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Eine rechte Lesebewegung? Literatur und ‚Neue Rechte‘

Ein aus Sozialwissenschaftlern und Literaturwissenschaftlerinnen bestehendes Autor*innenkollektiv legt ein Buch zur „Literatur- und Kulturpolitik der ‚Neuen Rechten‘“ vor. Es eignet sich trotz kleinerer Mängel gut als überblicksartiger Einstieg in ein junges Forschungsfeld. Unerkannt aber bleibt, dass sich extrem rechte und bildungsbürgerliche Praxis im Umgang mit Literatur in wenigstens einer Hinsicht vollkommen gleichen – und das ist ein großes Problem.

 
Symbolbild (Quelle: pixabay)

„In einem verqueren Sinn ist er vielleicht der erste Altright-Film“, schreibt der Rechtsintellektuelle Martin Lichtmesz (bürgerlich: Martin Semlitsch) im Sezession-Blog über den 2018 erschienenen Marvelfilm Black Panther. Im linksliberalen Lager wird der Film unter anderem für den fast vollständig schwarzen Schauspielcast gefeiert, gilt Marietta Steinhart in der ZEIT gar als „Leuchtfeuer“ in Zeiten eines erstarkenden Autoritarismus. Wie kann das sein? Die Episode ist ein Paradebeispiel für eine Kulturpolitik der sogenannten ‚Neuen Rechten‘, die Werke der Hoch- oder Popkultur gezielt nutzt, um ihre Vorstellungen von völkischer Identität und ‚Ethnopluralismus‘ in die Öffentlichkeit zu tragen. Black Panther ist ein spezieller Fall: Der Film erzähle, bei genauerer Betrachtung, von der Verteidigung eines autoritär geführten Nationalstaats und seines homogenen Volkes, so Wolfgang M. Schmitt im nd. Leichter kann ein Film es einer Vereinnahmung von extrem rechter Seite kaum machen.

Solche und weitere politische Strategien nimmt das Autor*innenkollektiv David Begrich, Mareike Gronich, Jeannie Moser und Hans-Joachim Schott in ihrem Buch „Literatur- und Kulturpolitik der ‚Neuen Rechten‘“ (Open Access, transcript 2026) in den Blick. Sie schließen damit an einen noch jungen literaturwissenschaftlichen Forschungstrend an. Der Schwerpunkt liegt auf dem Umfeld des in Schnellroda ansässigen Ehepaars Götz Kubitschek und Ellen Kositza und den Institutionen rund um ihren Antaios-Verlag, weil diese „am intensivsten das Projekt einer rechten Bewegung als ‚Lesebewegung‘ verfolgen“. Die einzelnen Analysen konzentrieren sich zwar auf bisher kaum untersuchte Publikationen des Schnellroda-Kreises, aber die große Chance einer umfassenderen Bereicherung des Forschungsstands verpassen die Autor*innen. Überraschende Befunde zu den Strategien Kubitscheks und Konsort*innen gibt es nicht.

Somit hat das Buch eher Einführungs- und Überblickscharakter, eignet sich hierfür aber umso besser. Das liegt vor allem am voraussetzungsfreien Aufbau, bei dem Dinge lieber zweimal als gar nicht ausgeführt werden. Bei der anfänglichen Erläuterung einiger Grundlagen zur Bestimmung von Ideologie und Strategie der ‚Neuen Rechten‘ kann die Anmerkung überraschen, dass der Begriff ‚Neue Rechte‘ „für die wissenschaftliche Analyse streng genommen untauglich“ sei. Oft ist im Buch treffender von „Rechtsintellektuellen“ die Rede, leider fehlen eine ausdrückliche Einführung oder eine Diskussion dieser Alternative.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Wichtiger als der Begriff selbst ist ohnehin die Feststellung, dass die ‚Neue Rechte‘ alten Wein in neuen Schläuchen präsentiert: Ideologisch berufen sie sich auf Denker einer vermeintlichen ‚Konservativen Revolution‘, also auf altbekannte demokratieverachtende und völkisch-nationalistische Ideen. Das rechtsintellektuelle Verhältnis zur Literatur sei zweckrational: „Von dieser spezifischen Form des instrumentellen Umgangs mit Literatur und Kultur im ‚Kampf um die Köpfe‘ der ‚Neuen Rechten‘ handelt dieses Buch.“

Nach einem kleinen Gramsci-Crashkurs, dessen marxistische Theorie zur kulturellen Hegemonie in Versatzstücken zuerst durch den französischen Rechtsintellektuellen Alain de Benoist adaptiert wurde, widmen sich die Kapitel drei und vier den zwei übergeordneten Strategien, die dieser (natürlich verkürzten) Aneignung entspringen: zum einen der Ideologieproduktion, die der Ausbildung rechter Kader diene und somit ins Innere der Szene wirke, zum anderen der Propaganda, die Anschluss an diverse nicht-rechte Milieus ermögliche, also in gesellschaftliche Bereiche außerhalb der Szene wirken solle. Da diese Aktivitäten nicht im politischen Feld selbst stattfinden (und aus ein paar deutlich schwurbligeren Gründen), sprechen Rechtsintellektuelle auch von „Metapolitik“.

Propaganda: Anhand von Ellen Kositzas und Caroline Sommerfelds kommentiertem Lektürekanon für Kinder- und Jugendliteratur (KJL) Vorlesen arbeiten die Autor*innen sehr genau heraus, wie extrem rechte Positionen so vermittelt werden, dass sie einem konservativen oder bildungsbürgerlichen Milieu als legitime bis zustimmungsfähige Meinungen erscheinen können. Als verschleiernde Strategien kommen unter anderem die Unterschlagung relevanter Informationen oder ein taktischer Umgang mit literarischer Mehrdeutigkeit zur Sprache. Insbesondere die selektive Textauswahl erlaube Schlüsse auf die Absicht der Autorinnen: Unbestrittene KJL-Klassiker, deren Widerspruch zu einem extrem rechten Erziehungsprojekt sich mit keiner der genannten Strategien krummbiegen lässt, lassen sie einfach aus. „Etablierte Autor*innen wie Enid Blyton, Astrid Lindgren, Mira Lobe, Gudrun Pausewang oder Klaus Kordon dürfen in Vorlesen offenbar nicht fehlen. Gerade ihre besonders prominenten Texte werden aber übergangen: Fünf Freunde (Blyton), Pippi Langstrumpf (Lindgren), Das kleine Ich bin Ich (Lobe), Die Wolke (Pausewang) oder Mit dem Rücken zur Wand (Kordon), in denen normabweichende Weiblichkeitsmodelle und Ich-Entwürfe thematisiert, atomare Katastrophen oder der deutsche Faschismus in kritisch-aufklärerischer Absicht erzählt werden“.

Ideologieproduktion: Das staatspolitische Handbuch, herausgegeben von Karlheinz Weißmann und Erik Lehnert, liefere einen „Bekenntniskanon“ vor allem theoretischer Texte. Mit dessen Hilfe sollen Leser*innen einerseits eine rechte Interpretation der Welt, andererseits einen rechtsintellektuellen Habitus ausbilden. Dass zu diesem Zweck neben einem einschlägigen rechten Denker wie Armin Mohler auch Hannah Arendt oder ein Autor wie der 1933 von Nazis ermordete Theodor Lessing zur Lektüre empfohlen werden, dürfte den*die Durchschnittsrechtsintellektuelle*n also nicht stören.

Das vierte Kapitel untersucht die Aneignung von Ray Bradburys totalitarismuskritischem Roman Fahrenheit 451: Rechtsintellektuelle benutzen diesen als Vorlage, um sich als widerständige Bewegung der counter culture zu inszenieren, die Zahlenfolge 451 wird zum Szene-Code. Das fünfte Kapitel liefert eine historisch-begriffliche Analyse der ‚Reconquista‘. Sie stehe für die historisch unhaltbare Konstruktion einer christlichen ‚Rück‘-Eroberung der iberischen Halbinsel und für die Vertreibung von Juden*Jüdinnen und Muslim*innen. Der fremdenfeindliche Kulturkampf findet also seinen Widerhall in diesem heute vielfach verwendeten rechten Kampfbegriff, der eng mit der Forderung nach ‚Remigration‘ verbunden sei. Spätestens hier, teilweise schon in den vorhergehenden Abschnitten, lösen die Autor*innen sich ein wenig von ihrem zu Beginn formulierten Ziel.

Die Ursache dafür liegt vielleicht in diesem Ziel selbst, denn ‚Kultur‘ kann – je nachdem, welche Theorie zugrunde liegt – alles Mögliche sein: Kunst, Kulinarik, Sport, Straßenführung. Wenn wiederum eine wesentliche Kennzeichnung der ‚Neuen Rechten‘ die politische Arbeit in allen möglichen Bereichen außerhalb (partei-)politischer Organisationen ist – ist dann ein Buch über „Literatur- und Kulturpolitik der ‚Neuen Rechten‘“ nicht einfach ein Buch über die Politik der ‚Neuen Rechten‘? Das Buch trägt trotz Literaturfokus Züge einer allgemeinen Einführung. Daran ist nichts verkehrt, das hätten die Autor*innen aber einordnen sollen. Wer sich stärker nach literaturwissenschaftlichen Deep Dives sehnt, sollte unbedingt einen Blick in das entsprechende, weitgehend im Open Access erschienene Schwerpunktheft der Deutschen Vierteljahrsschrift werfen.

Eine Frage der Präzision

Hin und wieder wäre eine stärkere Besinnung auf Literaturwissenschaft und Philologie auch für das vorliegende Buch hilfreich gewesen, um eine Handvoll analytischer Ungenauigkeiten, die insgesamt aber nur wenig ins Gewicht fallen, zu vermeiden. Erstes Beispiel: Das sechste und letzte Kapitel beschäftigt sich unter anderem mit der rechten Literaturmesse ‚SeitenWechsel‘. Über diese sagt Organisatorin und Buchhändlerin Susanne Dagen, eine weitere wichtige Akteurin im Schnellroda-Umfeld, sie sei „ein Fest für freies Denken und perspektivisches Sehen“. Die Interpretation der Autor*innen: Der Satz sei „ein Widerspruch in sich […]. Denn was perspektiviert ist, ist nicht frei, sondern […] eine Weltanschauung aus festem Blickwinkel“. Hier wird Dagen ein Wort in den Mund gelegt, nämlich ‚perspektiviert‘ statt ‚perspektivisch‘, und das schränkt die Bedeutung des Satzes, bei dem es womöglich schlicht um ein ‚in die Zukunft gerichtetes‘ Sehen geht, stark ein. Klarerweise muss der Behauptung, einer rechten Messe gehe es um das freie Denken, widersprochen werden. Die grundlegende Stoßrichtung ist also nicht falsch – aber ganz so wie dargestellt ist es eben auch nicht.

Zweites Beispiel: Sowohl für Vorlesen als auch für das Staatspolitische Handbuch bemängeln die Autor*innen, dass keine expliziten Kriterien für die Auswahl der empfohlenen Texte genannt werden. Deutlich schwingt dabei der Vorwurf mit, dass dies Teil der rechten Selbstverharmlosungstaktik im Sinne der Beeinflussung des öffentlichen Diskurses sei. Übersehen wird aber, dass sich Lektürelisten fast immer durch den Umstand auszeichnen, ihre Textauswahl kaum oder nur unzureichend zu begründen. Auch hier ist die Analyse nicht grundlegend falsch. Es muss aber berücksichtigt werden, dass sich die rechtsintellektuelle Praxis in dieser Hinsicht überhaupt nicht von einer universitären oder bildungsbürgerlichen Praxis unterscheidet, wie universitäre Leselisten oder jüngste Listen in Spiegel und Guardian unschwer erkennen lassen. Selbst professionelle Leser*innen in Feuilleton und Wissenschaft sind in aller Regel schlecht ausgebildet, wenn es nicht bloß um die literarische Wertung, sondern um deren Vermittlung geht. Dies scheint eins der drängendsten Probleme zu sein, wenn es gilt, die Frage zu beantworten, was einer rechten Aneignung von Literatur entgegenzusetzen ist: Je laxer auch in politisch gemäßigteren Lagern mit Literatur umgegangen wird, desto geräuschloser können Rechtsintellektuelle sich einfügen. Wir müssen die Weise, wie wir über Literatur sprechen, also grundlegend verändern, damit wir eine literaturpolitische Vereinnahmung effektiv verhindern können.

 

Frederik Eicks ist Literaturwissenschaftler und Doktorand an der Universität Göttingen. Seine Schwerpunkte liegen unter anderem in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, in Wertungs- und Kanontheorie sowie in der politischen Semantik literarischer Texte. Er ist ehrenamtlicher Redakteur beim Göttinger Online-Feuilleton Litlog und schreibt als freiberuflicher Autor journalistische Texte und Lyrik.

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