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Sturm auf das Kapitol Wie reagiert die Verschwörungs-Szene in Deutschland?

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Rechtsextreme und verschwörungsideologische Trump-Unterstützer, „White Supremacy“-Rassist*innen und Angehörige rechtsradikaler Militia-Gruppen stürmen das Kapitol, den Sitz des US-amerikanischen Kongresses, als hätten sie sich den „Reichstagssturm“ in Berlin zum Vorbild genommen und perfektioniert. Grund zum Feiern für die rechte verschwörungsideologische Szene in Deutschland? So einfach ist deren Welt nicht.

Die „Antifa“

In einer Welt, in der Fakten keine Relevanz mehr haben, sind viele Erzählungen möglich. Eine, die auf den ersten Blick absurd erscheint, aber sowohl in der amerikanischen Verschwörungsszene als auch in der deutschen massiv verbreitet wird, ist das Narrativ, „die Antifa“ hätte die ansonsten friedlichen Proteste gekapert und den Sturm auf das Kapitol angeführt. Als „Beweise“ gelten hier – klar – Tweets von Leuten, die Leute kennen, die „bestätigt“ hätten, ein Bus „voller Antifas“ sei vor die Protestierenden gefahren worden und dann sei es losgegangen – obwohl das Internet bereits voll ist von Videos, wie die Protestierenden auf dem Komplex einstürmen, teilweise auch von Sicherheitskräften scheinbar widerstandslos hereingelassen werden.

Geteilt werden auch Bilder, wie ein bekannter rechtsextremer Agitator und Q-Gläubiger, der „Q Shaman“ Jake Agnelli, der neben der Bemalung in Farben der amerikanischen Flagge und einem gehörnten Fell-Helm auch in der rechtsextremen Szene beliebte Tattoos der nordischen Mythologie wie das Valknut (vgl. Twitter bzw. Belltower.News) oder den Thorshammer trägt, sich vor einer „Black Lives Matter“Demonstration fotografiert hat – offenkundig aus Provokation und mit einem “Q”-Schild in der Hand.

Hier aber ein „Beweis“ für seine Zugehörigkeit zur „Antifa“.

Solche Argumentationen zeigen, wie weit sich die verschwörungsideologische, vor allem QAnon zugehörige Szene von jeglicher Realität entfernt hat – sodass sogar bekannte Verfechter derselben Ideologie als „Feinde“ gebrandmarkt werden können. Ziel ist offenbar, das eigene Selbstbild als friedliche Protestierende im Recht zu behalten und die Gewalttätigkeit der Szene einfach zu negieren.

Hier noch ein Beispiel der „Friedlichkeits“-Darstellung – plus Pressefeindlichkeit:

 

Die Inszenierung

Die gestrigen Ereignisse im Kapitol  werfen in der Tat viele Fragen auf: Wie konnten die Protestierenden so zahlreich so nah an das wichtige Gebäude heran gelangen? Warum wurde im Kapitol so zaghaft mit Menschen umgegangen, die den Sitz der amerikanischen Demokratie stürmen, beschädigen, Büros entern, posieren und streamen, Drohungen hinterlassen und Gegenstände stehlen? Warum dauerte es so lange, bis die Nationalgarde zur Hilfe kam? Während sich viele nun vielleicht Untersuchungen wünschen, wie sehr es Unterstützung für Trump und QAnon in den Sicherheitskräften gibt, ist das in der verschwörungsideologischen Szene ein Zeichen dafür, dass der „Sturm auf das Kapitol“ nicht echt gewesen sei, eine Inszenierung. Dieses Narrativ gab ein in der deutschen verschwörungsideologischen Szene übrigens bereits nach dem „Reichstagssturm“, die auch darin eine Inszenierung wähnten.

Nur warum? Darüber gibt es verschieden Theorien. Die üblichste: Es sei eine Inszenierung, um den in ihrer Welt friedlichen patriotischen Protestierenden zu schaden, um Donald Trump zu schaden, um Donald Trump zu reizen.

Aus dem Telegram-Channel von Oliver Janich.

Es gibt allerdings auch Verfechter der gegenteiligen Erzählung, in Wahrheit habe Trump all dies inszeniert. In extremster Form propagiert dies etwa Attila Hildmann, der Trump als Teil einer satanistischen „Neuen Weltregierung“ ansieht, der nun endgültig die Macht an sich reißen wolle. Perfide: Hier wird sogar der reale Tod von einer Frau als Teil einer „Inszenierung“ eingruppiert. Sie habe so „unrealistisch“ geblutet, das sei „wie in einem Hollywood-Film“. Die Frau, selbst QAnon-Anhängerin (vgl. Belltower.News), starb an den Schussverletzungen wenige Stunden später. Hildmanns Anhänger*innen stimmen ihm aber zu – per Umfrage in den Telegram-Channel integriert.

Dabei schreckt Hildmann, wie üblich, nicht vor massivsten Antisemitismus zurück – denn in seiner Wahnwelt ist Trump ein orthodoxer Jude und Teil der imaginierten „jüdischen Weltordnung“:

Alles läuft nach Plan! 

Aber es gibt auch nicht wenige Stimmen, die all das als „Teil des Plans“ sehen, an den die Anhänger*innen von QAnon ja glauben – „Trust the plan“ ist eines ihrer Mottos. Dafür werden Q-Drops – das sind „Qs“ meist mysteriös unklare Verkündigungen über Social Media – zusammengestellt, die belegen sollen, dass ein Sturm auf das Capitol angekündigt gewesen sei und Teil „des Plans“, damit Trump nun das Militär hinter sich einen könne, um wieder die Macht zu übernehmen und Präsident zu bleiben.

Es gibt allerdings auch prominente Q-Fans, die Zweifel haben – weil noch Obelisken existieren:

Verschwörungsannhänger Xavier Naidoo versteht hier den Obelisken – der in Washington ist der höchste steinerne Obelisk der Welt – als ein Symbol der Freimaurer.

 

Diese Erzählungen – alles liefe nach Plan, Trump habe noch Asse im Ärmel – führten bisher dazu, dass trotz Trumps Wahlniederlage viele seiner mutmaßlich auch gewaltaffinen rechtsextremen Anhänger*innen noch nicht losstürmten, um selbst „der Plan“ zu werden. Dass es den Angriff auf das Kapitol an dem Tag gab, an dem sich auch für Q-gläubige Trump-Fans manifestierte, dass Trump eben doch nicht Präsident bleiben würde, weil der Kongress seine Abwahl bestätigen würde, ist also kein Zufall.

Dass aber immer noch Teile der Szene glauben, sich „im Plan“ zu befinden, lässt befürchten, dass es zu mehr Gewalt und Ausschreitungen kommt, sobald auch diese begreifen, dass Trump kein Präsident mehr bleiben wird. Ein Anzeichen dafür ist, wie fleißig bereits Listen über „Verräter*innen“ geführt werden, die Trump nun „in den Rücken gefallen“ seien – angeführt von Vizepräsident Mike Pence, aber etwa auch die republikanische Senatorin Cynthia Lummis, die angesichts der Ausschreitungen darauf verzichtete, das Wahlergebnis anzufechten.

Die Listen werden von amerikanischen QAnon-Anhänger*innen geführt und von deutschen geteilt, Gewaltfantasien entwickelt aber etwa Oliver Janich auch selbst dazu:

In Deutschland mehrten sich in den letzten Tagen die Fantasien von Gewalt, Widerstand und Umsturz-Wünschen vor allem in der „Querdenken“- und in der „Impfgegner*innen“-Szene angesichts der angelaufenen COVID-19-Impfungen in Deutschland (vgl. Twitter, Josef Holnburger). Gerade in dieser Szene sind auch viele QAnon-Anhänger*innen, wie sie auf den Demonstrationen und in den digitalen Diskussionen immer wieder durch einschlägige Symbole und Narrative selbst bekennen und zeigen. Es bleibt zu beobachten, ob eine Hinwendung der amerikanischen QAnon-Szene zur Gewalt auch Inspiration zum „Widerstand“ für die Szene in Deutschland sein wird – was aber zu befürchten ist.

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