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Der nette Nazi von nebenan

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Süpplingen ist ehemaliges Zonenrandgebiet. Ganz im Stillen ist hier über die Jahrzehnte ein braunes Pflänzchen gesprossen, das seinesgleichen in der Bundesrepublik sucht. Seit bald vierzig Jahren schon, mit lediglich einer Unterbrechung seit 1968, wählen die Bewohner der 1900-Seelen-Gemeinde Adolf Preuß, Mitglied der NPD, wieder in ihren Gemeinderat ? zuletzt im September 2006. Der Süpplinger Landwirt dürfte damit einer der erfolgreichsten Kommunalpolitiker der NPD sein und Süpplingen die einzige Gemeinde in der Bundesrepublik, die über fast vier Jahrzehnte einen NPD-Mann im Gemeinderat hat. Wenig deutet darauf hin, dass sich das bald ändern könnte.

?Adolf Preuß haben wir auch gewählt«, sagt ein 17-Jähriger stellvertretend für seine beiden Freunde, mit denen er in der Nachmittagshitze an der Dorfkreuzung abhängt. Es war ihre erste Wahl. Warum haben sie für den NPD-Kandidaten gestimmt? »Weil er gegen Ausländer ist«, meint der Jugendliche mit den halblangen braunen Haaren, der vom Zweiten Weltkrieg, Hitler und ermordeten Juden, nie aber etwas vom Holocaust gehört haben will. Er sei bestimmt kein Nazi, beteuert er. »Aber es gibt schnell Ärger mit den Türken und den Russen.«


„Zu Hitler hat ja jeder eine andere Meinung“

Arbeitsam ist der Landwirt, ordentlich ? und beliebt. Dreihundert Meter die Dorfstraße hinunter geht es rechts auf den Hof von Adolf Preuß. An seiner Scheunenwand hängt ein Blechschild, das Deutschland in den Grenzen von 1937 zeigt. »3 geteilt? Niemals!«, steht da. Adolf Preuß bittet den Besucher freundlich ins Haus, stellt Wasser auf den Tisch. Sein Wohnzimmer ist mit bescheidenem Mobiliar eingerichtet, das aus der Zeit seiner Eltern stammen könnte. Auf dem Tisch liegt ein Buch: Dokumente polnischer Grausamkeiten und Verbrechen an Deutschen 1919?1939 aus dem rechten Arndt-Verlag. Der Landwirt hütet sich vor rechtsextremen Parolen. Die Regie bei diesem Interview führt ohnehin sein jüngerer Bruder. Friedrich Preuß ist NPD-Ratsmitglied in der Kreisstadt Helmstedt und stellvertretender Landesvorsitzender der Partei in Niedersachsen. »Zu Hitler hat ja jeder eine andere Meinung«, sagt Adolf Preuß. Bevor er das weiter ausführen kann, stößt ihm Friedrich in die Rippen. Es gibt Sätze, die sind nur für das eigene Publikum bestimmt. »Zu Auschwitz sagen wir nichts, weil wir uns sonst strafbar machen würden«, sagt Friedrich Preuß, der mit Adolf gemeinsam zu NPD-Veranstaltungen in andere Bundesländer fährt. Auch im Süpplinger Gasthof hat die Partei schon Abende abgehalten.

Den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit weisen beide von sich. Aber »20 Prozent Ausländer in Deutschland« ist ihnen eindeutig zu viel, wobei die Herkunft dieser Zahl unklar bleibt. »Ein Prozent« könne Deutschland verkraften, mehr nicht. »Es gibt heute viele hier in der Gegend, die Sympathie für uns und die NPD haben«, behauptet Friedrich. »Aber die können sich ja nicht zeigen«, sagt Adolf. Was nicht heißt, dass sie still bleiben. Bei der niedersächsischen Kommunalwahl 2006 hat die NPD die Zahl ihrer Mandate von drei auf achtzehn gesteigert.

Im Gemeinderat hält die CDU räumlichen Abstand zum NPD-Mann?

Einige Hundert Meter vom Hof des NPD-Gemeinderats hat Yilmaz Kocaglo Werbetafeln für seine Dönerbude auf den Bürgersteig gestellt, obwohl er das eigentlich nicht darf. »Die Gemeinde hat mir das verboten«, sagt der 23-Jährige, während er zwei Döner zubereitet. Er ist der einzige gewerbetreibende Türke in Süpplingen. Seine Imbissbude erstrahlt heute wieder in frischem Weiß. Vor wenigen Wochen hatten Jugendliche aus dem Ort ein Hakenkreuz draufgeschmiert, dazu die Worte: »Ihr seid hier nicht willkommen«. »Das weiß ich selber, dass ich hier nicht willkommen bin«, sagt Kocaglo. War einer von der Gemeinde da, der Bürgermeister, der Pastor, um nachzufragen oder sich zu entschuldigen? »Bei mir nicht«, sagt Kocaglo.

Hat die Gemeinde versagt in all den Jahrzehnten? Bürgermeister Klaus Schulze (CDU) nimmt das Wahlvolk in Schutz und findet die Schuld in der fernen Hauptstadt. »Wählen die Süpplinger Adolf Preuß als Person oder als Parteigänger? Ich glaube als Person.« Schulze fordert Unterstützung aus Berlin ein. Wenn die Bundesregierung beim NPD-Verbot nicht versagt hätte, wäre es einfacher für die Süpplinger im Umgang mit ihrem NPD-Mann. Und wie hält er es persönlich? »Natürlich rede ich mit Preuß, ich duze ihn auch«, sagt Schulze. Der Bürgermeister nennt den NPD-Gemeinderat den »rechten Kollegen«, legt aber Wert auf die Feststellung, dass er ihn persönlich für einen Nazi halte. Seit Kurzem lassen sie im Gemeinderat eine Lücke zwischen den Tischen der CDU und dem von NPD-Mann Adolf Preuß.

Ein Christ mit brauner Überzeugung

Adolf Preuß sammelte nicht nur Wahlerfolge in der Politik, sondern auch in der Kirche. Seit 1988 repräsentierte der NPD-Parteigänger die evangelisch-lutherische Kirche in Süpplingen offiziell als Vorstandsmitglied. Niemand in Süpplingen störte sich daran, dass Preuß fast 20 Jahre Amtsträger der Kirchengemeinde war. Warum auch ? schließlich wählen die Süpplinger Adolf Preuß seit vier Jahrzehnten immer wieder als NPD-Mitglied in ihren Gemeinderat. Erst als die Medien anfingen, über den wohl »erfolgreichsten Kommunalpolitiker der NPD« zu berichten, erkannte die Landeskirche Braunschweig in dem aktiven Christen mit der braunen Überzeugung ein Problem.

Im Dezember letzten Jahres wurde Adolf Preuß als Kirchenvorsteher entlassen. In einem Schreiben der Kirche hieß es: »Die theologische Analyse des NPD-Parteiprogramms hat ergeben, dass die dort vertretene Weltanschauung mit den Grundlagen des christlichen Glaubens nicht vereinbar ist?.

Dieser – aktualisierte – Artikel erschien erstmals im August 2007 in der ZEIT

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