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Nationalistische Erdogan-Propaganda für Deutsch-Türken auf Facebook

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Besonders jetzt, vor der Wahl in der Türkei, geht es auf diesen Facebook-Seiten um das Narrativ, „Wer nicht für Erdogan ist, ist ein Feind der Türkei“. (Quelle: Screenshot Twitter)

 

 

In der Türkei werden am kommenden Sonntag, dem 24. Juni 2018, Parlament und Staatspräsident neu gewählt. Anschließend soll das neue Präsidialsystem in Kraft treten, das dem Präsidenten eine bisher nie dagewesene Machtfülle verleiht. Derweil erlebt die türkische Gesellschaft unter Erdo?an eine drastische Verstärkung nationalistischer und autoritärer Tendenzen: Oppositionelle Parteien und Bewegungen, Justiz, Akademiker*innen und Medien sehen sich großer Repression ausgesetzt, mehrere Erdo?an-Kritiker*innen wurden inhaftiert. Mit einer neo-osmanischen Ideologie und einem aggressiven anti-europäischen Diskurs versucht Erdo?an, seine Anhänger*innen zu mobilisieren, auch in diesem Wahlkampf und auch in Deutschland. Bis Dienstag durften etwa 1,44 Millionen in Deutschland lebende Türken ihre Stimme für die Wahl in der Türkei abgeben. Das sind mehr als zwei Prozent aller in der Türkei zur Wahl Berechtigten.

 

Nationalistische und rechtsextreme Propaganda-Seiten auf Facebook

Deutsch-türkische Kritiker*innen des Präsidenten haben es nicht einfach – auch in Deutschland werden Menschen mit dem Tode bedroht, wenn sie offen Kritik an Erdo?an äußern. Und so behalten viele ihre Meinung dieser Tage lieber für sich. Denn wer gegen Erdogan ist, sei ein Feind der Türkei. Das verbreiten zumindest Facebook-Seiten wie „Stolz der Türkei – R. T. Erdo?an“ (65.000 Likes), „Die Ära Erdogan“ (43.000) oder „Erdogan in Deutschland“ (12.000). Diese Seiten sehen sich selbst als Newsportale, veröffentlichen täglich Erfolgsmeldungen der türkischen Regierung und bejubeln Erdo?an. Und auch die rechtsextremen Varianten davon, wie beispielsweise die „Grauen Wölfe“ bzw. „Türk Federasyon“ (20.000) propagieren einen Autoritarismus a la Erdo?an.

Viele Deutschtürken trauen den klassischen Medien nicht mehr, sie seien mit dem dort vermittelten Türkei-Bild einfach nicht einverstanden, so der Politikwissenschaftler und Türkei-Experte Ismail Küpeli gegenüber Belltower.News. Für sie seien diese Portale die Hauptinformationsquelle. Dabei liegt der Verdacht nah, dass diese Seiten eng an die türkische Regierung geknüpft sind. Deutsch-türkische Blogger*innen, eine weitere große und wichtige Gruppe im Kampf um die Deutungshoheit, sind beispielsweise eng mit der türkischen Botschaft verflochten, wie eine Recherche des Bayerischen Rundfunks und Correctivs vergangenes Jahr herausfanden.  

 

Nationalistische Propaganda: Wer nicht für Erdo?an ist, ist gegen die Türkei

Auf diesen Pro-Erdogan-Facebook-Kanälen wird Propaganda der allerschlichtesten Sorte betrieben. Besonders jetzt, vor der Wahl in der Türkei, ging es schlicht um das Narrativ, „Wer nicht für Erdogan ist, ist ein Feind der Türkei“.

 

Quelle: Facebook 

 

 

Diese Seiten seien eher für ein junges, in Deutschland aufgewachsenes Publikum, meint Küpeli. Doch wieso wirken diese Facebook-Seiten so anziehend auf junge Menschen? „Türkischer Nationalismus ist für türkischstämmige Jugendliche so attraktiv, da sie hier die Möglichkeit bekommen, Teil einer ideologischen Gemeinschaft zu werden und eine eindeutige und klar umrissene positive Identität erhalten“, beobachtet der Politikwissenschaftler. Der fortdauernde gesellschaftliche Ausschluss von Nicht-Deutschen in Deutschland aus den Strukturen und Räumen der Mehrheitsgesellschaft habe diese Tendenz erst geschaffen, so Küpeli. „Denn ihnen wird die Anerkennung als gleichberechtigte Bürger*innen verweigert und ihre Identität wird von der Mehrheitsgesellschaft weiterhin als „fremd“ definiert.“ Die Fremdzuschreibung der Mehrheitsgesellschaft als „Türke“ ist immer noch, auch in der eigenen Wahrnehmung vieler dieser Gruppe, negativ besetzt. Auf diesen Facebook-Seiten, wird die Identifikation als „Türke“ positiv besetzt. Ein richtiger Türke sei man aber nur, wenn man für Erdogan ist.

Doch die Aufwertung des Eigenen geht immer einher mit der Herabwertung des Anderen. Das Narrativ lautet also:  Die Anderen sind nicht nur anders, sondern auch schlechter und weniger Wert und zusätzlich sind sie Feinde des Eigenen. Diese Erzählungen sind oft gepaart mit Verschwörungsideologien.

 

Die Diskussion unter einem Text über die Zusammenstöße an der Gaza-Israel-Grenze Quelle: Facebook

 

Social-Media-Management auf Facebook?

Wie zu erwarten, wird unter den Propaganda-Post fleißig kommentiert. Die User*innen befinden sich hier allerdings in ihrer eigenen Echokammer. Gegenrede findet so gut wie gar nicht statt, beobachtet Küpeli. Im Gegensatz zu den rechtsextremen Kanälen wird auf den regierungsnahen Seiten moderiert, beziehungsweise es werden Beiträge gelöscht. Ismail Küpeli stellt jedoch interessanterweise fest, dass antisemitische Beiträge stets stehen bleiben.

 

Die Gefahren dieser Nationalistischen Facebook-Seiten

Regierungsnahe Seiten wie „Stolz der Türkei – R. T. Erdo?an“, aber auch rechtsextreme Seiten wie „Türk Federasyon“ und „Turan e.V.“, bergen genau dieselbe Gefahr wie auch islamophobe, antisemitische, rechtspopulistische, rechtsextreme Propaganda-Kanäle. Der einseitige Konsum solcher Inhalte kann leicht zu einem geschlossenen ideologischen Weltbild führen. Die meist dahinter stehende ablehnende Haltung gegenüber der Moderne befördert nationalistische Narrative, Haltungen und letztendlich auch Handlungen.

Solche Seiten begünstigen autoritäre Einstellungen, die sich gegen eine offene demokratische Gesellschaft richten. Dies bedeutet, dass sich diese Menschen in Gruppierungen begeben, die sich gegenseitig in ihrem nationalistischen Weltbild unterstützen und keine Kritik oder Widersprüche dulden. Solche Gruppen können starke Bindungen zwischen ihren Mitgliedern hervorbringen, die nur schwer durch gesellschaftliche Einflüsse aufgebrochen werden können. Das ist besonders fatal, da diese Erdogan-Fan-Seiten besonders ansprechend auf junge Deutschtürken wirken. 

 

In dem Projekt „Hate Speech in Jugendkulturen der Migrationsgesellschaft“ von „debate// für digitale demokratische Debattenkultur“ wurden drei ausgewählte Jugendkulturen in der deutschen Migrationsgesellschaft  online beobachtet und untersucht. Ismail Küpeli untersuchte für das Projekt türkischstämmige Communities. Die Ergebnisse dieser Analyse werden im Laufe des Sommers von der Amadeu Antonio Stiftung veröffentlicht.

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