Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

Soziale Medien TikTok – Junge Plattform und alte antijüdische Codes

Von|
(Quelle: Unsplash)

Das kurze Videoformat von TikTok wird ähnlich wie die Infokacheln auf Instagram dazu genutzt, politische Themen zu thematisieren oder Solidarität zu bekunden. Eben wegen dieser Kürze steht ein sogenannter „Copy-Paste Aktivismus” immer wieder in der Kritik. Dabei sind diese Inhalte gerade für den Einstieg in ein Thema oder als erster Schritt in der eigenen Politisierung besonders für junge Menschen attraktiv. Aktuell ist der Nahostkonflikt auch auf TikTok sehr präsent. In unserer Recherche auf der Plattform sind wir dabei auf zahlreiche antisemitischen Narrative und Codes gestoßen.

Gefährlich verkürzt

Das Kurzformat wird dabei größtenteils zur eigenen Positionierung genutzt. Dabei bleibt wenig bis kein Raum für eine differenzierte Auseinandersetzung mit einem über die Jahrzehnte andauernden, vielschichtigen Konflikt und seinen zahlreichen unterschiedlichen Akteur:innen. Jedoch ist dies in vielen Videos auch nicht beabsichtigt. Bereits mit dem Profilbild und den Hashtags wird die eigene „Palästinasolidarität” gezeigt. Besonders auffällig ist hier der Hashtag #PLM (Palestinian Lives Matter), mit dem versucht wird, an das Mobilisierungspotential von #BlackLivesMatter anzudocken. Israel und seine Bevölkerung wird als ‚weiß’ imaginiert und die Rolle des rassistischen Unterdrückers zugeschrieben. Hier wird versucht einen multiethnischen Staat in ein dichotomes Konzept zu pressen. Das wird der israelischen Realität mitnichten gerecht. „That’s when I’m gonna stand up, take my people with me, together we are going to a brand new home” singt Cynthia Erivo im Hintergrund, während Demonstrant:innen mit wehender Fahne auf Häuserdächern stehen oder sich vor untergehender Sonne heroisch geben. Auch mit der Verwendung des „Harriet” Soundtracks, einer Verfilmung über das Leben von Harriet Tubman, die im 19. Jahrhunderten zahlreichen Sklaven bei der Flucht aus den Südstaaten half, versucht man auf TikTok Analogien zu antirassistischen Kämpfen herzustellen und sich selbst als Freiheitskämpfer:in zu inszenieren.

Informationen werden unkritisch verbreitet, Quellen werden nicht geteilt und damit für die Follower:innen nicht nachvollziehbar gemacht. Anstelle dessen wird auf persönliche Ansprache und starke Emotionalisierung gesetzt. Die Zuschauer:innen werden aufgefordert, sich zum Konflikt zu verhalten und sich gegen vermeintliches Unrecht zu erheben. Empathie wird lediglich für die eigene Position eingefordert und ein starkes Freund-Feind und Gut-Böse Schema bedient.

Antisemitische Hashtags

Videoschnipsel und Demoausschnitte unter dem Hashtag #KindermörderIsrael machen auf TikTok ebenfalls die Runde. Die Behauptung, israelische Soldaten töteten Kinder mit Absicht, dient immer wieder zur Delegitimierung und soll noch einmal unterstreichen, mit was für einem perfiden Gegner man es zutun habe. Dies baut auf der Ritualmordlegende auf, also einer antijüdischen Erzählung die auch noch Jahrhunderte später immer wieder mit dem Chiffre von Israel als Kindermörder aufgegriffen wird. Auch der Hashtag #FromTheRiverToTheSea wird ähnlich genutzt. Der Slogan steht für den Wunsch, Israel von der Landkarte zu streichen und wurde von palästinensischen Terrororganisationen verbreitet. Auch auf TikTok wird zudem der antisemitische Hashtag #Covid1948 verwendet. Dieser setzt die Staatsgründung Israels 1948 mit der Corona-Pandemie gleich. Mit diesem Bild werden alte antisemitische Darstellungen von Juden als weltbedrohlichen Virus reproduziert.

Antisemitische Ausschreitungen vom Wochenende und das offene zur Schau stellen von islamistischen Bekenntnissen mit Fahnen, Plakaten und Dschihad-Stirnbändern oder der Nähe zu den islamistischen und nationalistischen Grauen Wölfen wurden hier festgehalten. Untermalt wird die Szenerie entweder mit dramatischer Musik oder „Dammi Falastini” von Mohammed Assaf. Der palästinensische Sänger war 2013 Arab Idol Gewinner und ist Jugendbotschafter der UNRWA.

Desinformation

In zahlreichen Videos werden Falschinformationen verbreitet. Ein Video, das auch auf anderen Social-Media-Plattformen eine hohe Reichweite erhielt, zeigt tanzende Israelis an der Klagemauer, im Hintergrund erkennt man einen Brand. In den Videos wird zwischen diesen Ereignissen ein Zusammenhang hergestellt und erklärt, jüdische Siedler hätten die Zerstörung der Al Aqsa Moschee, einem Heiligtum der Muslime, gefeiert. Mittlerweile wurde dies mehrfach widerlegt.

Klar ist, nicht die Moschee selbst brannte, sondern ein Baum neben der Moschee war durch die Feuerwerke palästinensischer Demonstrant:innen in Brand geraten, während an der Klagemauer der Jerusalem-Tag gefeiert wurde. Obwohl die User:innen auch in Kommentaren und Videos darauf hingewiesen werden, dass sie Falschinformationen verbreiten, werden die Behauptung weiter aufrecht erhalten und verteidigt.

Immer wieder geteilt werden emotionale Bilder und Videos, die verletzte oder getötete palästinensische Kinder und Zivilisten und von Israel zerstörte Gebäude zeigen sollen. Häufig ist nicht nachvollziehbar, woher diese Bilder stammen, wer sie aufgenommen hat und ob die Übersetzungen in den Videos, dem tatsächlich gesagten entsprechen. Bei einigen dieser Videos ist bereits klar, dass es sich um Berichte aus Syrien handelt, welche in einen falschen Kontext gesetzt werden.

Screenshot TikTok

Besonders auffällig ist das in der Debatte auf TikTok präsente Narrativ, die Medien und insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland würden nur einseitig über die Situation und stets zugunsten Israels berichten, bestimmte Meldungen würden einfach nicht gesendet werden und bestimmte Bilder nicht gezeigt. Die Videos des deutschsprachigen Ablegers des türkischen Staatssender TRT hingegen, der seit März auch auf TikTok aktiv ist und unter anderem den Konflikt um den Tempelberg thematisiert, werden als ausgewogene Berichterstattung verstanden.

Begründet wird die Annahme, die deutschen Medien würden nicht ausreichend berichten damit, dass in Deutschland ein falsches Verständnis von Antisemitismus vorherrsche und man Israel nicht frei, ohne den Vorwurf antisemitisch zu sein, kritisieren könne und dementsprechend auch die Medien nicht frei berichten würden. Nicht selten wird direkt erklärt, Zionist:innen würden die Medien kontrollieren. Damit wird letztendlich nichts anderes, als die uralte antisemitische Erzählung von den mächtigen Jüdinnen und Juden, die im Hintergrund die Fäden in der Hand halten und die Medien beeinflussen evoziert. Eine junge Frau parodiert eine Redaktionssitzung westlicher Medien in der sie alle Teilnehmenden gleichzeitig spielt. Sie erklärt sich den vermeintlichen Bias durch antimuslimischen Rassismus und gibt sich als Chefredakteurin, die über das palästinensische Leid hinwegsieht und lediglich Israel als Opfer zeigen will. Das Video hat 17.000 Likes und wurde über 76.000 mal geschaut.

Screenshot von TikTok

Eingebettet in den antisemitischen Mythos der alles beherrschenden Juden und Jüdinnen, fungiert auch die Erzählung, der israelische Geheimdienst hätte den Terror selbst gezüchtet und hervorgerufen, um damit die Besatzungspolitik rechtfertigen zu können. Als Quelle wird hier mehrfach ein Ausschnitt aus einer alten Bundestagsrede von Gregor Gysi aus dem Jahr 2014 aufgeführt, in der er in einem Nebensatz erklärt: „Es war übrigens der israelische Geheimdienst, der als Konkurrenz zur PLO die Hamas gegründet hat.” Israel wird damit die Schuld an der aktuellen Lage zugeschrieben und in antisemitischer Manier wird Israel und der Zionismus in letzter Instanz für alles Übel der Welt verantwortlich gemacht.

Hate Speech

Auch Juden und Jüdinnen in Deutschland oder andernorts werden für die aktuellen Geschehnisse verantwortlich gemacht und finden unter ihren Social-Media-Beiträgen ungeachtet des Themas Hasskommentare und persönliche Drohungen. Die Auschwitzüberlebende Lily Ebert klärt gemeinsam mit ihrem Enkel Dov Forman auf TikTok über den Holocaust auf. Zuletzt erreichten die beiden in Privatnachrichten und unter ihren Videobeiträgen Unmengen an antisemitischen und holocaustrelativierenden Hasskommentaren.

In den Beiträgen wird Hitler gefeiert und Israel vorgeworfen, die NS-Geschichte zu wiederholen. Die 98-Jährige wird gedrängt, sich zur aktuellen Situation zu positionieren oder ausgelacht dafür, dass sie die Gräuel der Nazis überlebt hat.

Screenshot von TikTok

Andere Juden und Jüdinnen hatten auf TikTok schon vor der aktuellen Eskalation im Nahen Osten über die Ausmaße an Hasskommentaren geklagt. Israelbezogener Antisemitismus artikuliert sich niedrigschwellig in der Verwendung von Emojikombinationen wie etwa dem Stiefel und der Israelflagge. Auch in Videos wird auf Israelflaggen getreten. Schuhe gelten als Symbol von Schmutz und Unreinheit. Insbesondere das Zeigen der Schuhsohle ist im arabisch-muslimischen Kontext ein Zeichen von Verachtung und Beleidigung.

Offensichtlich kommt die Moderation auf TikTok nicht gegen den zunehmenden Antisemitismus an. Lediglich bei vereinzelten Videos findet sich ein Hinweis, auf „sensible Inhalte”. Das ist bei offensichtlichen Falschaussagen und dem dort vorherrschendem Antisemitismus keine hinreichende Maßnahme. Ein entschlossenes Vorgehen ist von Nöten. Insbesondere von Hate Speech Betroffene brauchen mehr Unterstützung.


Schwerpunkt Mai 2021: Antizionismus

Im Mai 2021 beschäfigt sich Belltower.News vertieft mit dem Thema Antizionismus in Bezug auf die jüngste Eskalation im Nahostkonflikt. Im Schwerpunkt sind erschienen:

Alle anderen Schwerpunkte 2021 finden Sie hier.

Weiterlesen

2018-06-20_170308

Soziale Medien Nationalistische Erdogan-Propaganda für Deutsch-Türken auf Facebook

Die nationalistische bis rechtsextreme Propaganda der Erdoğan-Fans wird in Deutschland zunehmend via Facebook verbreitet. Diese Kampagnen gehen mit der Selbstidentifikation mit dem „Türkentum“ und der Herabsetzung von anderen einher. Besonders gefährdet davon seien junge Deutschtürken, so der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli.

Von|
social media

Antisemitismus in sozialen Medien Besonders Jugendliche sind gefährdet

Jugendlich werden alltäglich mit Antisemitismus im Internet konfrontiert. Gerade die unterschwellig kommunizierten Botschaften tragen zu einer Normalisierung antisemitischer Deutungen bei. Deshalb müssen wir uns auch pädagogisch mit Antisemitismus in allen seinen Ausdrucksformen auseinandersetzen. Ein Interview.

Von|
Unsere Partnerportale
Eine Plattform der