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Was ist das? Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft

Ausschnitt aus dem Titelbild des Flyers "Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft" (Quelle: Amadeu Antonio Stiftung)

Alle haben die gleichen Chancen, wenn sie auf die Welt kommen? Nicht ganz. Denn die Umstände, unter denen wir aufwachsen, nehmen ganz schön viel Einfluss darauf, wie wir leben (können). Das bezieht sich auf materielle Dinge wie Geld und Immobilien ebenso wie auf Bildung oder Förderung. In was für einem Umfeld wir aufwachsen: ob in einem Heim, einer Wohnung, in einem Hochhaus oder einer Villa, welche und wie viele Sprachen wir sprechen, welche Berufe unsere Eltern haben und wieviel Geld uns zur Verfügung steht – all das zusammen nennt sich soziale Herkunft. Soziale Herkunft hat einen großen Einfluss auf viele wichtige Dinge. Hier erlernen wir, wie wir uns die Welt erklären, wie wir sprechen, was und wie wir essen, wieviel und was wir lesen, welche Musik wir mögen, welchen Sport wir machen und ob wir gesundheitlich versorgt sind. All dies ist abhängig davon, was wir kennenlernen und was in unserem Umfeld als »normal« gilt. Ebenso, welche Zugänge zu Informationen wir kennen und ob wir soziale Netzwerke haben, die uns weiterhelfen. Und auch wie wir uns bewegen, wie wir körperlich wahrgenommen werden, hat viel mit unserer sozia-len Herkunft zu tun. Problematisch wird es, wenn diese soziale Herkunft oder verschiedene ihrer Ausdrucks- und Verhaltensweisen abgewertet werden. Allgemein gesagt: Soziale Herkunft beeinflusst, welche Möglichkeiten und Chancen, aber auch welche Beschränkungen und Schwierigkeiten unser Leben vereinfachen oder erschweren. Die verschiedenen Lebensweisen werden in unserer Gesellschaft sehr unterschiedlich auf- oder abgewertet. Das nennt man Klassismus – Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft.

Wie erkenne ich das?

Wer sich um soziale Herkunft nicht kümmern will und sagt, das mache in Deutschland doch keinen Unterschied, verschließt die Augen vor dieser Diskriminierung. Abwertung aufgrund der sozialen Herkunft schließt Menschen von Ressourcen aus, würdigt sie herab und behindert die gesellschaftliche Teilhabe von armen und einkommensschwachen Gruppen.Das fängt schon bei ganz kleinen Dingen an: Wenn etwa Jugendliche ausgelacht werden, weil sie nicht die neuesten Markenklamotten tragen. Wenn andere als »asozial« herabgewürdigt und aus-gegrenzt werden. Ein noch gewichtigeres Beispiel ist schulische Bildung: Kinder aus Arbeiterfamilien haben es in Deutschland viel schwerer, höhere Schulen zu besuchen und zu studieren. Abwertung geschieht, wenn Menschen sich über die Lebensweisen von Arbeiter*innen, Armen, Arbeitslosen und Obdachlosen lustig und diese allein für ihre Situation verantwortlich machen, statt zu erkennen, wo sich die Gesellschaft ändern muss, um die Chancen auf ein freies, selbstbestimmtes Leben für alle zu erhöhen. Diskriminierung wegen der sozialen Herkunft ist also eine Form, Ungerechtigkeiten zu verdecken, anstatt die Rahmenbedingungen für alle besser zu machen. Feindseligkeiten aufgrund sozialer Herkunft gehen oft mit anderen Diskriminierungsformen wie zum Beispiel ➜ Rassismus einher: Englisch als Zweitsprache wird in der Gesellschaft hoch bewertet, wenn aber jemand Türkisch oder Polnisch spricht, wird dies selten als besondere Fähigkeit anerkannt. Noch deutlicher wird die Verschränkung mit Rassismus, wenn z.B. behauptet wird, Armut sei kein Fluchtgrund. Gleichzeitig sind von Diskriminierung aufgrund ihrer sozialen Herkunft betroffene Menschen natürlich nicht frei davon, unter Umständen andere selbst abzuwerten. So sind antisemitische oder sexistische Äußerungen oder pauschales Wettern gegen »die da oben« keine Lösung für die eigene Ausgrenzung, son-dern ebenfalls Diskriminierung.

Was kann ich dagegen tun?

Wann bist du selbst schon einmal ausgelacht worden und warum? Welchen Ruf hat euer Viertel? Wächst du bei deinen Eltern auf, und haben diese gute Schulabschlüsse? Ist es oft ein finanzielles Problem, wenn ihr eine Klassenfahrt plant? Hattest du in der Schule einen Vorsprung, weil du viel schon vorher gelernt hattest, oder hattest du eher das Gefühl, etwas nachholen zu müssen? Das Wissen um den Einfluss von sozialer Herkunft ist eine Möglichkeit, Dinge benennen zu können, die einem vage und mit einem komischen Gefühl als ungerecht vorkommen, und mit anderen darüber zu sprechen. Ein bekanntes diskriminierendes Wort im Zusammenhang mit der Abwertung aufgrund sozialer Herkunft ist »asozial« oder »asi«. Der Begriff wurde und wird oft gebraucht, um Menschen auszugrenzen, deren Verhalten sich angeblich gegen die Gesellschaft richtet. Wer dazu gezählt wird, ist willkürlich. Du kannst zum Beispiel darüber nachdenken, um was es gerade wirklich geht, und überlegen, ob du die jeweilige Situation besser ausdrücken kannst.Du kannst widersprechen, wenn jemand verspottet wird, weil sie nicht mit dem Auto gebracht wird oder er nie in den Urlaub fährt. Auch wenn behauptet wird, jemand sei zu dumm, um zu lernen, kannst du darauf hinweisen, dass nicht jeder mit fünf Jahren eine Frühförderschule besuchen konnte. Vielleicht kannst du auch deine Hilfe beim Lernen anbieten. Und wenn jemand wenig liest, dann ist er nicht dümmer als diejenigen, die schon viele Bücher gelesen haben. Wenn sich jemand aus deiner Klasse nicht das neueste Handy leisten kann, dann ist sie nicht weniger cool als du. Bist du selbst von Diskriminierung aufgrund deiner sozialer Herkunft betroffen, kannst du dich mit anderen zusammenschließen, und ihr könnt euch über eure Erfahrungen austauschen und euch gegensei-tig helfen.

Weitere Informationen:

Dieser Flyer ist Teil einer Reihe, die unterschiedliche Formen der Abwertung bestimmter Gruppen in der Gesellschaft erklärt. Wenn wir uns für Gleichwertigkeit, gegen Diskriminierung einsetzen, gilt das für alle ohne Ausnahme. Auch wenn wir nicht wissen, ob direkt Betroffene anwesend sind. Wichtig dabei ist: Wer selbst diskriminiert wird, ist nicht davor geschützt, seinerseits andere abzuwerten.

Die Flyer und weitere Informationen erhältst du auf  www.amadeu-antonio-stiftung.de/themenflyer-zu-gruppenbezogener-menschenfeindlichkeit/. Die Amadeu Antonio Stiftung kann dir auch helfen, dich gegen andere Formen von Diskriminierung und Gewalt zu wehren und zu engagieren.

Der Flyer zum Download: Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft

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