Die AfD versucht, die Landtagswahl in Baden-Württemberg als großen Erfolg darzustellen. Immerhin habe sie ihr Ergebnis nahezu verdoppelt und mit 18,8 Prozent das beste Landtagswahlergebnis in einem westdeutschen Bundesland erreicht. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Vor zehn Jahren erreichte die AfD in Baden-Württemberg schon 15,1 Prozent. Insgesamt also nur ein Zugewinn von 3,7 Prozent. Dabei war die Rechtsextremen in den Wahlkampf gestartet, um stärkste Partei mit 25 Prozent + X zu werden.
Was lässt sich also aus der Wahl für das Superwahljahr ableiten?
Die Normalisierung der AfD schreitet weiter voran. Die Partei ist in 11 von 70 und damit in 15,7 Prozent der Wahlkreise die zweitstärkste Kraft, in Pforzheim steht die Partei mit 26,4 Prozent sogar knapp auf Platz 1 vor der CDU. Das einzige Direktmandat konnte Bernhard Pepperl für die AfD gewinnen. Mit 22,3 Prozent liegt er im Wahlkreis Mannheim I vor der CDU. Dort hatte die AfD bereits 2016 ein Direktmandat gewonnen.
Die AfD ist die Arbeiter*innenpartei und hat der SPD den Rang abgelaufen. In Baden-Württemberg wählten ca. 37 Prozent der Arbeiter*innen die AfD. In Städten, in denen viele Industriearbeiter*innen leben, hat sie einen überproportional starken Zuspruch. Auch die in der Nachwahlbefragung abgefragte (empfundene) soziale Lage korreliert sehr stark mit dem Zuspruch zur AfD. Laut infratest-dimap haben 41Prozent der Wählenden, die ihre eigene finanzielle Lage als schlecht einstufen, die AfD gewählt.
AfD-Wählende sind für andere Parteien (aktuell) schwer bis gar nicht erreichbar. Das lässt sich an unterschiedlichen Beispielen zeigen:
Es ist auffällig, dass die Diskrepanz der Wahlergebnisse zwischen Erst- und Zweitstimme in den Wahlkreisen bei der AfD sehr gering ausgeprägt ist, viel geringer als bei der CDU oder den Grünen. AfD-Wählende wählen also auch fast immer den AfD-Direktkandidaten. Wer aufgestellt wird, scheint fast egal.
Im Jahr 2021 verlor die AfD viele Wählen*innen. Ein Großteil davon ist zu den Nichtwählenden gewechselt und jetzt scheinbar zurück zur AfD gekommen.
Es war die erste Landtagswahl nach Bekanntwerden der Vetternwirtschaft in der AfD. Beobachter*innen waren im Vorfeld davon ausgegangen, dass das Zuschustern von Posten der Partei im Westen schaden könnte. . Das ist nicht eingetreten. Daraus lässt sich schlussfolgern: Skandale, die anderen Parteien massiv schaden würden, können der AfD fast nichts anhaben.
AfD-Wählende haben aktuell mit dem „System” abgeschlossen und sehen die AfD als „letzte evolutionäre Chance für Deutschland” (Höcke). Das Einzige, was der Partei schaden kann, ist innere Zerstrittenheit. Das heißt aber auch, dass die AfD sich nahezu zwangsläufig weiter radikalisieren wird. Denn das Motto: „Wer sich distanziert, verliert” wird wie ein Mantra hoch- und runtergebetet. Das nutzen die Radikalsten in der Partei, um die AfD immer weiter zu radikalisieren. Im Wissen, dass öffentliche Abgrenzungen zu ihnen verpönt sind.
Das Ergebnis wird Markus Frohnmaier innerparteilich schwächen. Er gilt als zu USA-freundlich und war zu unengagiert im Wahlkampf. Er hat nicht für ein Landtagsmandat kandidiert, wollte im Bundestag bleiben und reiste ausgerechnet in der Endphase des Wahlkampfes in die USA. Die Parteichef*innen Weidel/Chrupalla waren sichtlich nicht begeistert. Druck kommt vor allem aber aus dem Umfeld von Björn Höcke. Torben Braga, der als einer der engsten Vertrauten von Björn Höcke im Bundestag sitzt, schrieb kurz vor der Wahl auf X: „Alles andere als ein überragendes Ergebnis der AfD in Baden-Württemberg wird viele zum Teil sehr unangenehme Fragen aufwerfen“. Vor Ort wurde dies als Frontalangriff auf Spitzenkandidat Frohnmaier gewertet. Wohl nicht zu Unrecht. Eine Ablösung von Frohnmaier als außenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion ist wahrscheinlicher geworden.
Die Jugend wählt nicht rechtsextrem – zumindest nicht in Baden-Württemberg. Unter den Erstwählenden kommen die Rechtsextremen auf 15 Prozent, genauso viel wie die Linke unter Erstwählenden erreicht hat. B90/Grüne kommen auf 30 Prozent und CDU auf 18 Prozent. Bei den 16-24-Jährigen erreicht die AfD mit 16 Prozent ebenfalls ein unterproportionales Ergebnis.
Der Gender-Gap, der die AfD lange geprägt hat, verliert an Bedeutung: AfD und CDU haben am stärksten bei Frauen dazugewonnen
Auch von den Kommunalwahlen in Bayern hatte die AfD sich viel mehr versprochen. Der Wahlsonntag war keine krachende Niederlage für die AfD, aber auch nicht der erhoffte Rückenwind, den sich die Partei und auch ihr Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, der sich stark im Wahlkampf engagiert hatte, für das Superwahljahr erhofft haben.


