Unscheinbare Briefkästen in einem Vorort von London: Der Postbote wirft Umschläge ein. Adressiert an die Nachbarn einer jungen Frau. In dem Kuvert stecken pornografische Bilder. Das Gesicht darauf gehört der 31-jährigen Carmen Lau. Die Hongkonger Demokratie-Aktivistin floh 2021 vor den chinesischen Behörden nach Großbritannien. Laut Recherchen des Guardian stammen die Sendungen aus China. Wer sie genau verschickte, lässt sich nicht nachvollziehen. Bei den Fotos handelt es sich um KI-generierte Deepfakes. Wie NBC News berichtete, erhielten Laus Nachbarn bereits Monate zuvor anonyme Briefe. Darin wurden sie aufgefordert, die junge Frau an die chinesische Botschaft in London auszuliefern. Als Belohnung wurden über 100 000 Dollar Kopfgeld versprochen, das die Hongkonger Behörden auf Lau ausgesetzt haben.
Besonders für Uiguren, Tibeter, Hongkonger und chinesische Dissidenten ist die Sorge vor Pekings „langem Arm“ ein ständiger Begleiter. Denn für die Kommunistische Partei endet der Anspruch auf absolute Kontrolle nicht an den eigenen Landesgrenzen. Jeder, der „sensible“ Themen wie Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung von Minderheiten oder Pekings aggressive Expansionspolitik öffentlich kritisiert, gefährdet das auf internationaler Ebene mühsam inszenierte Bild der „verantwortungsvollen“ Weltmacht. Das Regime will zudem verhindern, dass Informationen, die die Herrschaft der Partei infrage stellen, aus dem Exil zurück ins Land sickern.
Peking setzt dafür auf eine Doppelstrategie: Die heimische Bevölkerung ist vom freien Internet abgeschottet. Kontakte ins Ausland sind offiziell nur über staatlich kontrollierte Apps, wie WeChat möglich. Gleichzeitig betreibt Peking „transnationale Repression“ (TNR). Durch landesgrenzenüberschreitende Überwachung und Einschüchterung sollen Kritiker*innen systematisch in die Selbstzensur gedrängt werden. Laut einer aktuellen Resolution des Europäischen Parlaments betreibt China die weltweit „systematischste“ Kampagne dieser Art. Sie stützt sich auf ein schwer durchschaubares Netz aus Informanten, staatsnahen Vereinigungen und prochinesischen Unterstützern, die Kritiker bespitzeln, bedrohen oder öffentlich diskreditieren.
Bespitzelung und Sippenhaft
Auf Demonstrationen werden Exil-Communitys fotografiert und gefilmt, etwa von Personen aus diplomatischen Kreisen oder Peking-nahen patriotischen Kulturvereinen. Wie weit die Bespitzelung geht, zeigt der Fall des wegen Spionage verurteilten Jian G.: Der ehemalige Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Maximilian Krah soll sich laut Generalbundesanwaltschaft in sozialen Medien „zum Schein als Kritiker der chinesischen Staatsführung“ ausgegeben haben, um „an Personalien und sonstige Informationen von tatsächlichen Dissidenten zu gelangen“.
Ziel solcher Operationen ist es auch, in China verbliebene Verwandte zu verhören und als Druckmittel einzusetzen. In einem aktuellen Fall, der Belltower.News anvertraut wurde und nur anonymisiert veröffentlicht werden darf, erhielt eine Exilantin in Deutschland einen Videoanruf von ihrem Bruder aus China. Lokale Beamte stehen in seinem Wohnzimmer, zwangen ihn offenbar, den Anruf zu tätigen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wer es wagt, im Ausland Kritik zu üben, der riskiert, dass die Familie zu Hause den Preis zahlt.
Dass der nächste Familienbesuch mit einer Festnahme enden kann, zeigt das Schicksal der 22-jährigen Zhang Yadi. Die chinesische Studentin engagierte sich während ihres Auslandsaufenthalts in Frankreich für die tibetische Community. Als sie im Sommer 2025 ihre Familie in China besuchte, wurde sie wegen „Anstiftung zum Separatismus“ inhaftiert. Wie Amnesty International und Human Rights Watch dokumentieren, wird Zhang seither ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten.
Cyber-Terror und Desinformation
Chinas TNR durchzieht auch den digitalen Raum. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren Cyberangriffe auf Mail-Konten und Webseiten. Recherchen des „Citizen Lab“ und des „International Consortium of Investigative Journalism“ zeigen, wie sich China-nahe Akteure in personalisierten E-Mails als Journalist*innen, Wissenschaftler*innen oder Whistleblower ausgeben, um Vertrauen zu Exil-Communitys und ausländischen Medienschaffenden aufzubauen. Betroffene sollen zum Öffnen von Links oder Dateien verleitet werden, die unsichtbare Tracking-Pixel oder Schadsoftware auf den Geräten einschleusen. Ein falscher Klick kann Angreifern Zugriff auf sensibelste Daten ermöglichen: E-Mails, Chats, Fotos, Kontakte, Bewegungsprofile bis zu kompletten Kontenübernahmen.
Daneben sind in den sozialen Medien Bot- und Troll-Armeen im Einsatz. Das bekannteste Netzwerk mit tausenden Fake-Accounts wird „Spamouflage“ oder auch „Dragonbridge“ genannt. Internationale Sicherheitsexperten ordnen es dem chinesischen Staat zu. Es betreibt seit Jahren Desinformationskampagnen und flutet Kommentarspalten, um antiwestliche Narrative zu verbreiten, kritische Stimmen zu diskreditieren und Debatten über China zu manipulieren. Google und Meta sperrten in den vergangenen Jahren tausende Accounts, die sie diesen Operationen zuordnen konnten.
Geschlechtsspezifische TNR
Exilaktivistinnen berichten zudem von digitalen Vergewaltigungsdrohungen, werden mit sexualisierten KI-Bildmontagen diffamiert. Auch Journalistinnen und NGO-Mitarbeitende, die kritisch über China berichten, geraten ins Visier.
Im Mai 2026 machte Laura Harth, China-Kampagnendirektorin der NGO „Safeguard Defenders“, KI-generierte Bilder von sich öffentlich. Sie zeigen Harth nackt und in entwürdigenden Posen. Die Fotos wurden massenhaft auf sozialen Medien verbreitet. In den Postings wird Harth unter anderem als „Marionette“ von „anti-chinesischen Kräften“ diffamiert. Bereits im Vorfeld war ihre Organisation massiven Angriffen ausgesetzt, weil sie geheime chinesische Polizeistrukturen im Ausland aufgedeckt hatte.
Klima der Angst
Ziel der chinesischen TNR ist es, ein Klima der Angst zu erzeugen. Niemand soll sich mehr sicher sein, ob der nette Gesprächspartner nach einer Veranstaltung oder das neue Gesicht auf einer Demonstration ein Verbündeter oder ein Informant Pekings ist.
„Uns ist bewusst, dass wir beobachtet werden“, erklärt Tenzyn Zöchbauer, Geschäftsführerin des Vereins Tibet Initiative Deutschland. Vor allem die ‚gefühlte‘ TNR sei in der Community allgegenwärtig: „Viele haben das Gefühl, dass ihre Geräte abgehört werden“, berichtet die Aktivistin. Selbst innerhalb der Community seien die Menschen sehr vorsichtig mit privaten Informationen: „Bei manchen, die direkt aus Tibet kommen oder noch Verwandte vor Ort haben, wissen wir nicht mal genau, wie sie wirklich heißen“.
Ein weiteres Problem besteht laut Zöchbauer darin, dass Betroffene unter Druck gesetzt und zu „Tätern“ gemacht werden. So wurde ein Tibeter bei seiner Einreise nach China am Flughafen von den Behörden verhört. Die Beamten legten ihm ein Foto vor. Er wurde gezwungen, Zöchbauer darauf zu identifizieren.
Die Aktivistin kritisiert, dass „kaum konkrete Schutzmaßnahmen für Betroffene existieren, insbesondere bei Fällen unterhalb der Strafbarkeitsgrenze“. Es fehle an psychosozialen Unterstützungsangeboten und an niedrigschwelligem technischem IT-Support zur Überprüfung potentiell kompromittierter Geräte.
Wenn Menschen aus Angst, nur noch der Ausweg bleibt, den Kontakt zu ihren Familien abzubrechen, sich von ihrer Community zu isolieren, Demonstrationen zu meiden oder Selbstzensur zu betreiben, dann hat das chinesische Regime seine autoritären Herrschaftsmethoden erfolgreich exportiert. Chinas TNR ist deshalb weit mehr als ein individuelles Schicksal – sie ist ein Angriff auf das Fundament freier Gesellschaften.
Vivien Chang ist deutsch-taiwanesische freie Journalistin. Sie beschäftigt sich mit chinesischen Einflussstrategien, Minderheitenpolitik und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in China und Taiwan. Unter anderem befasst sie sich auch mit Internetphänomenen und Online-Radikalisierung.


