Der Black History Month feierte in diesem Jahr sein hundertjähriges Bestehen. Was 1926 in den USA als „Negro History Week“ begann, ist längst zu einem globalen Erinnerungs- und Aktionsmonat geworden. Auch in Deutschland hat sich der Februar zu einem wichtigen Zeitpunkt entwickelt, um Schwarze Geschichte sichtbar zu machen, Kontinuitäten von Rassismus zu benennen und solidarische Räume zu schaffen.
Doch was bedeutet dieser Monat für diejenigen, die ihn hierzulande seit den frühen 1990er Jahren mitaufgebaut und geprägt haben? Welche Rolle spielen historische Wegmarken wie Farbe bekennen und Organisationen wie ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland für die heutige Debatte? Und wie kann verhindert werden, dass Schwarze Geschichte auf einen Monat im Jahr begrenzt bleibt?
Darüber haben wir zum Abschluss des diesjährigen Black History Month mit Dr. Patrice Poutrus gesprochen.
Belltower.News: Der Black History Month feiert in diesem Jahr sein hundertjähriges Bestehen in den USA. Du hast einmal gesagt, dass diese Zeit für dich eine Art Safe Space ist. Warum ist das so und was bedeutet der Black History Month für dich persönlich?
Dr. Patrice Poutrus: Wenn ich das so gesagt habe, dann mit Blick auf die frühen 1990er Jahre und meine Zeit im Umfeld der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Damals war der Black History Month tatsächlich eine Art Erholungsraum. Ein Ort, an dem ich den alltäglichen Stress und die permanente Auseinandersetzung mit Rassismus für einen Moment ablegen konnte.
Es war vielleicht nicht im engeren Sinne ein „Lieblingsort“, aber ein Raum des Aufatmens. Gleichzeitig war mir immer bewusst: Eigentlich sollte sich dieses Gefühl nicht auf den Februar beschränken. Trotzdem war es damals alles andere als selbstverständlich, dass es diesen Raum überhaupt gab.
Bis heute halte ich es für wichtig, einen konzentrierten Moment des kollektiven Rückblicks zu haben. Interessant ist nur, dass die Zeit, in der wir selbst aktiv waren, inzwischen für viele bereits „Geschichte“ ist, während sie sich für mich noch sehr gegenwärtig anfühlt.

Wie kam der Black History Month damals nach Deutschland?
Im Detail kann ich das nicht rekonstruieren. In Berlin war Mike Reichelt maßgeblich beteiligt, ein Hauptkommissar bei der Polizei mit Schwarzem Vater und weißer Mutter, der leider früh verstorben ist. Er gehörte zu den prägenden Figuren der frühen ISD-Strukturen in Berlin, die bis in die späten 1980er Jahre zurückreichen.
Belltower.News: Wie sah der Black History Month damals in Deutschland aus?
Die ISD orientierte sich am US-amerikanischen Modell und entwickelte eine eigene Tradition. In den frühen 1990er Jahren bedeutete das vier Wochen Programm mit mehreren Veranstaltungen pro Woche: Workshops, Diskussionen, Lesungen, Konzerte, Partys.
Ein zentraler Ort war die Werkstatt der Kulturen in Kreuzberg. Dort ging es weniger um klassische Vorträge als darum, endlich aussprechen zu können, was einen wirklich bewegt. Dieser Raum vermittelte mir das Gefühl: So müsste gesellschaftliches Leben eigentlich immer sein.
Belltower.News: Gibt es ein Erlebnis aus einem Black History Month, das dich besonders geprägt hat?
Ja, mehrere.
Belltower.News: Welche sind das?
Einmal habe ich den US-Regisseur Spike Lee erlebt. Die Berlinale überschnitt sich damals mit dem Black History Month. Der Saal war voll mit etwa 200 Schwarzen Menschen. Er blickte ins Publikum und fragte sinngemäß: „Wo bin ich hier? Bin ich in Harlem?“ Dieser Moment hatte eine enorme symbolische Kraft.
Ein anderes prägendes Erlebnis war eine Veranstaltung zum Tod von Audre Lorde 1992 im Haus der Kulturen der Welt. Dort habe ich zum letzten Mal in aller Öffentlichkeit geweint. Audre Lorde war in Berlin schon zu Lebzeiten eine Legende.
In diesem Moment wurde mir die besondere Rolle von ADEFRA, Schwarze Frauen in Deutschland, deutlich. Viele der Frauen, die diese Gruppe prägten, waren eng mit dem Orlanda Verlag verbunden und hatten bereits in den 1980er Jahren entscheidende Impulse für die afrodeutsche Bewegung gesetzt. Sie brachten eine dezidiert feministische und intersektionale Perspektive ein und machten klar: Community-Building allein reicht nicht. Es gibt weitere Machtverhältnisse, die benannt und verhandelt werden müssen.
Belltower.News: Du hast gerade den Orlanda Verlag erwähnt. Dort ist auch Farbe bekennen erschienen, herausgegeben von unter anderem May Ayim. Welche Bedeutung hat dieses Buch heute noch?
Farbe bekennen ist bis heute die grundlegende Lektüre für alle, die sich mit Schwarzem Leben in Deutschland beschäftigen. Die Texte stammen aus den 1980er Jahren und sind erschreckend aktuell.
Belltower.News: Warum?
Mich irritiert, wie stark Rassismus gegenwärtig wieder entthematisiert wird. Er wird entweder extremisiert, regionalisiert oder als Minderheitenproblem abgetan. Gleichzeitig sehe ich so viele Initiativen wie noch nie, die Veranstaltungen zum Black History Month organisieren, auch in Städten wie Erfurt, Leipzig oder Potsdam.
Belltower.News: Wie passt die Entthematisierung von Rassismus mit der wachsenden Sichtbarkeit von Black History Month-Initiativen zusammen?
Ich glaube nicht, dass sich das widerspricht. Vielleicht ist diese Sichtbarkeit eine Reaktion auf politische Entwicklungen. Menschen sagen: Wir müssen uns selbst kümmern.
Der Black History Month ist in diesem Sinne ein Leuchtturm. Er zeigt: Du bist nicht allein. Und er macht deutlich, dass es nicht bei Bewusstseinsarbeit bleiben kann. Es geht darum, vom Reflektieren ins Handeln zu kommen.
Belltower.News: Welche Konsequenzen ziehst du daraus für politisches Handeln heute?
Wir erleben weniger offene Aggression als in den 1990er Jahren, aber eine starke Tendenz zur Relativierung und Fragmentierung. Alles soll nichts mit nichts zu tun haben. Kontexte werden zerlegt, Verantwortung individualisiert, Rassismus als strukturelles Problem verschwindet aus dem Blick.
Belltower.News: Siehst du darin einen Unterschied zu den 1990er Jahren?
Nun ja, die aktuelle Situation erinnert mich durchaus an frühere Jahrzehnte. Der Unterschied liegt vielleicht weniger in der Existenz von Rassismus als in seiner Erscheinungsform. In den 1990er Jahren war vieles offener und aggressiver. Heute erleben wir eher eine Relativierung und Entpolitisierung, eine Verschiebung ins Fragmentarische, bei der Zusammenhänge bewusst ausgeblendet werden.
Aber genau deshalb stellt sich für mich weniger die Frage, wie wir „das System“ abstrakt brechen, sondern wie wir konkret solidarisch handeln. Wenn etwa über „Remigration“ diskutiert wird, reicht es nicht, nur Flugblätter zu schreiben, so notwendig Widerspruch auch ist. Entscheidend ist: Wie schützen wir Menschen konkret? Wen kennen wir? Welche Netzwerke tragen? Wie handeln wir im Ernstfall?
Manchmal habe ich den Eindruck, dass große Systemdebatten unmittelbare Solidarität sogar überlagern können. Dabei brauchen wir beides, strukturelle Kritik und praktisches Handeln, aber wir dürfen das Konkrete nicht aus dem Blick verlieren.
Belltower.News: Was wünschst du dir, dass Menschen aus dem Black History Month über den Februar hinaus mitnehmen?
Die entscheidende Frage lautet: Was können wir selbst tun, damit unsere Geschichte dauerhaft Teil öffentlicher Auseinandersetzung bleibt?
Ich wünsche mir Strukturen, etwa Initiativen wie Black European Studies, an denen ich beteiligt war, die jedoch unter veränderten politischen Rahmenbedingungen eingestellt wurden. Solche Projekte brauchen wir dringend.
Schwarze Geschichte ist kein exotisches Randthema, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil gesellschaftlicher Wirklichkeit in Deutschland. Als solche sollte sie auch behandelt werden.
Und genau deshalb bleibt der Black History Month, damals wie heute, politisch notwendig.


