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Zahlen aus der neuen Autoritarismus-Studie Warum Verschwörungsideologien so stark anschwellen

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Demonstration am 18. November 2020 in Berlin, Anti-Merkel-Agitation.

Natürlich gibt es zwischen den Zahlen der Einstellungsforschung einzelner Abwertungsphänomene keinen direkt belegbaren Ursache-Wirkungs-Bezug, aber die neuen Ergebnisse der alle zwei Jahre durchgeführten Leipziger Autoritarismus-Studie von Elmar Brähler und Oliver Decker bestätigen, was etwa die Besuche von „Querdenken“-Demonstrationen zeigen: Angesichts der Pandemie, die 2020 dominiert hat, verschieben sich Feindbilder der Abwertung, so dass der Rassismus plötzlich in den Hintergrund tritt und Nazis etwa zusammen mit Menschen mit Migrationsgeschichte auf der Straße demonstrieren, wenn die gemeinsamen verschwörungsideologischen Feindbilder stimmen. Es geht gegen die liberale Demokratie und gegen Jüdinnen und Juden, die hier in einem uralten antisemitischen Stereotyp als „Strippenzieher“ einer „Neuen Weltordnung imaginiert werden.

In Zahlen heißt das:

Verschwörungsideologien und Verschwörungsmentalität

In der Pandemie erhöht sich allgemeine Verschwörungsmentalität in der Bevölkerung: Im Jahr 2020 neigen 38,4 % zum Glauben an Verschwörungserzählungen, 2018 waren es noch 30,8 %. Am stärksten ist die Zunahme in Ostdeutschland: 51,4 % weisen eine Verschwörungsmentalität auf, 2018 waren es noch 34,5 % (West: 35,2% vs. 29,9 %).

  • Die meisten Menschen erkennen nicht, in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden: 30,4 % stimmen zu.
  • Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben: 38,1 % stimmen zu.
  • Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte: 33,4 % stimmen zu.

55% der Ostdeutschen und 46% der Westdeutschen teilen Covid-19 bezogene Verschwörungsmythen.

  • Die tatsächlichen Hintergründe der Corona-Erkrankung werden nie ans Licht der Öffentlichkeit kommen: 47,8 % stimmen zu (Ost: 54,4 %, West: 46,2 %).
  • Die Corona-Krise wurde so groß geredet, damit einige wenige von ihr profitieren können: 33 % stimmen zu (Ost: 44,4 %, West: 30,1 %).

Dazu schreiben die Forscher: die „Anti-Merkel-Haltung“ rechtsautoritärer Milieus, die sich gegen die parlamentarische Regierung richten, modifizieren sich in eine „Anti-Drosten-Haltung“, eine Ablehnung gegen alles, dass keine einfachen Antworten liefert. Kombiniert mit einer Verschwörungsmentalität werden daraus Ressentiments gegen alle Formen von bestehenden Autoritäten (S. 204).

Und so erklären die Forscher auch die scheinbar diversen Teilnehmenden der „Querdenken“-Demonstrationen: „Hier kommen Menschen zusammen, die auf der bewussten Ebene eigentlich unterschiedliche politische Ansichten vertreten, die aber durch ihre Verschwörungsmythologien und ihren Aberglauben geeint sind.“ Die Verschwörungsmentalität haben die Menschen, wie die Einstellungsforschung zeigt, schon länger – die Pandemie lässt sie jetzt nur auch entsprechend handeln (vgl. S. 205): „Vielmehr tritt die Verschwörungsmentalität jetzt offen zu Tage, weil in ihr mehr als in Autoritäten die Angst kompensiert werden kann.“ Anti-moderne und anti-aufklärerische Bedürfnisse in der Bevölkerung waren schon immer vorhanden, wie die Einstellungsforschung der vergangenen Jahre zeigte. Sie wurden aber bisher etwa über Aberglauben oder Esoterik kompensiert. Jetzt aber werden diese Bedürfnisse politisch aufgeladen und damit politisch relevant: „Trifft esoterischer Aberglauben in Arenen wie den Protesten gegen COVID-19-Maßnahmen auf Verschwörungsmentalität, besteht die Gefahr, dass das geteilte Unbehagen regressiv und autoritär bearbeitet und eine ‚Querfront‘ gebildet wird. Die geteilten Grundüberzeugungen ‚Nichts passiert durch Zufall‘, ‚Nichts ist wie es scheint‘ und ‚Alles ist miteinander verbunden‘ könnten dann politisch aufgeladen und im Sinne von antidemokratischen, rechtsextremen oder antisemitischen Deutungsmustern interpretiert werden.“ (vgl. S. 306)

Antisemitismus

ist vielen Verschwörungsideologien innewohnend und wird auch ansonsten vielfältig geäußert:

  • 8 % stimmen tradierten Antisemitismus zu.
  • 10 % stimmen israelbezogenen Antisemitismus zu.
  • 33 % äußern „Schuldabwehr-Antisemitismus“ (Bsp.)

Tradierter Antisemitismus

  • Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß: 10,2 % stimmen zu (Ost: 12,3 %, West: 9,7 %).
  • Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen: 9,7 % stimmen zu (Ost: 11,1 %, West: 6,7 %).
  • Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns: 6,2 % stimmen zu (Ost: 8,7 %, West: 5,6 %).
  • In der Entwicklung sinkt die Zahl antisemitischer Einstellungen im Westen (von 4,2 % in 2018 auf 3,2% in 2020), im Osten steigt sie (5,2 % auf 5,4 %). Gesamt: von 4,4 % in 2018 zu 3,6 % in 2020).

Umweg-Antisemitismus

  • Ich kann es gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind: 10,4 % stimmen zu (Ost: 15,3 %, West: 9,2 %).
  • Man darf ja nicht sagen, was man über die Juden wirklich denkt: 9,1 % stimmen zu (Ost: 12,4 %, West: 8,2 %).
  • Juden gehören selbstverständlich zur deutschen Bevölkerung: nur 11,5 % stimmen zu (Ost: 15,1 %, West: 10,6 %).

Israelbezogener Antisemitismus

  • Israels Politik in Palästina ist genauso schlimm wie die Politik der Nazis im Zweiten Weltkrieg: 30,3 % stimmen zu (Ost: 34,4 %, West: 29,3 %).
  • Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer: 13,5 % stimmen zu (Ost: 16,7 %, West: 12,7 %).
  • Auch andere Nationen mögen ihre Schattenseiten haben, aber die Verbrechen Israels wiegen am schwersten: 11,9 % stimmen zu (Ost: 16 %, West: 10,8 %).

Schuldabwehr-Antisemitismus

  • Es macht mich wütend, dass die Vertreibung der Deutschen und die Bombardierung deutscher Städte immer als kleinere Verbrechen angesehen werden: 34,1 % stimmen zu (Ost: 40,9 %, West: 32,4 %).
  • Reparationsforderungen an Deutschland nutzen oft gar nicht den Opfern, sondern einer Holocaust-Industrie von findigen Anwälten: 41,1 % stimmen zu (Ost: 47,5 %, West: 39,5 %).
  • Wir sollten uns lieber gegenwärtigen Problemen widmen als Ereignissen, die mehr als 70 Jahre vergangen sind: 56,1 % stimmen zu (Ost: 61,7 %, West: 54,7 %).

Rassismus

Rassistisches Gedankengut ist vor allem im Osten Deutschlands sehr weit verbreitet. Trotzdem ist die Zustimmung zu rassistischen Items etwas gesunken: Von 23,4 % Zustimmung in 2018 auf 16,5 % Zustimmung in 2020 (Ost: von 30,7 % auf 28,7%, West: von 21,5 % auf 13,7 %).

Aber immer noch:

  • äußern sich bis 50 % der Deutschen antiziganistisch.
  • 30 % im Westen und 40 % im Osten wollen Muslim*innen die Zuwanderung untersagen.

Einzelne Aussagen:

  • Migrant*innen kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen: 28,4 % stimmen zu (Ost: 43,9 %, West: 24,5 %) – nimmt man aber im Osten auch die „latent“ Zustimmenden hinzu, kommt man auf 74,4 %! (West: 55,5%).
  • Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken: 19,2 % stimmen zu (Ost: 26,8 %, West 17,3 %).
  • Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet: 25,6 % stimmen zu (Ost: 38,3 %, West: 22,5%).

Antiziganismus

  • Ich hätte Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten: 41,9 % stimmen zu (Ost: 44,5 %, West: 41,2 %)
  • Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden: 35,4 % stimmen zu (Ost: 41,3 %, West: 33,8 %)
  • Sinti und Roma neigen zur Kriminalität: 52,9 % stimmen zu (Ost: 54,1 %, West: 52,5%)

Muslimfeindschaft

  • Muslim*innen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden: 27,4 % stimmen zu (Ost: 40,2 %, West: 24,2 %)
  • Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land: 46,8 % stimmen zu (Ost: 55,1 %, West: 44,8 %)

Rechtsextreme Einstellungen

Rechtsextreme Einstellungen nehmen im Westen Deutschlands ab und im Osten auf starkem Niveau zu.

Insgesamt äußern 4,3 % der Befragten ein rechtsextremes Weltbild. Im Osten sind es 9,5 %, im Westen 3 %. Im Jahr 2018 lag die Zustimmen noch bei 5,9 % gesamt, 8,5 % im Osten und 5,2 % im Westen.

55 % der Rechtsextremen gaben an, an Wahlen teilzunehmen. Dabei gaben 32,1 % an, die AfD zu wählen.

  • Interessant bei der Frage nach Vertrauen in Institutionen: nur 22,1 % der Rechtsextremen haben Vertrauen in irgendeine Partei – bei Nicht-Rechtsextremen sind es aber auch nur 37,2 %.
  • 41,9 % der Rechtsextremen vertrauen den öffentlich-rechtlichen Medien – aber auch nur 54,1 %.
  • Anders sieht es mit „Sozialen Medien“ aus: 45,7 % der Rechtsextremen vertrauen in soziale Medien – in der nicht-rechtsextremen Bevölkerung sind es nur 31,7 %.
  • Rund 60 % der Rechtsextremen empfinden sich als „den Behörden ausgeliefert“ – das geht nur 34,8 % der Nicht-Rechtsextremen so.
  • 56 % der Rechtsextremen empfinden sich als „Menschen zweiter Klasse“ (vs. 25,6 %) und 65,7 % meinen, sie besäßen Rechte „nur auf dem Papier (vs. 31,3 % der Nicht-Rechtsextremen).
  • 90 % der Rechtsextremen meinen, sie könnten keinen Einfluss auf die Regierung nehmen (Nicht-Rechte: 72,1 %).
  • 74,5 % der Rechtsextremen finden deshalb politisches Engagement sinnlos (vs. 58,1 %).
  • Eine Folge: Gewaltbereitschaft. 24,8 % der Rechtsextremen würden selbst Gewalt anwenden, 46,6 % befürworten Gewaltanwendung (Nicht-Rechte: 9,3 %, 15,5 %).

Anti-moderne Einstellungen

sind sehr viel weiter verbreitet als geschlossene rechtsextreme Weltbilder. Sie habe natürlich eine Scharnierfunktion: Je mehr anti-demokratische Einstellungen zusammenkommen, desto offener ist die Person auch für rechtsextreme Ideologie.

Diktatur-Befürwortung

  • Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform: 4,9 % stimmen zu (Ost: 11, West: 3,3).
  • Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert: 8,6 % stimmen zu (Ost: 14,4 %, West: 7,1 %).
  • Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert: 17,1 % stimmen zu (Ost: 28,9 %, West: 14,1 %).

Chauvinismus

  • Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben: 34,8 % stimmen zu (Ost: 40,9 %, West: 33,3 %).
  • Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland: 20,3 % stimmen zu (Ost: 27,8 %, West: 18,4%).
  • Das oberste Ziel deutscher Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht: 17,2 % (Ost: 25,6 %, West: 15%).

Verharmlosung des Nationalsozialismus

  • Ohne Judenvernichtung würde man Hitler heute als großen Staatsmann ansehen: 8,1 % stimmen zu (Ost: 9,5 %, West: 7,8 %).
  • Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind in der Geschichtsschreibung weit übertrieben worden: 6,5 % stimmen zu (Ost: 7,4 %, West: 6,1 %).
  • Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten: 5,4 % stimmen zu (Ost: 8,7 %, West: 4,6 %).

Einstellung zur Demokratie:

  • „Demokratie als Idee“ finden in Ost und West über 90 % der Menschen gut.
  • Das ändert sich, wenn gefragt wird, wie zufrieden die Befragten mit der Demokratie seien, wie sie in der Verfassung festgelegt sei: Das finden 76,9 % der Befragten gut, 79,8 % im Westen, aber nur 65 % im Osten (und dort waren 2018 noch 79,8 % zufrieden gewesen).
  • Erschreckend dann, wie zufrieden die Befragten dann mit der Umsetzung der Demokratie sind: Da sind nur noch 57,5 % zufrieden – im Westen 61,8 %, im Osten nur 40,7 %!
  • Abwertung von Politiker*innen: Der Aussage „Politiker sind selber schuld, wenn sie in der Öffentlichkeit oder im Internet beleidigt werden“ stimmen 21,2 % zu, davon 24,4 % im Osten und 20,4 % im Westen.

Insgesamt zeigen sich große Unterschiede in Ost- und Westdeutschland. Die Forscher schreiben in der Studie: „Während in den alten Bundesländern ein langsamer Rückgang an rechtsextremen Einstellungen feststellbar ist, unterliegen die neuen Bundesländer einer anderen Dynamik. Zwar sinken auch hier die Zustimmungswerte zum tradierten Antisemitismus, zum Sozialdarwinismus und zur Verharmlosung des Nationalsozialismus, aber die Idee einer rechtsautoritären Diktatur findet im Jahr 2020 wieder fast so viel Befürwortung wie 2002. Der Unterschied ist mit 1,8 % (West) und 8,8 % (Ost) sehr deutlich, womit der Ruf nach autoritärer Staatlichkeit im Osten wesentlich lauter ist.“ Besonders beunruhigend: Vor allem junge Menschen (14 bis 30 Jahre) ohne eigene DDR-Erfahrungen befürworten eine „rechtsautoritäre Diktatur“. Bei den 31 bis 60 Jahre alten Ostdeutschen sind besonders Chauvinismus und Rassismus verbreitet.

 

Studie:

Elmar Brähler, Oliver Decker:
Autoritäre Dynamiken: Alte Ressentiments – neue Radikalität.
Die 10. Leipziger Autoritarismus-Studie

Leipzig, Nov. 2020

Als PDF zum Download hier:
https://www.boell.de/de/2020/11/09/autoritaere-dynamiken-alte-ressentiments-neue-radikalitaet

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