen Raum mitwirkt. „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ veröffentlichten bereits 2010 den Song „Döner Killer“ auf dem Album „Adolf Hitler lebt!“. In diesem Lied wird eine brutale Mordserie auf widerwärtige Art und Weise begeistert gefeiert. Viele Hinweise deuten darauf hin, dass es sich dabei um eine Anspielung auf die NSU-Morde handelt – weit vor dem Auffliegen des Terror-Trios im November 2011. Und es gibt weitere Verbindungen der HSN zum NSU.

Verbindungen zum NSU

Viele der „Hammerskins“ feiern mehr oder weniger offen das mörderische Treiben des NSU-Netzwerkes. Beim genauen Blick auf die Struktur der HSN und deren Personal in Deutschland wird deutlich: „Hammerskins“ tauchten immer wieder im Umfeld des NSU auf. Vor allem Personen aus dem Chapter „Sachsen“ stehen bereits seit den 1990er Jahren mit den verurteilten NSU-Unterstützern André Eminger und Ralf Wohlleben in Verbindung. Einige unterstützen das Kern-Trio aus Uwe Böhnhard, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe während ihrer Zeit im Untergrund. Der „Hammerskin“ Thomas Gerlach, Full Member der „Hammerskins Sachsen“ soll sogar laut Meldung eines V-Manns eine Liebschaft mit Zschäpe gehabt haben (er selbst bestreitet dies). „Hammerskins“ waren außerdem maßgeblich in die finanzielle Unterstützung des inhaftierten NSU-Helfers Ralf Wohlleben verstrickt. Einige waren ihm auch privat verbunden. Während des NSU-Prozesses in München mussten gar einige „Hammerskins“ aussagen, ihre Verbindung zu HSN wurde dabei jedoch nicht thematisiert.

V-Männer

Obwohl, so scheint es, die „Hammerskins“ eine zentrale Rolle in der deutschen und internationalen Neonazi-Szene einnehmen, findet sich im Verfassungsschutzbericht 2020 kein einziges Wort über diese Bruderschaft. Das ist erstaunlich, auch weil das Netzwerk durchsetzt ist von V-Männern für den Inlandsgeheimdienst, laut Schätzungen sind es um die 15 Personen. Sollten diese Zahlen korrekt sein, würde das bedeuten, dass zehn Prozent der Mitglieder vom Verfassungsschutz bezahlt werden. Daher müsste die Behörde doch eigentlich bestens Bescheid wissen, über das Treiben der konspirativ agierenden Gruppe. Das Recherchekollektiv exif vermutet, dass einige dieser Spitzel in Absprache mit ihrer Gruppe handeln und den Geheimdiensten gefilterte Informationen verkaufen. Im Gegenzug würden sie dafür Schutz vor Repression und einem generellen Verbot der Gruppe erhalten. Ursprünglich soll im September 2000 geplant gewesen sein, die „Hammerskins“ gemeinsam mit dem Netzwerk „Blood and Honour“ zu verbieten. Der Inlandsgeheimdienst schlug diesen Vorschlag aus, er kam zu dem Schluss, dass es „keinen ‚Gesamtverein‘ der Hammerskins in Deutschland gibt“ und somit ein bundesweites Verbot nicht möglich sei. Exif schreibt dazu: „Der Informationszugang über die bezahlten Spitzel in der Neonaziszene steht über dem Willen, Organisationen zu zerschlagen. Quellenschutz steht auch hier über Menschenleben.“

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