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Was ist das? Antisemitismus

Flyer zu Antisemitismus der "Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus" (Quelle: Amadeu Antonio Stiftung)

Als ein Junge seinen Schulkameraden erzählt, dass er Jude ist, kündigen sie ihm die Freundschaft und beleidigen ihn. Eine jüdische Grundschülerin wird von Mitschüler*innen mit dem Tode bedroht. Eine junge Frau lehnt einen Flirt in einer Bar ab – und kriegt mit den Worten »Scheiß-Jude!« einen Faustschlag ins Gesicht. Ein Mann mit Kippa (einer jüdischen Kopfbedeckung), wird auf offener Straße attackiert. Manches davon macht Schlagzeilen. Anderes, Meldungen über Friedhofsschändungen etwa, schafft es nur selten in die Nachrichten, denn vielerorts hat man sich daran gewöhnt. In Deutschland werden alle zwei bis drei Wochen jüdische Friedhöfe geschändet und pro Tag ca. vier antisemitische Straftaten registriert. Die Dunkelziffer ist weit höher. Hass und Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden wird Antisemitismus genannt. Er findet im Alltag, beim Einkaufen, in der Schule, im Sportverein, im Club statt. Häufig unbemerkt oder ignoriert von den Umstehenden. Aus Angst vor Antisemitismus geben sich Jüd*innen daher vielfach nicht zu erkennen. Manchmal sagen sie es nicht einmal ihren engsten Freund*innen. Viele Erfahrungen mit Antisemitismus haben sie vorsichtig werden lassen.

Wie erkenne ich das?

Für Jüd*innen äußert sich Antisemitismus sehr unterschiedlich. Oft fängt es damit an, immer und überall Gespräche aufgezwungen zu bekommen: dass man immer wieder über den Holocaust reden muss, sich für die Politik Israels rechtfertigen soll oder irritierte Blicke bekommt, wenn man erzählt, dass man jüdisch ist. Was so vermeintlich harmlos anfängt, führt schnell zu Verschwörungsvorstellungen, die behaupten, Jüd*innen seien besonders mächtig und gemein. Jüd*innen werden für viele Ungerechtigkeiten auf der Welt verantwortlich gemacht. Immer wieder führt dies bis hin zu körperlicher Gewalt.

Ein wichtiges historisches Ereignis für die Entstehung von Antisemitismus ist die Kreuzigung von Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren. Jesus wurde von den geistlichen und weltlichen Machthabern im damals durch die Römer besetzten Israel gekreuzigt und ermordet. Später wurden Jüd*innen dafür verantwortlich gemacht. Einigen Christ*innen war es wichtig, diese verzerrte Darstellung zu verbreiten, um das Judentum negativ und sich selbst als die wahrhaft Gläubigen darzustellen. Die daraus resultierenden negativen Ansichten über das Judentum verbreiteten sich schnell, auch abseits religiöser Themen. Historisch führte das dazu, dass Jüd*innen verantwortlich gemacht wurden, wenn etwas Schlimmes oder Unerklärliches passierte: so für die Verbreitung der Pest im Mittelalter oder für das Verschwinden kleiner Kinder, später für Kriege, Armut und Reichtum, heute für Wirtschaftskrisen oder Terroranschläge.

Diese Verschwörungsvorstellungen haben reale Auswirkungen. Im nationalsozialistischen Deutschland führten sie zum Holocaust. Dabei wurden sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet, weil sie als minderwertig und gefährlich galten. Die Shoah (dt. Katastrophe) ist das größte Verbrechen an Jüd*innen in der Geschichte. Viele Menschen in Deutschland wollen den Holocaust in Erinnerung behalten, damit er sich nicht wiederholen kann. Andere fordern, dass man nicht mehr darüber reden soll. Sie nennen das »einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen« oder leugnen sogar, dass diese Verbrechen stattgefunden haben. Manche greifen dabei auch Jüd*innen direkt an, als vermeintliche Nutznießer des Gedenkens an die Shoah. Oft richtet sich dies konkret gegen Israel.Der Nahost-Konflikt ist ein weiteres, historisch-aktuelles Motiv für Antisemitismus: vor allem, aber nicht nur in einigen arabisch oder muslimisch geprägten Communities, unter linken Antiimperialist*innen, in rechtsextremen Gruppen oder wenn jeder Vierte in Deutschland Jüd*innen für israelische Politik verantwortlich hält. Oft wird Israel dabei für alle Probleme im Nahen Osten in alleinige Haftung ge-nommen und Jüd*innen, egal, wo sie leben und ob sie jemals in Israel waren, angegriffen, als seien sie an dem Konflikt und seinen Folgen persönlich schuld. Israel ist der einzige Staat der Welt, in dem mehrheitlich Jüd*innen leben und wo sie Schutz finden. Antisemitisch ist Feindschaft gegen Israel dann, wenn antisemitische Vorurteile und Erzählungen direkt auf Israel übertragen werden. Es ist antisemitisch, wenn gesagt wird, Israel habe kein Existenzrecht oder sei der Verursacher (fast) allen Übels in der Welt. Oder wenn Jüd*innen weltweit für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden.Antisemitismus gibt es bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, unter Christ*innen, Mus-lim*innen und Atheist*innen. Wer Antisemitismus nur bei einer dieser Gruppen sehen will, verharmlost das Problem und hat eventuell sogar rassistische Gründe dafür (➜ antimuslimischer Rassismus).

Was kann ich dagegen tun?

Wenn jemand sich antisemitisch äußert, ob im Internet, auf der Straße oder im Freundeskreis, macht klar, dass ihr das nicht gut findet und es nicht akzeptiert. Auch solltet ihr immer Personen unterstützen und verteidigen, die von Antisemitismus betroffen sind. Eine Abwertung ist aber auch zurückzuweisen, wenn keine Betroffenen anwesend sind. Es ist hilfreich, sich Unterstützung zu holen: In vielen Orten gibt es jüdische Gemeinden oder Vereine. Und in (fast) jedem Bundesland gibt es Beratungsstellen zu rechter Gewalt – die können euch auch helfen, wenn der Antisemitismus nicht von Rechten kommt. Da auch das Schweigen über den Nationalsozialismus oft eine Form ist, sich nicht mit Antisemitismus auseinanderzusetzen, kann jede*r allein, in Gruppen oder in der Schule über jüdisches Leben vor und während des Nationalsozialismus recherchieren. Haben im Haus, in der Straße, in dem Viertel, in dem ich heute wohne, einmal Jüd*innen gelebt? Was wurde aus ihnen? Hier helfen Organisationen wie lokale Geschichtsvereine, das Stadtarchiv, eine Suche im Internet oder die örtliche Stadtbibliothek.

Weitere Informationen:

Flyer zu Antisemitismus der „Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus“

Dieser Flyer ist Teil einer Reihe, die unterschiedliche Formen der Abwertung bestimmter Gruppen in der Gesellschaft erklärt. Wenn wir uns für Gleichwertigkeit, gegen Diskriminierung einsetzen, gilt das für alle ohne Ausnahme. Auch wenn wir nicht wissen, ob direkt Betroffene anwesend sind. Wichtig dabei ist: Wer selbst diskriminiert wird, ist nicht davor geschützt, seinerseits andere abzuwerten.

Die Flyer und weitere Informationen erhältst du auf www.amadeu-antonio-stiftung.de/gleichwertigkeit. Die Amadeu Antonio Stiftung kann dir auch helfen, dich gegen andere Formen von Diskriminierung und Gewalt zu wehren und zu engagieren.

Der Flyer zum Download: Antisemitismus

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